| Darket | Ok, jeder, der auch nur mal einen Artikel in einer beliebigen Zeitung/Zeitschrift zu diesem Thema gelesen hat, weiß, dass es dem Sozialwesen in Deutschland nicht besonders gut geht, das soziale Einrichtungen unterfinanziert, unterbesetzt und mit zweifelhafter Effizienz geführt. Bestes Beispiel ist der Bericht einer Bekannten von mir, die seit zweieinhalb Monaten ein freiwilliges Soziales Jahr in einem katholischen Wohnheim für Behinderte ableistet. Sie hat mir am Wochenende berichtet, dass ein festangestellter Kollege nach dem anderen gekündigt wird. Sie arbeitet in zwei verschiedenen Gruppen, mit insgesamt 18 Behinderten. Die Betreuung findet rund um die Uhr in drei 8-Stunden Schichten statt. Für diese zwei Gruppen gibt es noch 2 (in Worten zwei!) festangestellte Gruppenleiter, d.h. selbst wenn diese 7 Tage die Woche arbeiten würden (was sie logischer Weise nicht können), würden mindestens in einer Schicht am Tag ausschließlich Praktikanten (bestenfalls, die sind ja meist in der Ausbildung), FSJler und Zivis arbeiten. In dem Haus, in dem sie arbeitet (etwa 80 Behinderte), gibt es allein 13 Zivildienstleistende. Gut, wir Zivis sind ein Anachronismus, in 10 Jahren wird es uns (auch nach inoffizieller Direktive des Bundesamtes für Zivildienst) schlicht nicht mehr geben, wir verschwinden zusammen mit der Wehrpflicht. Aber, Hartz4 machts möglich, wir werden auch nicht mehr gebraucht, Leute vom Soz können besser ausgebildet sein und weniger Geld kosten, prima! Hey, ich meine das ernst, die Wehrpflicht ist ein Anachronismus und der Zivildiesnt nur die Alternative (theoretisch), weg damit, Hartz-Leute her, kein Problem, aber bitte nicht so wie die Zivis und FSJler, die schon als vollwertiger Ersatz für ausgebildete Betreuer angesehen werden. Dies ist nur ein Beispiel für die wirtschaftliche Situation, meine Intention ist eigentlich eine andere und soll darstellen, dass sich das Sozialwesen in Deutschland auch selbst kaputt machen kann, ganz ohne staatliche Kürzungen, Geiz der Wohlfahrtsverbände und Habgier der Kirchen. Wie erwähnt bin ich Zivi, inzwischen seit knapp zweieinhalb Monaten. Ich arbeite in einer großen Behindertenwerkstatt, mit 200 behinderten Beschäftigten und noch einem halben Dutzend ebenso großer Einrichtungen in ganz Berlin. Men Arbeitsplatz ist eine wunderbare Einrichtung, die wirtschaftliche Situation ist besser als bei vielen anderen Einrichtungen, Personal ist ausreichend und auch ausreichend qualifiziert vorhanden und das Gebäude bietet mit verschiedenen Werkstätten, Sporthalle und Ruheräumen viele Möglichkeiten. Das Problem liegt anderswo, im Betriebsklima, jedenfalls wenn man es noch so nennen darf. Seit vier Monaten hat das Haus einen neuen Chef (ich gott sei Dank nicht, für mich ist jemand anderes zuständig). Dieser hat es fertiggebracht innerhalb von drei Tagen beinahe sämtliche meiner Kollegen gegen sich aufzubringen. Der Mann ist ein Arschloch ersten Grades, einen Freund von mir, ebenfalls Zivi hat er quasi ohne Grund strafversetzt, einen Praktikanten ebenso, Gesprächsbereitschaft gibt es nicht und somit werden ohne jede Diskussion seit Jahren bewährte Abläufe über den Haufen geworfen. Nun gut werdet ihr sagen, den Mann sieht man vielleicht zwei mal am Tag, ist ja kein Problem. Doch ist es. Einige meiner geschätzten Kollegen haben den Fehdehandschuh aufgenommen und treten dem Chef so oft auf die Füße wie nur möglich. Drei Kollegen sind langfristig krankgeschrieben, mehrere weitere alle drei Wochen mal kurzfristig. Wer darunter zu leiden hat muss ich nicht erwähnen, oder? Konsequenzen sind klar, die Beschäftigten zweier Werkstätten mussten auf andere aufgeteilt werden, unsere Kapazitäten sind prinzipiell zwar nicht überlastet, aber es ist im Normalfall an der Grenze zur vollen Auslastung. D.h. Gruppenräume sind überfüllt, der vorgegebene Betreuungsschlüssel von 1:6 oder 1:8 wird mal eben auf 1:12 erweitert und die Stimmung sowohl unter den Behinderten wie auch unter meinen Kollegen sinkt dem Nullpunkt entgegen. Inzwischen ist es so weit, dass der für mich und meine Gruppen zuständige Vorgesetzte von der Situation und v.a. dem Leiter der Werkstatt so angepisst ist, dass er beschlossen hat, dass wir (4 festangestellte Gruppenleiter mit 14 Behinderten und mir, dem Zivi) zum Februar umziehen. Klar, ist ja kein Problem, wir haben drei Schwerstbehinderte, die noch drei Jahre vor der Rente stehen und gerade vor zwei Wochen ihr 15-jähriges Dienstjubiläum bei uns gefeiert haben. Mehrere weitere haben die 50 schon deutlich überschritten, die Fähigkeit sich neuen Umgebungen anzupassen schwindet ja schon bei nicht behinderten Menschen mit dem Alter, bei geistig Schwerbehinderten ist sie in etwa gleich null. Ein weiterer Beschäftigter meiner Gruppe ist so gut wie