| Dein_Heiland | Im D&L-Forum kam zum Thema "Gott" die Frage auf, woher denn eigentlich die Vorstellung von Gott als altem Menn mit weißem Bart kommt. Mein erster Gedanke war: aus der Renaissance, denn die erste künstlerische Darstellung in dieser Form, die mir bekannt ist, ist die von Michelangelo in der sixtinischen Kapelle. Nun die Frage: weiß da jemand mehr darüber, gab es vielleicht schon vor den vier großen Ninja-Schildkröten (Michelangelo Buonarroti, Leonardo da Vinci, Raffael Santi und Donatello) eine solche Vorstellung bzw. Darstellung? Ich könnte mir gut vorstellen, dass die Idee des christlichen Gottes als bärtigem Mann aus genau jener Zeit stammt, da es eine starke Rückbesinnung auf die Antike im allgemeinen und vor allem die klassischen Darstellungen gab, und diese zeigten die Götterwelt eben in vermenschlichter Form, in griechisscher Tradition die Männer (Zeus, Apoll etc.) natürlich mit Bart, was dann wohl für den christlichen Jahwe, welher ja in der Bibel männlich angeredet wird, übernommen wurde. Allerdings missachtete Michelangelo damit ja definitiv das Bildverbot, mal ganz abgesehen davon, dass es sich um einen Akt handelt, denn Gott trägt bei der Erschaffung Adams nur einen Schurz, während Adam selbst ganz nackig ist. Aber das hat man ihm wohl verziehen, denn er war im Jahr 1512, als die sixtinische Dcke vollendet war, bereits ein sehr berühmter Meister. Allgemein hanelte es sich aber um eine Zeit, in der die Künstler erstmals aus der Domäne des Kirchlichen ausbrachen und die Entwicklung in Richtung "freie Kunst" ihren Ursprung nahm, nicht immer mit Billigng der Kirche. Das zeigt einer der kunsthistorisch interessantesten Skandale: 1598, also fast schon ein Jahrhundert, nachdem Michelangelo jede Menge halbnackter Jahwes an die Decke vom Vatikan dran gemalt hatte, wurde unter größter Empörung eine Matthäus-Darstellung des höchst feinsinnigen Meisters Caravaggio abgelehnt. Das Bild wurde von einer römischen Kirche in Auftrag gegeben, und Carvaggio hatte die Kirchenherren ohne es zu wollen vor den Kopf gestoßen, den er malte keinen idealisierten Evangelisten (wie man ihn seit dem Mittelalter in zahlreichen Darstellungen kannte), sondern einen höchst realistischen Matthäus: alt, barfüßig, mit gerunzelter Stirn und schwieligen Händen, der das Evangelium ungeschickt auf den Knien balanciert und sich die Hand von eiem helfenden Cherub führen lasen muss. Carvaggio musste das Bild komplett neu malen, die Kirche wollte ihn für die realistische Darstellung, die heute zu den wichtigsten Werken der späten Renaissance zählt, nicht bezahlen. Meine These also: die Darstellung von Gott Mann mit Bart hat ihren Urspsrung in der Renaissance und stellt einerseits einen wichtigen Schritt in der Loslösung der Kunst von der Kirche dar, und zweitens zeigt es einmal mehr den Einfluss der Kunst auf die Gesellschaft: viele Leute, die noch nie den Namen Michelangelo Buonarroti gehört haben, stellen sich Gott als bärtigen (wenn auch nicht unedingt halbnackten) Mann vor. Eine weitere interssante These, die ich allerdings nur gehört, nie gelesen habe, weshalb ich auch keine Quellen angeben kann, ist folgende: M. hat nicht nur ein revolutionäres Kunstwerk mit der sixtinischen Kapelle geschaffen, sondern auch (Geheim-)Wissen vermittelt. Einem Arzt ist einmal aufgefallen: die Darstellungen entsprechen Schnitte durch sämtliche wichtigen inneren Organe des Menschen. Anatomie war damals keineswegs Gemeingut, denn Leichenöffnungen waren aus religiösen Gründen