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  Forum: Buchsalon
    Thema: Franz Kafka - Die kaiserliche Botschaft
DivaIch bin mir nicht ganz sicher, ob sowas hier her gehört, aber ich hab das ganze Forum durchsucht, und nichts gefunden, was mir meine Frage beantwortet hätte, also stelle ich sie jetzt an euch.
Wir haben heute in Deutsch einen Text von Kafka gelesen und der hat mich so beschäftigt, dass ich unbedingt wissen muss, was ihr darüber denkt. Meine Klasse war da leider keine sonderlich große Hilfe...haben den Unterricht wieder mal nur zu dritt bestritten und bis jetzt nur über grammatikalische Strukturen gesprochen (Was ich für Schwachsinn erachte, da ein bestimmter Stil ja nur mit "Inhalt", den man vermitteln will, Sinn hat). Schade eigentlich, denn der Text hat so viel Aussagekraft.
Aber vielleicht gibt es ja hier jemanden, der eine Meinung dazu hat und sich die Zeit nimmt, die hier zu veröffentlichen.
Würde mich sehr freuen, denn das Thema liegt mir echt am Herzen.

Hier also der Text:

Die Kaiserliche Botschaft

Der Kaiser - so heißt es - hat dir, dem Einzelnen, dem jämmerlichen Untertanen, dem winzig vor der kaiserlichen Sonne in die fernste Ferne geflüchteten Schatten, gerade dir hat der Kaiser von seinem Sterbebett aus eine Botschaft gesendet. Den Boten hat er beim Bett niederknien lassen und ihm die Botschaft ins Ohr geflüstert; so sehr war ihm an ihr gelegen, daß er sich sie noch ins Ohr wiedersagen ließ. Durch Kopfnicken hat er die Richtigkeit des Gesagten bestätigt. Und vor der ganzen Zuschauerschaft seines Todes - alle hindernden Wände werden niedergebrochen und auf den weit und hoch sich schwingenden Freitreppen stehen im Ring die Großen des Reichs - vor allen diesen hat er den Boten abgefertigt. Der Bote hat sich gleich auf den Weg gemacht; ein kräftiger, ein unermüdlicher Mann; einmal diesen, einmal den andern Arm vorstreckend schafft er sich Bahn durch die Menge; findet er Widerstand, zeigt er auf die Brust, wo das Zeichen der Sonne ist; er kommt auch leicht vorwärts, wie kein anderer. Aber die Menge ist so groß; ihre Wohnstätten nehmen kein Ende. Öffnete sich freies Feld, wie würde er fliegen und bald wohl hörtest du das herrliche Schlagen seiner Fäuste an deiner Tür. Aber statt dessen, wie nutzlos müht er sich ab; immer noch zwängt er sich durch die Gemächer des innersten Palastes; niemals wird er sie überwinden; und gelänge ihm dies, nichts wäre gewonnen; die Treppen hinab müßte er sich kämpfen; und gelänge ihm dies, nichts wäre gewonnen; die Höfe wären zu durchmessen; und nach den Höfen der zweite umschließende Palast; und wieder Treppen und Höfe; und wieder ein Palast; und so weiter durch Jahrtausende; und stürzte er endlich aus dem äußersten Tor - aber niemals, niemals kam es geschehen -, liegt erst die Residenzstadt vor ihm, die Mitte der Welt, hochgeschüttet voll ihres Bodensatzes. Niemand dringt hier durch und gar mit der Botschaft eines Toten. - Du aber sitzt an deinem Fenster und erträumst sie dir, wenn der Abend kommt.

Ende

*

Meine Gedanken werd ich erst später veröffentlichen, ich möchte gern wissen, was ihr so für Eindrücke und Theorien habt...
Wie gesagt, würd mich freuen,

Bis dann, Diva
TheTurningPointMir fallen dazu folgende Dinge ein:

1. "Diktatoren sind einsam" (der Titel eines Buches über die Einsamkeit von Menschen, die immer nur befehlen).

