| fluchtraum | Es gibt einen Trend in der heutigen Betrachtungsweise von Kunst, der mir völlig gegen den Strich geht und der auch in diesem Forum schon mehrmals auftauchte. Es geht um das Thema [b]Subjektivität/Relativismus[/b] von Kunstwerken. Ja, heutzutage ist der Kunstbegriff nicht mehr so dogmatisch wie in früheren Epochen, und das ist gut so. Es herrscht eine große Einigkeit darüber, daß eine objektive positivistische Definition von Kunst nicht möglich ist und der Kunstbegriff letztendlich ein subjektiver ist. Ja, auch das ist gut so. [b]Aber[/b] viele Menschen verabsolutieren diesen Gedanken derart, daß ein neuer Dogmatismus daraus entsteht: Und dieses Dogma lautet: [b]"Weil alles subjektiv und relativ ist und jeder alles sehen kann, wie er will, ist Kritik oder Wertung von Kunst nicht erlaubt, sie ist ja nur subjektiv."[/b] Und diese Einstellung ist etwas, was mir gehörig auf den Geist geht. Denn trotz allem Subjektiv- und Relativismus gibt es Werke, die besser oder schlechter sind als andere! Ja, und die Diskussion über Kunstwerke und deren Qualität ist eine Notwendigkeit für die (Weiter-)Entwicklung der Kunst und die Meinungsbildung darüber. Natürlich muß diese Diskussion auf analytischen Ansätzen und Argumenten basieren und darf kein Abtausch von 'Das ist Scheiße'-Sätzen werden. Aber wenn jemand sich Gedanken macht und eine Argumentation aufbaut, [b]warum[/b] ein Werk seiner Meinung nach Scheiße ist, dann hat er jedes recht der Welt, das zu sagen. Wer anderer Meinung ist, kann gerne dagegen argumentieren. Aber dann Antworten nach dem Schema 'Kunst ist Ansichtsache und du bist arrogant wenn du sagst das wäre scheiße' zu bringen halte ich für völlig verfehlt. [b]Kunst ist subjektiv, aber sie ist nicht AUSSCHLIEßLICH subjektiv. Kunstwerke haben objektive Aspekte, über die sich eine analytische Diskussion führen läßt, die auch Wertungen beinhaltet. Das hat nichts mit Arroganz zu tun, sondern ist Vorraussetzung für eine sinnvolle Auseinandersetzung mit Kunst.[/b] der fluchtraum [Dieser Beitrag wurde von fluchtraum am 18. Januar 2002 editiert.] |
| Crysania | fluchtraum, ich würde das mal als ergebnis unsere vorhergegangenen diskusion sehen ~lächel~ und ich stimme dir uneingeschränkt zu. ich erinnere mich vor ein paar tage in einem kunstforum kritiken zu 2 bildern gelesen zu haben. die eine lief wie du schon erwähntest nach dem schema: gefällt mir, gefällt mir nicht, scheußlich, grandios etc. ab. die andere nach ernsthaften kriterien im vergleich mit einem ähnlichen bild wie etwa linienführung, farben oder nicht farben, anordnung, wirkung durch anordnung etc. natürlich ist es ach bei mir so das mit ein bild mehr gefällt als das andere, oft liegt es daran das es sich für mich angenehmer betrachten lässt, aber dass ist dann mein persönlicher eindruck ob es mir gefällt oder nicht, ob ich es als kunst erachte hat noch mehr kriterien zu erfüllen.. ich hoffe das die zweitere form sich auch hier verwirklichen lässt. in zustimmung cry [Dieser Beitrag wurde von Crysania am 18. Januar 2002 editiert.] |
| unseen spark | *sich mal leise dieser Meinung anschließ* |
| Cagliostro | Naja hab leider nur Allgemeinplätze parat: "über Geschmack lässt sich streiten". Allerdings gibt es auch objektive Massstäbe. Wenn ein Schlosser irgendwelche Türbeschläge schlampig herstellt, wird auch niemand sagen, subjektiv gesehen sei es doch gar nicht so schlecht.... Man sollte sein Handwerk schon beherrschen. |
| Mahsheed | [QUOTE][i]Original geschrieben von fluchtraum [/i] [B]: [b]"Weil alles subjektiv und relativ ist und jeder alles sehen kann, wie er will, ist Kritik oder Wertung von Kunst nicht erlaubt, sie ist ja nur subjektiv."Und diese Einstellung ist etwas, was mir gehörig auf den Geist geht. Denn trotz allem Subjektiv- und Relativismus gibt es Werke, die besser oder schlechter sind als andere! [/B][/QUOTE] Dies ist eine so schwierige Frage! Vielleicht hat diese Definitionsfreiheit etwas mit der von dir angesprochenen Veränderung zu tun, die sich am Ende des 19. Jahrhundert abzeichnete und prägend für die künftige Zeit wurde. Auch vor dem Ende des 19. Jahrhunderts gab es innerhalb der Epochen stilistische Unterschiede, die erst ein Unterscheiden der Epochen ermöglichte ... Das Gemälde an sich jedoch (davon möchte ich mal reden, um festzumachen, worauf ich mich beispielhaft beim Begriff "Kunst" beziehe) war in seiner Darstellungsweise schon sehr vorgeschrieben. Als Kunst galt nicht, was nicht auch [I]realistischen[/I] Formen, Gestalten und Farben entsprach. Kunst galt mit der handwerklichen Gabe verbunden, die es erst ermöglichte, Zeichen- und Maltechniken den realistischen Anforderungen entsprechend zu praktizieren. Wichtig war neben der künstlerischen Fantasie auch das genaue, proportionsgetreue Wiedergeben, manchmal auch nur das, ohne jeden Schimmer von Fantasie. Denn die Gemälde sollten ja u. a. darstellen, was es erst im Laufe des ausklingenden 19. Jh durch die Entdeckung der Fotografie möglich war. Z. B. Verdeutlichung des Zeitgeschehens, überdauernde Vorstellungen prominenter Größen. Zimmerschmuck durch bildhaft festgehaltene Idyllen ... Die Fotografie ersetzte in Perfektion, was bisher von der Kunst gefordert wurde. Nicht wenige Künstler sind wohl auch aus diesem Grund (vielleicht auch aus den unverarbeiteten Eindrücken der zugenommenen Industrialisierung) neue Pfade gegangen ... Die "neue Zeit" wurde seither schnelllebig, Mode spielte eine bedeutsame Rolle ... Mit ihr veränderten sich - manchmal wie krampfhaft bemüht - die künstlerischen Ausdrucksformen. Dem Wechsel und dem Sog nach Neuem nachzukommen, bedingte vielleicht, auch das bisher unmöglich! als Kunst betrachtete in den Mittelpunkt der Betrachtung zu rücken und zu deklarieren, es seie Kunst. Wäre das nicht möglich gewesen, gäbe es bspws. nicht solche renomierten Ausstellungen, die die Bilder & Gemälde Schizophrener thematisieren. Auf Leinwände gebannten Abdrücke bemalter Körper, "Malspuren" von Schimpansen, naive Kunst, Kollagen aus Restmüll etc. wären nie in die besuchten Hallen der Gallerien gelangt. Wie aber für all diese Formen unterschiedlicher zweidimensionaler Gestaltung einen Beurteilungskatalog erstellen? Das widerspräche wiederum der inneren Dynamik solcher Kunst?-Stil?-Entwicklung, die daraus entsteht, dass sie den Rahmen alles bisher Gewohnten sprengt? |