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  Forum: Buchsalon
    Thema: Märchenwinter
magic caterpillarIn meinem Zimmer ist es dunkel, ein wenig kalt, die Kerzen auf der Fensterbank können den Raum ein wenig wärmen und das Licht angenehm dämpfen. Duftschwaden frisch gebrühten Kaffees durchschweben den Raum...
Es ist also langsam wieder Winter und auch Zeit für Märchen.

Liebe Leser, ich möchte gern von euch wissen, welche Märchen euch berühren konnten und was an ihnen so gefallen hat. Detailbeschreibungen würden mich natürlich erfreuen, weil sie die Märchen präsenter und für alle Leser nachempfindbar machen ließen... Ich hoffe, es macht euch Spaß!
Trinity GothEs war einmal.....

hinter den sieben Bergen bei den sieben Zwergen...Schneewitchen...
Ihr erinnert euch??
Rot wie Blut, weiss wie Schnee und Schwarz wie Ebenholz....
Schneewittchen war immer mein Lieblingsmärchen und wird es wohl immer bleiben. Nicht nur das die Hauptdarstellerin meinem Schönheitsideal entspricht, ich finde auch die Geschichte sehr schön und nicht die Disney Variante, sondern das Orginal mit dem bösen Ende der Schwiegermutter in den glühenden Schuhe.

Gruss
Trinity Goth

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...Greater than the death of flesh is the death of hope, the death of dreams.....
G'Kar/Babylon 5
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Come to:
[url="http://www.angelfire.com/goth/trinitygoth/"]Trinity Goth's Dark World[/url]
magic caterpillarOh ja, die Grimms haben´s mir natürlich auch angetan. Klar, sie waren ja auch meine Ziehväter, sozuschreiben.

Einige ihrer Stücke sind schaurig und abartig, wie beispielsweise das Märchen vom "eigensinnigen Kind", in dem ein Kind, das seinen Eltern nicht gehorchte, zur Strafe von dieser Erde genommen wurde und selbst im Grabe nicht Ruhe finden wollte, denn es streckte sein Ärmchen aus dem Grab. Daraufhin dichteten die Grimms seine Mutter zum Grabe hin, die dieses Ärmchen schlug, woraufhin es sich ein für alle Male in den Boden verzog...
"Der Räuberbräutigam" prägte bis heute mein Gefühl, mich in Nieschen und Höhlen wohl zu fühlen. Wenn ich schlecht einschlafen kann, dann stelle ich mir vor, ich läge in so einer Höhle, dürfte mich nicht rühren, um wie in diesem Märchen, von keinem der Räuber entdeckt und dann zerhackt zu werden.

Nun aber zu Märchen, die mir auf besondere Weise gefallen. Ich mag sehr gern Hauff-Märchen. Das schönste Hauff-Märchen ist für mich die Geschichte vom Zwerg Nase. Viele von euch werden es vielleicht kennen; einige nicht, deswegen erlaube ich mir, auch hier eine kurze Abhandlung widerzugeben:

Eine Mutter steht mit ihrem Jungen auf dem Wochenmarkt, als eine alte, verrunzelte Frau sich auf diesen Stand zubewegt und das feilgebotene Gemüse zur tropfenden Nase führt. Der Junge, gerade als Kind abgeschreckt von dieser Erscheinung, gemahnt die Alte auf eine wenig höfliche Art, dies zu unterlassen. Während die Alte gehässig in sich reinmurmelt, ist der Mutter das Verhalten ihres Sohnes peinlich und sie willigt ein, dass Jakob, so heißt ihr Sohn, der Alten tragen hilft. In ihrer Wohnung - wie könnte es anders sein - natürlich war es keine gewöhnliche Wohnung, sondern der unglaubliche Palast einer mächtigen Hexe - ließ die Alte Jakob sieben Jahre bei sich dienen, und zwar in der verwandelten Gestalt einen Meerschweinchens. Jakob lernte bei dieser Hexe, so sehr im alles doch wie ein Traum erschien, doch eines: die hohe Kunst des Kochens. Nach den sieben Jahren wird er wieder entzaubert, allerdings erhält er nicht mehr seine ursprüngliche Gestalt zurück, sondern wird zu einem kleinen, langbenasten und unansehlichem Zwerg. Seine Eltern erkennen ihn nicht mehr und verweisen ihn schimpfend des Hauses, als er sich seiner erworbenen Fähigkeit entsinnt: Er wird Koch am Palaste des Herzogs. Binnen kürzester Zeit wird sein Talent bemerkt, er wird der Koch höchster Priorität. Der gestrenge Herzog ist stolz und läd einen rivalisierenden Freund ein, dem er beweisen will, dass der besten Küche mächtig ist. In dieser Zeit kommt unglaubliche Arbeit auf Nase zu, weil er immerzu was anders kochen muss. Einmal sucht er sich seine Zutaten auf dem Markt zusammen, wozu auch Gänse gehören. Eine der Gänse ist eine Besondere. Sie spricht. Wie sich herausstellt, ist sie ebenfalls verwandelt und nicht in ihrer ursprünglichen Gestalt. Die beiden werden heimliche Freunde. Ein Gericht, das der höchsten der hohen Künste entsprechend sollte, kann nur mit einem sonderbaren Kraut gelingen, deren Seltenheit dem Zwerg zum Verhängnis wird. Das Gericht misslingt, der Kopf soll ab. Doch mit Hilfe der Gans Mimmi findet er diese Pflanze, die ihn auch schon im Hause der Hexe begegnete und nach welcher er aus dem siebenjährigem Schlaf erwachte. Beide können mit diesem Kraut entwandelt werden und den Hof des Herzoges verlassen.
Als Kind hatte mich dieses Märchen schon stark beeinflusst, ich hatte mir auch immer gewünscht, so einen vertrauten Freund unter den Tieren zu finden wie Jakob in seiner Gans.
Sensus Moriendiein märchen das es mir sehr angetan hat ist 'die zwölf schwäne'... es ist glaube ich von hans christian andersen (könnte aber auch von den grimms sein)... es hat mich immer sehr berührt...

