| Menedemos | Entschuldigt bitte den etwas plakativen Titel, aber ich möchte hier einen Mann würdigen, der eine Heldentat vollbracht hat und dafür bestraft wird. Ich weiß nicht, wieviele wissen, wer Rainer Heise ist. Heise war der Lehrer, der vor drei Jahren im Erfurter Gutenberggymnasium den Amokläufer Robert Steinhäuser in ein Zimmer eingesperrt hat und somit weitere Todesopfer verhindern konnte. Dafür muß er bis heute büßen. Bereits die Polizei hat ihn sechs Stunden verhört und versuchte ihm Widersprüche nachzuweisen und bezichtigte ihn zuerst der Lüge, dann der Übertreibung. Erst Monate später wurde vermeldet (natürlich ist diese Meldung untergegangen), daß sich nach Abschluß der Ermittlungen alles genauso zugetragen hatte, wie Heise es von Anfang an berichtete. Man hat ihm zum Vorwurf gemacht, daß er direkt nach dem entsetzlichen Geschehen in die Bäckerei gegangen ist und sich etwas Süßes gekauft hat. Dabei ist der Mann Diabetiker und war einer gefährlichen Unterzuckerung nahe. Alsbald bekam er gehässige Briefe, ja Morddrohungen. Auf der Straße wurde er jahrelang angepöbelt. Die Schuldirektorin, die selber KEINERLEI Anteil an der Beendigung des Blutbades hatte und die bereits wußte, in welchen Problemen Heise steckte, erdreistete sich in einem Interview zu sagen: "Ich hätte mir einen leiseren Helden gewünscht." (!) Otto Schily, der Innenminister, vergaß, folgend der allgemeinen Stimmung, Heise das versprochene Bundesverdienstkreuz zu verleihen. Der ganze Fall ist ein treffliches Beispiel der deutschen Neidmentalität, die in Ostdeutschland (aber nicht nur dort) anscheinend besonders wütet. Das soll keine Ossischelte sein, denn Heise war selbst ein Ostdeutscher. Für mich ist er nicht nur wegen seiner mutigen Tat, R.Steinhäuser einzusperren, ein Held, sondern auch, weil er ein Opfer derart bösartiger und sich vollkommen dem gesunden Menschenverstand entziehender Gehässigkeiten geworden ist. Die Schulleiterin, die heute von Bundeskanzler Schröder hofiert worden ist, sollte dagegen meines Erachtens suspendiert werden. |
| John.Coffey | "Bitte, bitte, nicht noch ein Opfer", sagte der Vater von Robert Steinhäuser der "Thüringischen Landeszeitung" und konnte es nicht verhindern das er doch eines wurde. Medienopfer. Ganz Kritiklos kann man an Heise allerdings auch nicht vorbei gehen. In der "Zeit" stand glaube ich das er nach dem Amoklauf über 500 Interviews gegeben hat. Meine überlegung, musste das sein? Und was wirklich paßiert ist damals kann niemand bestätigen, Steinhäuser hat sich selbst gerichtet und deshalb müssen (sollten) wir Herrn Heise glauben schenken. Zumindest meine Meinung. John |
| Sonnenfürst | [QUOTE][i]Original geschrieben von John.Coffey [/i] [B]das er nach dem Amoklauf über 500 Interviews gegeben hat. Meine überlegung, musste das sein?[/B][/QUOTE] Naja....es mag albern klingen, aber jeder Journalist giert danach, denjenigen zu interviewen, der das goldene Tor geschossen hat. Daß er dann auch die Interviews gibt, kann ich ihm nicht wirklich verübeln, zumal er es vielleicht auch als Möglichkeit sah, seine Version in den Köpfen der Menschen zu zementieren. Ob er nun wirklich der Held ist....das weiß nur er selbst. |
| Josef K. | [QUOTE]Das soll keine Ossischelte sein,[/QUOTE] Dann kannst Du auch gleich auf solche Einwürfe verzichten. Die beschriebenen Auswüchse jounrnalistischer Hexenjagden, sensationsheischender Spekulationen und (bewusster) verzerrter Darstellungen in den Medien sind spätestens seit dem sogenannten Geiseldrama von Gladbeck für jederrmann offensichtlich. Man muss sich eben nur hinreichend informieren und darf nicht jeden Mist glauben, der in der Zeitung steht. Ein interessanter Film zu den Auswüchsen medialer und staatlicher Hetz-Propaganda ist übrigens "Die verlorene Ehre der Katarina Blum" |
| Odessa | Ich sehe das wie Menedemos, es ist typisch GESAMTdeutsch, dass immer der, der Opfer schützt, sich am Ende auch noch dafür rechtfertigen darf. Und dann schreien die Leute aber wieder, daß hier die "soziale Kälte" einzieht, keiner mehr couragiert eingreift bei Verbrechen und und und.... Interviews geben - ja und, warum nicht? Anders KANN man hierzulande, bei der internet-/zeitungsbesessenen Mediengläubigkeit des Volkes, seine Meinung ja nicht unter die Leute bringen. |
| Beowulf | Das Buch finde ich um einiges besser. Aber auch nicht besonders gut. Was daran liegt, dass ich dieses vermeindliche Opfer Blum nicht ausstehen kann. In der Sache mit Rainer Heise bin ich unentschlossen. War es eine Heldentat oder nur eine Kurzschlussreaktion. Ich finde das in der Tat wichtig. Aber ein Opfer kann kein Held sein, nur weil es Opfer ist. Das er ein Opfer der Medien wurde macht ihn nicht zu einen Helden, höchstens zu einer tragischen Figur. Ob Rainer jetzt Held ist oder nicht, die Reaktion der Öffentlichkeit und der Zeilenhuren von Journalisten finde ich persönlich abstoßend. |
| decay73 | Held oder nicht spielt doch keine Rolle. Warum muß es eigentlich immer Helden geben? Kann man einen Menschen nicht einfach als Menschen betrachten? Dann braucht man auch niemanden künstlich höher stellen und er kann dann auch nicht wieder demontiert werden. Ich meine, was hat er denn anderes gemacht, als als Mensch gehandelt? |
| Mondsilbertaufe | [QUOTE]Der ganze Fall ist ein treffliches Beispiel der deutschen Neidmentalität, die in Ostdeutschland (aber nicht nur dort) anscheinend besonders wütet. Das soll keine Ossischelte sein, denn Heise war selbst ein Ostdeutscher.[/QUOTE] Ich bezweifle, dass der Fall Heise anders gelaufen wäre, hätte er sich ein paar Kilometer weiter westlich abgespielt, in Kassel z.B. Gerade bei derartigen Medienspektakeln sollte man skeptisch sein und Urteile nicht leichtfertig fällen. Weder die einen, noch die anderen. Meinungen werden leicht impliziert, indem hier etwas geschnitten, dort etwas gekittet wird. Wer sie einmal kennenlernte weiß, dass weder Frau Alt noch Herr Heise unsympatische Menschen sind. Ganz im Gegenteil: Heise gehörte zu meiner Zeit zu einem der beliebtesten Lehrer an der Schule und die Direktorin hat sich immer für die Schüler eingesetzt. Als ich noch dabei war, hat man mit dem Gedanken gespielt, aus dem Gutenberg ein Gerichtsgebäude zu machen und die Schule quasi wegzurationalisieren. Soweit ich weiß, war die Direktorin maßgeblich daran beteiligt, dass die Pläne verworfen wurden. Ich erinnere mich noch gut an Heises damaliges Interview, das permanent und über Tage hinweg ausgestrahlt wurde und leicht den Eindruck erweckte, er schmücke sich besonders gern mit dem Lorbeeren, die er geerntet hatte. Ob er allerdings auch zu den Opfern etwas sagen durfte, weiß man nicht. Zumindest für die Medien war die Schilderung der letzten Minuten Steinhäusers, welches von Heises Handeln erheblich beeinflusst wurde, von einzigem Interesse. Kein Wunder also, dass die vermeintliche Selbstdarstellung Heises den Menschen bitter aufgestoßen hatte. Ich bin mir sicher, den Mittelpunkt, in den Heise damals gerückt wurde, hatte er nie gewollt. Sein Handycap ist einfach, dass er ein guter Geschichtenerzähler ist, weshalb er auch so ein beliebter Lehrer besonders bei den Kleineren war. Woher sollen also Menschen, die ihn nie im Unterricht gesehen haben wissen, dass er kein egozentrischer Selbstinzenierer ist, sondern einfach nur ein sympatischer Opi, für den der Vorfall