verboten. Die berühmte Gottesdarstellung bei der Erschaffung des Adam entspricht z.B. dem Schnitt durch das menschliche Gehirn (einfach mal angucken und "die Augen unscharf stellen", wie meine Typo-Professorin jetzt sagen würde, es fällt tatsächlich sofort auf, wenn man es weiß!) Ein Kunstverständnis, welches einer solchen Darstellung zugrunde liegen muss, kann man in seiner Kühnheit schon fast als surrealistisch, wenn nicht gar als dekonstruktivistisch/postmodernistisch bezeichnen. Für mich ein weiter Hinweis dafür, wie weit Michelangelo seiner Zeit vorraus war, und ich finde das noch weitaus beeindruckender als da Vincis Helikopterskizzen. So, nun bitte ich um Diskussion über Gottesdarstellungen und Renaissance im allgemeinen. Mich interessiert vor allem auch, was die gläubigen Christen/Moslems/Juden zu dieser mutwilligen Missachtung des Bildverbots sagen, deren überragender künstlerischer Wert jedoch nicht zu leugnen ist. Wo sind denn die Soulsaver-Leute? Die haben doch da hoffentlich was zu zu sagen... [Dieser Beitrag wurde von Dein_Heiland am 09. März 2002 editiert.] |
| Wandel | Das ist ein Thema, das mich auch sehr interessiert! Nur leider kenne ich mich in geschichtlichen Dingen bisher kaum aus. Ich hoffe hier wirds demnächst noch mehr Antworten geben... Ich hab im Netz gesucht, aber erstaunlich wenig brauchbares gefunden. Aber hier die Seite gibt schonmal einiges her: [url="http://www.rpi-loccum.de/wett/beitr/glaube.html"]http://www.rpi-loccum.de/wett/beitr/glaube.html[/url] Was mich aber auch schon lange beschäftigt ist, warum und seit wann Jesus so dargesstellt wird, wie man ihn kennt. Ist das allein wegen dem Turiner Grabtuch? Warum hat er lange Haare? dazu hab ich einen Link mit einem ganz guten Bildern (nur ein bisschen klein) aber näheres steht da auch nicht... und auch sonst find ich nicht das was ich suche.... [url="http://www.unglaublich-phantastisch.de/Theorien/Grabtuch/grabtuch.html"]http://www.unglaublich-phantastisch.de/Theorien/Grabtuch/grabtuch.html[/url] Weiß jemand mehr? Hat jemand noch einen interessanten Link? ... |
| Wandel | haha jetzt hab ich doch gerad noch was gefunden [url="http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,125150,00.html"]http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,125150,00.html[/url] über meine persönliche Meinung zum Thema bin ich mir noch nicht sicher...aber ich komme darauf zurück ...Hast Du denn schon eine Meinung zur Gottesdarstellung, Dein_Heiland? PS: Das Carvaggio Matthäus "alt, barfüßig, mit gerunzelter Stirn und schwieligen Händen, der das Evangelium ungeschickt auf den Knien balanciert und sich die Hand von eiem helfenden Cherub führen lasen muss" dargestellt hat, finde ich schonmal große klasse |
| Wandel | zu dem letzten Link "Grundlage war dabei der Schädel eines Mannes, der etwa zur gleichen Zeit wie Jesus Christus gelebt haben soll." Hört sich ja nicht gerade logisch an...da würde ich Jean Claude Bragard zustimmen: "Aber es ist ein Anstoß, erneut darüber nachzudenken, wie Jesus ausgesehen haben könnte." typisch...die Überschrift tut so als ob Jesus nun defninitv so aussehen würde... [Dieser Beitrag wurde von Wandel am 10. März 2002 editiert.] |