liebe grüße, sensus moriendi
magic caterpillarGrüß dich, Sensus Moriendi,

ich weiß leider nicht, was das für ein Märchen ist. Von den Grimms und von Andersen kenne ich Märchen über Schwäne, doch sie nennen sich anders... Hättest du Lust, das Märchen etwas zu beschreiben oder zumindest eine Stelle darin, an die du dich gern erinnerst?

Gruß, Magic
dornrosefür so einen schönen winterabend mit viel leckerem tee, kann ich folgendes buch empfehlen: es gibt ein klitzkleines reclam-heftchen mit märchen, die charles perault zusammengetragen hat, sozusagen ein französischer-grimm-bruder.

z.b. darin..."die schlafende schöne im walde" [img]http://www.nachtwelten.de/ubb/smile.gif[/img]

viele schöne lesestunden
wünscht dornrose
dornroseachja, ich vergaß noch etwas...ich finde es sehr interessant ein wenig durch die europäische märchenwelt zu spazieren, die gleichartigkeiten oder unterschiede festzustellen.

ich finde, das ist manchmal viel zu wenig bewußt.

dornrose
magic caterpillar@ Dornrose

Dein Name klingt sogar schon märchenhaft...

Worum geht es denn bei "Die schlafende Schöne im Walde" (sicherlich auch um eine Schöne, die im Walde schläft... [img]http://www.nachtwelten.de/ubb/smile.gif[/img]) ?

Außer englischen, deutschen, russischen (und dererlei vielfältige Ex-Teilrepubliken) und arabischen Märchen kenne ich kaum welche. Mich spricht diese gefühlvolle, manchmal auch brutale Mystik, für deren Akzeptanz mir nun wohl jeder Pädagoge den Laufpass gäbe, an. Ich bin bin glücklich, dass ich die ganze Wahrheit von Schneewittchen, also auch das echte Ende erfahren konnte. Es hat mir keinen Schaden zugefügt (die vorhanden sind von allein gekommen [img]http://www.nachtwelten.de/ubb/smile.gif[/img]). Ich konnte mir schon immer ein selbständiges Urteil darüber bilden, ob ich das Beschriebene gerecht oder ungerechtfertigt finden sollte. Die Grimms haben mich nicht dazu geführt, es richtig zu finden, wie oben im Beispiel angeführt, den Willen eines Kindes bis zum Tode zu brechen.

Es geht mir also gar nicht um die Kunstform Märchen, und was sich dahinter alles psychologisch verbergen mag, ich mag die seltsamen, entsetzlichen, kuriosen, ominösen Dinge, weil sie mich inspirieren.

BlackadderEin "Märchen", das mich noch immer begeistern kann ist "Märchenmond" von Wolfgang Hohlbein, eines der wenigen Bücher dieses Autors, die ich wirklich gerne gelesen habe.
Kennen ja vielleicht noch einige andere, mir hat es sehr gut gefallen, weil er sich hier endlich einmal bemüht hat, einen Handlungsfaden zu spinnen, der nicht wie Flickwerk aneinandergereiht wird.
Kein "klassisches" Märchen, aber ein modernes... [img]http://www.nachtwelten.de/ubb/biggrin.gif[/img]

Beste Wünsche,

BLACKADDER

P.S. Rotkäppchen mochte ich als Kind immer...aber nur die entschärfte Version ab 6 Jahren... [img]http://www.nachtwelten.de/ubb/wink.gif[/img] [img]http://www.nachtwelten.de/ubb/tongue.gif[/img]

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Auf jede Frage dieser Welt findet man die Antwort in einem Buch.

