| The Archer | Folgenden Text habe ich gerade bei [URL=http://www.n24.de/boulevard/wissen-und-technik/zeitgeschichte/index.php/n2005091314122700002]n24.de[/URL] gefunden und stelle ihn mal zur Diskussion, bin gespannt auf eure Meinungen. [QUOTE]Vom Massenmörder zum Familienpapa Von Andreas Bock Das Konzentrationslager ist bis heute das Schreckensbild der nationalsozialistischen Herrschaft. "KZ" ist der Inbegriff von Folter, Qual und Mord - ein massenhaftes, planmäßiges, maschinelles und industrielles Töten. Tatsächlich aber bestand der Holocaust nicht lediglich im anonymen Morden in den Gaskammern der Vernichtungslager. Hunderttausende Menschen starben auf primitive, brutale und unmittelbare Weise: Männer, Frauen und Kinder wurden zusammen getrieben, mussten sich an den Rand einer Grube stellen und wurden dort aus nächster Nähe erschossen. Täter sind psychologisch 'normal' Wie beispielsweise am 29. und 30. September 1941, als einige hundert deutsche Einsatzkräfte in der ukrainischen Schlucht von Babi Jar mehr als 33.000 Menschen abschlachteten. Wer aber waren diese Männer, die buchstäblich im Blut der Ermordeten standen, und danach wieder in ihr geordnetes Leben zurückkehrten, um in der neuen Bundesrepublik unbescholtene Bürger und Familienväter zu werden? Dieser Frage widmet sich der Sozialpsychologe Harald Welzer in seinem neuen Buch "Täter. Wie aus ganz normalen Menschen Massenmörder werden". Und kommt dabei zu dem beunruhigenden Schluss, dass "die weit überwiegende Mehrheit der Täterinnen und Täter psychologisch exakt jenem Bild entspricht, das wir uns selbst zuschreiben würden: 'normal' zu sein". Mit den Nerven am Ende Die Täter also waren keine pathologischen Sadisten, die nur auf eine Gelegenheit gewartet haben, ihre Neigungen auszuleben. Die Täter waren und sind - wenn man an die Ereignisse im früheren Jugoslawien oder in Ruanda denkt - Menschen wie Du und ich. Für sein Buch hat Welzer die Biografien der Täter untersucht und Prozessakten analysiert, in denen die Mitglieder der Einsatzgruppen und Polizeibataillone - wenn sie denn überhaupt zur Rechenschaft gezogen wurden - über ihr Tun Auskunft geben haben. Dort finden sich Aussagen wie die von SS-Standartenführer Paul Blobel: "Ich muss sagen, dass unsere Männer, die daran teilgenommen haben, mehr mit ihren Nerven 'runter waren als diejenigen, die dort erschossen werden mussten." Kein Massenmord ohne Moral Aussagen, die laut Welzer unter Umständen den Schlüssel zum Verständnis der Massenmörder beinhalten: Denn offenbar waren (und sind) viele Täter dazu fähig, "sich selbst als Opfer einer Aufgabe wahrzunehmen, die ihnen die historischen Umstände zu diktieren scheinen", schreibt er. Historische Umstände, die sich, wie Welzer sagt, zu einer moralischen Pflicht des Handelns verdichten. Weshalb sich bei ihm auch der verblüffende Satz findet: "Ohne Moral hätten sich die Massenmorde nicht bewerkstelligen lassen." Seine Untersuchungen der Massenmorde sowohl im Dritten Reich, wie auch in Ruanda (wo in 100 Tagen 800.000 Menschen ermordet wurden) zeigen, dass für die Effizienz eines Genozids eine ganz bestimmte Moral notwendig ist. Töten und anständig bleiben Wenn auch eine andere Art von Moral, als sie uns als akzeptabel erscheinen mag. So hätten beispielsweise die Massenmörder von Ruanda das Töten häufig als "Arbeit" bezeichnet, als anstrengende, auch als unangenehme Arbeit, die aber zum Wohlergehen der