| Seperaude | Guten Morgen. Ich habe eben ein paar Gedanken in einem Text zusammengefasst und würde gerne hören, was andere Menschen dazu denken. Speziell zum Sinn der Melancholie und Tragik, weil mir das hierfür das richtige Forum zu sein scheint. Gibt es Widersprüche und Ergänzungen, könnt ihr eigene Erfahrungen einbringen? [I]Literatur wird nicht durch Rache motiviert, sondern durch Trotz. Sie ist wie Bataille richtig sagt die Trotzhaltung des Kindes gegen die Eltern, die ihm ein schlechtes Gewissen suggerieren wollen, um es an die herrschende Gesellschaftstruktur anzupassen. Literatur ist darum ein Akt der Freiheit, ein Ausdruck der Sehnsucht nach Freiheit, d.h. nach sich selbst, nach dem autonomen Leben, nach Souveränität. Wir selbst sind uns fremd und dieser Fremde in uns, der unser wahres Selbst ist, ist eingefroren, verleugnet und eingekerkert in den Tiefen unseres Körpers - diese Tiefen sind, was man Seele nennt. Ihre Impulse sind, was man Genie nennt. Die Wahrnehmung dieser Seele in unserem Körper ist verboten und von uns abgetrennt. Deshalb erscheinen die Kräfte, die unser wahres Selbst ausmachen, uns als fremde, unkontrollierbare Mächte. Das ist das Wesen der Schizophrenie. Diese Kräfte sind unkontrolliert, weil sie autonom sind und weil wir von ihnen abgetrennt sind, sie nicht als Teil von uns wahrnehmen dürfen, sondern bestenfalls als das Böse. Wir erhalten diese Trennung von unseren ureigenen Lebenskräften (und damit von allen anderen Lebewesen, die uns verwandt sind) durch permanente Angst vor Strafe, Ablehnung und moralischem Versagen. Diese Angst macht uns manipulierbar und das ist auch ihr Sinn, denn sie ist ihrem Wesen nach Anpassungsleistung. Die Strafangst, das schlechte Gewissen aber macht uns auch in allen Lebensbereichen impotent, unproduktiv, gehemmt, unsicher und liebesunfähig. Der Versuch, diese Lebendigkeit zu erleben durch Strafe, also durch kontrolliertes Freiwerden der eingesperrten Lebenslust im Rahmen einer leitenden Autorität, dieser Versuch ist das Wesen des Masochismus und der allg. Hörigkeit nicht nur in der sexuellen Welt, sondern auch in der Arbeitswelt. Das Wesen des Lustprinzips in Individuen der patriarchalischen Gesellschaft ist darum oftmals das des Masochismus, also der Unterwerfung unter Werte und Autoritäten, um sich selbst wieder ein Stück leben und fühlen lassen zu dürfen - glücklicher sein, je weiter man auf der Karriereleiter steigt, je mehr Schuhe man hat, je mehr Bier man verträgt und derbe Witze man machen kann, je gebildeter, stärker, schöner, schlanker, beliebter man ist. Der Masochismus lässt sich kurzzeitig ausklinken durch Alkohol, Drogen und Exzesse aller Art, sinnliche Überforderung und Abreaktion der Wut und destruktiven Kräfte, die durch den permanenten Selbstverrat in uns toben. Als ich zum ersten Mal mit einer Frau verkehren wollte tauchte ein Dämen in mir auf. Ich fühlte meinen ganzen Körper von unabändiger Wut beben. Ich hatte Angst vor diesem Dämon, wie ich es damals nannte. Ich musste ihn zwei Stunden lang besänftigen bevor ich die Frau genießen konnte, saß wie ein Irrer zitternd im Licht einer Straßenlaterne auf einem Teppich. Später redete ich dann von fremden Mächten in mir. Dann sprach ich von der dunklen Kraft meines Körpers. Und jetzt habe ich erkannt, dass diese Kraft nicht dunkel ist, sondern das einzige Licht, dass es gibt und die einzige Möglichkeit ein Band zwischen den Menschen zu stiften und die Angst zu überwinden, die unser Leben aushöhlt, es so leer und sinnlos macht - und uns gleichzeitig die Kraft nimmt, unsere Ohnmacht und Hilflosigkeit zu überwinden. Dunkel ist nicht der unbändige, verdrängte Fremde in uns, dunkel ist die Langeweile und Resignation in unserem Leben. Melancholie, Träumerei, Verzweiflung, die ganze Tragik echter Gefühle, die nicht bloß Werben um bemitleidende Hilfe sind, sind oftmals Versuche der Kontaktaufnahme mit diesem Fremden, sind Gebete um seine Kraft und Führung - oder, anders gesagt, bereits die Stimme, die dieser Eingekerkerte an uns richtet. Die gleiche Stimme die wir fühlen wenn wir einen Toten sehen oder von einem Selbstmord im Bekanntenkreis hören. Ein Klagen um Wandlung, um Ändern unserer Wege hin in Richtung des wahren Lebens, das in uns als Einzelmenschen wie als Gesellschaft zu ersticken droht.[/I] |