In omnibus requiem quaesivi et nusquam inveni nisi in angulo cum libro.
TotesLebenMärchen, über dieses Thema hatte ich neulich ein sehr intressante Unterhaltung mit der Freundin meines Vaters.
Da wären zum ersten Andersens Märchen, wenn ich mich nicht total irre schrieb er unter anderem "das hässliche entlein" und "das mädchen mit den schwefelhölzern". Letztendlich erfuhr ich das Andersens Märchen KEINE Kindermärchen sind. Auch gibt es zahlreiche von den Gebrüdern Grimm gesammelte Märchen die ebenfalls NICHT für Kinder gedacht sind (ich denke da an ein bestimmtes in dem eine Frau einer Horde Räuber als Speise dient).
Vielmehr waren eben jene Märchen zur damaligen Zeit gedacht bestimmte "Lebensweiseheiten" rüber zu bringen. Jedes Märchen hat ein zentrales Thema, welches sich durch bestimmte Punkte (das rote Käppchen von Rotkäppchen, der Spieß der sieben Schwaben usw.) zeigt.
Es mag viele schöne geben, doch Märchen sind meiste keine Kindermärchen (selbst Hänsel und Grätel o.ä.)
FeeMein Lieblingsmärchen war immer "Das Waldhäuschen" von den Gebrüdern Grimm. Meine Mutter hat es mir bestimmt ... wenn nicht noch öfter vorgelesen. Ich habe auch immer sehr gerne Sagen gelesen: vor allen Dingen von meiner Heimat Südthüringen, vllt sagt ja jmd. "Das blaue Feuer" etwas.

Meine sadistische Schwester hat sich von unserer Mutter immer "Das Mädchen mit den Schwefelhölzern" vorlesen lassen. Meine Mutter mußte dann immer weinen und das fand meine Schwester lustig, ist doch gemein oder?
dornroseeinen guten abend wuensche ich,

nun "die schöne im schlafenden wald" ist einfach die deutsche übersetzung von dornröschen [img]http://www.nachtwelten.de/ubb/smile.gif[/img] wie sollte es anders sein, im französischen "la belle au bois dormant". auch im englischen heißt das märchen ja sleeping beauty. die deutsche sprache ist in manchen fällen vielleicht doch blumiger, aber abgesehen davon unterscheiden sich die fassungen auch immer etwas.

die sieben schwäne hab ich auch immer gern gemocht, davon gab es mal eine wirklich melancholische verfilmung, das mädchen, das für ihre sieben brüder hemden aus nessel nähen muss, damit diese wieder ihre menschliche gestalt erlangen koennen...

und märchen als inspiration...nun in dieser beziehung hab ich immer die märchen von e.t.a. hoffmann gemocht, ...übrigens auch für erwachsene.

beste grüße
dornrose
magic caterpillarGuten Abend, euch allen,

Gerade habe ich mir eine Hörspielfassung von Oscar Wildes "Der selbstsüchtige Riese" angehört, wisst ihr wer sie spricht? Niemand geringeres als Klaus Kinski! Wunderschön und so traurig! Warum mag im Traurigen denn so viel Schönheit stecken? Das Märchen, im Übrigen auch ein Kunstmärchen, handelt von einem Riesen, dessen wunderschöner farbenfroher Garten von kleinen spielenden Kindern heimgesucht wird. Der Riese ist bald erzürnt darüber: "Mein Garten ist MEIN GARTEN!!!", vertreibt die Kinder und zäunt den Garten ein. Von dieser Zeit an bleibt der Garten leer, und auch die Farben der Blüten, Früchte und Vögel bleiben aus. Stattdessen halten Winter, Hagel, Nordwind und Frost Einzug und bewachen das weiß-ummantelte, tot-eingezäunte Land. Der Riese vermisst bald die Süße der Wärme und tief in seinem Herzen all das, was zuvor gewesen ist. Lange Zeit vergeht, der Zustand ändert sich nicht, als er in seinem Garten, ganz ungewöhnlicherweise, singende Vögel erblickt... Die Kinder sind durch den Zaun in den Garten gedrungen und spielen. Einer der Jungen lässt das Herz des Riesen besonders erweichen; klein und traurig möchte er auf einen Baum, doch ist er zu schwach und viel zu klein. Der Riese hilft ihm hinauf und erkennt im selben Augenblick seine eigene Selbstsüchgigkeit. Entschlossen hilft er ihm auf den Baum und reißt sodann die Zäune nieder. Der kleine Junge aber zeigt sich dankbar: Als der Riese gealtert ist und sehnsüchtig Tag für Tag an diesen Jungen denkt, erblickt er eines Tages denselben in seinem Wintergarten unter wieder demselben Baum, der nun weiß erblüht ist und silberne Früchte trägt. Erfreut läuft er auf ihn zu... Wahnsinnig vor Entsetzen nimmt er blutende Wundmale von zwei Nägeln an des kleinen Jungen Händen und Füßen wahr und brüllt seine Vergeltungswünsche in den Himmel. Doch der Junge antwortet verheißungsvoll: "Das sind die Wunden der Liebe." "Wer bist du?" haucht der Riese beinahe sprachlos.
Als die anderen Kinder den Garten betreten, liegt der Riese tot unter dem Baum, ganz bedeckt mit weißen Blüten.

