| Kalypso | Was haltet Ihr von der sog. Trivialliteratur? Habt Ihr vielleicht sogar ein Faible für diese? Es gibt ja bereits einige Threats, die sich beispielsweise mit Vampirromanen beschäftigen, und darauf schließen lassen, dass Trivialliteratur hier recht beliebt ist. Da fällt mir gleich noch ein: Was haltet Ihr von Gothic Novels wie „Frankenstein“, seht Ihr diese als klassische Werke der Literatur oder eben nur als Teil der Trivialliteratur? Und wie bewertet ihr die Unterscheidung von Hoch- und Trivialliteratur? |
| Neithan | Wenn es nicht "Hohe Literatur" ist, dann ist es Trivialliteratur. Und Hohe Literatur ist vieleicht künstlerisch wertvoll, aber vom Unterhaltungswert schlicht und ergreifend eine Beleidigung des guten Geschmacks. Bleibt also nur noch die Trivialliteratur, wenn an gerne ließt.:) |
| Clytie | Ich finde, man braucht beides - sonst wird´s schnell langweilig, egal, auf welche Seite man sich festgelegt hat. Da ist es ein bisschen wie mit dem Essen: Man isst ja auch nicht jeden Tag Nouvelle Cuisine ;) Die sogenannte "Hohe" von der "trivialen" Literatur nur aufgrund ihres Unterhaltungswertes zu unterscheiden halte ich für problematisch - ist es doch häufig gar nicht so einfach zu bestimmen, was in welche Sparte gehört. Viele Romane sind an sich der Trivialliteratur ähnlich (z.B. viele historische oder Abenteuerromane), behandeln jedoch ein bestimmtes Motiv zum ersten Mal (z.B. wird eine Frau zum ersten Mal als aktive Heldin dargestellt) und sind somit etwas Besonderes. Meiner Meinung soll doch jeder lesen, was er mag - solange man überhaupt gerne liest; auch aus sog. trivialen Romanen (wo man dann auch immer die Grenze zur "guten" Literatur ansetzen mag) kann man tieferes Wissen ziehen. Clytie. |
| Th Perfect Mind | Ich finde hier ganz interessant, dass sich von "intellektueller" bzw. literaturwissenschaftlicher Seite aus sowohl die Definition von "Literatur" als auch die Grenzen zwischen sogenannter trivialer und anspruchsvoller, "ernstzunehmender" Literatur in den letzten zwei Jahrhunderten ziemlich verändert haben. Literatur ist nach Joost Schneider ("Einführung in die Literaturwissenschaft") eine Sequenz von Laut- oder Schriftzeichen, die ihres Inhalts nach fiktional[b]und/oder[/b] sprachkünstlerisch gestaltet [b]und/oder[/b] fixiert (z.B. Papier, Audio, Datei) ist. Je mehr dieser drei Kriterien erfüllt sind, desto eher kann man von [b]Literarizität[/b] sprechen, was allerdings kein Urteil über [b]Qualität[/b] darstellt. Bis in die 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts beschäftigte sich die Literaturwissenschaft fast ausschließlich mit Literatur, die alle drei Kriterien erfüllt, erst in den letzten Jahrzehnten lässt sich eine Ausweitung des Interessenfeldes auch auf sogenannte Trivialliteratur (Krimi, Fantasy etc.),die "oral poetry" (mündlich weitergegebene Geschichten, Lehren usw.), nicht-fiktionale (Reiseberichte, Tagebücher) sowie Gebrauchsliteratur (Rezepte, Gebrauchanweisungen) feststellen. Die Einordnung eines Werkes in "anspruchsvoll" oder "trivial" veränderte sich im Laufe der Zeit nicht selten. Wurden beispielsweise E.T.A. Hoffmann "Elixiere des Teufels" zur Zeit ihres Erscheinens großflächig als "Gruselschund" abgetan, erkannte man später die psychologische Tiefe der "Elixiere" und ihre Bedeutung für Entwicklung dieser Komponente in der Literatur. Ähnliches lässt sich von Theodor Fontanes Romanen des Bürgerlichen Realismus (z.B. "Frau Jenny Treibel") sagen, dessen feine Beobachtung gesellschaftlicher Verhältnisse größtenteils erst nach seinem Tod Beachtung fand. Ohne meine Vermutung spontan unterlegen zu können, so denke ich doch, dass diese Entwicklung auf Gothic Novels im allgemeinen ebenfalls zutrifft. @Neithan: ich weiß ja nicht, welche "Hohe Literatur" Du bisher gelesen hast, aber Deine pauschale Aussage diesbezüglich fordert es geradezu heraus, Dich mit dem Gesamtwerk von z.B. James Joyce auf den Kopf zu schlagen. Aber andererseits lässt sich über Geschmack tatsählich nicht streiten, ich möchte Dir also lediglich ein wenig Offenheit und etwas weniger Schubladendenken ans Herz legen. ;) Grüße, TPM |