| Pelloquin | Im Laufe des Märchenwinter-Threads sind Fragen über die gewalttätige Natur einiger Märchen aufgekommen. Weil ihre Beantwortung und sich daraus ergebende neue Fragen den Fluß der Märchen unterbrechen würden (was sicher nicht im Sinne des Threaderöffners und der Leser wäre), habe ich diesen Begleitthread aufgemacht, wo ebenjene Fragen ihre erschöpfenden (?) Antworten finden mögen. Um einen Übergang zu schaffen, habe ich meinen letzten Beitrag im Märchenwinter-Thread ausgeschnitten und hier wieder eingefügt. |
| Pelloquin | [quote][i]Original geschrieben von Mahsheed[/i] Die verniedlichende Form "Mär-chen" finde ich genauso grotesk wie den Inhalt des Märchens selbst, da schließt sich im Grunde der Kreis. Doch bin ich mir sicher, dass diese Hausmärchen, die 1934 von einem Erich Wolf "ausgewählt" (so steht es im Buch) wurden, den Kindern vorgelesen worden sind. Deutschland durchlebte eine harte Zeit. Das spiegelt nicht nur dieses Märchen wieder; auch Wilhelm Busch trifft mit den sadistischen Zügen seiner Geschichten den Zeitgeist. Die bereits zuvor nieder geschriebenen "Struwelpeter" oder "Suppenkaspar" glänzen ebenfalls nicht gerade mit pädagogisch besonnenem Sanftmut. (Und noch heute findet man diese Bücher noch immer in der Reihe der aktuellen Kinderlektüre.) [/quote] Worin diese spezielle Pädagogik fruchtete, davon zeugt unter anderem ein Gedicht von Erich Kästner: [list][font=times new roman][b][size=3]Die Ballade vom Nachahmungstrieb[/size][/b][/font] [font=times new roman][size=3]Es ist schon wahr: Nichts wirkt so rasch wie Gift! Der Mensch, und sei er noch so minderjährig, ist, was die Laster dieser Welt betrifft, früh bei der Hand und ungeheuer gelehrig. Im Februar, ich weiß nicht am wievielten, geschah's auf irgendeines Jungen Drängen, daß Kinder, die im Hinterhofe spielten, beschlossen, Naumanns Fritzchen aufzuhängen. Sie kannten aus der Zeitung die Geschichten, in denen Mord vorkommt und Polizei. Und sie beschlossen, Naumann hinzurichten, weil er, so sagten sie, ein Räuber sei. Sie steckten seinen Kopf in eine Schlinge. Karl war der Pastor, lamentierte viel und sagte ihm, wenn er zu schrein anfinge, verdürbe er den anderen das Spiel. Fritz Naumann äußerte, ihm sei nicht bange. Die anderen waren ernst und führten ihn. Man warf den Strick über die Teppichstange. Und dann begann man, Fritzchen hochzuziehn. Er sträubte sich. Es war zu spät. Er schwebte. Dann klemmten sie den Strick am Haken ein. Fritz zuckte, weil er noch ein bißchen lebte. Ein kleines Mädchen zwickte ihn am Bein. Er zappelte ganz stumm, und etwas später verkehrte sich das Kinderspiel in Mord. Als das die sieben kleinen Übeltäter erkannten, liefen sie erschrocken fort. Noch wußte niemand von dem armen Kinde. Der Hof lag still. Der Himmel war blutrot. Der kleine Naumann schaukelte im Winde. Er merkte nichts davon, denn er war tot. Frau Witwe Zickler, die vorüberschlurfte, lief auf die Straße und erhob Geschrei, obwohl sie doch dort gar nicht schreien durfte. Und gegen sechs erschien die Polizei. Die Mutter fiel in Ohnmacht vor dem Knaben. Und beide wurden rasch ins Haus gebracht. Karl, den man festnahm, sagte kalt: "Wir haben es nur wie die Erwachsenen gemacht." [i]Anmerkung: Der Ballade liegt ein Pressebericht aus dem Jahre 1930 zugrunde.[/i][/size][/font][/list] [quote]Mein Großvater väterlicherseits hatte eine ganz seltsame Art an sich, die mich nicht gerade erfreut hat. Er konnte mit uns nie spielen, alles was er konnte, war, uns weh zu tun: unlustige und nervige Hau- und Hiebspiele, Schwitzkasten und andere Dämlichkeiten mehr. Er kannte keine Zärtlichkeit, sondern verstand seine Männerrolle so, dass er der stolze, harte und selbstherrliche Gockel und Hahn im Korb der schönen Frauen um ihn herum darzustellen hatte. Vor seiner Ehefrau lief er bei "gemeinsamen" Spaziergängen stets mindestens 20 Meter vorweg, erhobenen Hauptes, durchgedrückten Rückens, die Arme auf den Rücken gelegt und die Finger ineinander verschränkt. Eben ein Mann seiner Zeit. [/quote] Ein armer Mensch, der so stolz vornewegschreitet. Am Ende nämlich wird er nur sich gehabt haben. Tut mir leid, dass Du an diesen Großvater keine schönere Erinnerungen hast. Dann müssen Deine übrigen Großeltern umso freundlichere Menschen sein / gewesen sein. [quote]Entsprechend sahen auch die Erziehungsstile solcher Menschen aus. Und zu diesen zählte alles, was Zucht und Ordnung erzwingen konnte.