Das Märchen ist sehr rührend. Obwohl die weißen Blüten und die silbernen Früchte den Weg zum Paradies weisen, in welches der Mann gelangt, bleibt die Traurigkeit beim Abschied und doch die Erkenntnis, dass alles gut geendet hat. Der Riese hat seine Selbstsüchtigkeit entlarvt, seine Liebe entdeckt und hat Frieden mit sich schließen können. Ich finde diejenige Szene besonders eindringlich, in welcher der Junge das aufgeführte Zitat spricht. Kinski betont es auf eine Weise, die beschreiben kann, was hier niemals darzustellen ist. Wirklich lohnenswert!

Gruß

Magic
Nuitari@TRINITY

wenn dir Schneewittchen so gefällt musst du unbedingt mal die Kurzgeschichte "Snow, Glass & Apples" von Neil Gaiman lesen, da wird Schneewittchen aus der Sicht der bösen Stiefmutter erzählt, mit einigen interessanten Wendungen was Schneewittchen und die Zwerge betrifft. Die Geschichte ist erschienen in seinem Buch "Smoke and Mirrors" oder auf deutsch "Die Messerkönigin".
Nuitarioh was ich vergessen habe...

meine Lieblingsmärchen waren immer zwei Stück von Hans Christian Andersen, und zwar "Die kleine Meerjungfrau" (kennt ja seit Arielle jeder, der Film in dem die Geschichte ganz verkorkts wird, besonders das schöne traurige Ende konnte Disney wohl keinem Kind zumuten... ;-) ) und "Die Schneekönigin".
Nuitarisorry erstmal für die vielen Einzelbeiträge, ich wurde hier vom Rechner vertrieben ;-)

[img]http://images-eu.amazon.com/images/P/3480215599.03.MZZZZZZZ.jpg[/img]

Zur Geschichte der Schneekönigin:
Das Märchen handelt von zwei Kindern, Gerda und Kai, die beste Freunde sind. Eines Tages fliegt ein Splitter von einem bösen Spiegel in Kais Auge und bleibt stecken wodurch der Junge ganz bösartig wird. Dann gibt es noch die (ebenfalls böse aber wunderschöne) Schneekönigin, sie kommt in einem Schneesturm und entführt Kai.
Gerda macht sich nun auf die lange Suche nach ihrem Freund. Bei einer Hexe verliert sie für einige Zeit ihr Gedächnis, dann landet sie bei einer Räuberbande und noch ein paar anderen Wesen und Gestalten, bis sie endlich den Eispalast der Schneekönigin findet.

"Die Wände des Schlosses waren gebildet von dem treibenden Schnee und Fenster und Türen von den schneidenden Winden. Es waren über hundert Säle darin, alle wie sie der Schnee zusammenwehte. Der größte erstreckte sich mehrere Meilen lang. Das starke Nordlicht beleuchtete sie alle, und sie waren so groß, so leer, so eisig kalt und so glänzend!"

Gerda bringt Kai zum Weinen, dadurch löst sich der Splitter in seinem Auge und das Märchen hat (ausnahmsweise mal bei Andersen) ein gutes Ende.

Das ganze Märchen kann man lesen unter
[url="http://gutenberg.aol.de/andersen/maerchen/schneek.htm"]Die Schneekönigin[/url]
magic caterpillarLiebe Liebhaber...

wenn ihr heute ein wenig Muße habt, so mögt ihr an der folgenden Zusammenfassung (was für eine Blasphemie, doch der Umfang dieses Märchens wäre zu erschlagend für dieses Board und natürlich auch für einen Thread, seht mir meine Bequemlichkeit diesbezüglich nach) Märchen Freude empfinden...