nicht minder schockierend war als für die anderen Opfer und der lediglich zur Aufklärung des Falles beitragen wollte? Es ist demnach fraglich, ob die Menschen in Kassel, Eschwege oder anderen Ortschaften, die kurz hinter Eisenach liegen, nicht genauso reagiert hätten. Und wenn dem doch so wäre, würde es mich arg wundern, dass akzeptiert wird, wie das Leid zahlreicher Menschen von einem Mann in den Hintergrund gedrängt wird, der alle 2 Minuten im Fernsehen zu sehen ist - schön auf einem Sessel drapiert, dramatisch erzählend, wie er Steinhäuser unschädlich machte, indem er ihn ins Zimmer lockte und einsperrte. Ein Held ist der Heise bestimmt, doch hat er dabei leider vergessen, dass die Kamera keine unwissende naive Schulklasse in der 7. Jahrgangsstufe ist, sondern ein Wolf im Schafspelz. Ost-West-Debatten haben in diesem Fall ausnahmsweise nichts zu suchen. Der frustrierte wie neidische, kindermordende und verwahrloste Ostdeutsche hat per se nichts mit Mediendarstellungen zu tun und fällt auch nicht überdurchschnittlich häufiger als Westdeutsche auf Meinungsmache der bunten Zeitungen herein. Wenn dem so wäre, würde er nicht rot wählen wollen. |
| Gazelle | Tja, und was ist mit dem Leid, das den Angehörigen der nicht erschossenen erspart blieb, weil Herr Heise den Massenmörder eingesperrt hat? Die Menschen sehen nur das Augenfällige. Eigentlich hätte der Mann das Bundesverdienstkreuz verdient. Wäre er vor laufenden Kameras zusammengebrochen, hätte er angefangen zu stottern und erstmal im Nachhinein einen "Schock" bekommen, wie sich das heutzutage ja gehört, wenn nur eine Ameise vom Balkon fällt, dann wäre das aktzeptabel gewesen, aber so , nein, das geht nicht. Der Held des 21. Jahrhunderts hat weinerlich und verlegen zu sein. |
| Apex | Hmhmhm...irgendwie ist mir das Ganze ja immernoch sehr suspekt. Herr Heise wurde ja häufiger sehr stark kritisiert, wenn nicht gar verunglimpft. Allerdings, so wie ich das damals mitbekam, mehr durch Kollegen und Mitschüler und weniger durch Außenstehende. Auch die Art mit der gegen Ines Geipels Buch gewettert wurde fand ich sehr...seltsam. Vielleicht ist es nur n kleiner Anfall von Paranoia, aber ich werde das gefühl nicht los, das irgendwas ist an der ganzen Sache damals nicht koscher gewesen ist. |
| Gazelle | Nun, da ich als staatlich geprüfte Professorin für Parapsychologie jedes Geheimnis lüften kann, hier die grausige Wahrheit über Heise: Steinhäuser war ihm hörig und das hat er ausgenutzt, um ihn zum Massenmord im Gym anzustacheln. Nachdem genügend Tote herumlagen, sperrte er den ihm willenlos ergebenen Steinhäuser ein. Dieser erkannte mit einem Mal schlagartig, in welche Lage Heise ihn gebracht hatte und erschoß sich. Währenddessen ging Heise, der abgebrühte Psycho, zum Bäcker um sich eine Mohnschnecke reinzubügeln. :rolleyes: |
| Apex | Wenn du das sagst wird es wohl so sein :rolleyes: |
| Menedemos | [QUOTE][i]Original geschrieben von John.Coffey [/i] [B]das er nach dem Amoklauf über 500 Interviews gegeben hat. Meine überlegung, musste das sein?[/B][/QUOTE] Und wer hat sich die Mühe gemacht sie zu zählen und aufgrund welcher Motivation?? Natürlich sind die Medien ein Teil des Phänomens, aber sie sind diesmal nicht im moralischen Sinne schuld. Denn es ist bestimmt in keiner Zeitung dazu aufgefordert worden, Heise mit dem Tod zu bedrohen. Natürlich hätte das im Westen im Prinzip auch passieren können, denn es handelt sich nach meiner Interpretation um ein deutsches Phänomen (allerdings erscheint mir der Osten manchmal als das noch etwas deutschere Deutschland). Es stellt sich mir die allgemeine Frage, ob wir keine Helden, keine positiven Figuren dulden können. Es geht ja nicht nur um den Fall Heise. Auch sonst stößt man ja allenthalben auf Mißgunst. Und zu den Äußerungen decays: Warum sollte man ihn nicht als Helden würdigen dürfen - UND als Menschen? Wenn man alle anderen Menschen mit Würde behandelt, dann darf man einen, der zahlreiche Leben gerettet hat, auch noch ein bißchen mehr ehren. Zumindest sollte man ihn nicht UNMENSCHLICH behandeln. Mag ja sein, daß er ein kleiner Aufschneider ist oder zumindest in den Medien so rübergekommen ist, aber angesichts seiner Leistung sollte man ihm das gnädig nachsehen. Und vielen, vielen Dank an Mondsilbertaufe für die hochinteressanten internen Einblicke! :) |
| Mac | Die ganze Stadt hat sich mit dieser Tat in Szene gesetzt. Statt die Ursachen aufzuarbeiten wurden aus Opfern Märtyrer. Sowohl die Reaktionen von Frau Alt wie Herrn Heise waren der Situation imho nicht angemessen. Aber das war die Reaktion des ganzen Landes nicht. Der Blick auf dieses Drama ist so unglaublich verklärt. Gerade in Erfurt, wie man bei Geipels Buch merkte was Apex schon ansprach. Und jetzt, mehr als drei Jahre danach, wird dieses Thema immer noch hoch stilisiert. Menschen sterben. Menschen werden geboren. Menschen ermorden andere Menschen. Menschen lassen Kinder verhungern. Das ist die wunderbare Normalität des Alltags. Ich würde das gerne ändern. Aber vielleicht sollte man sich fragen wieviel Aufmerksamtkeit man diesem [i]Einzelfall[/i] widmen sollte. Die Ursachen der Tat wurden nicht beseitigt, und werden auch nicht durch einen teuren Neubau ausradiert. Wie sich die Situation genau zugetragen hat wird man vermutlich erst erfahren wenn jemand in 100 oder 200 Jahren ein Geschichtsbuch schreibt und dafür recherchiert. Die Polizei hatte ja damals alle Mühe sich selbst zu organisieren ganz zu schweigen vom Rettungseinsatz. Wenn man sich da mal mit Rettungsdienstkollegen aus Erfurt unterhält ist es vielleicht auch besser wenn solche Informationen nicht an die Öffentlichkeit gelangen. Wenn Heise so gehandelt hat dann verdient seine Tat Aufmerksamkeit und Beachtung. Und er als Mensch. Eine andere Masse an "Opfern" wird aber auch gerne übersehen : Ich habe mir damals sehr ernsthaft überlegt ein T-Shirt anzufertigen mit dem Druck : "Ich bin im Schützenverein & ich spiele Counterstrike". Das Große Beben (eine der größten deutschen LAN-Parties) wurde damals abgesagt und auch ansonsten überlegte man mal wieder woran die bösen Computerspiele schuld sind und wie sozial degeneriert die Spieler selbst sind. Klasse Ursachenforschung. Herzlichen Glückwunsch! Mac |
| Mac | [QUOTE][i]Original geschrieben von Menedemos [/i] [B] (allerdings erscheint mir der Osten manchmal als das noch etwas deutschere Deutschland). [/B][/QUOTE] *hust* [QUOTE][i]Original geschrieben von Menedemos [/i] [B] Wenn man alle anderen Menschen mit Würde behandelt, dann darf man einen, der zahlreiche Leben gerettet hat, auch noch ein bißchen mehr ehren.[/B][/QUOTE] Dann fang schon mal an in der Straßenbahn vor Krankenschwestern und Ärzten und Feuerwehrleuten nieder zu knien. Und ich würde dann auch gerne geehrt werden..... Natürlich ist es nicht für jeden alltäglich anderen das Leben zu retten. Für manche aber schon. Das kann man würdigen. Aber auf angemessenem Niveau. Und bitte medial so rübergebracht das [i]!jeder![/i] dazu in der Lage ist oder zumindest sein sollte. Vielleicht nicht im Angesicht eines Amokläufers...aber...eigentlich....warum nicht? Selbst für ausgebildete Polizeikräfte stelle ich mir so eine Situation sehr sehr belastend vor wenn man nicht gerade zur GSG9 gehört. Einfach nur ruhig bleiben und nicht in Panik geraten? Schwierig sich das so vorzustellen. Könnte ich die Nerven behalten? Keine Ahnung. Mac |