2. "Was leben will muß dienen. Was herrschen will, lebt nicht lange." (ein Zitat aus Hermann Hesses "Morgenlandfahrt", ich weiß den Zusammenhang nicht mehr, nur das Zitat ist mir im Gedächtnis geblieben).

3. Unsere Institutionen und Einrichtungen sind so verkrustet und undurchlässig, daß wir nicht mehr miteinander reden können, nicht einmal der Mächtigste kann seine eigenen Gedanken weitergeben (ein Gedanke, der mir bei vielen Werken von Kafka, wie z.B. "Der Prozess", einfällt).
LaChatteIch assoziiere zu dieser Geschichte, dass es sehr schwierig ist, wenn nicht unmöglich, das, was man fühlt, über Worte zu kommunizieren, da sind immer Schranken und Hindernisse. Dass es aber dann der Intuition gelingen kann.

Kafkas Themen behandeln ja oft die Unmöglichkeit der Kommunikation, Leute verirren sich und kommen nie an ihr Ziel...

In diesem Sinn hat die Geschichte wenigstens ein positives Ende, da die Botschaft doch noch ankommt - was mich an Kafka immer gestört/verwirrt hat, ist, dass er oft sehr verstörend und albtraumhaft ist, dass nie nichts funktioniert...
LostCauseFranz Kafka
Nachts

Versunken in die Nacht. So wie man manchmal den Kopf senkt, um nachzudenken, so ganz versunken sein in die Nacht. Ringsum schlafen die Menschen. Eine kleine Schauspielerei, eine unschuldige Selbsttäuschung, daß sie in Häusern schlafen, in festen Betten, unter festem Dach, ausgestreckt oder geduckt auf Matratzen, in Tüchern, unter Decken, in Wirklichkeit haben sie sich zusammengefunden wie damals einmal und wie später in wüster Gegend, ein Lager im Freien, eine unübersehbare Zahl Menschen, ein Heer, ein Volk, unter kaltem Himmel auf kalter Erde, hingeworfen wo man früher stand, die Stirn auf den Arm gedrückt, das Gesicht gegen den Boden hin, ruhig atmend. Und du wachst, bist einer der Wächter, findest den nächsten durch Schwenken des brennenden Holzes aus dem Reisighaufen neben dir. Warum wachst du? Einer muß wachen, heißt es. Einer muß da sein.
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Eine weitere von Kafkas Erzählungen
Da kann sich auch jeder seine Gedanken drüber machen, und sich vielleicht wird sich der ein oder andere hier wiederfinden.
HerrSamsaMein Problem mit Kaffka war immer seine Symbolik. Bald erkannte ich, daß seine Texte immer seine Abneigung gegen eine Gesellschaft behandeln, die ausgestoßen und geächtet hat.

Meiner Meinung nach drückt dieser Text, wie das für Kaffka Elementare, die Botschaft des Kaisers, von der Masse, die schon beinahe viehisch wirkt, aufgehalten und dadurch nihiliert wird. Die Bemühungen des armen Boten (vielleicht K selbst????) den Empänger (Leser?) zu erreichen sind sinnlos solange die Gesellschaft zwischen ihnen steht.

Vielleicht ließt du mal ein paar Gedichte von Georg Heym, meinem persönlich liebsten dt. Autor.

DIE STADT (Georg Heym)

Sehr weit ist diese Nacht. Und Wolkenschein
Zerreißet vor des Mondes Untergang.
Und tausend Fenster stehn die Nacht entlang
Und blinzeln mit den Lidern, rot und klein.

Wie Aderwerk gehn Straßen durch die Stadt,
Unzählig Menschen schwemmen aus und ein.
Und ewig stumpfer Ton von stumpfen Sein
Eintönig kommt heraus in Stille matt.

Gebären, Tod, gewirktes Einerlei
Lallen der Wehen, langer Sterbensschrei,
Im blinden Wechsel geht es dumpf vorbei.