Es heißt "Ewige Jugend" und wurde von Victor Eftimiu geschrieben.

Es gab einmal einen wunderschönen Jüngling Sandomir, der hatte alles, was ihn hätte glücklich machen müssen: ein großes Reich, dass fast die ganze Welt ausmachte; seinem Volk erging es gut, es lebte wie im Paradies, das Land erstrahlte und erklang im Rausche der beständigen Feiern, und Sandomir hatte die schönste Frau, die die Welt hervorgebracht hatte, Margarinta.
Doch plagte ihn ein unergründlich Leid... Seine Eltern waren besorgt, lauter Heiler und Berater umkreisten den Jüngling und trachteten, sein Leiden aus der Welt zu schaffen. Niemand erkannte des Lösungs Rätsel als Sandomir selbst... Eines Tages kam er selber darauf, welche Bewandtnis es mit seinem sonderbaren Gebrechen hatte:
Eines Morgens, als er sein dunkles Haupt durchkämmte, gewahrte er einen langen, silbernen Faden... "Sein Gesicht verfärbte sich. Die Hände sanken ihm auf die Knie und sein Kopf auf die Schulter. Große Tränen liefen auf seinen Wangen hinab, zum erstenmal in seinem Leben weinte er... Sandomir wird alt! Sandomir wird sterben!"

Das halbe Königreich versprach er demjenigen, der ein Mittel dagegen finden könne, vergebens wollten ihm seine Hofleute von der Vergänglichkeit eines jeden Menschens berichten... Sandomir glaubte fest daran, anders beschaffen zu sein als andere: "Ich will die Jugend ohne Alter und Leben ohne Tod!"

Nach langer Suche und langer Trauer im Lande erschien eines Tages ein alter Mann, der keinen Lohn für seinen Rat wollte: "Von einer alten Zauberin habe ich erfahren, daß an der Grenze zwischen dem Land des Abendkönigs und dem Reich des Sonnenkaisers hohe Gebirge stehen, die Steine speien. In einem Tal zwischen diesen Bergen ist eine Höhle, die von einer Frau namens
Herz-der-Erde bewacht wird und von ihren zwölf Söhnen, den Fürsten der Ewigen Jugend. Inmitten dieser Höhle ist der wunderbare Brunnen, worin die Kräfte der Erde brodeln und sprudeln. Wer die entfesselten Stürme besiegt, der wird die ewige Jugend, das Leben ohne Tod gewinnen, wenn er dreimal ins verzauberte Wasser steigt..."
Fortsetzung folgt in einigen Minuten

magic caterpillarSo, liebe Liebhaber lieblicher Lieblings- und anderer Märchen, hier die Fortsetzung...

Sandomir segnete den Alten freudetrunken, während Magarinta "Sei verflucht!" murmelte, ahnend, dass Sandomir schon am nächsten Morgen in die Ferne ziehen würde. Sandomir reiste viele Jahre, bis er das Gestein speiende Gebirge und dann auch die Höhle mit dem Brunnen erreichte...

Herz-der-Erde stand warnend vor ihm und sandte ihm all ihre zwölf bewaffneten Söhne entgegen. Sie bat Sandomir, umzukehren und warnte, ihn ansonsten wie all die anderen Fürsten, mit Hilfe des Brunnenwassers in Stein zu verwandeln. Und für wahr... überall standen steinernde Männer... Doch Sandomir gab nicht nach, und als ihn Herz-der-Erde ihre Hand mit dem tödlichen Brunnenwasser benetzte, um ihn alsdann damit in Stein zu verwandeln, schlug ihr Sandomir die Hand vom Arm. Nicht nur das, all ihre Söhne bezwang er in ihrem Kampf gegen ihn und tötete sie dabei.

"Froh stürzte er auf die Quelle zu, wo die Kräfte der Erde sprudelten; doch als er daneben stand, war die Höhle plötzlich von glänzendem Licht erfüllt, und das Wasser wurde still. Eine unvergleichliche Weise erklang, Harfen- und Flötentöne drangen von weither an sein Ohr, und eine strahlende Fee erschien vor dem Fürsten."

... um ihn noch einmal eindringlich davor zu warnen, diesen Schritt zu tun: "...Warum willst du der Erde den lebensnotwendigen Saft rauben, der die Wälder grünen und die Blumen erblühen lässt... Viele Blumen werden vor ihrer Zeit verdorren, viele Wesen werden ungeboren bleiben, wenn du für einen Augenblick den Lauf des Wassers aufhalten willst, um darin zu baden!" "Was kümmert es mich, ob die Bäume keine Früchte tragen oder die Blumen nicht blühen werden? Ich will die Jugend ohne Alter und das Leben ohne Tod!" Die Fee entfernte sich traurig lächelnd und verschwand so, wie sie gekommen war; die Klänge verstummten, das Licht erlosch, das Wasser brodelte auf. Sandomir warf seine Kleider ab und stieg dreimal in die wundertätigen Wellen...

