German Gothic Board
 
Boardansicht: Klick HIER und betrachte das Thema mit allen Funktionen direkt im Board.

 
  Forum: Ruhe sanft
    Thema: unendliche Geschichten
AlexHi,
ich möchte hier ausnahmsweise kein Buch vorstellen, sondern vielmehr ausdrücken -durch einen fast kommentarlosen Auszug- was ein Buch manchmal bedeuten kann. Dieser "kurze" Abschnitt (ich hab fast ne Stunde gebraucht, um alles abzutippen!) beschreibt einen Teil von mir, einen Teil meines Denkens, und vielleicht sieht ja der ein oder andere von Euch einen kleinen Zusammenhang zu meinen anderne -wenigen- Beiträgen hier im Board. Auf jeden Fall glaube ich fest daran, daß in diesen Zeilen sehr sehr viel Wahrheit steckt, sofern man eine "Wahrheit" überhaupt allgemein definieren kann. Aber vielleicht findet ja jeder ein kleines Stückchen seiner Wahrheit darin wieder, es lohnt sich auf jeden Fall darüber nachzudenken.

Achso, obwohl ich vermute, daß dieses Buch jeder einmal früher oder später gelesen hat (oder zumindest den Film kennt), muß ich natürlich trotzdem noch sagen, daß dies ein Auszug aus Michael Endes unendlicher Geschichte ist...

------------

" Sag mir das Geheimnis! Was bin ich dort?"
Wieder antwortete Gmork lange nicht. Sein Atem ging jetzt röchelnd und stoßweise. Doch ganz plötzlich richtete er sich auf, so daß er nun auf seine Vorderpranken gestützt dasaß und Atréju zu ihm aufblicken mußte. Jetzt erst sah man seine ganze gewaltige Größe und Schrecklichkeit. Ales er nun weitersprach, klang seine Stimme rasselnd:
„Hast Du das Nichts gesehen, Söhnchen?“
„Ja, viele male.“
„Wie sieht es aus?“
„Als ob man blind ist.“
„Nun gut -, und wenn Ihr da hineingeraten seid, dann haftet es Euch an, das Nichts. Ihr seid wie eine ansteckende Krankheit, durch die die Menschen blind werden, so daß sie Schein und Wirklichkeit nicht mehr unterscheiden können. Weißt Du, wie man Euch dort nennt?“
„Nein“, flüsterte Atréju.
„Lügen!“ bellte Gmork.
Atréju schüttelte den Kopf. Alles Blut war aus seinen Lippen gewichen.
„Wie kann das sein?“
Gmork weidete sich an Atréjus Schrecken. Die Unterhaltung belebte ihn sichtlich. Nach einer kleinen Weile fuhr er fort:
„Was Du dort bist, fragst Du mich? Aber was bist Du denn hier? Was seid Ihr denn, Ihr Wesen Pantásiens? Traumbilder seid Ihr, Erfindungen im Reich der Poesie, Figuren in einer unendlichen Geschichte!
Hältst Du Dich selbst für Wirklichkeit, Söhnchen? Nun gut, hier in Deiner Welt bist Du’s. Aber wenn Du durch das Nichts gehst, dann bist Du’s nicht mehr. Dann bist Du unkenntlich geworden. Dann bist Du in einer anderen Welt. Dort habt Ihr keine Ähnlichkeit mehr mit Euch selbst. Illusion und Verblendung tragt Ihr in die Menschenwelt. Rate mal, Söhnchen, was aus all den Bewohnern von Spukstadt wird, die ins Nichts gesprungen sind?“
„Ich weiß es nicht“, stammelte Atréju.
„Sie werden zu Wahnideen in den Köpfen der Menschen, zu Vorstellungen der Angst, wo es in Wahrheit nichts zu fürchten gibt, zu Begierde nach Dingen, die sie krank machen, zu Vorstellungen der Verzweiflung, wo kein Grund zum Verzweifeln da ist.“
„Werden wir alle so?“ fragte Atréju entsetzt.
„Nein“, versetzte Gmork, „es gibt viele Arten von Wahn und Verblendung, je nachdem, was Ihr hier seid, schön oder häßlich, dumm oder klug, werdet Ihr dort zu schönen oder häßlichen, dummen oder klugen Lügen.“
„Und ich“, wollte Atréju wissen, „Was werde ich sein?“
Gmork grinste.
„Das sag ich Dir nicht, Söhnchen,. Du wirst es sehen. Oder vielmehr, Du wirst es Nicht sehen, weil Du nicht mehr Du sein wirst.“
Atréju schwieg und sah den Werwolf mit aufgerissenen Augen an.
Gmork fuhr fort:
„Deshalb hassen und fürchten die Menschen Phantásien und alles, was von hier kommt. Sie wollen es vernichten. Und sie wissen nicht, daß sie gerade damit die Flut von Lügen vermehren, die sich ununterbrichen in die Menschenwelt ergießt – diesen Strom aus unkenntlich gewordenen Wesen Phantásiens, die dort das Scheindasein lebender Leichen führen müssen und die Seelen der Menschen mit ihrem Modergeruch vergiften. Sie wissen es nicht, ist das nicht lustig?“
„Und gibt es keine mehr“, fragte Atréju leise, „der uns nicht haßt und fürchtet?“
„Ich kenne jedenfalls keinen“, sagte Gmork, „und das ist auch nicht weiter verwunderlich, denn Ihr selbst müßt dort dazu herhalten, die Menschen glauben zumachen, daß es Phantásien nicht gibt.“
„Daß es Phantásien nicht gibt?“ wiederholte Atréju fassungslos.
„Sicher, Söhnchen“, antwortete Gmork, „das ist sogar das Wichtigste. Kannst Du Dir das nicht denken? Nur wenn sie glauben, daß es Phantásien nicht gibt, kommen sie nicht auf die Idee, Euch zu besuchen. Und davon hängt alles ab, denn nur, wenn sie Euch in Eurer wahren Gestalt nicht kennen, kann man alles mit ihnen machen.“
„Was – mit ihnen machen?“
„Alles, was man will. Man hat Macht über sie. Und nichts gibt größere macht über die Menschen als die Lüge. Denn die Menschen, Söhnchen, leben von Vorstellungen. Und die kann man lenken. Diese Macht ist das Einzige, das zählt. Darum stand auch ich auf seiten der Macht und habe ihr gedient, um an ihr teilzuhaben – wenn auch auf andere Art und Weise als Du und Deinesgleichen.“
„Ich will nicht daran teilhaben!“ stieß Atréju hervor.
„Nur ruhig, kleiner Narr“, knurrte der Werwolf, sobald die Reihe an Dich kommt, ins Nichts zu springen, wirst auch Du ein willenloser und unkenntlicher Diene der Macht. Wer weiß, wozu Du ihr nützen wirst. Vielleicht wird man mit Deiner Hilfe Menschen dazu bringen, zu kaufen, was sie nicht brauchen, oder zu hassen, was sie nicht kennen, zu glauben, was sie gefügig macht, oder zu bezweifeln, was sie erretten könnte. Mit Euch, kleiner Phantásier, werden in der Menschenwelt große Geschäfte gemacht, werden Kriege entfesselt, werden Weltreiche begründet...“
Gmork betrachtete den Jungen eine Weile aus halbgeschlossenen Augen, dann fügte er hinzu:
„Es gibt da auch eine Menge armer Schwachköpfe – die sich natürlich selbst für sehr gescheit halten und der Wahrheit zu dienen glauben – die nichts eifriger tun, als sogar den Kindern Phantásien auszureden. Vielleicht wirst gerade Du ihnen von Nutzen sein.“
Atréju stand mit gesenktem Kopf da.
Er wußte nun, warum keine Menschen mehr nach Phantásien kamen, uns warum nie wieder welche kommen würden, um der Kindlichen Kaiserin neue Namen zu geben. Je mehr in Phantásien der Vernichtung anheimfiel, desto größer wurde die Flut der Lügen in der Menschenwelt, und eben dadurch schwand die Möglichkeit, daß doch noch ein Menschenkind kam, mit jedem Augenblick mehr. Es war ein Teufelskrei, ais dem es kein Entrinnen gab. Atréju wußte es nun...