Gesellschaft notwendig gewesen sei. Das reichte bis hin zu beamtisch geregelten Arbeitszeiten: abends traf man sich mit den "Kollegen" auf ein Bier, und morgens um 8 Uhr trat man wieder pünktlich zum Töten an. Und darum ist den meisten Tätern ein eigentlich unvorstellbarer Spagat nahezu unproblematisch möglich, so Welzer: Sie konnten töten und gleichzeitig anständig bleiben. Indem sie ihr Tun als eine notwendige Konsequenz aus dem gegebenen Umständen rechtfertigen konnten, war es ihnen möglich, sich aus jeglicher persönlichen Verantwortung heraus zu stehlen. Freund und Feind Ein Massenmörder führt ein Leben, "das die Erschießung von, sagen wir 900 Männern, Frauen und Kindern ebenso enthält wie das Nachdenken darüber, welches Studienfach denn wohl den eigenen Sohn das geeignete wäre". Weil man sich die Täter eines Völkermords also nicht einfach als Berserker vorstellen dürfe, spricht der Autor weniger von der "Banalität des Bösen" (Hannah Arendt), als vielmehr von "Rationalität des Bösen" (Zygmunt Baumann). Als Funktionsbedingung für massenhaftes Morden identifiziert Welzer die radikale Trennung zwischen zwei Personengruppen: Juden versus "Arier", oder Hutu versus Tutsi. Und diese Trennung muss für die Täter so unüberwindbar erscheinen, dass sie den anderen schließlich nicht mehr als Menschen wahrnehmen. Das Erschreckende dabei ist, dass sich solche Differenzen durch Propaganda und die Praxis alltäglicher Ausgrenzung schnell und leicht aufbauen lassen. Was gerade auch die ethnischen Säuberungen in Jugoslawien gezeigt haben. Keine expliziten Befehle Folglich, und das macht die Lektüre von Welzers Buch so beklemmend, weist der Massenmörder keine besonderen persönlichen Voraussetzungen auf. Es brauchte im Dritten Reich keinen "exterminatorischen Antisemitismus" (Daniel Jonah Goldhagen), um aus ganz normalen Menschen willige Vollstrecker eines Genozides zu machen. Was es braucht, ist der als existenziell konstruierte Gegensatz zwischen zwei Gruppen und der notwendige Handlungsspielraum, um massenhaft morden zu können. Der Rest geschieht dann ganz freiwillig. Denn Welzer zeigt in seiner Untersuchung außerdem, dass Völkermorde nicht über autoritäre Führungspersonen und strikte Befehlsketten funktionieren. Seine Quellen belegen, dass gerade sanfte Vorgesetzte für die Organisation von Massenexekutionen zuständig waren und dass die Tötungsbefehle nicht explizit erteilt, sondern eher allgemein gehalten wurden. Der Mensch - ein potenzieller Massenmörder Schließlich, so Welzer brauche man freiwillige Täter. Würde man die Täter gegen ihren Willen verpflichten, würde es nur Schwierigkeiten geben: diese verpflichteten Täter würden daneben schießen und den "Prozess" des Mordens nur aufhalten und erschweren. Statt auf eine strenge Befehlskette zu setzen, so Welzer, setzten die Vorgesetzten auf Handlungsspielräume. Solidarität führt zu, zynisch gesagt, effizienteren Resultaten. In diesem Zusammenhang erinnert Welzer auch daran, dass es einen Befehlsnotstand im Dritten Reich de facto nicht gegeben hat. Es gäbe nämlich keinen einzigen nachweisbaren Fall, so Welzer, dass jemand, der sich weigerte, am Massenmord mitzuwirken, gravierende Folgen hätte ertragen müssen. Völkermorde - das ist am Ende Welzers Fazit - funktionieren immer nur durch freiwillige Täter, Menschen also, die sich selbst dafür entscheiden, zu Tätern zu werden. Weder Bildung noch Religion können einen Menschen vor einer solchen Karriere schützen. Anders gesagt: Der Mensch ist ein potenzieller Massenmörder. Harald Welzer: Täter. Wie aus ganz normalen Menschen Massenmörder werden. Fischer Verlag 2005, 336 Seiten, 19,90 Euro (N24.de, Netzeitung) [/QUOTE] |