Als er herauskam, war ihm, als würde Quecksilber durch seine Adern fließen, als wären seine Muskeln und Sehnen aus Stahl, so stark und voller Leben fühlte er sich."

Wie ein mildtätiger Sämann besprengte er die Häupter der steinernden Jünglinge mit dem Wasser, sodass sich diese wieder zu regen und zu leben begannen. Die entzauberten Fürsten schworen Sandomir ewige Treue und folgten ihm zu seinem Pferd... von dem nur noch ein haufen Knochen dort übrig geblieben war, wo er es doch... vor scheinbar nur kurzer Zeit... an einen Ast gebunden hatte.
Noch längst nichts ahnend, bittet Sandomir sein Gefolge, doch auch nach Hause zu ziehen, wo doch sicher die Lieben auf die Wiederkehrenden warten werden...

"Sandomir wanderte allein los, die Sehnsucht nach Margarinta und nach den Eltern brannte in seiner Seele. Jetzt, da er das Gewünschte besaß, tat es ihm leid, sein Haus verlassen zu haben. Er hätte doch lieber dort bleiben sollen, sich an der Jugend seiner Frau und am hellen Alter seiner Eltern zu erfreuen..."

Auf seinem sehr langen Weg vernahm er vertraute Vogelstimmen und nach großer Zeit des Wanderns die Sprache seiner Heimat... er fühlte sich wohl, nach einer Reise diese vertraute Sprache zu vernehmen... doch... sonderbar... "in der Rede und in der Tracht der Bewohner dieses Landes fand Sandomir einiges verändert. Ein Greis blickt ihn lange an und sagte endlich: "Oh, mein Junge, wie bewegt es mich, daß du in der Art der Großeltern sprichst! Wie ein Gelehrter vor hundert Jahren! Die Sprache vergilbter Chroniken!" Ganz verwirrt wusste Sandomir nicht, was der Alte wohl meinte, doch als er an seinem Schloss angekommen, sah, wie viel dicker die Stämme der Birken geworden waren, unter denen er als Kind immer spielte, begann er langsam, zu verstehen, dass seine Reise lange Zeit gedauert haben muss... Er erwartete, dass sein Volk anlässlich seiner Wiederkehr einen festlichen Empfang veranstalten würde, doch sein Herz krampfte sich vor Schmerz zusammen, als er vernahm, dass ihn keiner erkannte... Als er sich versuchte, zu erklären, antworteten einige Stimmen: " Oho, seit wann haben wir keinen Kaiser mehr! Das Geschlecht, von dem du sprichst, ist schon seit langer Zeit erloschen!" Ein Greis, der aus der Geschichte die Geschehnisse um Sandomir kannt, tadelte ihn väterlich für das Geschehene. Sandomir wollte noch immer nicht restlos verstehen und schrie aufgebracht, er sei ein Lügner und verlangte nach dem Thron seiner Eltern. Doch muss er erfahren, dass sie bereits den ewigen Schlaf schlafen...

"Und meine Margarinta?"
"Ja... Sie wartet noch auf dich. Sie wollte die Augen nicht schließen, ohne dich vorher noch einmal erblickt zu haben!"
Sandomir lief schnell, seine Gattin zu begrüßen. Von zwei Zofen begleitet, auf einen Krückstock gestützt, erschien eine gekrümmte Greisin, mit weißen, buschigen Brauen über den erloschenen Augen.
"Wo ist er? Wo? murmelte sie, wobei sie die welken Lippen kaum bewegte und mit den Händen nach ihm tastete. "

Eine Zofe stellte Sandomir Magarinta vor, und Sandomir wurde bleich wie wachs, denn er konnte nicht glauben, dass seine Braut, dieses wunderschöne, stolze Geschöpf diese vertrocknete Alte sein sollte, die sich von ihren zwei Begleiterinnen fast tragen ließ.

"Seit wann erwarte ich dich , mein Lieber, seit wann... Nur dir zuliebe habe ich auf dieser Erde so lange, einsame Jahre verweilt!"

Sie schloss ihren ewig Vermissten in die Arme, weinte sich aus, sank zu seinen Füßen nieder und zerfiel zu Asche. Sie hatte das Wiedersehen nicht überleben können.