| decay73 | @Menedemos Ach, wegen mir kannst du würdigen wen du willst. Ich mache da im Allgemeinen keine Unterschiede und würdige jeden, der entsprechend seinen Möglichkeiten als Mensch handelt, gleichermaßen. Also kann ich sie gleichermaßen würdigen, oder es gleich sein lassen, weil ich menschliches Verhalten für eine Selbstverständlichkeit halte und ich niemanden bevorzugen möchte, was aber unumgänglich wäre, würde ich versuchen, [i]alle[/i] entsprechend zu würdigen. Aus einer 'Gefühlswallung' heraus einen Held zu kreieren bedeutet aber, sich auf jemand bestimmtes zu konzentrieren und als Folge dessen alles andere mehr oder weniger auszublenden. Natürlich kann man sich einen solchen Menschen als Vorbild wählen, aber wäre es nicht besser, man würde aus Überzeugung selbst drauf kommen? Wie man an dieser Diskussion hier sieht, scheint das alles so ganz klar nicht zu sein. Besser wäre es, einjeder würde handeln ohne auf eine Belohnung zu schielen (wie es der Heise anscheinend ja wohl gemacht hat...das unterstelle ich ihm jetzt einfach mal) und aus dieser Geschichte seine Lehren für sein Leben und seine Handlungen ziehen. Heute gibt es viel Schlechtes obwohl immer wieder Helden geboren werden... |
| Menedemos | [QUOTE][i]Original geschrieben von Mac [/i] [B]*hust*[/B][/QUOTE] Oje, das hört sich aber ned gut an... Ich dachte, die Braunkohlekraftwerke seien mittlerweile abgeschaltet... ;) Sorry, war echt nicht bös gemeint. Ich kann mir bloß irgendwelchen Blödsinn nicht verkneifen, sobald er mir in den Sinn kommt. :rolleyes: Aber um auf den Grund des Räusperns zu sprechen zu kommen: Ich hatte mich nur gefragt, warum wir hierzulande keine Helden dulden (ist jedenfalls meine Theorie, daß es sich so verhält). Vielleicht hängt dies auch mit dem lutheranischen Protestantismus zusammen, dem ich ja bekanntermaßen kein besonderer Freund bin. Demnach gibt es ja eigentlich keine bösen und keine "besseren" Menschen, sondern alle sind Sünder (gleichwohl kommen alle in den Himmel). Ich denke schon, daß das gewissermaßen mentalitätsbildend war, auch noch mit Nachwirkungen auf die "säkularisierte" heutige Zeit. Nun sind aber die neuen Länder traditionell lutheranisch, allerdings kann ich mir sehr gut vorstellen, daß es ausgerechnet in Kassel, um das Beispiel aufzunehmen, ganz ähnlich gelaufen wäre. Auch den Nordhessen soll eine gewisse Mißgunst zu eigen sein, wie mir mal ein auf NW sehr berühmter Kasselaner gestanden hat. Im Osten kommt vielleicht noch ein gewisses Gleichheitsbewußtsein durch die sozialistischen Erfahrungen hinzu, was in anderen Zusammenhängen wiederum ja auch nicht schlecht ist. Jedenfalls gibt es innerhalb Deutschlands, wenn überhaupt, allenfalls graduelle Unterschiede. Wir haben alle ein Problem mit "Helden", wie ich meine. In manch anderen Nationen aber ist das ganz anders: In den USA z.B. wurden zum Beispiel im Zusammenhang mit Littleton Helden geradezu geschaffen, die gar keine waren. Um mal von MANOMANIACS schlimmer Seite zu zitieren: [QUOTE]Die 17-jährige Cassie Bernall wurde am 18. April 1999 Opfer eines Massakers an der High School von Littleton. Sie saß gerade in der Schulbibliothek, als die beiden Attentäter hereinstürmten. Einer von ihnen fragte: ???Glaubt hier jemand an Gott?“ Cassie stand auf und sagte: ???Ja!“ und kurz danach: ???Gott liebt auch dich!“ Voller Hass schrie er: ???Es gibt keinen Gott!“ und schoss ihr mitten ins Gesicht. Cassies Märtyrertod machte sie zu einer Heldin im ganzen Land. Sie war eine hingegebene Christin, die nicht nur darüber redete sondern sich dafür einsetzte. Sie half den Armen in ihrer Stadt, wollte Medizin studieren, spendete Haare für krebskranke Kinder. Sogar der damalige Präsident Bill Clinton äußerte sich über sie: ???Ich hoffe, dass die Welt erkennt, dass sie eine Märtyrerin im höchsten und edelsten Sinn war. Sie trat für ihren Glauben ein und starb.“ In einer Zeit in der viele Vorbilder und Helden keine moralische Aussagekraft mehr haben, strahlt ihr konsequentes Leben und ihr Sterben eine ganz besondere Kraft aus. Sie hatte ihr Leben ganz in die Hand Gottes gegeben. Sie vertraute darauf, dass seine Vorhaben auch für sie richtig waren. Ihr Vater war trotz ihres Todes voller Zuversicht: ???Dieses tragische Unglück wird dem Teufel mit größerer Macht ins Gesicht geschleudert, als es unser tapferes Kind traf.[/QUOTE] Meine Grundfrage ist eigentlich, ob wir "Helden" brauchen und wenn ja, in welchem Maße. Wie wichtig sind "Helden", um schreckliche Ereignisse zu verarbeiten? Und wie wichtig sind "Helden" als pädagogische Vorbilder? Möglicherweise bedarf es gar keiner "echten" Helden, vielleicht waren weder Heise noch Bernall Helden. Aber nach außen hin entscheidend ist, als was sie nach außen hin gehalten werden. decay wendet ein, daß man sich auch ohne Heldenvorbilder vorbildlich verhalten kann. Das mag sein, aber wie häufig kommt das vor? Und noch mal zu Macs Vergleich mit dem medizinischen Personal: Nun ja, bei jenen ist es ja ihr Beruf, Menschen zu helfen. Außerdem bringt sich ein Chirurg bei der OP in aller Regel nicht selbst in Gefahr. Ich denke, das ist schon ein Unterschied. Gleichwohl verdienen natürlich Mediziner und Sanitäter hohen Respekt, die sich für ihre Patienten wirklich einsetzen und mehr als Dienst nach Vorschrift leisten (letzteres zumindest trifft wohl mittlerweile für jeden in diesem Bereich Tätigen zu). |
| decay73 | [QUOTE][i]Original geschrieben von Menedemos [/i] [B]decay wendet ein, daß man sich auch ohne Heldenvorbilder vorbildlich verhalten kann. Das mag sein, aber wie häufig kommt das vor? [/B][/QUOTE] Natürlich viel zu selten, aber ich gebe mir größte Mühe. ;) |
| Aza | sry, aber is der Thread nich total sinnlos ? Naja.. Ich hab auch kein Bundesverdienstkreuz bekommen... Dabei hab ich mich schon ganz oft um Igelchen im Herbst gekümmert.. und ? Über mich schreibt keiner -.- *blubbel* |
| Darket | Als Helden werden meist diejenigen angesehen, die in besonderen Situationen, in denen sie ein persönliches Risiko tragen, mehr tun als sie tun müssten. Das naheliegenste für Herrn Heise war wegzulaufen, er hat es nicht getan und bietet sich daher als Heldenfigur eigentlich an. Ob gerechtfertig oder nicht weiß ich nicht, aber ich weiß, dass ich gelaufen wäre. @Aza Klemm Dir das! Comprende? |
| Aza | Huh, mal nicht so aggressiv ! Es gibt einfach zuviele Helden, als dass sie alle geehrt werden... Mensch..^^ Außerdem is der Befehlston in nem Forum total fehl am Platze =) |
| Darket | Genauso wie die bloße Aussage, dass Du diesen Thread sinnlos findest. Dies ist ein Diskussionsforum, will heißen Du diskutierst oder lässt es bleiben. |