| Lacerta | Ein interessanter Text. Der Mensch ist halt das schlimmste Tier auf Erden. Aus diesem Grund bin ich auch der Meinung, dass das Holocaust im Nazi-Reich kein Verbrechen der Deutschen, sondern ein Verbrechen der allgemeinen Menschheit war. Jeder wäre fähig zu morden, selbst ich oder der Nachbar von nebenan. Es ist nur eine Frage der Notwendigkeit und die der Erziehung. Beim zweiten bin ich mir nur nicht sicher da in jedem von uns das Urböse fest verankert ist. |
| Darket | [QUOTE]Aus diesem Grund bin ich auch der Meinung, dass das Holocaust im Nazi-Reich kein Verbrechen der Deutschen, sondern ein Verbrechen der allgemeinen Menschheit war. [/QUOTE] Er war das Verbrechen einer Ideologie. Und da Ideologie immer eine Moral beinhaltet, trifft der Text zumindest in diesem Punkt zu. |
| Beowulf | Also Neues steht da nicht drin. Massenmörder die im Kollektiv morden sind normal. Also ich persönlich habe nie anderes vermutet. |
| herbstliebe | "erschreckend normal" sagte mal jemand, der mir über das leben eines lagerkommandanten erzählte. der text ist keine zufrieden stellende antwort, aber erklärt so manches, was ich bisher nicht verstand. zur diskussion kann ich nicht beitragen, mir fehlen die worte. |
| The Archer | Wenn ihr mal in euch hineinhorcht, für wie "normal" haltet ihr euch? Wäret ihr potenzielle Massenmörder? Der Text wirft im Umkehrschluss die Frage auf, ob weniger "normale" Menschen weniger anfällig wären, potentielle Massenmörder zu sein? Ich denke nicht, dass das der Fall ist. Was versteht man denn normalerweise unter "normal"? Normal, der Norm entsprechend, nur welcher Norm überhaupt? Vom Makrokosmos "Menschheit" bis hin zu einem Mikrokosmos wie "Dorf" oder "Gothicszene" existieren so viele verschiedene Normen, Werte und Gewohnheiten, dass es fast unmöglich ist, sich irgend einer "Normalität" zu entziehen. |
| herbstliebe | wenn es an die eigene substanz geht merkt man schnell, dass man selbst ganz "normal" ist. ganz normal im sinne von, wie jeder andere, der seine ideologie vertritt. |
| TheTurningPoint | Ich finde den Text sehr interessant, in seiner Analyse spiegelt er meine Ansicht zu diesem Themenkomplex. Eine andere Ansicht habe ich hinsichtlich der Konsequenzen daraus. [quote]Als Funktionsbedingung für massenhaftes Morden identifiziert Welzer die radikale Trennung zwischen zwei Personengruppen ... Und diese Trennung muss für die Täter so unüberwindbar erscheinen, dass sie den anderen schließlich nicht mehr als Menschen wahrnehmen. Das Erschreckende dabei ist, dass sich solche Differenzen durch Propaganda und die Praxis alltäglicher Ausgrenzung schnell und leicht aufbauen lassen. [/quote]Das ist für mich der Kern der Analyse. Auf die heutige Zeit bezogen, stellt sich z.B. die Frage, wer zu Gewalttaten bereit wäre gegen Personen, die er mit einiger Wahrscheinlichkeit für "Neonazis" oder "Kinderschänder" hält ... Ein [URL=http://www.nachtwelten.de/vB/showthread.php?s=&threadid=4509]trauriges Beispiel ...