| Ronin76 | Schreibst du gerade ein Buch ? Ein objektiver Fehler ist schon im ersten Satz zu finden. Es gibt mehr Ursachen und Motivationen, Literatur zu lesen und zu schreiben, als nur Trotz. Ein paar Absätze zur besseren Lesbarkeit wären hilfreich. Ansonsten, interessante Theorien und Erfahrungen. Masochismus um frei zu werden... muß ich mir merken. Das würde im Umkehrschluß bedeuten, daß Sadisten unfrei sein wolllen, weil sie viel zu frei sind. Das zusammen ergibt dann eigentlich ein harmonisches Bild. :D |
| Seperaude | Ein Buch schreibe ich nicht, ich sammle nur meine Gedanken zur Alltagsbewältigung. Den Gedanken zur Literaturmotivation entnahm ich einem [URL=http://www.youtube.com/watch?v=-WiwNekNJGA&feature=player_embedded]Interview mit G. Bataille[/URL] - er nennt dort als Beispiele Kafka und Baudelaire. Natürlich hängt die Gültigkeit dieser Erklärung ab von der Definition des Wortes Literatur bzw. was man für wert erachtet, so bezeichnet zu werden. Deshalb liegt aber kein objektiver Argumentationsfehler vor, sondern nur ein Sprachproblem. Trotz ist keinesfalls eine gering zu schätzende Motivation wie es dein "nur" suggeriert - weshalb ich vermute, das Du die psychologische Tragweite dieser Motivation nicht erkannt hast (das Werk Kafkas wäre ein guter Einstieg für diese Erkenntnis). Mehr Absätze scheinen mir für den Eingangsthread nicht hilfreich - immerhin lockt der Thread seiner Komplexität wegen schon jetzt recht wenig Beitragende an (was mir lieber ist als viele Beiträge mit wenig Qualität). Zum Masochismus: Es ist m.E. nach schon so, dass die Leute durch Unterwerfung unter Werte oder ein autoritäres Gewissen im Grunde genommen ihre Unabhängigkeit oder Freiheit suchen und damit ihr Glück. Innerhalb der Kontrollstruktur, in der sie leben, können sie nicht anders, allerdings ist Wesensmerkmal dieser Kontrollstruktur eine universelle Täuschung, nämlich das die, die nach Glück suchen auf diesem konventionellen Weg des Erfolges und der Selbstverbesserung es niemals finden, sondern auf eine Illusion reinfallen, die dazu dient, die Karre am laufen zu halten. Gerade deshalb scheint mir ja Melancholie eine sinnvolle Alternative für die Suche nach wahrem Glück, denn sie ist ein Weg in die Selbstbestimmung. Deinen Umkehrschluss auf den Sadismus kann ich schwer nachvollziehen, halte ihn aber dennoch für unsinnig. ka ob das ein Witz war, wenn hab ichs verpeilt ;) |
| Ronin76 | [QUOTE]Trotz ist keinesfalls eine gering zu schätzende Motivation wie es dein "nur" suggeriert - weshalb ich vermute, das Du die psychologische Tragweite dieser Motivation nicht erkannt hast (das Werk Kafkas wäre ein guter Einstieg für diese Erkenntnis).[/QUOTE] Die psychologische Tragweite habe ich schon erkannt, ich wollte damit den Trotz als mögliche Ursache nicht abwerten. "Nur" bezog sich auf die bescheidene Anzahl der Beispiele, nämlich den Trotz, welchen du in dogmatischem Manier als einzige Wahrheit darstellen möchtest. Mein literarischer Tip an dich ist Osho um zu dieser Erkenntnis zu gelangen: [QUOTE] Der skeptische Verstand ist einer der schönsten Dinge der Welt. Er wurde von den Religionen verdammt, weil sie nicht in der Lage waren, skeptische Fragen zu beantworten; sie wollten nur Glaubende. Und der skeptische Verstand ist gerade das Gegenteil eines Glaubenden. Ich bin absolut für den skeptischen Verstand. Glaube nichts, wenn du es nicht erfahren hast. Glaube gar nichts - stelle alles in Frage, wie lange es auch dauern mag. Die Wahrheit ist nicht billig. Sie ist nicht zugänglich für den Gläubigen; sie ist nur für den skeptischen Verstand zugänglich. Denk nur an eines: sei nicht halbherzig skeptisch. Sei ein totaler Skeptiker. Wenn ich das sage, meine ich, dass deine skeptischen Ideen demselben Test unterliegen sollten wie die Ideen eines anderen. Wenn Skepsis total ist, brennt sie sich selbst aus, weil du auch deine eigene Skepsis in Frage stellen und bezweifeln musst. Du kannst