blind, verliert sein Augenlicht immer weiter. Aber er hat einen Vorteil, er kennt sich im ganzen Haus super aus, kennt jeden Winkel und braucht im Haus selber seine Augen schon garnicht mehr....tja, bei UNS im Haus. Diese ganzen, ich bitte um Vergebung, Arschlöcher denken die ganze Zeit an sich selber und ihr jeweiliges, frisch erschaffenes Feindbild, der soziale Auftrag geht vor die Hunde. Verdammt, ich habe den Großteil der letzten drei Arbeitstage selbst mit Besprechungen mit meinen Kollegen verbracht, klar ist notwendig, zwei meiner Kolleginnen haben diesen Bereich der Werkstatt selbst mitbegründet, arbeiten seit über 15 Jahren da, die sind natürlich nicht glücklich damit und wollen wissen was jetzt passiert, aber Betreuung fand während dieser Zeit nicht statt. Ich würde das alles ja liebend gerne morgen auf unserer Betriebsversammlung zum besten geben, aber bedauerlicher Weise bin ich ausdrücklich nicht eingeladen, ich bin ja nicht festangestellt und Ende Mai schon wieder weg, aber bis dahin muss ich diesen ganzen Schwachsinn von allen beteiligten Seiten ertragen und sehen wie sich ein wunderbares Stück des deutschen Sozialwesens selbst zu Grunde richtet. |
| TheTurningPoint | [QUOTE][i]Original geschrieben von Darket [/i] [B]... Sie hat mir am Wochenende berichtet, dass ein festangestellter Kollege nach dem anderen gekündigt wird. ... d.h. selbst wenn diese 7 Tage die Woche arbeiten würden (was sie logischer Weise nicht können), würden mindestens in einer Schicht am Tag ausschließlich Praktikanten (bestenfalls, die sind ja meist in der Ausbildung), FSJler und Zivis arbeiten. ... in 10 Jahren wird es uns (auch nach inoffizieller Direktive des Bundesamtes für Zivildienst) schlicht nicht mehr geben, wir verschwinden zusammen mit der Wehrpflicht. ... Hartz-Leute her, kein Problem, aber bitte nicht so wie die Zivis und FSJler, die schon als vollwertiger Ersatz für ausgebildete Betreuer angesehen werden. [/B][/QUOTE]Was erwartest du von einer Gesellschaft, die sich in der Frage [b]"GELD ODER LEBEN?"[/b] für das Geld entschieden hat? [QUOTE][B]... meine Intention ist eigentlich eine andere ... Men Arbeitsplatz ist eine wunderbare Einrichtung, die wirtschaftliche Situation ist besser ... Seit vier Monaten hat das Haus einen neuen Chef ... Gesprächsbereitschaft gibt es nicht und somit werden ohne jede Diskussion seit Jahren bewährte Abläufe über den Haufen geworfen. ... Wer darunter zu leiden hat muss ich nicht erwähnen, oder? ... Inzwischen ist es so weit, dass der für mich und meine Gruppen zuständige Vorgesetzte von der Situation und v.a. dem Leiter der Werkstatt so angepisst ist, dass er beschlossen hat, dass wir (4 festangestellte Gruppenleiter mit 14 Behinderten und mir, dem Zivi) zum Februar umziehen. [/B][/QUOTE]Wieso bleibt ihr nicht da wo ihr seid, und schickt diesen "Chef" in die Wüste? Die sichtbare Verschlechterung der Betreuungs-Situation sollte doch Argument genug sein. Im Zweifelsfalle hilft manchmal ein unerwarteter Besuch eines Fernsehteams ... :rolleyes: [QUOTE][B]Ich würde das alles ja liebend gerne morgen auf unserer Betriebsversammlung zum besten geben, aber bedauerlicher Weise bin ich ausdrücklich nicht eingeladen, ich bin ja nicht festangestellt und Ende Mai schon wieder weg[/B][/QUOTE]Du könntest dort uneingeladen erscheinen, so wie die 13. Fee beim Dornröschen-Geburtstag ... Im Unterschied zu den fest angestellten Kollegen hast du nicht so viel zu verlieren - zumal dann, wenn du im Interesse der von dir betreuten Menschen handelst. Ich wünsche dir viel Kraft dazu! |
| Darket | [QUOTE]Wieso bleibt ihr nicht da wo ihr seid, und schickt diesen "Chef" in die Wüste? Die sichtbare Verschlechterung der Betreuungs-Situation sollte doch Argument genug sein. Im Zweifelsfalle hilft manchmal ein unerwarteter Besuch eines Fernsehteams ... [/QUOTE] Sichtbare Verschlechterung, klar, aber weswegen? Wegen Krankschreibungen und miesem Betriebsklima. Das kann kein Fernsehteam aufzeichnen und Krankschreibung heißt die Leute sind krank, weswegen weiß zwar jeder, aber nachweisbar ist da trotzdem nix. Warum dieser Penner nicht rausgeworfen wird ist mir ein Rätsel. Der Betriebsrat ist informiert, die Geschäftsleitung und die Personalabteilung ebenfalls. Und es wäre so einfach, das ganze geht seit Monaten und der Mann ist bis Ende diesen Monats noch in der Probezeit, aber offenbar wollen irgendwelche hohen Tiere in der Verwaltung auch wieder andere ausstechen und der Mann wird auch nach der Versammlung von heute Nachmittag bleiben. [QUOTE]Du könntest dort uneingeladen erscheinen, so wie die 13. Fee beim Dornröschen-Geburtstag ...[/QUOTE] Wenn ich da aufgetaucht wäre, wäre ich innerhalb von zwei Tagen strafversetzt worden, meinen erwähnten Kumpel haben sie für was ganz ähnliches drangekriegt. |