Mit Margarinta war der letzte Mensch verschwunden, den Sandomir kannte und liebte. Der Turm, in dem er mit Margarinta so viele schöne Stunden verbrachte, war zu einer Ruine geworden, in der nun Eulen nisteten und seine einstigen Diener lagen auf dem Friedhof, der beständig größer wurde.

Sandomir fühlte sich einsam, verlassen, niedergeschlagen inmitten dieser Dinge, die von einer unwiederbringlich verlorenen Vergangenheit erzählten... Jahre mussten vergehen, bis er wieder einen Menschen, eienn Hund oder einen Baum lieb gewinnen konnte. Doch die Zeit blieb nicht still, die Freunde wurden alt, der Hund starb, der Baum verdorrte. Allein Sandomir blieb jung und unsterblich, zwischen den Ruinen, die sich um ihn häuften. Die Jahre verrannen, alles verrann, nur er blieb unverändert, immer einsamer, immer trauriger und bereuhte den Aufbruch aus dem Schloss... damals, vor diesem Bad im Wasser der Unsterblichkeit.

"Oh, könnte ich doch meine Augen für immer schließen! Ginge es doch einmal zu Ende!" Doch weder Klinge noch Gift, weder Feuer noch Wasser konnten seinem Leben ein Ende bereiten... Als einmal ein altes Weib in das Schloss kam, dem die rechte Hand fehlte.

"Kennst du mich noch, Sandomir?" fragte sie.
"Ja... Ich glaube, ja."
"Ich bin Herz-der-Erde! Du hast mir die Hand abgeschlagen und meine zwölf Söhne umgebracht, ich müsste dich deinen Qualen überlassen! Doch das Wasser des Lebens, das du uns gestohlen hast, fordert seine Rechte! Meine Herrin, die Fee, die am Rande der Quelle zu dir gesprochen hat, schickt mich her, damit ich dir die Erlösung bringe. Komm mit!"
"Sei gesegnet Alte, ich folge dir."
Gegen Abend gelangten sie in ein schwarzes Tal. Und was musste Sandomir dort sehen? Alle steinernden Fürsten, die er einst zum Leben erweckt und denen er damit die ewige Jugend geschenkt hatte, stiegen nachdenklich ins Tal hinab und verschwanden im Fluss des Todes. Jeder von ihnen hatte, zu Hause angekommen, etwas ähnliches erlebt wie Sandomir. Nun waren sie gekommen, um die Bürde des Lebens loszuwerden...

Sandomir stieg als letzter in die Fluten, und als ihn die Wellen umarmten, fühlte er ein grenzenloses Glücksgefühl in seiner Seele. Es war, als würden ihn ferne Stimmen locken, liebe Augen zärtlich betrachten, vertraute Gesichter ihm zulächeln, als würden alle, die ihn einst geliebt hatten, ihm offene Arme entgegenstrecken und ihn an ihre Brust ziehen....

Von dieser höchsten Seligkeit erfüllt, sank Sandomir in die Tiefe und wurde eins mit dem Wasser, mit der Erde und mit der Luft.

Und die Welt folgte ihrem Lauf, kraftvoll und heiter, ohne das Ende Sandomirs zu beklagen.


magic caterpillarÜbrigens, liebe dornrose, habe ich nach dem von dir empfohlenene Charles Perrault Ausschau gehalten und ein ganz entzückendes, von einem russischen Maler illustriertes Buch gefunden "Zaubermärchen", im LeiV-Verlag erschienen. Hierin sind enthalten:

Blaubart
Die Fee
Riquet mit dem Schopf
Der kleine Däumling
Eselshaut.

Hm..., wirklich schön.

Liebe Grüße
magic
dornroseoh, sehr schön. ich lebe leider nur mit der reclam ausgabe. aber ich werde mal nachsehen, wie es sich mit der von dir, magic, beschriebenen ausgabe verhält.

sagt euch vielleicht maximilian dauthendey etwas? ich werde mal nachschauen, ob sich ein passend-zu-postender text findet.

zuerst aber will ich mal offline die summary der geschichte lesen...

dornrose

[Dieser Beitrag wurde von dornrose am 13. Dezember 2001 editiert.]
magic caterpillarWie hat es dir gefallen?
dornrosenun war gelegenheit, die geschichte von der ewigen jugend zu lesen. ...sandomir und sein weg zur erkenntnis vom lauf des lebens...es ist wirklich wunderschön.
der autor scheint dir viel zu bedeuten @magic, ich hörte diesen namen schon einmal von dir. und nachdem ich noch ein wenig darüber nachdachte, hatte ich fast schon diese ahnung, dass es
"irgendwann" zur jahrhundertwende entstanden sein könnte. leider gibt es davon nichts mehr im buchhandel, aber die anstehenden freien tage sind eine gute gelegenheit für ein paar antiquariatsbesuche. meine wieder hervorgekramten kyrillischen sprachkenntnisse halfen mir auch nur wenig weiter.

