| Geza | Liebe Midgardgeschwister, Am 1. Tag des Julmonds 2004 ist nun mein Buch "Götter, Mythen, Jahresfeste - Heidnische Naturreligion" im Kersken-Canbaz-Verlag erscheinen. Im Buchhandel (ISBN 3-89423-125-4) oder beim Verlag kann es für € 23,90 bestellt werden. Beim Verlag kann außerdem eine Leseprobe (Inhaltsverzeichnis und Kap. 1) geladen werden: [url]http://www.kc-verlag.de/service.html[/url] [img]http://www.allsherjargode.de/bilder/Goetter_200.jpg[/img] Seit 1988 gab es ja bereits mein Buch "Heidnische Naturreligion - Altüberlieferte Glaubensvorstellungen, Riten und Bräuche", das ich schon 1985 geschrieben hatte. Das Buch mit 464 Seiten war noch bis 2003 im Buchhandel erhältlich. Als nun eine Neuauflage anstand, wollte ich das Buch überarbeiten, denn einmal waren tatsächlich auch einige Fehler enthalten, außerdem habe ich in der Zeit von 1985 bis 2003 einige Dinge in der Mythologie neu erschlossen, weitere Quellen entdeckt und Dinge ergänzt, die mir damals noch nicht bekannt waren. Außerdem ist auch die Zeit fortgeschritten, und ein Publikum von 1985 mußte man anders ansprechen, als eines von heute. Damals war der einzige unbelastete Weg, sich dem Thema zu nähern, der über die Esoterik (Runen, Schamanismus, Kraftorte) oder über die Emanzipation der Frauen (Stichwort Matriarchat, Gleichberechtigung der Frau bei den Germanen, Göttinnen). Heute lehnen viele gerade die Esoterik ab und die Emanzipationsbewegung hat auch nicht mehr den Stellenwert, den sie damals hatte. Also konnte ich z. B. auf das Kapitel "Träume und Bewußtseinsreisen" verzichten, auch die Runen konnte ich herausnehmen, da es ja nun mein Runenbuch ("Heilige Runen - Zauberzeichen des Nordens", ergänzte Fassung, Ullstein 2004) gibt. Ich habe mich also auf die reine Religion konzentrieren können, wobei ich selbstverständlich z. B. die Besprechung des germanischen Tierkreises in den Grímnismál beibehalten habe. Derartige Dinge sind nun einmal meiner Ansicht nach eindeutig überliefert und auch jeder Mensch, der vielleicht Astrologie ablehnt, kann doch mit der Zuordnung von Gottheiten zu seinem Geburtstag etwas Konkretes anfangen. Die einzelnen Kapitel des Buches sehen in etwa so aus: [LIST] Heidentum (Definition, die Quellen, Kontinuität bis heute), Gottesvorstellungen (wie definieren wir die Götter, welche Dinge sind Ihnen geweiht, wieviele Götter gibt es), Die Götter (alle Götter werden mit Wirkungsbereich und Anrufungstext vorgestellt), Mythen (Weltschöpfung, -beschaffenheit, -untergang, Tierkreis usw.), Recht und Sitte (ethische Regeln, Thing, Thingablauf, altisländische Thingeinhegung), Geister (Disen, Alfen, Ahnen, Nornen und wie man sie verehrt), Jenseitsvorstellungen (die verschiedenen Totenreiche, Wiedergeburt, neun Welten usw.), Goden und Völven (Priester, Hexen, Thule, Vitkis), Heiligtümer (allgemein, woran man sie erkennt, Tempel, Hauptheiligtümer), Das Blót (der rekonstruierte Festablauf der Jahresfeste, das Trankopfer usw.), Der Jahreskreis (die acht Jahresfeste mit ihren Bräuchen), Lebenskreis (von der Wasserweihe zur Geburt über Initiation, Hochzeit bis zur Bestatung). [/LIST] Wenn man dieses Buch hat, braucht man eigentlich nur noch die Eddas und mein Runenbuch, um traditionelles germanisches Heidentum zu kennen und praktisch leben zu können. Das Buch hat insgesamt 285 Seiten und 40 s-w-Abbildungen, zahlreiche Primärquellen zum Heidentum werden in Übersetzungen wörtlich angeführt, 316 Anmerkungen belegen, woher die angeführten Zitate stammen. Es ist keine Überarbeitung von "Heidnische Naturreligion" geworden, wie ursprünglich geplant, sondern es wurde eine völlige Neufassung. Die wichtigen Quellen sind natürlich gleichgeblieben, zuweilen habe ich aber die Übersetzungen noch einmal durchgesehen. Es war für den Verlag eine große Anstrengung, allein die vielen nordischen Sonderzeichen, dann