German Gothic Board
 
Boardansicht: Klick HIER und betrachte das Thema mit allen Funktionen direkt im Board.

 
  Forum: Des Kaisers Bart
    Thema: Keine Hilfe für kranke Kinder - "Therapeutennotstand" in Deutschland
BlackDragonGerade eben sah ich einen Bericht bei Frontal 21 - nach dem ich auch diesen Thread benannt habe - der meine bisherigen Erfahrungen (ich befinde mich auf dem Weg zum Kinder- und Jugendtherapeuten) unterstrichen und mich dazu veranlasst hat hier auch mal etwas dazu zu schreiben.
(Das ZDF stellt Berichte meist nach wenigen Tagen online, wodurch die DSL-Nutzer sich diesen demnächst wohl nochmal anschauen können)

Kurz und knapp formuliert ist es so, dass die Zulassung von Psychotherapeuten in Deutschland nach einem Bedarfsplan durchgeführt wird. Diese Planung unterscheidet allerdings nicht zwischen Kindern und Erwachsenen, obwohl sich die meisten Therapeuten auf Erwachsene spezialisieren und diese zwei Berufsbilder auch völlig andere Ausbildungswege erfordern.

Die Folge davon ist nun, dass ein großer Mangel an Therapieplätzen für Kinder herrscht: In Deutschland gibt es Studien zufolge etwa 800000 therapiebedürftige Kinder, allerdings nur 2300 zugelassene Kinder- und Jugendtherapeuten. Die Wartezeiten für einen Therapieplatz liegen für Kinder bei etwa einem halben bis mehreren Jahren.

Die KBV (Kassenärztliche Bundesvereinigung) sieht eine Änderung nur dann als Möglich an, wenn dieser eine Gesetzesänderung vorangeht. Der Gesetzgeber erkennt allerdings den Mangel an Therapieplätzen für Kinder nicht an, da auch er (wie der Bedarfsplan) anscheinend nicht fähig ist zwischen einem Kind und einem Erwachsenen zu unterscheiden.
(Nochmal: Es gibt einen faktischen und auch gesetzlich festgehaltenen Unterschied zwischen einem Erwachsenen- und einem Kindertherapeuten - nur die Bedarfsplanung wurde hier zusammengefasst. Nachzulesen im PsychThG)

Erschwehrend kommt hinzu, dass erfahrungsgemäß Kinder viel weniger in der Lage sind selbstständig mit psychischen Problemen umzugehen als Erwachsene und sie daher umso dringender einer Therapie bedürfen. Und diese sieht bei Kindern nunmal anders aus und kann von einem Erwachsenenpsychotherapeuten kaum zufriedenstellend durchgeführt werden.

Tja, was soll man dazu noch sagen?
Wiedereinmal fühlt sich niemand verantwortlich und zu leiden haben andere.
Ich zumindest werde mich in einigen Jahren wohl nicht über ausbleibende "Kundschaft" zu beklagen haben...
rosenkindbekanntes Problem. Eines anderen Berichtes nach soll in Bayern das Problem allerdings von allenLändern am wenigsten stark ausgeprägt sein.

die Frage ist nur: was kann man dagegen tun?
Goat93[QUOTE]was kann man dagegen tun?[/QUOTE]

neue Regierung?

Wolln wa ne Partei gründen? :D
TrauerwesenIch finde, dass es sowieso ein Witz ist mit Therapien. Ich warte derzeit selber auf die Genehmigung meiner Verlängerung. Und was ist nun, wenn da jemand einen Furz quer sitzen hat und sagt "nö". Manches heisst nicht umsonst psychische [B]Krankheit[/B] , und wenn ich Schnupfen habe, gehe ich zum Arzt und werde behandelt. Da stellt sich keiner quer (noch nicht *g*).
Und bei psychischen Krankheiten ist dies nun anders? Wo das Leidenspensum bei manchen Krankheiten höher ist als bei manchem Schnupfen oder sonst was?
Und was Wartezeiten angeht, so finde ich das teils auch krass. Beim Arzt kommt man direkt dran, weils akut ist. Hm, nehmen wir mal jemanden, der unter schweren Depressionen leidet und mal wieder einen Tiefpunkt hat, will sich evtl auch umbringen, da muss man warten?

Und gerade bei Kindern ist es ja nun so, dass dort eventuell mehr gemacht werden kann als später. Soll heissen: Ein Kind, bei dem es in der Kindheit versäumt wurde, es zu behandeln, kann ernsthaftere Störungen bekommen, wenn es älter wird. Dinge setzen sich fest und es wird schwieriger, es zu behandeln und das Leidenspensum könnte noch grösser sein.

Generell habe ich eh das Gefühl, dass psychische Krankheiten gar nicht so ernst genommen werden. Weder von der Gesellschaft, noch von sonst wem. Und behandlungstechnisch eben auch nicht. Da wird dann halt alles als eine Phase abgestempelt, während der Beispiel-Schnupfen von selbst weggeht.