deine Skepsis nicht unangezweifelt lassen, ansonsten nimmst du wieder den Standpunkt eines Glaubenden ein. Wenn du den Zweifler in dir in Frage stellen kannst, dann ist der Mystiker nicht weit entfernt. Was ist ein Mystiker? Jemand, der keine Antwort kennt, jemand, der jede mögliche Frage gestellt und herausgefunden hat, dass keine Frage zu beantworten ist. Weil er dies herausgefunden hat, hat er alles Fragen aufgegeben. Nicht, dass er die Antwort gefunden hätte - er hat nur herausgefunden, dass es nirgends eine Antwort gibt. Das Leben ist ein Mysterium, keine Frage. Kein Rätsel, das gelöst werden muss, keine Frage, die es zu beantworten gilt, sondern ein Geheimnis, das gelebt, geliebt, ein Geheimnis, das getanzt werden muss. Ein vollkommen skeptischer Verstand muss zwangsläufig zum Mystiker werden; infolgedessen steht meine Tür allen offen. Ich akzeptiere den Skeptiker, weil ich weiß, wie er in einen Mystiker zu verwandeln ist. Ich lade den Gläubigen ein, weil ich weiß, wie ich seinen Glauben zerstören kann. Ich lade den Atheisten ein, weil ich weiß, wie ich ihm seinen Atheismus nehmen kann. Meine Türen stehen jedem offen, weil ich euch keinen Glauben gebe. Ich gebe dir lediglich eine Methode, eine Meditation, um dich selbst entdecken zu lassen, was in Wirklichkeit der Fall ist. Ich habe herausgefunden, dass es keine Antwort gibt. Alle Fragen sind sinnlos, und alle Antworten sind noch viel sinnloser. Es wurden viele Fragen von törichten Menschen gestellt, und durch diese Fragen sind große Philosophien entstanden. Diese Philosophien sind von den Listigen, Durchtriebenen und Gewitzten geschaffen worden. Aber wenn du eine Übereinstimmung mit der Wirklichkeit haben willst, darfst du weder ein Narr noch ein gewitzter Mensch sein. Du musst unschuldig sein. Was auch immer du also mitbringst - Skepsis, Atheismus, Kommunismus, Faschismus, irgendeine Art von Unsinn - meine Medizin ist für alles die gleiche. Es ist unwichtig, was für ein Blödsinn in eurem Kopf ist, wenn ihr hierher kommt. Ich werde euch ohne Unterschied den Kopf abschlagen. Wer auf deinem Kopf sitzt, ist unwichtig - mein Anliegen ist Abschlagen! Ich bin nur ein Holzfäller. Osho: Beyond Enlightenment, Chapter 17 [/QUOTE] Zum Umkehrschluß: Jede These lässt sich durch einen Umkehrschluß prüfen und sollte dem standhalten, ansonsten gilt sie als widerlegt. Nein das war kein Witz, auch wenn es Ironie beinhaltet. |
| Seperaude | Mir scheint es nicht sinnvoll hier eine Diskussion über Osho anzufangen, weil es am Threadthema vorbeigeht. Ich selbst kenne den Mann seit einiger Zeit und stehe ihm aus verschiedenen Gründen misstrauisch gegenüber. Der von mir sehr geschätzte Autor Bernd Laska schrieb bereits 1976 eine [URL=http://www.lsr-projekt.de/wrb/wrb2.html#bhagwan]Kritik an Osho und den Trubel um ihn[/URL], der ich im Wesentlichen beipflichte. Ich empfehle in dem Sektor viel lieber Krishnamurti oder Gurdjieff. Weiteres dazu dann bitte per PN. Den Dogmatismusvorwurf weise ich von mir. Ich vermute in ihm den versteckten Drang, Theoriebildung über grundsätzliche menschliche Probleme zu unterdrücken. Meine Skepsis halte ich für scharf genug, gerade darum zweifle ich auch den modischen Erkenntnisnihilismus (wie ihn bspw. Osho vertritt) stark an - ich vermute ihn als Abwehrhaltung gegen sehr wohl konkret beschreibare Zusammenhänge, die nur recht bedrohlich für die Charakterstruktur der Erkenntnisnihilisten sind. Diese Abwehrhaltung enstand sicher mitunter wegen der schrecklichen Folgen des Dogmatismus (spätere Anm.: und des Reduktionismus in den heutigen Humanwissenschaften), der selbst auch eine Schutzhaltung gegen unliebsame Wahrheiten und Kontrollmechanismus ist (genau wie Osho m.E. Kontrolle und irrationale Manipulation benutzt, um gewisse Zweifel abzublocken und sich unangreifbar zu machen, wie es z.B. schon Otto Mühl tat, dessen kommunales "Werk" [URL=http://www.agpf.de/Schlothauer-AAO-Muehl.htm]ähnliche soziale Strukturen[/URL] zeigt). Bezüglich Umkehrschluss Masochismus-Sadismus ist mir der Realitätsbezug einfach nicht greifbar. Du kannst Dich ja näher erklären, wenn Dir daran etwas liegt. |