kamen noch einzelne Ergänzungen nach (z. B. sollte die Himmelsscheibe von Nebra nicht vergessen werden), die eingearbeitet werden mußten, die vielen Anmerkungen usw. Aber ich denke, das Ergebnis kann sich sehen lassen und auch Leute, die ein modernes Neuheidentum wollen, dürften damit keine Schwierigkeiten haben. Da, wo Quellen zu deuten sind, sind es natürlich meine individuellen Deutungen (darauf habe ich auch im Buch hingewiesen), aber da ich fast alle Quellen kenne, sind meine Deutungen doch recht genau beim Thema, und wenn es Abweichungen zwischen "wissenschaftlichen" Deutungen und meinen Deutungen gibt, dann liegt das fast immer daran, daß einige heutige Wissenschaftler leider nicht mehr alle Quellen (z. B. volkskundliche) heranziehen. Das Buch ist gedacht als ein Einführungsbuch in das Heidentum, das für Heiden aller Richtungen wichtige Überlieferungen erschließt. Egal ob man es als traditioneller Heide nun zur Grundlage des eigenen traditionellen Heidentums macht, oder ob man als moderner Neuheide sich hier nur einzelne Anregungen holt, für alle ist dieses Buch nützlich. Das Buch füllt eine Lücke aus, denn bisher standen nur esoterisch-okkult übersteigerte oder rein wissenschaftlich-distanzierte Bücher den interessierten Heiden zur Verfügung. Nun endlich gibt es eine wissenschaftlich fundierte Einführung in das Thema aus heidnischer Sicht und an der Praxis orientiert. Lichtgruß, Geza von Nemenyi |
| die Aversion | Hallo Geza, was mich schon immer mal interessiert hat: Auf welche Quellen berufen sich die europäisch-paganen Religionen eigentlich explizit? Streng genommen gibt es doch gar keine 'authentischen' paganen Nutztexte, brachte doch das erst das Christentum eine 'reguläre' Schriftsprache in den zentral-, west- und nordeuropäischen Raum, wenn ich richtig informiert bin. Kann - daraus gefolgert - Paganismus denn überhaupt mehr sein wollen als eine Rekonstruktion, die mit dem Bewusstsein einhergeht, per se nicht 'wie früher' sein zu können? Fragende Grüße, Deine Aversion |
| Geza | Liebe Aversion, entschuldige, daß ich erst jetzt auf Deinen Beitrag antworte, aber ich hatte ihn gar nicht gefunden und war auch in den 12 Nächten des Julfestes nicht am Netz. Die Quellen: Du hast recht, unsere Vorfahren haben leider kaum etwas Schriftliches hinterlassen. Aber schon aus der Antike gibt es doch schriftliche Berichte von Römern (z. B. Tacitus) oder Griechen über die Germanen. Und diese Autoren waren ja selbst Heiden, allerdings griechischer oder römischer Ausprägung. Dann kommen die Verbotserlasse der Kirchen, die immerhin diejenigen heidnischen Bräuche und Praktiken, die sie verbieten, doch auch vorstellen. Dann die mittelalterlichen (christlichen) Geschichtsschreiber: Es waren ja nicht alle solche Fundamentalisten, daß sie das Heidentum, was sie manchmal sogar selbst noch ausgeübt hatten, nur diffamiert hätten. Manche waren auch ganz gemäßigt und um eine gewisse Objektivität bemüht. Und dann die Überlieferer der Eddas, der Hauptquellen. Saemundur war zwar Theologe, er reiste durch Europa nach Rom, aber das war um 1080, und da hat er die "Segnungen" des neuen Glaubens am eigenen Leibe kennengelernt: Leibeigenschaft, Untertanentum, Zoll an jeder Brücke, Höllenfurcht der Menschen, Missionskriege usw. Kaum zuhause in Island hatte der Bruder zweier berühmter Zauberinnen nichts eiligeres zu tun, als die alten Götter- und Heldenlieder aufzuschreiben. Diesen Quellen kann man schon vertrauen. Mehr über die Edda und ihre Überlieferung findest Du auf unserer Seite [url]www.ggg.de.vu[/url] unter "Die Edda". Aber noch aus viel späterer Zeit sind uns ja teilweise ganze Rituale erhalten, z. B. aus dem 17./18. Jh. das Wodan-Ritual zur Erntezeit mit Anrufung und Trankopfer. Im Brauchtum haben sich teilweise bis heute heidnische Riten erhalten, oft allerdings christlich umfunktioniert oder etwas verfälscht. Aber das kann man schon durch Vergleich der Quellen usw. erkennen. Übrigens gibt es auch zahlreiche Runeninschriften von unseren Vorfahren, sie hatten also schon eine Schrift, allerdings nutzten sie die Runen nicht, um z. B. Rituale aufzuschreiben. Kennst Du mein Buch "Heilige Runen"? (hat 500 Seiten und ist als Taschenbuch für 11,95 Euro bei Ullstein erhältlich). Da sind einige der Runeninschriften drin. Lichtgruß, Geza |