| ashipisburning | Es braucht Helden, ja. Kleine wie große. Und Vorbilder. Es wäre wirklich sehr erstrebenswert, decay, wenn man sie nicht erwähnen müßte. Aber leider muß man sie immer wieder erwähnen, vielleicht gar ehren. Natürlich nicht nur Herrn Heise, sondern alle die helfen und nicht wegsehen. Weil es eben nicht oder nicht mehr selbstverständlich ist. Leider. @Menedemos Ich weiß nicht, haben wir wirklich ein Problem mit Helden? Ich glaube nicht. Und auch Herr Heise wurde geehrt, vielleicht nicht mt dem Bundesverdienstkreuz, aber immerhin: [COLOR=DARKGREEN] D A S M A S S A K E R Ein real existierender Held Josef Joffe Ein Held muss "unerhörte Taten" vollbringen, mutig, ritterlich und selbstlos sein, opferbereit bis zum Tod. Seit vorigem Freitag hat Deutschland einen solchen Helden, der den real existierenden Mythos verkörpert. Er heißt Rainer Heise und ist Lehrer am Gutenberg-Gymnasium. Er hat sich dem Killer in den Weg gestellt, ihm in die Augen geblickt. Er hat sein Leben aufgeboten, um das Leben von anderen zu retten. Er hat die "unerhörte Tat" vollbracht, vor der die allermeisten von uns sich weggeduckt hätten. Er hat allein gehandelt, wie es sich für einen richtigen Helden geziemt. Er hat, last but not least, den Ring des Banalen gesprengt, der so viele unserer "Helden" umschließt. Er sei unser Vorbild, Pardon, "Rollenmodell". [/COLOR] Die Zeit, 19/2002, direkt nach dem Massaker. |
| Gazelle | Wenn keine Helden vonnöten wären, weshalb heißt dann die gleichnamige Popgruppe so?;) |
| Montrose | [QUOTE]oder es gleich sein lassen, weil ich menschliches Verhalten für eine Selbstverständlichkeit halte[/QUOTE]Ich glaube nicht, daß es selbstverständlich ist, auf einen bewaffneten Amokläufer zuzugehen. Die Angst und die Unkontrollierbakeit der damaligen Situation wird darin deutlich, daß Heise keinen Weg sah, den Amokläufer vom Selbstmord abzuhalten, sondern stattdessen die Tür abschloß/abschließen mußte. Der Begriff "menschliches Verhalten" erscheint mir etwas merkwürdig gewählt. Denn daß jemand zu eine Waffe greift und mal ein paar umnietet, ist ja genauso menschliches Verhalten. Menschlich ist alles was Menschen tun. So what? [QUOTE]In der Sache mit Rainer Heise bin ich unentschlossen. War es eine Heldentat oder nur eine Kurzschlussreaktion. Ich finde das in der Tat wichtig.[/QUOTE]Ich nicht. [QUOTE]Aber ein Opfer kann kein Held sein, nur weil es Opfer ist. Das er ein Opfer der Medien wurde macht ihn nicht zu einen Helden, höchstens zu einer tragischen Figur.[/QUOTE]Held und tragische Figur sind fast meist identisch. Der Held tut etwas, was andere nicht tun .... und das isoliert ihn. [QUOTE]Warum muß es eigentlich immer Helden geben? Kann man einen Menschen nicht einfach als Menschen betrachten?[/QUOTE]Ich kapier nicht diesen verkrampften Zwang zum Mittelmaß und zur Demontage. Wenn ich einen Menschen als Helden sehe ....und wenn es nur mein Hausarzt ist ... spreche ich ihm eine Einzigartigkeit zu. Und indem ich ihm das zuspreche, handle ICH "menschlich". Und das ist ja auch was wert. [QUOTE]Natürlich kann man sich einen solchen Menschen als Vorbild wählen, aber wäre es nicht besser, man würde aus Überzeugung selbst drauf kommen?[/QUOTE]Das ist nicht der Punkt. Der Punkt ist ein ganz anderer. Wir erleben im Alltag, wie der Bescheisser, der Kaltblütige, der Bluffer seinen Erfolg ungestraft mitnehmen kann. Beliebt ist er sowieso. Und indem man ab und zu mal einen "tragischen Helden" ehrt, der halt mal was macht, was in eine ganz andere Richtung geht, ist das irgendwie für alle "tragischen Helden", für alle, die sich opfern und gar nichts davon haben, ein Zeichen, daß sie ---trotz eines meist ganz anderen Belohnungssystems in dieser Welt --- doch nicht so falsch liegen. [QUOTE]Statt die Ursachen aufzuarbeiten wurden aus Opfern Märtyrer.[/QUOTE]Es wurde ja aufgearbeitet. Thüringen hatte damals eine Schulprüfungsordnung, die den Amokläufer in eine ausweglose Situation brachte. Diese Prüfungsordnung wurde geändert. So betrachtet hatte der Amoklauf sogar einen Sinn. Ein bißchen kam mir natürlich auch der Gedanke, daß Heise und die anderen Lehrer vielleicht erst dazu beigetragen haben, daß es zum Amoklauf kam. Als ich aber mal eine Reportage sah, war eigentlich ganz klar, daß der Amokläufer auf der falschen Schule war. Und Lehrer können nicht einfach aus sozialen Gründen einen, der ---laut Reportage --- völlig demotiviert und abgekapselt war, mit Dingen belohnen, die er sich nicht verdient hat. Das wäre kontraproduktiv. Vielleicht sind ja alle Lehrer Helden, weil sie es wagen, einem anderen Menschen eine Sechs zu geben. Wenn ich hier mal am Board versehntlich das Wort "dumm" in den Mund nehme, werde ich ja fast schon gelyncht. Ein Lehrer aber, der muß das jeden Tag in irgendeiner Weise zum Ausdruck bringen. Und nicht in einer virtuellen Welt, sondern vor Menschen aus Fleisch und Blut .... mitsamt seinen erzürnten und ehrgeizigen Eltern. [QUOTE]Wenn keine Helden vonnöten wären, weshalb heißt dann die gleichnamige Popgruppe so?[/QUOTE] I will be king And you You will be queen Though nothing will Drive them away We can beat them Just for one day We can be heroes Just for one day (David Bowie) ;) |
| Odessa | ...and we can be heroes, forever and ever... - ein tolles Lied, immer wieder und immer noch ;-) ---- Wir erleben im Alltag, wie der Bescheisser, der Kaltblütige, der Bluffer seinen Erfolg ungestraft mitnehmen kann. Beliebt ist er sowieso. ---- Das erschreckt mich auch so. Da gibt es Filme, die Massenmörder auch noch als "coole Typen" feiern. Und mir wird schlecht, wenn ich "Kids" (Kinder sagt man heute ja nicht mehr, klingt wohl wirklich auch zu "niedlich") im Bus reden höre über irgendwelche psychopathischen "Figuren", die "ey, da einfach hingegangen sind und den dann sowas von umgenietet haben, boah, da hat´s nur noch geblutet und voll Gemetzel, ey"... (vom sprachlichen Graus mal ganz zu schweigen - braucht man sich dann wundern, wenn diese Kinder als 25jhr. so verroht sind, daß sie nicht mal mehr hinschauen, wenn vor ihren Augen ein Mensch zusammengeschlagen wird - geschweige denn daß sie helfen würden?) Ich weiß nicht... ich mag Helden. Hatte immer irgendwelche. Und wie Mac schon schrieb - ich knie tatsächlich vor Feuerwehrleuten (seit einer Woche erst recht) und Sanitätern und Ärzten und Polizisten und ja, auch Bundeswehrsoldaten. Es ist NICHT selbstverständlich, sein Leben täglich für Andere aufs Spiel zu setzen. Und sich dafür auch - hierzulande - meist negativ anreden lassen zu müssen, denn die einseitigen Schlagzeilen mancher Gazetten und Diskussionsrunden-Verläufe ("Die Polizei hat schuld", "Der Arzt hat schuld", "Die Sanitäter waren zu langsam" blablabla) sorgen ja schon regelrecht dafür, daß sich Helfer - Menschen mit Rückgrat, Zivilcourage und auch fast schon unanständig "unkorrektem" gesundem Menschenverstand - in Zukunft mehr und mehr überlegen werden OB sie überhaupt noch helfen sollen. Ich habe mal einer Nachbarin geholfen, deren Mann sie täglich grün und blau schlug. Er hat auch ihre kleine Tochter geschlagen, mehr als "unsittlich" angefaßt und immer wieder auch den noch jüngeren Sohn der Frau mißhandelt. Die Frau selbst war ihm "hörig", wie sie immer dümmlich vor sich hin weinend sagte, wenn sie mal wieder blutend auf meiner Couch saß. Als ich mitbekam, daß die Kinder die gleiche Hölle mitmachten, erstattete ich sofort Anzeige, meldete den Vorfall beim Jugendamt in Miesbach und die Kinder wurden binnen 24 Stunden von dieser Frau weggeholt. Sie leben jetzt immer noch - endlich in Ruhe und nach zwei Psychotherapien auch wieder relativ "angstfrei" - bei ihrem Vater (dem 1. Mann der Frau). Der Leiter des Jugendamtes "widmete" mir einen Brief, worin er sich für "Courage" und "Nicht wegschauen" bedankte. Die anderen Nachbarn und Freunde der Frau hätten das ja schon längst mitbekommen müssen, taten es auch - aber hielten "sich raus". Weil man ja "nichts Genaues weiss" und "es einen ja auch nix angeht". Ich denke, es geht mich verdammt viel an, wenn 50 meter neben mir zwei Kinder geschlagen und mißbraucht werden, und mir ist dabei dann reichlich egal, ob die Mutter dieser Kinder, nur weil sie dem Schläger "hörig" ist und seinen, sorry, Schwanz dringender braucht als das Leben ihrer Kinder, dann auf mich sauer ist. Sie war es nämlich und hat dann keine Gelegenheit ausgelassen, mich im halben Ort schlechtzumachen. Als "Denunziantin" wurde ich von ihr bezeichnet, als "Satanistin" (schwarze Kleidung und schwarze Katze und dann noch nicht mal in der Kirche, oho) die ihre Kinder verhext hätte usw. usw. Ich zog letztendlich um. Weil - obwohl mir die Leute glaubten und sie meinen Einsatz gut fanden - ich kein "normales" Leben mehr hatte in diesem Miesbach, mit den Anfeindungen dieser Frau nebenan. Soviel dazu, wenn man sich einmischt.... |
