| Pelloquin | Die ganzen letzten Tage schon habe ich mit höchster Spannung die außergewöhnlichen Ereignisse in der Ukraine verfolgt: Zunächst vom Rest der Welt unbemerkt, zeichneten sich bei der Wahl zum neuen ukrainischen Premierminister Unregelmäßigkeiten ab (nicht unähnlich jenen in Florida vor vier Jahren, bzw. dieses Jahr...). Es stellte sich heraus, dass versucht wurde, die Wahl zugunsten des Russlandtreuen Noch-Premiers Janukowitsch zu manipulieren (Kugelschreiber, deren Tinte sich nach kurzer Zeit auflöste, was zur Folge hatte, dass die "Wahlhelfer" bei der Auszählung tausende "Blanko"-Wahlzettel vor sich liegen hatten, die sie dann "richtig" (Janukowitsch) ausfüllen konnten, waren noch das harmloseste). Die Wahlkommission veröffentlichte vorläufige Ergebnisse, die Janukowitsch mit Knappem Vorsprung (knapp 3 %) vor seinem Herausforderer, dem westlisch orientierten Juschtschenko zeigten. Die ukrainische Bevölkerung nun aber wollte dieses Ergebnis, das in keinem Falle den Willen des Volkes spiegelte, nicht annehmen und setzte eine Entwicklung in Gang, die als das endgültig Ende der Sowjetherrschaft und die Geburt einer ukrainischen Zivilgesellschaft beschrieben werden kann. Es geht hierbei nämlich nicht nur darum, wer in der Ukraine Ministerpräsident wird; es geht vielmehr darum, wie groß heute noch der Einfluss des Kremls in den ehemaligen Teilrepubliken der Sowjet-Union ist. Der Grund, warum mir die Ereignisse in der Ukraine so bedeutsam erscheinen: Hier wird deutlich, wie echte Demokratie entsteht. Nämlich von unten, nicht von oben verordnet... Im Moment sieht es ganz so aus, als ob das Volk gewinnt, denn schon sind weite Teile des Sicherheitsapparates zu den friedlichen Revolutionären übergelaufen, wird die Luft für die Tyrannen von des Kremls Gnaden dünner. Bald werden es nur noch die ca. 4 000 von Putin in die ukrainische Hauptstadt Kiew befohlenen russischen Soldaten und Panzer sein, die dem Volk der Ukraine im Wege stehen... Beten wir, dass sie sich den Befehlen ihres Führers verweigern werden, sollte es zu einer Konfrontation kommen. Hier nun könnt ihr die Entwicklung bis zum heutigen Tag nachlesen: [url="http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,druck-329305,00.html"]"Die ukrainische Staatsmacht löst sich zunehmend auf", 23. November 2004, 15:14[/url] [url="http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,druck-329348,00.html"]"Die ganze Welt soll zusehen", 23. November 2004, 19:32[/url] [url="http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,druck-329355,00.html"]"Spezialeinheiten gehen vor Präsidentenpalast in Stellung", 23. November 2004, 20:22[/url] [url="http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,druck-329496,00.html"]"Juschtschenko fürchtet Bürgerkrieg, ruft zum Generalstreik auf", 24. November 2004, 17Uhr35[/url] [url="http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,druck-329694,00.html"]"Der lange Atem der Männer vom Donbass", 25. November, 17Uhr31[/url] [url="http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,druck-329698,00.html"]"Gericht stoppt Machtübernahme Janukowitschs", 25. November 2004, 17:32[/url] [url="http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,druck-329695,00.html"]"Zum ersten Mal stolz auf mein Land", 25. November 2004, 19:11[/url] [url="http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,druck-329720,00.html"]"Opposition sperrt Janukowitsch aus", 26. November 2004, 07Uhr29[/url] [url="http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,druck-329786,00.html"]"Opposition bejubelt die Überläufer", 26. November, 12Uhr17[/url] [center][img]http://www.spiegel.de/img/0,1020,410366,00.jpg[/img] [size=1]Protest für eine besseres Land. In Kiew wie auch anderen Städten der West- und Zentralukraine spüren Hunderttausende Menschen die historische Chance, das von der Sowjetunion geerbte Staatssystem aus Bürokratie und Clanwirtschaft zu überwinden. [/size][/center] [center][img]http://www.spiegel.de/img/0,1020,411235,00.jpg[/img][/center] [color=black].[/color] |
| Darket | Ich fand ja den Bundestagsabgeordneten der SPD scharf, der meinte die Bundesrepublik würde keine Regierung tolerieren, die nicht von der Mehrheit des jeweiligen Volkes gewählt wurde...da werden doch seltsame Erinnerungen wach, oder? :rolleyes: Generell halte ich die Politik in den ehemaligen Ostblockstaaten für teilweise sehr gefährlich. Putins Ex-KGB Junta ist nur die Spitze des Eisberges. Sollte sich das Volk der Ukraine gegen die Staatsmacht den Sieg davontragen wäre das ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. |