| die Aversion | Liebe Geza, vielen Dank für Deine sehr erhellende Antwort, die mir gewiss weitergeholfen hat. Eine Frage blieb allerdings unbeantwortet: Die nach dem eigenen Selbstverständnis - eine Frage, die mich doch sehr interessiert. Ich möchte dabei betonen, dass es nicht mein Anliegen ist, das Neuheidentum implizit zu relativieren, seine Legitimation in Zweifel zu ziehen oder ähnliches, sondern dass ich vielmehr schlicht die Antwort einer Frage suche, die mich als solche nicht wenig interessiert. Ich für mich halte - bei meinem Informationsstand zu diesem Themengebiet - ein Verständnis des Neuheidentums als Rekonstruktionsversuch (der dadurch jedoch nicht in seiner Legitimität geschmälert wird) für durchaus vertretbar, während mir ganz persönlich der Anspruch, dass es 'damals auch so war' etwas vermessen erscheint, da man in solch einem Falle jegliche kritische Distanz zur Quelle über Bord würfe, zumal etwa auch ein Tacitus weniger an objektiver Dokumentation als vielmehr an konkreter Politik (die 'urtümlichen' Germanen versus die 'dekadenten' Römer) interessiert war. Allerdings habe ich den Eindruck, dass es auch eher Wicca sind, die einen Absolutheitsanspruch postulieren als Anhäger neopaganen Glaubens. Besagter Anspruch mag sich als Täuschung entpuppen, doch habe ich bei meiner Beschäftigung mit dem Thema zumindest den Eindruck gewonnen, dass einzelne Anhänger (vor allem Wicca, weniger Asatruar) ihren Glauben mit Erstgenanntem schmücken. Viele Grüße, Deine Aversion |
| Geza | Hallo Aversion, Du hast schon recht, es ist letztendlich nicht möglich, eine Religion, die vor einem Jahrtausend untergegangen war, autentisch zu Rekonstruieren. Selbst wenn wir ein Ritualbuch aus der Zeit hätten, würde es immer etwas Neues werden, da wir ja auch heute anders denken, als die Menschen früher. Auch das heutige Christentum ist anders, als vor 1000 Jahren. Andererseits entwickelt sich ja alles weiter, auch das Heidentum hätte/hat sich weiterentwickelt. Es wurde zwar vom Christentum überlagert, in den Bräuchen hat es sich aber bis heute erhalten. Wenn man sich dessen bewußt ist, daß man nie das alte Original-Heidentum bekommen wird, dann kann man aber doch wenigstens versuchen, nahe daran heranzukommen, anstatt gleich aufzugeben und alles neu zu kreieren. Das wäre so mein Ansatz. Außerdem geht es ja nicht um die genaue Rekonstruktion des Heidntums z. B. der Vikinger, sondern um heidnische Zeremonien und Rituale, die wir heute verwenden können, und die uns helfen, etwas naturverbundener zu werden. Deswegen nehmen wir ja Rituale aus verschiedenen heidnischen Zeiten, also z. B. aus Tacitus Zeit, wie aus der Sagazeit oder dem Brauchtum des 17. Jh, sofern es noch heidnisch ist. Lichtgruß, Geza |
| die Aversion | Hallo Geza, vielen Dank für Deine prompte Antwort, der ich mich zur Gänze anschließen kann, zumal ich Kritiker, die im Sinne von "Was wollen diese Heiden eigentlich, die können das, was früher war, gar nicht rekonstruieren" argumentieren, nicht wirklich nachvollziehen kann, da a) das Alter eines Glaubens und der mit diesem einhergehenden Praktiken und b) Unterschiede, die sie zu im vergleich zu früherer Zeit aufweist, keinen Maßstab für die Legitimität eines Glaubens/einer Weltanschauung darstellen; in erster Linie legitimieren sich ein Glaube sowie dessen Anhänger durch sich selbst. Es grüßt Deine Aversion |