| Gazelle | @Odessa Dafür hast Du sicher einen Preis verdient! Wobei Du schreibst, daß die Kinder nun bei ihrem Vater leben, anscheinend geht es ihnen dort gut. Weshalb mußten sie erst durch die Stiefvater-Hölle? Welches Gericht hat das entschieden, welcher Richter, welcher Gutachter wird jetzt für die Schläge und den sexuellen Mißbrauch zur Verantwortung gezogen? Weshalb mußte der Vater mit ansehen, daß die Kinder gequält wurden und nun bis zum Lebensende die Gewissensbisse ertragen, daß er das nicht verhindert hat? |
| Menedemos | [QUOTE][i]Original geschrieben von Montrose [/i] [B]Ich kapier nicht diesen verkrampften Zwang zum Mittelmaß und zur Demontage. Wenn ich einen Menschen als Helden sehe ....und wenn es nur mein Hausarzt ist ... spreche ich ihm eine Einzigartigkeit zu. Und indem ich ihm das zuspreche, handle ICH "menschlich". Und das ist ja auch was wert. [/B][/QUOTE] Sehr gut gesagt! :) ashipisburning zitierte aus der Zeit: [quote] Ein Held muss "unerhörte Taten" vollbringen, mutig, ritterlich und selbstlos sein, opferbereit bis zum Tod. Seit vorigem Freitag hat Deutschland einen solchen Helden, der den real existierenden Mythos verkörpert. Er heißt Rainer Heise und ist Lehrer am Gutenberg-Gymnasium. Er hat sich dem Killer in den Weg gestellt, ihm in die Augen geblickt. Er hat sein Leben aufgeboten, um das Leben von anderen zu retten. Er hat die "unerhörte Tat" vollbracht, vor der die allermeisten von uns sich weggeduckt hätten. Er hat allein gehandelt, wie es sich für einen richtigen Helden geziemt. Er hat, last but not least, den Ring des Banalen gesprengt, der so viele unserer "Helden" umschließt. Er sei unser Vorbild, Pardon, "Rollenmodell". Die Zeit, 19/2002, direkt nach dem Massaker.[/quote] Ja, er wurde in den ersten Tagen als ein Held bezeichnet. Doch dann wurde die Stimmung zumindest am Ort des Geschehens gehässig. Und alle, der Bundesinnenminister, die Medien, alle diejenigen, die ihn zunächst einen Held genannt haben, zogen den Schwanz ein. Wahrscheinlich waren sie immer noch der Meinung, daß er eine anerkennenswerte Tat vollbracht hatte, aber sie trauten es sich nicht mehr zu sagen. Der Minister, weil er um Wählerstimmen fürchtete, die Zeit, weil sie fürchtete, gegen den "Zeit-Geist" zu schreiben... Es kann manchmal auch schon eine kleine Heldentat sein, jemanden zu stützen, zu jemandem zu halten, dem von der Allgemeinheit übel mitgespielt wird. Nein, eigentlich ist das keine Heldentat, sondern sollte selbstverständlich sein, aber selbst das bringen die wenigsten fertig. Vielleicht kommen sie auch erst gar nicht auf die Idee - weil es zu wenige gute Vorbilder gibt... |
| decay73 | [QUOTE][I]Original geschrieben von Montrose[/I] [B]Das ist nicht der Punkt. Der Punkt ist ein ganz anderer. Wir erleben im Alltag, wie der Bescheisser, der Kaltblütige, der Bluffer seinen Erfolg ungestraft mitnehmen kann. Beliebt ist er sowieso.[/B][/QUOTE] Doch, das ist der Punkt. Wären alle, die sich Christen nennen, tatsächlich Christen, hätten wir weniger Probleme. Wüden sich mehr Menschen wirklich mit dem auseinandesetzen und versuchen danach zu leben, auch. Aber offfensichtlich gibt es da ein Kommunikationsproblem. Oder den Leuten wurde nicht beigebracht, daß man nicht nur Sonntags Christ ist. Aber einen Helden zu kreieren bring in meinen Augen wenig bis gar nichts. Es wird doch immer wieder über Helden berichtet, ihnen die Hand geschüttelt, vielleicht sogar das Bundesverdienstkreuz verliehen, und was bringt es? Eine Woche später ist er vergessen. Vielleicht wird er dann zum Jahrestag nochmal hervorgekramt. Ich predige auch nicht Mittelmaß und Demontage, sondern möchte, daß das Maß generell wieder angehoben wird und möglichst jeder zu einem potentiellen Helden wird - im alltäglichen Kleinen wie im Großen; jeder nach seinen Möglichkeiten und [i]jeder[/i] kann Held sein, ohne gleich sein Leben aufs Spiel setzen zu müssen. |
| Josef K. | Der größte deutsche Held war unbestritten Heinrich der Erste. So. Ansonsten ist das unreflektierte Erschaffen von Helden Schwarz-Weiß-Malerei der übelsten Sorte. Vom Helden zum Übermenschen und Führer ist es dann nicht mehr weit. Gerade das Beispiel USA zeigt, was daraus werden, wenn z.B. Leinwandhelden ins Präsidenten- oder Gouverneursamt gehievt werden. Menschen sind in der Lage, zugleich heldenhaft als auch verwerflich oder unmenschlich zu handeln. Deutsche Soldaten im zweiten Weltkrieg handelten zum einen heldenhaft, weil sie sich den Arsch für die Heimat aufgerissen und selbst in verlorenen Situationen nicht aufgegeben haben; zum anderen handelten sie pervers und unmenschlich, weil zumindest einige von ihnen Kriegsverbrechen begangen und Zivilisten massakriert haben. (das Wort "Deutsche" kann man natürlich auch durch "Russische" ersetzen) Abgesehen davon gibt es keine eindeutige oder gar objektive Definition für heldenhaftes Tun. [QUOTE]Es braucht Helden, ja. Kleine wie große. Und Vorbilder.[/QUOTE] Dieses ES braucht vermutlich nur deshalb Helden und Vorbilder, weil es selbst nicht zu einzigartigen Leistungen und menschlicher Größe fähig ist. Der Umstand, sich eingestehen zu müssen, zu einer eigentlich selbstverständliche Tat persönlich nicht fähig gewesen zu sein - sei es aus Feigheit oder Egoismus - führt zu einer Hassliebe zum "Helden", den man einerseits bewundert und anderewrseits beneidet. So wird das auf diese Weise geschaffene Denkmal beizeiten wieder vom Sockel gestoßen und mit Schmutz beworfen. |
| Odessa | Die meisten der Menschen, die Einzigartiges geleistet haben, hatten aber Vorbilder und "Helden". Als Kind vielleicht den - was weiss ich - Winnetou und Robin Hood (war bei mir zumindest so), und als Erwachsener einen Mahatma Gandhi oder einen Martin Luther King oder die Geschwister Scholl. Ich wüsste nicht, was daran falsch sein soll. Ein Vorbild zu haben heisst ja nicht, daß man blind-dämlich einem "Idol" nacheifert (das wäre Fan-atismus und reichlich unreif). Wenn ich ein Vorbild habe (bei mir war es u. a. auch meine Großmutter, eine mehr als tapfere Frau), dann HABE ich ja bereits meinen Weg gefunden und weiss, was "gut" und richtig ist, an menschlichen Werten und Verhaltensweisen. Und "erkenne" dann die Menschen, die "meinen" Weg auch gingen oder gehen und mir "mentale Unterstützung" sein können, eben ein Vorbild :-). Zivilcourage, eigene Meinungen auch gegen den "mainstream" und gegen den political-correctness-Wahn vertreten, sich selbst treu bleiben - das alles kann ich tun, auch wenn mir auf diesem Weg einige "helle Lichter" als Ansporn (Trost, Mutmacher?) dienen. Worin ich Dir zustimme, ist das Hassliebe-Phänomen, ich nenne es auch gerne das "Ikonen - Feindbild"-Problem. Menschen hängen sich an jemand, stilisieren ihn hoch (ohne den Menschen selbst auch nur ansatzweise zu kennen oder ihn gar gefragt zu haben ob er das denn möchte, diese reichlich penetrante und beschämende "Verehrung" ohne Grund) ... und wenn dann der MENSCH hinter der "Ikone" wagt, einfach er selbst zu sein und sich nicht "wie erwünscht" verhält (weil er ja auch nie "so war" oder "vorgab so zu sein", wie "Masse" ihn haben wollte in ihrem Glorifizierungswahn), dann hagelt es Intrigen, gehässig-enttäuschte Demontagen, Hetzreden/schriften, Hohn, Beleidigungen.... Und aus der Ikone, dem Held, wird ein Feindbild. Projektionsfläche für die eigenen Unzulänglichkeiten. |