| Pelloquin | Da werden in der Tat seltsame Erinnerungen wach, darket. Aber vielleicht werden die US-Amerikaner sich ja einmal ein Beispiel nehmen an den alten, vermeintlich rückständigen ehemaligen Sowjet-Republiken. Möglicherweise werden wir jetzt Zeuge des dritten Aktes des Endes der Sowjet-Union. Der 1. Akt war der Einmarsch in Afghanistan, der zweite der Fall der Mauer, und der dritte... die [i]wirkliche[/i] Freiheit aller Menschen im ehemaligen Ostblock. Denn schon heißt es: "Sie [die Demonstranten] sehen sich so sehr im Aufwind, dass sie überzeugt sind: Ihr Elan wird früher oder später auch in die Nachbarstaaten Weißrussland und Russland übergreifen. Sie hoffen: Was vor einem Jahr in Georgien möglich war - der Sturz der Regierung - ist jetzt in der Ukraine möglich - und später könnte es einmal Lukaschenko oder Putin treffen." ... :) Das macht mir Hoffnung. |
| Darket | Weißrussland ist dahingehend eigentlich noch weit eher fällig als die Ukraine. Schließlich ist es eine Oligarchen-Diktatur par excellance, gegen die die DDR ein Musterbeispiel der Demokratie war. |
| B.O.F.H. | [QUOTE][i]Original geschrieben von Darket [/i] [B] Generell halte ich die Politik in den ehemaligen Ostblockstaaten für teilweise sehr gefährlich. Putins Ex-KGB Junta ist nur die Spitze des Eisberges. Sollte sich das Volk der Ukraine gegen die Staatsmacht den Sieg davontragen wäre das ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. [/B][/QUOTE] Das wäre es in der Tat, ich habe trotzdem die Befürchtung, daß innerhalb der nächsten Tage oder ein bis zwei Wochen auf einmal russische Panzer in Kiev stehen könnten. Hoffen wir das es nicht so kommt. |
| Darket | Ich glaube nicht, dass die Russen dieses politische Risiko auf sich nehmen würden, es würde zu stark an den Prager Frühling und den 17.Juni gemahnen, dieses politische Risiko geht Putin nicht ein. |
| Pelloquin | Ich kann es mir auch nicht vorstellen, dass er es tut (ich bin mir sicher, er würde gerne, in Tschetschenien hat er auch nie gezögert). Aber die Ukraine ist schon Teil Europas, und wenn er dort seine Panzer auffahren lässt, das könnte die Beziehungen zu Europa mehr als empfindlich stören, und das kann Russland sich einfach nicht leisten, sowohl politisch als auch finanziell. |
| Darket | Im Vergleich zu Tschetschenien ist die Ukraine ein souveräner und international anerkannter Staat. Die sache könnte natürlich dahingehend kritisch werden, wenn die illegitime ukrainische Regierung um russische Unterstützung bittet... |
| Pelloquin | Hm... das ist ein schweres Geschütz, dass du da auffährst, darket. Wenn Janukowitsch das machen würde, hätte er mit Sicherheit den letzten Rest des Volksvertrauens verspielt. Und sollte die Russen scheitern (sie müssten Tausende töten), dann wird am Ende für Janukowitsch weit mehr als nur sein Amt auf dem Spiel stehen. Wie einer der Demonstranten sagte: Es gibt zwei Möglichkeiten, diese Krise zu lösen. Die eine ist die georgische Variante, bei der der damalige Staatschef Eduard Schewardnadse aus dem Amt gejagt wurde (aber am Leben blieb). Die andere ist die rumänische, bei der der rumänische Staatschef Cheaucescu 1989 des Amtes enthoben und - erschossen wurde. |
| B.O.F.H. | Vielleicht kommt ja auch Oppositionsführer Juschtschenko ganz zufällig bei einem Autounfall ums Leben.... Ich warte erst mal ab was die nächsten Tage passiert. |
| Apex | Na noch läuft das ganze ja sehr ruhig und besonnen ab, auch das quasi aufschiebende Urteil des obersten Gerichtshofes der Ukraine macht mir hoffnung, dass hier die Rechtsstaatlichkeit siegen wird. Denn schließlich darf ja jetzt kein neuer Präsident ausgerufen werden, was bedeutet dass das Amt erstmal bei Kutschma bleibt und die Regierung nicht wechselt. Die Sicherheitskräfte verhalten sich weitgehend friedlich und bekunden Solidarität mit den Demonstranden und das Militär bleibt neutral. Von daher stehen alle Zeichen auf eine friedliche Lösung, wie etwa eine Wiederholung der Wahl und eine Untersuchung des Wahlbetrugs. Putin wird sich wohl raushalten, einen Krieg gegen einen NATO-Partnerstaat wird er nicht wagen und ich bezweifle, dass Kutschma als amtierender Präsident die russischen Streitkräfte zu Hilfe rufen wird. Im übrigen haben die USA ja eindeutig Stellung bezogen. |