Ein weiteres Problem ist überhaupt, ob Eltern erkennen, dass das Kind eine Threapie benötigt. Und ich finde, wenn es denn soweit sein sollte, sollte da auch problemlos was gemacht werden können.
BlackDragon[QUOTE][i]Original geschrieben von rosenkind [/i]
[B]was kann man dagegen tun? [/B][/QUOTE]
Den Bedarfsplan ändern?
Ich habe ja schon geschrieben, dass es eine gesetzliche Unterscheidung zwischen den beiden Psychotherapeutengruppen gibt - diese muss nun aber auch in den Bedarfsplan einfließen.
Dieser Plan unterscheidet ja zum Beispiel auch zwischen medizinischen und psychologischen Psychotherapeuten (wenn auch auf eine meiner Meinung nach kontraproduktive Art und Weise).
Das eine Änderung möglich, ja sogar vorgesehen, ist, ist ebenso Fakt, denn:

§99(1) SGB V:
"Die Kassenärztlichen Vereinigungen haben im Einvernehmen mit den Landesverbänden der Krankenkassen und den Verbänden der Ersatzkassen sowie im Benehmen mit den zuständigen Landesbehörden nach Maßgabe der vom Gemeinsamen Bundesausschuss erlassenen Richtlinien auf Landesebene einen Bedarfsplan [B]zur Sicherstellung der vertragsärztlichen Versorgung aufzustellen [COLOR=red]und jeweils der Entwicklung anzupassen[/COLOR][/B]. Die Ziele und Erfordernisse der Raumordnung und Landesplanung sowie der Krankenhausplanung sind zu beachten. Der Bedarfsplan ist in geeigneter Weise zu veröffentlichen."

Der Beitrag von Trauerwesen hat meine volle Zustimmung.
Besonders das hier:
[QUOTE]Generell habe ich eh das Gefühl, dass psychische Krankheiten gar nicht so ernst genommen werden.[/QUOTE]
Das ist leider wirklich oft der Fall.
Man könnte sich sogar fragen, warum körperliche Beschwerden den Vorrang zu haben scheinen: Ein Psychologe muss seinen Patienten zum Konsiliararzt schicken, um abzuklären, ob körperliche Ursachen vorliegen.
Warum sollte ein Arzt einen Patienten mit chronischen Beschwerden nicht vor Beginn längerer Behandlungen zum Psychologen schicken müssen, um psychische Gründe auszuschließen?

Trauerwesen hat Recht. Psychische Krankheiten sind nunmal Krankheiten und wenn der Rentner von nebenan keinen Arzttermin wegen seiner Hämmorrhoiden bekommt, ist das Geschrei auch groß...
rosenkindich meinte damit eigentlich ehr, was kann ich tun? (Außer Therapeutin werden ;-))

ja, es ist leider so, dass psychische Störungen nicht so ernst genommen werden.
Warum? ich erkläre es mir damit, dass man sich in einen körperlich Kranken noch ehr hineinversetzen kann als in einen psychisch Kranken. Das verstehen ist nämlich ein wichtiger Indikator für das Anerkennen. Nicht umsonst trifft allgemein Diskriminierung immer Randgruppen, die auf die Masse fremd wirken und wo die Masse keinen Zugang zu deren Lebensweise findet.
Trauerwesen[QUOTE]ich erkläre es mir damit, dass man sich in einen körperlich Kranken noch ehr hineinversetzen kann als in einen psychisch Kranken. Das verstehen ist nämlich ein wichtiger Indikator für das Anerkennen.[/QUOTE]

Nur noch eben dazu: Vieles ist gerade in diesem Bereich mit Vorurteilen geprägt. Ich kenne es aus meinem Bekanntenkreis und meiner Familie, dass man meine Krankheit mit Entsetzen aufnahm. Zu oft wird dann eine psychische Störung mit einem Psychopathen assoziiert. Also gar nichts mit Verstehen, obwohl jeder in etwa physische Schmerzen nachvollziehen kann. Psychische eben nicht, und ich würde die selbst sogar noch als schlimmer einstufen, da dort eben kein Schmerzmittel gegen hilft.

Tja, was kann man machen. Zum einen denke ich, kann man zumindest an der gesellschaftlichen Akzeptanz arbeiten. Es hatte sich bereits einiges getan, und ich denke, wenn man selber betroffen ist, sollte man vielleicht offener damit umgehen. Zu oft werden Dinge verschwiegen.

Obwohl das eigentliche Problem dadurch weniger gelöst wird, aber in Anbetracht der Tatsache, dass die Depression als Volkskrankheit Nummer 1 gilt....

German Gothic Board
 
Boardansicht: Klick HIER und betrachte das Thema mit allen Funktionen direkt im Board.

 

German Gothic Board

Startseite Chat Grüße SchwarzKultur