| Mondsilbertaufe | [QUOTE]Ich hatte mich nur gefragt, warum wir hierzulande keine Helden dulden (ist jedenfalls meine Theorie, daß es sich so verhält). [/QUOTE] Aber wir haben doch Helden! Sogar sehr viele. Sie kommen nur aus einem anderen Metier als der Herr Heise. Unsere Helden können Auto fahren, singen, schauspielern oder einfach hübsch aussehen. Was sie alle gemeinsam haben: sie verstehen sich bestens auf "Merchandising", Kameras mögen sie besonders gern und die Kameras mögen sie. Die Zeiten, in denen Menschen aufgrund ihrer außerordentlichen Leistungen, wie z.B. das Werfen eines Speers über eine große Entfernung mit Anerkennung, Ansehen und Reichtum belohnt worden sind, sind schon lange vorbei. Deutsche Werfer sind die Stiefkinder der Leichtatlethik und nur zu gebrauchen, wenn es um den internationalen Medaillenspiegel geht. Sie ziehen den Karren aus dem Dreck, ersparen der deutschen Leichtathletik eine große Peinlichkeit und holen als einzige Medaillen in der Weltmeisterschaft. Wer die Deutsche Leichtathletikmeisterschaft dieses Jahr verfolgt hat, dürfte die Werfer allerdings kaum wahr genommen haben. Die Helden sind immer noch Läufer und Stabhochspringer mit albernen Sonnenbrillen und fetten Werbeverträgen. Außerordentliche Leistungen scheinen nur aus der Organisation irgendwelcher Termine zu bestehen. Wie mit den Werfern verhält es sich mit den Alltagshelden: Menschenleben zu erhalten, Kinder aus brennenden Häusern zu retten, Gangster unschädlich zu machen ist zwar löblich, aber nicht heldenhaft.[QUOTE]Meine Grundfrage ist eigentlich, ob wir "Helden" brauchen und wenn ja, in welchem Maße. Wie wichtig sind "Helden", um schreckliche Ereignisse zu verarbeiten? [/QUOTE] Natürlich brauchen wir die Helden! Und die "vergessenen" ganz besonders. Ein heldenfreies Land ist gar nicht vorstellbar. Hm, vielleicht gibt es aber auch zuviele davon. Vielleicht wüßte man die Helden mehr zu schätzen, wären sie mal einen Tag nicht da... |
| Menedemos | Ich kann Odessa nur zustimmen. Oder glaubt jemand, daß Leute wie Mahadma Gandhi, Martin Luther King oder die Geschwister Scholl als Vorbilder gar nichts wert sind? Haben sie nicht zumindest ein paar Menschen zum Nachdenken und zum Nachahmen angeregt? Genauso wie schlechte Vorbilder ihre Nachahmer finden (ohne das Massaker in Littleton wäre das in Erfurt wahrscheinlich nicht geschehen), so finden auch gute Vorbilder ihre Nachahmer. Und deshalb sollten wir auf "Helden" nicht verzichten (auch wenn wir sie nicht unbedingt so nennen müssen) und wir sollten sie nicht bewußt demontieren. Und zu den Helden früher und heute: Ich wünsche mir weder einen Speerwerfer noch einen schleimigen Talkmaster als Helden. So kurz nach dem 2. WK galten mal die Friedensstifter als die großen Helden. Das sind auch die einzig würdigen, und so sollte es wieder werden. P.S. @ Odessa: Ich empfinde übrigens großen Respekt für deinen Einsatz für diese Kinder! :) |
| Darket | [QUOTE]So kurz nach dem 2. WK galten mal die Friedensstifter als die großen Helden. Das sind auch die einzig würdigen, und so sollte es wieder werden![/QUOTE] Dem kann ich mich zu 100% anschließen! |
| decay73 | [QUOTE][i]Original geschrieben von Menedemos [/i] [B]Oder glaubt jemand, daß Leute wie Mahadma Gandhi, Martin Luther King oder die Geschwister Scholl als Vorbilder gar nichts wert sind? [/B][/QUOTE] Worum geht es denn nun? Held oder Vorbild? Wenn Mahatma Gandhi noch leben würde könntest du ihn ja fragen, was er von einer Hochstilisierung seiner Person als "Held" halten würde. Vermutlich gar nichts. Alle sind gleichviel wert. "Alltagshelden", gute Vorbilder oder einfach nur Durchschnittsmenschen, deren gute Taten verborgen bleiben, oder die, die garkeine Helden sind. Jeder ist unübertrefflich in diesem Universum und jeder hat sein eigenes Leben zu leben. Wer will sich wirklich anmaßen, ein Urteil zu fällen, wer der bessere ist? [color=white][i]Kodo Sawaki sagte einmal:[/i] [b]Ich habe noch niemals jemanden gelobt, denn alle kennen ihre guten Seiten selbst am allerbesten. Sogar noch besser, als sie eigentlich sind.[/b][/color] |
| Apex | [QUOTE]So kurz nach dem 2. WK galten mal die Friedensstifter als die großen Helden. Das sind auch die einzig würdigen, und so sollte es wieder werden.[/QUOTE] Fantastische Aussage...schade das diese Zeit so schnell vorbei war, als es einem Kanzler gelang gegen den bekundeten Willen vieler Deutscher eine Wiederbewaffnung durchzuführen. Die Losung "Nie wieder!" und ihre geistigen Stützpfeiler, sie sollte für jeden ein Vorbild sein. "Es gibt keinen Weg zum Frieden, denn Frieden ist der Weg." -Mahatma Gandhi "Schießenderweise verändert man nicht die Welt, man zerstört sie" -eine junge Ulrike Meinhof Wirkliche Helden brauchen keine Denkmäler oder Gedenktage, sie brauchen keine Verehrung. Sie geben uns einen Orientierungspunkt, sie prägen einen durch ihre Worte und Taten und wenn man sich ein Beispiel an ihnen nimmt und ihnen nacheifert werden sie immer präsent sein. |
| decay73 | @Odessa: Er ist weder mein Held, noch mein Vorbild. Er ist ein "Lehrer". Wie ein Englischlehrer, der einem zeigt, wie die Aussprache eines Wortes geht. Die Worte lernen und englisch reden muß man aber selbst. Mehr nicht und mehr wollte er auch nie sein. Jeder muß seinen eigenen Weg gehen und man sollte sein Leben nicht damit vergeuden, anderen hinterherzurennen, denn man wird eh nie genau so sein können, wie sein Lehrer. |
| Odessa | :) Danke. Das deckt sich gut mit dem, wozu ich "Vorbild" sage...Lehrer oder "Weiser Ratgeber", ja, das träfe es auch ;-) |
| ashipisburning | @Menedemos Meines Erachtens ist es wichtig, daß Herr Heise erstmal als Held anerkannt wurde. Was danach passierte, kann man natürlich den bösen Medien zum Vorwurf machen oder irgendwelchen mißgünstigen Menschen. Und sich fragen, warum - wie du schreibst – die Stimmung umschlug, warum sie sich nicht mehr trauten ihn als Helden zu bezeichnen. Ich habe mich an den einen Artikel erinnert, nicht daran, wie er später angeblich demontiert wurde. Das mag vielleicht daran liegen, daß ich 2002 im Ausland war, und nicht ganz auf dem Laufenden, was in Deutschland passierte, oder aber daran, daß ich diese Heldentat im Kopf hatte und nichts anderes, weil mir das wichtig war. Aber ist die Tat nicht die gleiche, egal, was die Medien daraus machen? |