[/quote] Früher... hasste ich meinen Vater dafür, wie er mich und meine Geschwister behandelte. Als ich älter wurde und seinen Werdegang erfuhr (die gesamte Schullaufbahn hindurch reingewaschene Nazis als Lehrer) begriff ich, was ihn so kaputt gemacht hatte. So erst war es mir möglich, aus diesem Spiel auszusteigen und... es anders zu machen. Aber ich fürchte, die Erziehungsmethoden dieser Zeit werden noch bis weit in dieses Jahrhundert hinein fortwirken. [quote]Da kam ein solches Märchen sicherlich wie gerufen.[/quote] An dieser Stelle kommt mir die Frage in den Sinn: Welche Märchen gibt man den Kindern heute? (Ich meine jetzt nicht die wirklich kindgemäßen, auf die Entwicklung zu einem mündigen Menschen hin ausgerichteten Geschichten, die die Kinder im Kindergarten oder in der Schule erzählt bekommen.) Welche Märchen bekommen sie im Fernsehen vorgesetzt (und was lernen sie daraus)? [i]Itchy und Scratchy[/i]??? [quote]Manche Märchen scheinen einige Erwachsene dazu zu bewegen, auszuleben, was in ihnen tobt. Unausgelebte, ewig wühlende Macht- und Rachegelüste vielleicht im obigen Märchen. [/quote] Ja, das kann sein. Und in einer Nation, die schwer an den Reparationszahlungen für einen verlorenen Weltkrieg zu tragen hatte, müssen sich solche Märchen großer Beliebtheit erfreut haben. [quote]Ich schätze, dass diese Märchen älter sind und nicht erst 1934 aufgeschrieben wurden, sie wurden ja nur "ausgewählt", scheinbar aus einem schon bestehendem Märchenschatz. Sie scheinen wohl aber deutschen Ursprungs zu sein, denn man hatte sie ja "Germanische" Märchen getauft.[/quote] An dieser Stelle würde mich interessieren, ob die hier festgestellte (und auch anderen Märchen innewohnende) Brutalität, dieser Sadismus eine Besonderheit der deutschen Märchen ist, oder ob Märchen aus anderen Ländern sich durch eine ebensolche Derbheit auszeichnen. [quote]Überlegenheit bedeutete wohl auch, sich nichts zu Schulden und sich nicht zu Schaden kommen zu lassen. Eine Frau aber, eine gierige, untugendhafte, musste bewältigt werden, um das Bild des erhabenen Mannes aufrecht erhalten zu können und in den Augen des Erzählers wohl bestraft werden, um durch die Rache wett zu machen, dass der Stolz des kleinen Mannes angebrochen wurde.[/quote] Interessanter Gedanke... Vielleicht sind die Märchen dieser Art Ausdruck des Fracksausens, das die gestandenen Männer überkam angesichts der zu Beginn des 20 Jahrhunderts einsetzenden Emanzipation der Frau. [quote]Vielleicht zeigt dieses Märchen, dass der Glauben an Stolz krank machen kann. Denn wenn man an Stolz glaubt, glaubt man auch daran, ihn rächen zu können oder zu müssen, sofern er in Gefahr ist oder war. Da Stolz ein irrationaler Besitz ist, erfolgt die Rache in ebenso irrationaler Weise und äußert sich deshalb als völlig überzogene Form in Gestalt von Sadismus.[/quote] Stolz... warum denke ich dabei gerade an den weltgrößten Märchenerzähler und meistgehassten Menschen überhaupt, Mr. George W. Bush? Haben er und seine Lakaien nicht all' den Rückgratlosen Stolz gegeben, auf dass sie freudig und fahnenschwenkend in den Krieg zogen, der solch unsägliches wie Abu Ghuraib hervorgebracht hat? Und ist es nicht verletzter Stolz, der die Al Quaida Menschen wie im Mittelalter enthaupten lässt? [quote]Genau diese Ambivalenz zwischen Abgestoßen sein und Faszination ist es auch, die mich solche Märchen interessiert lesen lässt. Das alles ist genauso spannend wie ein Mordfall. Die ganze Darstellung regt etwas voyeuristisches in mir an. Neben dem Ekel hält einen die Lust gefangen. Ich erinnere mich dabei selbst an einen Besucher der rotten-com-Seite oder Zuschauer aus der Körperweltenaustellung, die ich verstandesgemäß verabscheue, während dessen mich die Betrachtung des Makaberen trotzdem unauslöschbar reizt. (Bisher habe ich es trotzdem geschafft, meinen Verstand siegen zu lassen und habe noch keine dieser Ausstellungen besucht.) [/quote] Ich frage mich, was uns an diesen Dingen anzieht. Woher stammt dieser Voyeurismus (der auch mir und ich schätze mal den überaus meisten Menschen zu eigen ist). Was lässt uns gaffen? Ist es vielleicht das Verlangen nach Wirklichkeit? Der [i]letzten[/i] Wirklichkeit? Die Hoffnung auf die Antwort auf die Frage [i]Was kommt danach?[/i] Nach dem - Tod. |