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  Forum: Buchsalon
    Thema: peter scholl-latour
belly.whiteja, mir ist bewusst, dass grade solch politische berichterstattungen mit vorsicht zu genießen sind
ein journalist ist eben auch "nur ein mensch"
meine frage: wie schätzt ihr seine berichte etc. ein ?

bitte um antwort...
grüße, bel
draculettaHallo,
habe diverse reportagen von ihm über den Nahen Osten gelesen und bin zu dem Entschluß gekommen, dass er ein wahnsinnig gut informierter Kritiker ist, der jedoch manchmal zu sehr seine Meinung, die tendenziell eher konservativ ist, durchscheinen lässt. Wie gesagt, kenne keinen der so klar situationen und konflikte darstellen kann, aber es ist eben mit vorsicht zu genießen, weil er stellenweises zu sehr radikalisiert...
Lucifer_SamIch halte Scholl-Latour für einen fähigen, äußerst wachen und kritischen Zeitgenossen. Dies mag wohl auch der Grund sein, warum er oft als Schwarzseher bezeichnet wird. Ich habe ihn leider erst richtig durch sein jüngstes Buch (Kampf dem Terror - Kampf dem Islam?) wahrgenommen, was schade ist, denn man kann einiges von ihm lernen. Mir fiel auf, daß er einer der wenigen Experten war, die zum Thema Irak-Krieg wirklich sagten, was Sache ist, und mal das Gesamtbild dargelegt haben und sich nicht wie seine RTL-Kollegen reiner Dokumentation verschrieben haben, ohne sich um den kulurellen und politischen Hintergrund groß zu kümmern. Ulrich Kienzle ist mir dabei ebenfalls angenehm aufgefallen.

Ob Scholl-Latour Weltsicht nun allzu konservativ ist - ich weiß nicht so recht. Auf der einen Seite muß man bedenken, daß er auf die 80 zugeht, andererseits hat er eine ganze Menge Kriege am eigenen Leib miterlebt, und weiß einfach, wozu Menschen fähig sind. In dieser Hinsicht gibt ihm die Geschichte recht. Sein Standpunkt ist eben der, daß der Westen (vor allem Europa) glaubt, auf der Insel der glückseligen zu leben, dabei aber vergißt, daß wir mit unserer 'Zivilisation' und unserem Wohlstand doch recht allein und verwundbar dastehen.
belly.whitewas ihr zu seiner person sagt, ist richtig...
was mich wohl irritiert hat, sind diese "klappentexte" beispielsweise auf dem jüngsten werk (?? "eine bilanz" , da gehts um verschiedenes, u.a. um globalisierung, naja etc.)

auf dem einband wird mit so absolut positiven begriffen um sich geworfen, dass es schon wieder unglaubwürdig erscheint (beispiel kann ich jetzt nicht liefern, hab das buch grad nicht zur hand)
aber das sagt ja im prinzip nix über den inhalt

ok, soweit, sogut
cu
ange gardienIch lese gerade sein Buch "Der Fluch des neuen Jahrtausends". Eigentlich ein patchwork aus Berichten und Vorhersagen über Krisenregionen in aller Welt.

Mein Eindruck von ihm ist das er von dem über das er schreibt wirklich Ahnung hat. Fast kein anderer Journalist kennt die Mentalität, die Sitten und Gebräuche der Menschen die er besucht so gut wie Scholl-Latour.

Vieles was er in seinem Buch 1998/99 vorausgesagt hat ist in den letzten Jahren wirklich so passiert.
gekitsualso er ist mit sicherheit besser informiert als 99% dessen was man sonst zum thema "naher osten" und "islam" im tv oder in buchform praesentiert bekommt.

ein guter freund von mir ist allerdings historiker und der wiederum meinte, dass scholl-latour bei weitem nicht so gut ist wie er dargestellt wird und die sachliche dokumentation zu diesem thema generell noch viel zu wuenschen uebrig laesst.

fazit. lieber scholl-latour als sonstwas, aber noch lieber jemanden der mal "anstaendig" berichtet.

ich finds aber im allgemeinen sehr sympathisch dass er versucht, die positionen, wertvorstellungen und denkweisen anderer kulturen nahe zu bringen und nicht einfach als boese abstempelt, wies die tagespresse gerne tut.
MahsheedIch lese seine Darstellungen sehr gern.

