| Clytie | Am Dienstag dieser Woche klingelte das Telefon - meine Mutter war dran. Sie wolle mir nur mitteilen, dass mein Großonkel gestorben sei - zu der Beerdigung könne ich sicherlich nicht kommen (ich bekomme vormittags nur in Ausnahmefällen frei), aber ob ich meiner Tante eine Karte schreiben könne, und gab mir die Adresse. Besagte Beerdigung sollte am Donnerstag vormittag stattfinden. Tja, dachte ich, da kann ich wohl tatsächlich nicht hin - aber der Gedanke, nur zu schreiben, gefiel mir auch nicht, schließlich sind das Verwandte von mir. Hm. Dazu kam, dass ich das unbestimmte Gefühl hatte, ich MÜSSE dort aus einem mir näher erfindlichen Grund unbedingt hin. Nach einem Nachmittag, den ich parallel zur Arbeit mit Nachgrübeln verbrachte, entschloss ich mich schließlich, zumindest zu versuchen, frei zu bekommen. Das war zwar etwas umständlich, aber es gelang mir tatsächlich, eine Vertretung zu finden - hurra, den ganzen Vormittag frei. Das klingt ein bisschen makaber, ich weiß - aber ich muss zugeben, dass ich besagten Großonkel seit Jahren nicht mehr gesehen hatte - er wohnte nicht so weit von mir entfernt, dass ich nicht mal an einem Sonntagnachmittag hätte vorbeischauen können, aber ich hab´s nie getan - ich stelle bei so etwas immer fest, dass man sich doch recht wenig zu sagen hat. Beide Seiten sind fest in ihren Rollen verankert: Die Älteren spielen die Onkel-und-Tanten-Rolle und erkundigen sich pflichtschuldigst nach dem Befinden, nach Arbeit und Ausbildung - das Tiefgehendste, was als Thema vielleicht auftaucht, ist die Frage, ob ich einen Freund habe. Ich dagegen spiele ebenfalls meine Rolle: das liebe Mädchen, das älteren Leuten gegenüber zuvorkommend ist und sich ebenfalls pflichtschuldigst nach ihrem Befinden erkundigt und ansonsten nett und oberflächlich Konversation macht. Alles bleibt seicht, und ich fühle ich dann meist sehr allein. Ich will jetzt nicht sagen, dass ich mich gefreut habe, dass mein Onkel gestorben ist - schließlich habe ich ihn gemocht. Aber irgendwie hatte das Ganze keine große Bedeutung für mich - es war eine (wenn auch nicht gerade die tollste) Möglichkeit, mal ein bisschen aus dem Arbeitsalltag zu flüchten und Verwandte zu treffen, die man nicht jeden Tag sieht - aber unter der Möglichkeit, auch ohne große Schwierigkeiten wieder gehen zu können, wenn es antrengend wird. Dazu konnte ich zwei (bzw. drei) Fliegen mit einer Klappe schlagen, denn ich hatte in der Stadt ohnehin noch etwas zu erledigen, und die liegt von hier aus nicht gerade um die Ecke. So saß ich also am Donnerstag um halb elf auf einer Bank in der Friedhofskapelle. Viele Blumen, viele Leute, einige verweint, andere nicht. Lieder und Lesung. Während ich zuhörte, hatte ich die Möglichkeit, aus dem Augenwinkel zumindest einen Teil der Anwesenden anzusehen. Wer war das wohl alles? Freunde, Verwandte, Nachbarn? Hm. Der Pastor hielt seine Ansprache, skizzierte den Lebenslauf des Verstorbenen nach und stellte noch einmal heraus, was für ein Mensch mein Onkel gewesen war: ältestes von sieben Kindern, und von ganzem Herzen Bauer, seit er ein kleiner Junge gewesen war. Sehr ruhig und besonnen, aber scharf nachdenkend. Stimmt, dachte ich bei mir, das hat mir damals eigentlich auch immer an ihm gefallen: Als ich vierzehn war, war er einer der wenigen Verwandten, die sich ernsthaft mit mir unterhalten hatten, so als sei ich schon erwachsen - zwar auch nur Smalltalk, aber er traf den richtigen Ton; er konnte sich mit Gleichaltrigen wie mit jungen Leuten oder Kindern gleichermaßen unterhalten; so etwas ist selten. Ich hatte nicht gewusst, dass er so viele Geschwister gehabt hatte - so viele. Ob die alle hier waren? Er hatte auch sehr viel für die Gemeinde gearbeitet - das war mir ebenfalls neu. Ich sah meine Tante an. Ich konnte nur ihren Rücken sehen, aber man konnte sehen, dass sie schluchzte. Da stiegen mir die Tränen in die Augen - so geht mir das immer bei Beerdigungen: Ich weine selten über die Verstorbenen (vielleicht, weil bis jetzt noch nie jemand dabei war, der mir sehr nahe gestanden hat wie Eltern, Geschwister, Freunde oder so), sondern eher aus Mitgefühl für die, die zurückbleiben und jetzt mit diesem Loch in ihrem Leben zurechtkommen müssen. Nach der Trauerfeier und der Beisetzung, bei der mir auch viele Gedanken durch den Kopf gingen, ging ich nachdenklich zu meinem Wagen zurück. Auch beim Kaffeetrinken hinterher war ich eher still. Warum eigentlich, war mir noch nicht so klar, aber als ich dann später nach Hause fuhr, stiegen viele Erinnerungen und Gedanken in mir auf. Ich fragte mich, was ich über diesen Onkel denn überhaupt gewusst hatte. Und warum ich ihn denn dann gemocht hatte. Mir fiel ein, dass mir die Ruhe gefallen hatte, die er ausstrahlte, und die Art, wie er sprach - in breitem Oldenburger Platt, mit einer sehr angenehmen Stimme. Ich erinnere mich an ihr altes Wohnzimmer in dem Haus, in dem sie wohnten, als ich ein Kind war: Wir waren oft zu Weihnachten dort, und ich erinnere mich, dass das Zimmer mit uns und dem Weihnachtsbaum komplett ausgefüllt war, und dass man vom Fenster aus auf das immer etwas diesige Moor blickte. Damals hatte ich es geliebt, dorthin zu fahren. Es gab dort Katzen und Erdbeerkuchen (man wurde immer dazu ermuntert, ordentlich viel davon zu essen), und ich mochte es, wenn das alte Paar erzählte. Immer einander ergänzend, statt sich zu unterbrechen, und beide mit angenehmen Stimmen - meine Tante hat eine, die einen vom Klang her so entspannt, dass man sich am liebten wie eine Katze schnurrend in einer Ecke zusammenrollen würde. Von daher weiß ich inhaltlich nicht mehr viel von dem, worüber gesprochen wurde. Und ich erinnere mich, dass beide trotz ihrer fast 80 Jahre und über 50 Jahren Ehe immr noch Hand in Hand spazierengingen, das hat mich immer sehr beeindruckt. Nun bleibt meine Tante allein zurück und muss zum ersten mal seit fünfzig Jahren allein ins Bett gehen, allein Aufwachen und sich mit dem Gedanken abfinden, dass er nicht wiederkommt. Während der Fahrt hatte ich die Idee, ihr doch noch zu schreiben - so im Nachhinein, aber nicht so eine typische Beileidskarte, sondern einen Brief, einfach um sie zu fragen, was ihr an meinem Onkel damals so gefallen hat. Wiesie sich genau kennenglernt haben, und wie sie es geschafft haben, ihre Beziehung so intakt zu halten, dass sogar auf der Beerdigung gesagt wird, man sei einander bis zuletzt sehr einander zugetan gewesen. Das kann ich natürlich jetzt noch nicht tun, das tut ihr sicher zu weh. Aber später vielleicht...? Ich hoffe, ich traue mich dann noch. Wieviel wissen wir überhaupt über unsere Verwandten? Ich habe beim Kaffeetrinken meinen Vater beobachtet und mich gefragt, was er eigentlich für ein Mensch ist; wir haben ein problematisches Verhältnis, obwohl beide Seiten zweifellos sehr aneinandr hängen. Was geht vor in den Köpfen derer, denen wir alle Jubeljahre auf irgendeiner Geburtstagsfeier begegnen, oder mit dnen, die uns jeden Tag über den Weg laufen, und bei denen wir erst nach ihrem Tod denken, dass wir sie gern besser gekannt hätten...? Eine nachdenkliche Clytie. |