| TheTurningPoint | So sehr ich den Ukrainern Freiheit und ein besseres Leben wünsche. Allein die Tatsache, dass ausgerechnet der SPIEGEL die Aktionen nur in den höchsten Tönen lobt, macht mich in dieser Sache sehr misstrauisch. |
| Pelloquin | Warum das denn? |
| TheTurningPoint | Ich weiß es nicht. Ist einfach so ein laues Gefühl im Magen. Und die Verwunderung darüber, dass da irgendwer einfach so, ohne jegliche Gewinnabsicht, ein paar hundert Zelte, Plakate und andere Werbematerialien zur Verfügung stellt. Das sieht irgendwie alles ein wenig nach [URL=http://www.jaegermeister.de]"Sponsored by Jägermeister"[/URL] (oder wem auch immer) aus. :rolleyes: |
| Pelloquin | Ich glaube ich verstehe, was Du meinst. Und jetzt, da ich lese, dass verschiedene amerikanische Gruppierungen die Opposition in ihrer Vorgehensweise beraten haben, erscheint mir Deine Sorge nicht ganz unbegründet. Eigentlich ist es sogar recht offensichtlich; Putin ist bestrebt, den Einfluss des Kremls über die alten Sowjetrepubliken und gerade über die Ukraine, die über ein vergleichsweise hohes Wirtschaftspotential verfügt, aufrechtzuerhalten; die EU wiederum möchte die Ukraine aus vermutlich den selben Grunden für sich requirieren. Die Amis wiederum möchten sich gewiss ihren ganz eigenen Einfluß auf diese Region sichern. Nachfolgender Spiegel-Artikel beleuchtet diese Problematik: [url="http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,druck-329832,00.html"][/url] |
| TheTurningPoint | [QUOTE][i]Original geschrieben von Pelloquin [/i] [B][url="http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,druck-329832,00.html"][/url] [/B][/QUOTE]Dort steht u.a. zu lesen: ------------------------------------------ Doch Putin ... möchte die Flamme des sowjetischen Imperiums hüten ... Ohne 47 Millionen Ukrainer und deren Wirtschaftspotenzial von Kohlegruben bis zu Rüstungsunternehmen ist er nur der Chef einer Regionalmacht, dem jeder Anruf aus dem Weißen Haus den Angstschweiß in den Kragen treiben muss. Wohl auch deshalb hat die Osteuropa-Kennerin und Ex-US-Außenministerin Madeleine Albright schon früh auf Juschtschenko gesetzt. Sie ist derzeit Chefin der den US-Demokraten nahe stehenden National Democratic Institut, einer weltweit agierenden Stiftung, deren Kiewer Filiale Juschtschenkos Wahlkämpfer ausgebildet und betreut hat. In Juschtschenkos Stabsquartier hängt ein Foto, das ihn neben Albright zeigt, mit einem Blick wie ein dankbarer Enkel gegenüber einer großzügigen Oma. Auch das International Republican Institute der US-Republikaner und die Organisation "Freedom House", geleitet von Ex-CIA-Chef James Woolsey haben vor dem Ausbruch der Massenproteste deren Organisatoren geschult. Hinzu kommt: Juschtschenkos Frau Katherine war Mitarbeiterin des US-Außenministeriums. ------------------------------------------ Mein Magen scheint noch immer seine treuen Dienste zu leisten ... |
| Pelloquin | :) Ich muß aber sagen, dass ich im Zweifel und trotz allem die amerikanische "Demokratie" der russischen, oder vielmehr Putin'schen vorziehe... ;) |
| Allanon | [QUOTE][i]Original geschrieben von Pelloquin [/i] [B]:) Ich muß aber sagen, dass ich im Zweifel und trotz allem die amerikanische "Demokratie" der russischen, oder vielmehr Putin'schen vorziehe... ;) [/B][/QUOTE] Dem stimme ich zu, auch wenn ich nicht von amerikanischer Demokratie (die gibt es de facto nicht) sprechen möchte, sondern eher vom westlichen Einfluß. Trotz allem bietet es dem einzelnen Bürger mehr Freiheit. Freiheit die es dem ukrainischen Volk eher ermöglicht in Zukunft ihre eigenen Wege bestimmen zu lassen. |
| Tiberon | nur so als Einwurf .. man beachte die Form der Berichterstattung in Deutschland! [size=1]Es war ja schon fast von Wahlbetrug die Rede, als die Wahlzettel noch nichtmal gedruckt waren ..[/size] |
| TheTurningPoint | Noch einiges zum Thema: [URL]http://www.heise.de/tp/r4/artikel/18/18907/1.html[/URL] |
| Tiberon | wenn schon, denn schon .. ;) [url]http://www.heise.de/tp/r4/artikel/18/18916/1.html[/url] |
| B.O.F.H. | [URL=http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,330379,00.html]Nachtigall ick hör dir trapsen[/URL] |
| IbnSeth | Ich sehe das politische Engagement der amerikanischen Interessen in Osteuropa mit Sorge ; besonders seit sich die USA als "Moralmacht" darzustellen versuchen . |
| Ianus | moralmacht? lol! aber die dioxin-vergiftung ist schon ne harte sache. aber was ich mich frage: warum ist er denn nicht gestorben? wollte man ihm damit nur "drohen"? ist das ganze vllt sogar (mit oder ohne seiner einwilligung) insziniert worden? |