Erst durch Leute wie ihn hat man als Laie mal die Möglichkeit, Informationen zu bekommen, die einen Zusammenhänge und Vorgeschichten kennen lernen lassen.
Seine Sprache ist intelektuell angemessen, dennoch geht es ihm nicht darum, sich zu präsentieren, sondern den Inhalt verständlich zu transportieren. Das gelingt ihm, so wie es ihm auch gelingt, seine Zuhörer oder Lesen kleine Situationen in globalen Zusammenhängen verstehen zu lassen.
Ich schätze seine Gründlichkeit, seine scharfe Beobachtungsgabe, seine Diplomatie. Ich bin sicher, dass er all das, was er sagt, ehrlich meint. Und das ist etwas ganz besonderes.

Ich bin davon überzeugt, dass er nur die Wahrheit (seine Sicht der Dinge, selbstverständlich) spricht. Den Rest, den er nicht sagen will, umgeht er diplomatisch. Auf diese Weise ist es ihm gelungen, den Spagat zu meistern, alles das zu sagen, was er denkt, obwohl er eine radikal ernüchternde Darstellungsweise pflegt und dennoch von Talkshows und der Öffentlichkeit stets als Experte für den Nahost- und Asienbereich heran gezogen und für seine Meinung geschätzt zu werden. Diesen Spagat zu meistern halte ich für enorm; denn ich bin gar nicht der Auffassung, dass er konservativ eingestellt ist; zumindest ist mir nicht klar, worauf das Konservative bezogen ist. Ist es nicht eher entgegen des allgemeinen Konsens, islamistische Gesellschaften detailiert zu betrachten und eben nicht alles daran abzuwerten? Er steht dazu, genau hinzusehen, zuzuhören, zu verstehen. Er ist willkommener Gast politischer Größen derjenigen Länder, für die er Experte ist; eben weil man es dort für beachtlich befindet, dass er eben nicht blendet, nicht verfälscht und eindimensional darstellt.
Er ist im wahrsten Sinne des Wortes Reporter, Beobachter; d. h. moderat und neutral; denn er hat sich nicht schon einer der der Seiten bedingungslos verschrieben.

Ich bemerkte ab und an in Talkshows, dass man ihn versucht, abzustempeln; nicht aufgrund seines hohen Alters; denn das ist sicherlich absoluter Humbug. Man sieht Menschen, wie sie sich präsentieren; und Scholl-Latour präsentiert sich mit 80 Jahren wesentlich überzeugender als unzählige jüngere Präsentanten. Es vollzieht sich eher wegen seiner gnadenlos rationalen Sichtweise, die Sachen eben nicht schönt, die seiner Sicht nach nicht zu schönen sind. Es ist nun mal häufig beobachtbares Phänomen, dass Darstellungen, die Gefahren aufzeigen, die den Spiegel vorhalten und auch nicht davor scheuen, Fratzen zu spiegeln, als Spinnerei, Gefasel, Gedanken eines Irren oder alternden Kreises etc. abgetan werden. Freud hätte sicher die besten Erklärungen dafür ... von Ängsten über Widerstand bis hin zum Beharren auf den Fortbestand von Verdrängung ...
Sicherlich gibt es auch genügend Interessensgruppen, denen seine aufklärende Tätigkeit nicht behagt, die ihn jedoch aufgrund seiner diplomatischen Bahnen, in denen er sich bewegt (und seiner unanfechtbaren Rolle, die ihm sein hohes Alter erlaubt, wie er selbst sagt), nicht verbieten können: auch das darf nicht verschwiegen werden.

Was ich nicht nachvollziehen kann bzw. wo ich ihn nicht verstehe ist der Punkt, wo er den Pazifismus ablehnt. Das heißt, die Begründung seines Standpunktes ist im Rahmen seines Denkens schlüssig. Ich jedoch hoffe auf friedlichere Lösungen.

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