| Sirius | Dazu kann ich auch noch eine kleine Geschichte beitragen. Zufällig dreht es sich auch bei mir um meinen Großonkel, welcher im Sommer diesen Jahres seinen 80. Geburtstag feierte. Zunächst einmal muß ich noch vorwegnehmen, das sich meine Familie seit der Wende nicht nur völlig auseinandergelebt hat sondern auch in einigen Teilen ziemlich zerstritten sind. Ich hielt es daher immer am besten, mich aus der ganzen Sache herauszuhalten und blieb irgendwelchen Familienfeiern grundsätzlich fern. Aber dieses mal hatte ich aus mir unerfindlichen Gründen beschlossen, an dieser Feier teilzunehmen. Das war dann das erste mal seit bestimmt 10 Jahren, das ich diese Leutchen wieder gesehen hab. Naja, die Feier an sich war schon eine Tortour - allein diese grauenvolle Musik und dann kann man ja auch nicht unbedingt bei den Themen mitreden, welche dort u.a. bequatscht wurden - beim 2. Weltkrieg war ich nunmal leider nicht dabei, sorry :rolleyes: Naja, früher war alles besser und die Jugend von heute weiß doch gar nicht, wie gut es ihr geht usw. usw. Egal, die Jugend von heute nutzte die Gelegenheit zum ausgiebigen Essen und Trinken (wobei das "Schönsaufen" der gräßlichen Musik leider nicht gelang) und erfuhr so einige sehr interessante Sachen aus dem Leben des Großonkels. Der Mann hatte in bestimmt 15 völlig verschiedenen Berufen gearbeitet, war als Kriegsgefangener in England und verfügt außerdem über einen gigantischen Wissensschatz. Würde er bei Günter Jauch auftreten, hätte er die Million locker in der Tasche! Außerdem sind er und seine Frau (die geht schon auf die 90 zu) geistig und körperlich topfit, man könnte fast neidisch werden! Keine Spur von altersbedingter Senilität, schlagfertig, ständig am reißen schmutziger Witze. Außerdem sind die beiden quasi permanent auf Reisen und dürften mittlerweile die halbe Welt erkundet haben. Interessanterweise sind beide während ihres gesamten gemeinsamen Lebens nur ein einziges mal umgezogen, nämlich in das Haus, das sie selbst nach dem Krieg wieder mit aufgebaut haben - d.h. sie wohnen seit über 50 Jahren in ein und derselben Wohnung! All diese Sachen haben mir gewaltigen Respekt eingeflößt, vieles hörte ich zum ersten mal und war schon einigermaßen überrascht, solch interessante Verwandtschaft zu haben. Tja, dieser Besuch hat mir auf jeden Fall gezeigt, wieviel ich noch zu lernen habe, damit auch ich eines Tages ohne Reue auf ein Erfülltes Leben zurückblicken kann. |
| Tumulus | Irgendwie steht man seiner Verwandtschaft vielleicht doch doch näher, als man denkt. Immerhin wurd man ja nicht nur von seinen Eltern erzogen, sondern indirekt auch von deren Eltern, deren Geschwistern, deren Onkel und Tanten und so weiter...je älter ich werde, um so mehr drängt sich mir diese Vermutung auf... Es fällt mir beispielsweise sehr leicht, mit Verwandten gute Gespräche zu führen, auch wenn sie 50 Jahre älter sind als ich und ich sie jahrelang nicht gesehen habe. |