------------

Bis bald, Euer Alex
ydAMOh lieber Alex, vielen Dank, daß Du Dir die Mühe gemacht hast, diesen Auszug abzutippen. Wie sehr ich die Geschichte liebe!!!!!!! Es war toll, wieder ein Stück davon zu lesen und ich denke, Du hast einen Teil herausgesucht, den wir uns alle wieder mal zur Hand nehmen sollten um darüber nachzudenken.
Dark PrincessDafür LIEBE ich Dich [img]http://www.nachtwelten.de/ubb/wink.gif[/img]
Einen schönen Auszug hast du da gewählt Alex.
Es liegen schon ein paar Jahre(+/-9) zurück, seit ich dieses Buch zum letzen mal gelesen habe. (Meine Schwester hatte es mir zu Weihnachten geschenkt, da war ich 11)
Wie ich jetzt bemerkt habe, hatte ich damals einiges nicht richtig verstanden, oder falsch interpretiert.
Jetzt glaube ich zu verstehen.
Ich habe mir vorgenommen auf ein Neues in dieses wunderschöne Buch zu versinken.
Liebe Grüsse
Ich


------------------
Le bonheur, c'est un plat de frites supplémentaire (SNOOPY)
Dark PrincessHey Alex,
Ich bin gerade im Haulewald.........

German Gothic Board
 
Boardansicht: Klick HIER und betrachte das Thema mit allen Funktionen direkt im Board.

 

German Gothic Board

Startseite Chat Grüße SchwarzKultur