Und Schein und Feuer, Fackeln rot und Brand,
Die drohn im Weiten mit gezückter Hand
Und scheinen hoch vor dunkler Wolkenwand.
DivaErstmal danke für eure Antworten ^^ Dann: Mein Gedanke zu der Geschichte war eigentlich, dass es völlig egal ist, wie die Realität ausschaut, weil es nur darauf ankommt, woran man glaubt. Der kleine Untertan, der sich all diesen Schmuck, diese Botschaft für ihn, all diese Importanz ausdenkt, zieht Kraft aus seiner Vorstellung und solange er an ihr festhält wird sie ihm am Abend Wärme spenden. Er weiß nicht, dass sein Traum niemals wahr werden wird, der Sinn seines Lebens sich nie erfüllen kann. Er lebt glücklich in seiner Illusion.

Vielleicht liegt darin ein bisschen Neid, weil er nicht so sein kann, nicht an solche Dinge glauben kann (Das Glück ist mit den Dummen) und daraus entstehende Kritik an der Gesellschaft. Vielleicht, weil der kleine Untertan sich so wichtig nimmt. Vielleicht zeigt er auch nur die Ironie und will gar nicht unbedingt jemanden an den Pranger stellen, vielleicht beobachtet er einfach nur, nicht alles muss auf ihn selbst bezogen sein.

Ich persönlich mag Kafka sehr gern, gerade wegen seiner Symbolik, seinen manchmal alptraumhaften skurrilen Erzählweisen, weil es doch sehr dem ähnlich, wie ich manchmal denke. So interpretiere seine Werke recht gerne. Leider kommt er erst in der Oberstufe wieder, scheint doch zu schwer gewesen zu sein. Aber hey, wozu nimmt man Deutsch-LK? ^__^ Hoffentlich kommt da mehr von ihm.
MenedemosPaßt wohl besser in den Buchsalon.

Menedemos
primelchenHallo!
Ich hoffe jemand liest das hier noch. Mich würde mal interessieren, wie der Text "Nachts" von Franz Kafka zu interpretieren ist.. oder was ihr davon haltet!
Würde mich freuen wenn ihr eure Gedanken dazu aufschreiben würdet. Mir is das alles noch ein bisschen unklar.. weiß nicht genau ob ich da zu blöd für bin oder in der 10. Klasse noch nicht den richtigen Blickwinkel für habe.. hmm n paar Ideen hab ich schon.. aber ich würd gerne mal eure Meinung lesen!
primelchen
kajalienawir haben in letzter zeit sehr viel über kafka gelesen also einige seiner kurzgeschichten es war zum teil sehr interesant ich muss die kaiserliche botschaft interpretieren und ich hatte eher an frieden gedacht also das er vom kaiser die nachricht des friedens bekommt und weiter geben soll es aber nie schafft weil es ja unmöglich ist den frieden in die ganze welt zu bringen den der letzte abschnitt : und du erträumst sie dir wenn der abend kommt" deutet darauf hin denn es ist doch ein allgm. traum was meint ihr dazu?
kajaliena
BleedingHeartBei Kafka bietet sich ja der biografische Ansatz der Interpretation häufig an.
Das erste, was mir zur kaiserlichen Botschaft einfiel war Kafkas Verhältnis zu seiner Heimatstadt Prag. Er war Sohn jüdischer Eltern mit deutschen Wurzeln, gehörte also zweierlei Minderheiten in der tschechischen Stadt an. Auch sein Vater machte ihm die Stadt nicht unbedingt angenehmer und so war es sein Wunsch herauszugelangen (wie der Bote). Für eine Zeit lebte er auch in (bin mir net sicher) Berlin, musste aber aufgrund einer Lungenkrankheit zurückkehren in sein städtisches Gefängnis und zu seinem herrischen Vater. Das begriff Franz Kafka als endgültige Niederlage.

Wer "Gib's auf" kennt, wird die Ähnlichkeiten erkennen.

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