| myhna | hm... warte blos nicht zu lange mit deinem brief! und schreib ihn! ich hätte gerne meinen großvater besser kennengelernt... er ist mit 67 gestorben, da war ich 6 - ich war dabei als er "entschlief" im wahrsten sinne des wortes... es ist mir nie schwer gefallen seinen tod zu akzeptieren. aber jetzt, einige jahre später wird mir immer bewusster das ich ihn gerne besser kennen gelernt hätte, wenn meiner mutter ähnlichkeiten auffallen oder alte geschichten erzählt werden, die ihn als einen so ganz andren menschen darstellen als meine großmutter, die ich aber auch nicht mehr nach ihn fragen kann - auch als sie noch konnte hat sie nie viel über ihn erzählt. aber ich habe auch nicht gefragt... |
| autumnnight | ich würde auch raten: schreib ihr! vielleicht tut es ja auch deiner tante gut, wenn sie dir über ihn erzählen kann.. reden kann erleichtern.. auch wenn es keine gesprochenen worte sind, sondern geschriebene.. gruss durch den regen, autumnnight |
| Rookie | Mit den Jahren wird jede Beerdigung für mich immer schlimmer. Man wird auf die eigene Sterblichkeit hingewiesen. Und alle Anwesenden sind in diesem Moment so hilflos, das ich jedesmal den Tränen nahe bin, auch wenn ich den Verstorbenen gar nicht richtig kannte. Bei der ersten Beerdigung auf der ich war, regnete es in Strömen und eine kleine Handvoll Leute tappte hinter dem Sarg her, in dem mein Cosin lag, weil er aus eigenen Willen nicht mehr leben wollte. Das war alles so elend und armseelig, so gar nicht voller Würde, dass ich mich immer wieder frage, warum wir so enden müssen. Was ich damit sagen will, egal ob man nun den Toten näher kannte oder nicht, eine Beerdigung ist immer etwas schreckliches. Jedenfalls für mich. Aber ich kann die Gedanken von Clytie durchaus verstehen. Als meine Oma starb, die ich wirklich sehr gemocht hatte, fragte ich mich auch, was ich denn eigentlich von ihr und ihrem Leben weiß. Das war nicht wirklich viel. |
| Clytie | Ich finde Beerdigungen eigentlich auch ziemlich schlimm - an sich. Ich fürchte nur, dass ich den eigentlichen Schmerz in der Situation nicht an mich heranlasse; es springt wohl so eine Art Notmechanismus ein: Ich kann mich erinnern, dass ich auf der Trauerfeier meiner einen Oma, die ich weit häufiger gesehen hatte als besagten Großonkel und die ich schon richtig lieb gehabt hatte, in der Kapelle saß und irgendwie die ganze Zeit die Vorstellung hatte, meine Oma würde bestimmt jetzt gerade als Geist auf dem Sarg sitzen und mit den Beinen baumeln (Da war ich 17). Ich hörte kaum, was in der Ansprache gesagt wurde; obwohl ich mir immer versuchte vorzustellen, dass in dieser leicht geschnörkelten Holzkiste da vorne meine Oma lag, gelang es mir nicht zu glauben, dass sie tatsächlich jetzt bald verbrannt und dann beigesetzt werden sollte. Als der Leichenwagen mit dem Sarg die Auffahrt hinunterfuhr und alle mehr oder weniger weinend hinterherblickten, schaute ich plötzlich einem Zitronenfalter hinterher, der in der Sonne vorübergaukelte. Ich hatte die ganze Zeit zwar einen Kloß im Hals und gleichzeitig den Gedanken: Ach, so schlimm ist es ja eigentlich gar nicht - aber drei Tage später kam´s dann: Ich hab meine halberledigten Hausaufgaben zur Seite legen müssen und für den Rest des Tages heftig geweint. Ist wohl so eine Art Schutz, denn eigentlich bin ich ein ziemliches Sensibelchen und weine schnell. Es setzt bei Beerdigungen halt wohl in einigen Fällen verspätet ein; dafür denke ich danach noch über das ganze nach, wenn die anderen bereits wieder ziemlich zum normalen Tagesgeschehen übergegangen sind. Clytie. |