| Menedemos | [QUOTE][i]Original geschrieben von decay73 [/i] [B]Alle sind gleichviel wert. "Alltagshelden", gute Vorbilder oder einfach nur Durchschnittsmenschen, deren gute Taten verborgen bleiben, oder die, die garkeine Helden sind. Jeder ist unübertrefflich in diesem Universum und jeder hat sein eigenes Leben zu leben. Wer will sich wirklich anmaßen, ein Urteil zu fällen, wer der bessere ist? [/B][/QUOTE] Hmm, an diesem Standpunkt scheint mir einiges PROTESTANTISCHES zu liegen! Grrr, Luther möge im katholischen Fegefeuer schmoren, auf daß es zu seiner Läuterung beitrage... Aber nur teilweise möchte ich ihn da sehen. Denn einerseits stimme ich völlig zu: Alle Menschen sind gleichviel wert. Vielleicht waren sogar Gandhi und Hitler - in einer gewissen Betrachtungsweise - gleich viel wert. Irgendwer hat einmal gesagt: "Schuld im metaphysischen Sinn gibt es nicht. Schuld an allem allein hat am Ende immer nur die salzige, staubige Erde." Oder so ähnlich. Andererseits meine ich aber, daß man bestimmte Menschen für ihre Leistungen durchaus würdigen soll. Ich sage ja nicht: "Heise oder sonstwer ist als Mensch mehr wert als andere." Aber sein Verhalten in der damaligen Zeit sollte die nötige Anerkennung erfahren und als vorbildlich herausgestellt werden. Du sagst, es bedarf keiner Helden als Vorbilder oder Lehrer. Aber in der Realität sehen wir doch, daß viele Heranwachsende und teilweise auch Erwachsene verzweifelt nach Helden und Idolen suchen. Diese Suche ist, glaube ich, eine anthropologische Konstante. Und oft genug endet diese Suche bei äußerst fragwürdigen Gestalten. Aber es ist nicht deren Schuld allein. Wenn wir alle aufgrund eines sehr abstrakten Gleichheitsideals zu fein oder zu mutlos sind, positives Verhalten als solches zu benennen, dann braucht sich keiner wundern, wenn die Leute am Ende Mussolini, Dieter Bohlen, Tilo Wolff oder Lara Croft anhimmeln... :cool: |
| Odessa | ...oder gar Oswald Henke :D Ich glaube, jetzt kommt die Stelle, wo es um "Werte" gehen sollte. Die fehlen, den Jugendlichen vor allem. Wobei dann gleich wieder die Frage wäre: kann es für Alle gültige Werte geben? Eine gewisse Grundethik im Handeln, im Leben...? Grüssle, ilo |
| Menedemos | Die Frage nach den Werten stellt sich hier, ja. Klärungsbedürftig ist zugegeben auch meine etwas waghalsige Konstruktion mit dem "alle Menschen sind im Prinzip gleich, aber einige dürfen besonders geehrt werden." Ich glaube nicht, daß das ein Widerspruch ist, harrt aber noch einer systematischen Überlegung. Vielleicht wäre es ein Ansatz, daß die Menschen in gewisser Beziehung gleich sind und daher in manchen Situationen gleich behandelt werden müssen (z.B. vor dem Gesetz, im Krankenhaus, in religiöser Hinsicht), in anderer Beziehung nicht (etwa im Rahmen öffentlicher Ehrungen?). Wie gesagt, noch Klärungsbedarf. Vielleicht würde es ja schon ein großer Frotschritt sein, wenn das Gleichheitsprinzip nicht, wie ich so oft beobachten muß, nur in negativer Hinsicht angewendet werden würde: Diejenigen, die etwas über den Durchschnitt hinausragen, werden attackiert und verabscheut, und gleichzeitig wird aber auf die Minderprivilegierten genauso hart eingetreten als es diejenigen tun würden, die keinen Gleichheitsgrundsatz kennen. Gegen die Stärkeren predigt man Gleichheit und gleichzeitig verhaut man munter die Schwächeren. Das ist im übrigen auch der Grundfehler vieler kommunistischer Systeme: Man bestraft nur die Reichen, ohne aber nur daran zu denken, die Lage der Armen zu verbessern. Das herrschende Prinzip lautet: Nicht die Armen sollen besser leben, sondern die Reichen schlechter! Ein reiner Neidmechanismus. Das war sicher nicht der ursprüngliche Grundgedanke, aber in der Praxis ist es fast immer darauf hinausgelaufen. Deshalb habe ich eine zwiegespaltene Haltung gegenüber Gleichheitsidealen. |
| Gazelle | @Menedemos Hast Du "Farm der Tiere" gelesen? Es geht nie darum, die Lage irgendwelcher Bevölkerungsschichten zu verbessern, es geht darum, die Lage für die Nomenklatura zu verfeinern. Das ist auch in der Demmogradie ähnlich, nur nicht so kraß, weil bei aller Selbstbedienungsmentalität doch noch eine gewisse Kontrolle durch Medien und Opposition verbleibt. So war es, so ist es und so wird es bleiben in Ewigkeit. Amen |
| decay73 | @Mene: Wenn es "normal" wäre, über dem Durchschnitt zu liegen, bräuchte man auch nicht darüber reden und die Über- oder Unterdurchschnittlichen nicht attackieren oder hofieren. Es wäre normal, wie es eben auch sein sollte und letztlich auch ist. Naja, wie gesagt, wenn jemand andere ehren oder loben will, soll er das machen. Dagegen ist ja nichts zu sagen. Nur Heldenverehrung mag ich nicht, da mir der subjektive, wertende und andere ausschließende Charakter nicht gefällt. Was deinen letzten Absatz angeht: Das ist die ewige gesellschaftliche Diskussion zwischen Gleichheit und Gerechtigkeit. Wo ist der Mensch gleich (vor dem Gesetz, bei der Geburt, bei den Chancen), wo nicht (bei der Intelligenz, der Haarfarbe, den persönlichen Möglichkeiten), und was ist überhaupt Gerechtigkeit in einer reichen Überflussgesellschaft? Deine Erklärung, alles hätte eine Ursache in einem Neidmechanismus, ist zu platt, zu einfach und irreführend, weil es nichts anderes als ein einfaches Schlagwort ist. |
| Menedemos | [QUOTE][i]Original geschrieben von decay73 [/i] [B] Deine Erklärung, alles hätte eine Ursache in einem Neidmechanismus, ist zu platt, zu einfach und irreführend, weil es nichts anderes als ein einfaches Schlagwort ist. [/B][/QUOTE] Das habe ich so nie gesagt (oder zumindest nicht gemeint)! Neidkomplexe sind nicht der Ursprung von Gleichheitsprinzipien, aber diese werden in der Praxis meist von Gefühlen kleinlicher Mißgunst mißbraucht. Über den Unterschied von "Helden" und "Vorbildern" kann man natürlich streiten. Ich habe auch meine Bedenken, Menschen zu idealisieren, aber andererseits glaube ich, wie schon gesagt, daß die Menschen Idole geradezu suchen. Und dann ist es das kleinere Übel, wenn man Ihnen positive Figuren vorstellt, als daß sie alleingelassen auf schlechte hereinfallen. Und zur Frage nach der Gerechtigkeit möchte ich nur soviel bemerken: Die Welt und das Leben an sich sind nicht gerecht. Die Menschen sind unterschiedlich groß, unterschiedlich gescheit, unterschiedlich hübsch, werden in unterschiedliche wohlhabende Verhältnisse hineingeboren, bekommen Eltern von unterschiedlichem Charakter u.s.w. Die Gleichheit ist kein Naturzustand. Man kann versuchen, diese natürlich Ungleichheit auszugleichen, aufgrund ethischer Erwägungen. Doch diese Gleichheit ist nicht um nichts zu haben, sie kostet. Gleichheit und damit auch (ausgleichende) Gerechtigkeit muß bezahlt, erarbeitet werden. Gleichheit sollte immer möglichst weitgehend erstrebt werden, aber manchmal ist ihr Preis einfach zu hoch. Zum Beispiel alle von Natur aus Häßlichen einer Schönheits-OP zu unterziehen, ist nicht bezahlbar... ;) Ein Wirtschaftssystem, in dem jeder genau gleich viel verdient, würde die Staatsökonomie auch nicht lange aushalten. Wenn man wollte, daß alle Menschen gleich gesund sind, müßte man den Gesunden Mittel verabreichen, die ihre Gesundheit schädigen, jedenfalls so lange, bis man ein Mittel gefunden hat, die Kranken zu heilen. Ich wollte nur sagen: Der natürliche Zustand ist die Ungleichheit. Gleichheit ist ethisch und gesellschaftlich erstrebenswert, aber sie erfordert immer einen Preis, der leider manchmal zu hoch ist. |