[/URL] Bei den "islamistischen Terroristen" ist man noch nicht ganz so weit, aber man arbeitet daran ... [quote]Es brauchte im Dritten Reich keinen "exterminatorischen Antisemitismus" (Daniel Jonah Goldhagen), um aus ganz normalen Menschen willige Vollstrecker eines Genozides zu machen. Was es braucht, ist der als existenziell konstruierte Gegensatz zwischen zwei Gruppen und der notwendige Handlungsspielraum, um massenhaft morden zu können. Der Rest geschieht dann ganz freiwillig. [/quote]@ Darket: Es ist also keine großartige "Ideologie" nötig. Ein "als existenziell konstruierte Gegensatz zwischen zwei Gruppen und der notwendige Handlungsspielraum" reichen dazu vollkommen aus. :( [quote]Weder Bildung noch Religion können einen Menschen vor einer solchen Karriere schützen. Anders gesagt: Der Mensch ist ein potenzieller Massenmörder. [/quote]Hinsichtlich dieser Schlussfolgerung bin ich, wie gesagt, anderer Ansicht. Ich glaube immernoch daran, dass Bildung und Religion (oder "Ideologie", was m.E. nichts anderes als Religion ist) der potentiellen Gewaltbereitschaft entgegenwirken können, wenn sie Gruppen-Polarisierungen entgegenwirken und die vom Einzelnen als "moralisch vertretbar" angesehenen Handlungsspielräume entsprechend beschränken (damit ist keine mehr oder weniger gewaltsame Beschränkung der realen Handlungsspielräume gemeint). |
| Schwarze Katze | man muss nicht so weit in Vergangenheit gehen: auch in unsere Zeiten sind Serienmörder (fast) immer Biedermänner. Deswegen bleiben sie auch so lange unentdeckt, keiner kommt auf die Idee, dass hinter biedere Fassade sich ein Abgrund auftut. |
| Beowulf | Schön. Nur sind Serienmörder, erstens keine Massenmörder, und zweitens nicht normal, und drittens, aus erstens und zweitens resultierent, nicht das Thema. |
| Darkangel | Sehr gut geschriebener Text, auch wenn er nur das wiederspiegelt was ich sowieso schon die ganze Zeit hinsichtlich dieses Themas als feste Meinung hatte. Ich glaub ich kauf mir sogar das buch falls es das gibt. Und in ein hat er absolut recht, in jeden von steckt Abgrund der Mensch is von Naturaus gewaltbereit sonst würden wir nicht dauern Versuchen uns die Köpfe einzuhaun sondern harmonisch in Grosser Gemeinschaft wie manche Tierarten z.b. miteinander Leben könn. Was ich als Abgrund definiere fängt bei na klein Kampellei an und reicht hoch bis zum Massenmord da es für mich ein Allumfassendes wort für die finstere Seite im Menschen ist. P.s. klar hab ich sowas manchmal schau ich mich nur um und seh jemand den ich in Mein Gedanken am liebsten den Schädel aus irgendwelchen banalen Gründen einhaun würde. Natürlich weis ich das sowas blödsin ist und machs natürlich nicht aber das verdank ich denk mal zum nicht unerheblichen Teil meiner Erziehung denk ich mal wäre mein leben anders Verlaufen könnte ich genauso irgendwo in Afrika ein 12 jähriger Bengel sein der mit einer fetten knarre rumrennt und für mich wäre es genauso normal wie für ein christen sein Sontagsbesuch inna Kirche oder so. |
| nullpromille | wie geht diese studie mit anderen untersuchungen zusammen, die belegen, dass eine strenge hierarchie im krieg unabdingaber ist, da an fronten, in denen die obere führungsschicht ausgelichtet wurde, die soldaten bewusst daneben schießen, da das töten von menschen einen noch gößeren stress auslöst als die todesangst? und dass an fronten, in denen soldaten keine möglichkeit des danebenschießens besitzen - da diese führungsschicht noch existiert - wesentlich stärker traumatisiert sind? idee einer synthese dieser beiden untersuchungen? |
| schattenlichter | siehe "Der herr der fliegen"... |