| Rookie | Was du da mit deiner beinebaumelnden Oma und den Zitronenfalter erzählst sind sicher gute Methoden, um sich abzulenken. Schade, dass ich diesen Tipp nicht schon bekam, als meine Oma starb. Ich hatte in ihren letzten Lebensjahren eigentlich gar keinen guten Kontakt mehr zu ihr, wußte nicht, wie sie ihr Leben verbracht hatte oder was für ein Mensch sie überhaupt war. Dabei bin ich die ersten drei Jahre bei ihr aufgewachsen und habe sie immer gemocht. Und dann sitze ich da bei der Beerdigung und der Redner sagt dauernd meinen Namen. Ich war ganz benommen, dass ich so ein wichtiger Teil im Leben meiner Oma war. Das hängt aber sicher mit meiner verdrängten Kindheit zusammen. Ich weiß fast nichts mehr. Die Erinnerung ist wie ein blasses Abziehbild, auf dem ein Junge still und ernst im Gras sitzt und in seine Traumwelt verloren ist. |
| engelsgleiche | meine mutter starb,als ich 13 war (freitag, den 13., schönes datum hat sie sich ausgesucht). an dem tag als ich davon erfahren hab, konnte ich gar nicht weinen. ich hatte keine gefühle gespürt, hab das ganze wochenende mit niemandem geredet. bei der beerdigung ging es mir dann richtig schlecht, ich hab geheult wie ein schloßhund, und danach jahrelang nie wieder (zumindest nicht wegen meiner mutter). ich hab das immer schön in mich reingefressen, hab mein leben gelebt und nicht weiter an meine mutter gedacht. irgendwann kam dann aber die zeit, wo ich einfach nicht mehr konnte. ich hab ständig an sie gedacht (und das tu ich auch immer noch), und fast jedesmal wurde ich dabei traurig oder konnte auch das weinen nicht unterdrücken. ich würde sie noch so gerne so viele sachen über sie selber fragen, über ihr leben, auch über meine ersten lebensjahre (meine eltern lebten damals getrennt), wie sie gefühlt hat. ich glaub diese jahre des nichtdenkens haben mich vor vielen schlimmen sachen bewahrt. andererseits hab ich auch vieles verpaßt, aber im endeffekt muß ich doch sagen, daß es gut für meine seele war. seit dem interesse an meiner mutter ist aber auch mein interesse an anderen verwandten gewachsen. so oft wie möglich verbringe ich zeit mit ihnen und versuche etwas über ihr leben zu erfahren (so weit es geht). meine oma hatte letztes jahr angefangen, stammbäume für ihre familie zu erstellen, und ich glaub, ich werd das dann für meine generation weiterführen, damit meine nachkommen vielleicht nicht auch einmal so nichtswissend dasitzen wie ich einst. ich kann euch nur sagen, wenn ihr etwas aus dem leben eurer verwandten erfahren wollt, fragt einfach danach, sie werden es euch wahrscheinlich wahnsinnig gern erzählen (zumindest die positiven ereignisse). im übrigen glaub ich nicht, daß es gut ist, sich auf einer beerdigung abzulenken, damit man nicht soviel trauer empfindet. die beerdigung ist die beste möglichkeit es rauszulassen (und es muß raus, sonst hat man irgendwann keine kontrolle mehr darüber). cu |