| fluchtraum | Interessantes Thema, Heiland! Brachte mich dazu, mal einige Bücher wieder hervorzukramen.... [b]1. Zur Darstellung von Christus:[/b] Hm, in den älteren Christusdarstellungen (ca 200-600) wird er meist ohne Bart und jünger wirkend dargestellt... über das warum kann ich wenig sagen, aber anscheinend gab es da im Laufe der Jahrhunderte einen deutlichen wandel. [b]2. Caravaggio[/b] Einer der Künstler, der mich auch sehr fasziniert und auf den deine Thesen über die Emanzipation der Künstler von der organisierten Kirche wohl besonders zutreffen. Man bedenke, welche Funktion die Malerei damals hatte, als die Mehrzahl des einfachen Volkes des Lesens und Schreibens nicht mächtig war: Die religiösen Bilder, besonders in Kirchen, zeigten ihnen die Geschichten aus der Bibel, die sie nicht selbst lesen konnten und sonst nur aus den Gottesdiensten kannten. Durch die Künstler, die sie beschäftigte, kontrollierte die Kirche somit auch die Vorstellung der Gläubigen von den biblischen Geschehnissen und Personen. Dadurch, daß ein Großteil der Messen in Latein waren und die Bilder eben bis dato [i]nicht[/i] realistisch waren, wurden die Heiligen verklärt, in eine andere Sphäre gehoben, zu etwas gemacht, das nicht erreichbar und unmittelbar erfassbar war - daher auch den Klerus als vermittelnde Klasse notwendig machte. Wenn Künstler wie Caravaggio plötzlich anfingen, die Heiligen als greifbare und nicht vollkommene Menschen darzustellen, hatte das einfache Volk einen viel direkteren Zugang zu den biblischen Gestalten und Geschichten: Plötzlich waren die Heiligen keine engelsgleichen entrückten Gestalten mehr, sondern glaubwürdige lebensnahe [i]Menschen[/i]. Wie Carravagios Matthäus: Da sahen die Menschen einen alten Mann, gezeichnet von lebenslanger Arbeit, wie ihr eigener Vater oder der Nachbar oder gar sie selbst, der von Gott berührt wird, aufgetragen bekommt, sein Evangelium zu schreiben, und fürchtet, dieser gewaltigen Aufgabe nicht gewachsen zu sein - die Geschehnisse wurden greifbar, vorstellbar ohne weitere Vermittlung und das kratzte natürlich erhablich an der Macht der damaligen Kirche, weswegen solche heftigen Reaktionen kamen. Besonders beachtenswert finde ich übrigens Carravagios Darstellung des [url="http://home1.gte.net/lrodrigu/john2019.htm"]Ungläubige Thomas[/url]. Kurze Erläuterung: Thomas zweifelte daran, daß der auferstandene Christus wirklich der war, für den er sich ausgab, und berührte dessen Wunden, um sich davon zu überzeugen, daß alles real war, da er 'seinen Augen nicht traute'. Ich spare mir jetzt weitere Ausführungen darüber und überlasse es dem geneigten Leser, die beschriebenen Thesen auf dieses Bild anzuwenden. [img]http://www.nachtwelten.de/ubb/wink.gif[/img] [i](Muß nur ganz kurz nochmal schwärmen, wie C. trotz des glaubwürdigen realistischen Bildes noch eine ausgewogene harmonische Komposition zustandebringt... *schwärm* nur so am Rande... von den Farben ganz zu schweigen...)[/i] [b]3. Zu den Thesen über die sixtinische Kapelle[/b] Ja, davon habe ich auch schon gehört... interessant, schwer zu sagen ob es tatsächlich eine von Michelangelo gewollte geheime Botschaft war oder es eine Überinterpredation ist. Jedenfalls, [i]wenn[/i] es beabsichtigt war, ist diese Botschaft noch viel subversiver als die Bilder Carravgios, den dann kann man auch herauslesen: [b]Gott sitz im menschlichen Gehirn ![/b] [b]4. Zur Darstellung Gottes[/b] Hm, warum sich über das Bilderverbot so hinweggesetzt wurde ist mir auch nicht bekannnt, eine interessante Frage. Ich glaube allerdings, daß es auch schon aus früheren Epochen bildhafte Darstellungen von Gott gibt, die ihn meist etwas jünger und mit weniger wallendem Bart zeigen, aber sicher bin ich mir da nicht. Gruß, der fluchtraum [Dieser Beitrag wurde von fluchtraum am 10. März 2002 editiert.] |