| Josef K. | [QUOTE]ohne das Massaker in Littleton wäre das in Erfurt wahrscheinlich nicht geschehen[/QUOTE] ohne Counterstrike und Horrorfilme wäre das in Erfurt wahrscheinlich nicht geschehen. Und die Erde ist eine Scheibe... zurück zum Thema Heldentum: Ich sehe bedeutende Persönlichkeiten nach wie vor nicht als als Helden und Vorbilder. Man kann ihr Wirken sicher als Inspiration betrachten, wobei die Einordnung ihres Tuns und die Bewertung ihrer Leistung immer subjektiv ist. In der DDR galt z.B. der kommunistische Terrorist und Gewalttäter Ernst Thälmann als Vorbild und Held. Auch die hier im Forum zelebrierte Veehrung eines Herrn Gandhi ist kontraproduktiv, da sein "gewaltfreier" Widerstand sehr wohl gewalttätig war - wenn auch nicht körperlich. Durch die Vereinnahmung der Weltöffentlichkeit für seine Ziele nötigte er nämlich die Briten, ihre Interessen (die sie selbst sicher für ehrenwert und "richtig" hielten) in Indien aufzugeben. Helden an sich sind mir eigentlich zuwider, weshalb ich dazu neige, im Rahmen eines Pawlowschen Reflexes über selbige zu meckern ;) |
| Gazelle | Na, schön, dann sollten wir das Thema mal umtaufen: "Der größte Held: Hugo Hase - Hinschauen und forthüpfen." |
| decay73 | [QUOTE][B]Und zur Frage nach der Gerechtigkeit möchte ich nur soviel bemerken: Die Welt und das Leben an sich sind nicht gerecht. Die Menschen sind unterschiedlich groß, unterschiedlich gescheit, unterschiedlich hübsch, werden in unterschiedliche wohlhabende Verhältnisse hineingeboren, bekommen Eltern von unterschiedlichem Charakter u.s.w. Die Gleichheit ist kein Naturzustand.[/B][/QUOTE] Alles eine Frage der Betrachtung. Letztlich ist Gleichheit doch ein Naturzustand, weil das Leben für alle gleichermaßen tödlich ist. *g* Was zwischen Geburt und Tod passiert ist natürlich nicht gleich, da stimmt ich dir zu. Das wäre ja auch schlimm, oder zumindest langweilig. Jeder hat sein Leben zu leben, so wie es ist und mit dem, was es für ihn „bereithält“. Inwieweit man in gesellschaftlichen Dingen möglichst Gleichheit herstellen sollte, kann kontrovers diskutiert werden, ist aber hier ja eigentlich nicht das Thema. Ich fände es nur gut, wenn jeder die gleiche [i]Chance[/i] bekäme, entsprechend seinen naturgegebenen Möglichkeiten und Beschränkungen zu leben. Mehr will ich ja gar nicht. :) Wenn jemand gut malen kann, ist es seine Aufgabe ein guter Maler zu sein, wenn jemand gut zuhören und gute Ratschläge erteilen kann und die Bibel gut kennt, ist es vielleicht seine Aufgabe ein guter Pastor zu sein. Das ist alles. |
| Menedemos | Nur um mal ein Beispiel zu nennen, wie das mit der "Gleichheit" im allgemeinen so gehandhabt wird: In den USA spielt sich momentan eine der größten Naturkatastrophen aller Zeiten ab, mit wohl Tausenden von Toten. Aber keiner von uns Gutmenschen nimmt Notiz davon. Z.B. hier im Board kein einziger Thread, wo doch sonst jeder Scheiß diskutiert wird. Wenn die Menschen schon alle gleich sind, dann kann man doch nicht einige bestrafen, weil uns ihr Präsident nicht paßt. Da ist sich ein Herr Trittin nicht zu schade, daß ihm zu der Katastrophe nichts anderes einfällt, als zu sagen, daß die Amerikaner sich das ja selbst zuzuschreiben haben, weil sie Kyoto nicht unterzeichnet haben. In seinem langen Statement kein einziges Wort des Mitleids. Diese herzlose Drecksau! Ich bin mit meinem Vater sonst politisch kaum je einer Meinung, aber in einem muß ich ihm nun recht geben: Wenn Trittin ein paar Jahre früher geboren worden wäre, dann wäre der perfekte Nazi geworden. Ich habe mir ja überlegt, die Grünen zu wählen, aber nach dieser moralischen Bankrotterklärung wähle ich ganz was anderes! Tut mir leid, daß ich abschweife, aber irgendwie hat das schon mit all dem zu tun. Beide Male haben wir nämlich ein großes Unglück (wobei das eine ungleich schwerer ist als das andere). Beide Male tun gewisse Deutsche etwas, was geeignet ist, das Gefühl der Trauer zu stören: Herr Heise rettet Leben und Herr Trittin hält zynische, schadenfrohe Vorträge. Doch wen bestraft am Ende die deutsche Öffentlichkeit? Sorry, aber hierzulande stinkt alles zum Himmel. |
| Gazelle | @Menedemos Das Unverständnis über die Bierruhe hierzulande angesichts der Katastrophe in den Südstaaten habe ich auch bereits an anderer Stelle zum Ausdruck gebracht. Du kannst Gift drauf nehmen, daß dieser Thread hier bereits 20 virtuelle Meter lang wäre, hätte sich diese Überschwemmung in Südwesthinterneuguinea oder auf Pumukeldonien abgespielt. Bezüglich Trittin, dem ich persönlich langes Leiden wünsche, muß ich Dich sanft korrigieren: Nicht nur Nazi, solche Leute sind die geborenen Funktionäre, der hätte auch unter Stalin, Ulbricht, Mao Karriere gemacht. Hinzu kommt allerdings, daß er von duldungsloser Ideologie durchdrungen ist und das macht solche Menschen (war fast versucht, das letzte Wort in " zu setzen) so erbarmungslos und unerträglich. Wenn mein größter Feind verletzt im Straßengraben läge, ich würde alles tun, um ihm zu helfen, T. würde sich vorbeichauffieren lassen. |
| decay73 | Und genau das kommt dabei raus, wenn man einige als Helden titulieren möchte und logischerweise andere dabei vergißt. Genauso könnte ich dir jetzt vorwerfen, einiges vergessen zu haben (wer hat denn den 1000 toten Pilgern in Bagdad gedacht?) (Abgesehen davon ist mir gestern bei einem Bericht über die Katastrophe in Amerika aufgefallen, daß erstaunlich viele Menschen große Zahnlücken hatten - die neue Gleichheit in Amerika?) Ja, es stinkt gewaltig. An [b]allen[/b] Ecken und auch hier im Board. |
| Menedemos | Mag sehr wohl sein, daß es überall stinkt. Aber wir sollten erst das eigene Haus etwas durchlüften, bevor wir die Nase in anderer Leute Häuser stecken. ;) Oder wenigstens beides zugleich. [QUOTE][i]Original geschrieben von Gazelle [/i] [B]Wenn mein größter Feind verletzt im Straßengraben läge, ich würde alles tun, um ihm zu helfen. [/B][/QUOTE] Das ist eine lobenswerte Einstellung. Wär schön, wenn die jeder Mensch hätte. |
| Gazelle | @Menedemos Ich glaube, daß genau das den Humanismus ausmacht. Vielleicht hast Du mal den Film "Der Sturm" gesehen, wo sich auf dem Fischerboot ständig zwei Matrosen gegenseitig anpöbeln. Aber als der eine über Bord geht, ist sein größter Feind der erste, der ihn retten hilft. Vielleicht, wenn man tief nach innen blickt, ist diese Rettungsaktion auch die Möglichkeit einer gewissen Genugtuung, denn womit kann ich einen Menschen (im nicht herabwürdigenden 'Sinne) stärker beschämen/zur Besinnung bringen, als wenn ich ihm verzeihe/helfe? Ein ähnlicher Gedanke scheint übrigens auch in dem überaus sehenswerten Trickfilm "Das wandelnde Schloß" auf, allein schon deshalb sehenswert. Und wenn ich mir die zum Teil sehr überhebliche Anti-USA-Einstellung einiger hier anschaue, denen die Südstaatler Wurst sind, bloß weil sie einen Herren Bush zum Präsidenten haben, fällt mir aufrichtig nichts dazu ein. Herrn Schröder könnte ich backpfeifen, bis mein Handgelenk schmerzt, für Fischer und Trittin fiele mir noch viel Übleres ein. Würde mich das davon abhalten, jedem Hochwassergeschädigten an Loisach, Mosel oder Elbe die Daumen zu drücken, daß er ein Höchstmaß an Hilfe bekäme? Kaum. |
| decay73 | [QUOTE][i]Original geschrieben von Menedemos [/i] [B]Mag sehr wohl sein, daß es überall stinkt. Aber wir sollten erst das eigene Haus etwas durchlüften, bevor wir die Nase in anderer Leute Häuser stecken. ;) [/B][/QUOTE] Das ist eine gute Idee! Ganz in meinem Sinne... :) |