| E|odia | [QUOTE][i]Original geschrieben von Clytie [/i] [B]Ich hörte kaum, was in der Ansprache gesagt wurde; obwohl ich mir immer versuchte vorzustellen, dass in dieser leicht geschnörkelten Holzkiste da vorne meine Oma lag, gelang es mir nicht zu glauben, dass sie tatsächlich jetzt bald verbrannt und dann beigesetzt werden sollte. Als der Leichenwagen mit dem Sarg die Auffahrt hinunterfuhr und alle mehr oder weniger weinend hinterherblickten, schaute ich plötzlich einem Zitronenfalter hinterher, der in der Sonne vorübergaukelte. Ich hatte die ganze Zeit zwar einen Kloß im Hals und gleichzeitig den Gedanken: Ach, so schlimm ist es ja eigentlich gar nicht - aber drei Tage später kam´s dann: Ich hab meine halberledigten Hausaufgaben zur Seite legen müssen und für den Rest des Tages heftig geweint. Ist wohl so eine Art Schutz, denn eigentlich bin ich ein ziemliches Sensibelchen und weine schnell. Es setzt bei Beerdigungen halt wohl in einigen Fällen verspätet ein; dafür denke ich danach noch über das ganze nach, wenn die anderen bereits wieder ziemlich zum normalen Tagesgeschehen übergegangen sind. Clytie. [/B][/QUOTE] So ging es mir auch, als vor drei Jahren meine Oma beerdigt wurde. Ich wollte gar nicht mit zur Beerdigung gehen, weil ich sowas einfach nicht ertragen kann. Letztendlich ging ich aber doch mit, das war ich ihr schuldig. Als ich vor dem Sarg stand, versuchte ich mir auch vorzustellen, dass sie jetzt da drinnen liegt. Aber es ging nicht. Ich dachte mir auch, du musst jetzt traurig sein und heulen. Auch das ging nicht. Ich war einfach nur anwesend und versuchte mich abzulenken. Erst eine Woche nach der Beerdigung realisierte ich wohl richtig, was passiert war und ich konnte nur noch heulen. Ich denke auch, dass das eine Art Selbstschutz ist. E|odia |
| Nachtelbin | Wie wenig weiß man wirklich...eine gute Frage. Ich habe bisher an "unbekannten" Leuten nur ein paar entfernte Tanten und einen Onkel verloren, alle an Krebs...ein Teil meiner Familie, dessen Todesart ich sehr bezeichnend fand, damals. Dann ist meine Oma gestorben, nach Jahrelanger Krankheit. Die Beerdigung war der reinste Witz...der Pastor sprach von ihren "Marotten", wie Lottospielen...in diesen Momenten habe ich sie quasi ihre Kommentare abgeben hören, erstens war sie nie besonders gläubig, zweitens recht zynisch und schlagfertig, so dass ich fast angefangen habe, zu grinsen, als ich sie mir vorgestellt habe, wie sie sich über "den ollen quasselkopp" empört. Ich war nicht besonders traurig, ich wusste, dass sie ihre Zeit gehabt hatte, ich hatte noch die Erinnerungen, aber schon vor ihrem Tod mit ihr irgendwie abgeschlossen...die Erinnerungen waren auch nicht schmerzhaft, eher von einem mentalem Lächeln begleitet, ich war dankbar, für die Zeit, die wir hatten, aber mehr hätte nichts genützt. Jetzt aber, wenn ich meinen Opa besuche und meinen Onkel (hat Downsyndrom und ist 42, auch schon verhältnismäßig alt), wenn ich mit ihnen Spreche, oder mit meinem Onkel spiele...ich frage mich, wieviel Zeit noch bleibt...im nachhinein fallen einem immer Dinge ein, die man noch hätte sagen können...was, wenn sie mir nicht früh genug einfallen? Ich hänge sehr an meinem Großvater...ich möchte so gern, dass er mitbekommt, was ich studiere, weil ich weiß, dass er sehr stolz auf "sine Lüttje" wäre...im Moment habe ich einfach Angst, dass er "zu früh" geht, weil ich gerade jetzt erst das Wissen erlange, um seine Ausführungen über Mechanik etc. zu verstehen...dadurch komme ich wieder ins grübeln, was ich alles noch von anderen erfahren könnte, wenn genug Zeit bliebe... In diesem Sinne: nutze die Zeit, solange es geht, schreibe ihr... -nachdenklich- Die Nachtelbin |
| just_dark | Mein Großonkel ist auch gestorben ich hätte zur beerdigung gehen können wollte aber nicht weil ich ihn lebend in erinnerung behalten wollte. |