überhaupt muss ich sagen, dass ich den thread sehr mag, weil ich schon einige anregungen fand, mal wieder in einigen geschichten zu blättern, gerade auch die sieben schwäne, die ich letztens in einer verfilmung sah, haben mich immer äußerst fasziniert. es ist so schön, kind zu sein, und gerade dass, sollte man später nicht vergessen.


zu diesem zwecke will ich eine neuerliche empfehlung anschließen. es ist nicht max dauthendey, wie oben geschrieben, weil ich mich einfach nicht entscheiden konnte. sondern eine empfehlung für e.t.a. hoffmann, der goldene topf...ein märchen aus der neuen zeit ...in zwölf vigilien...vom studenten anselmus, dem archivarius lindhorst und seiner tochter veronika.

gute nacht
dornrose




[Dieser Beitrag wurde von dornrose am 17. Dezember 2001 editiert.]
magic caterpillarDanke sehr, dornrose, einmal mehr hast du meinen hungrigen Wissensschatz erweitert mit einem traumhaften Märchen. Dessen Lesen mich künftig beschäftigen wird. Für alle, die sich hierfür interessieren mögen, sei eine Seite angegeben, auf der ihr dieses Märchen lesen könnt:
[url="http://www.guttenberg.aol.de/etahoff/goldtopf/gtopf011.htm"]www.guttenberg.aol.de/etahoff/goldtopf/gtopf011.htm[/url]
magic caterpillarLeider wird Gutenberg nur mit einem t geschrieben, sodass der Link korrigierterweise folgendermaßen lautet:
[url="http://www.gutenberg.aol.de/autoren/etahoff.htm"]www.gutenberg.aol.de/autoren/etahoff.htm[/url]

Ich hoffe, diesmal Fehler vermieden zu haben.
dornroseoh ja, natürlich, die gutenberg-seite. ich scheue mich ein wenig, bei literatur die links anzugeben. zugegeben gutenberg.aol ist die beste literaturdatenbank hinsichtlich vollständigkeit etc. in deutscher literatur und übersetzung (gibt es ja auch für die englischsprachige...)
ein guter einstieg ist es allemal, und für gewisse zwecke einfach praktisch.

...aber, so ein schönes gebundenes buch...das kann es nicht ersetzen...(und ist auch immer ein schönes weihnachtsgeschenk [img]http://www.nachtwelten.de/ubb/smile.gif[/img])

beste grüße
dornrose
...für etwas "inhaltliches" brauch in noch ein bißchen zeit...


magic caterpillarEbenfalls war das längst nicht die ganze Antwort auf das von dir zuvor erstellte Posting... Eine ausführlichere Antwort werde ich dir ebenfalls widmen.

Ein Link ersetzt niemals ein Buch, das fiel mir wieder mal erneut auf, als ich auf die Seite geriet... doch war mein Interessendrang zu groß, und die Zeit, die es benötigte, deinem Hinweis in Buchformat nachzugehen, zu kurz.

Und auch für all jene, die sich zufälligerweise hierher bequemen sollten... kann dieser Link die Bildhaftigkeit wenigstens ansatzweise ersetzen, die ohne das Werk selbst nicht entstehen kann.

Bis bald,
magic
dornroseauch in diesem neuen jahr 2002 ist das winterwetter immer noch dazu angelegt, sich mit einer decke und einem warmen tee in die hinterste ecke des sofas zu verkriechen...also dann, auf ein neues! es gilt, noch die eine oder andere geschichte auszugraben...

...zuallererst: eine frage. leider ist es mir nicht gelungen, eine buch von victor eftimiu aufzutreiben, lieber magic, hast du da einen Tip für mich? möglicherweise gibt es ja auch eine sammlung von erzählungen, in der er vertreten ist...ich würde gern noch mehr von ihm kennen.


...um nocheinmal auf den goldenen topf des herrn hoffmann zurückzukommen...das erste mal habe ich dieses märchen als kind kennengelernt, mich wohl auch wenig gegruselt....später hab ich dann versucht, die dresdner umgebung nachzuvollziehen, was an sich nur noch sehr eingeschränkt möglich ist...und wiederum einige zeit später hab ich es dann noch einmal gelesen und wohl auch etwas von den unterschieden in der wahrnehmung bemerkt, die zwischen kindheit und erwachsensein liegen. im bücherschrank meiner eltern stand immer eine ausgabe der märchen von e.t.a.hoffmann...nun besitze ich sie selbst. als kind las ich vor allem „das märchen“ und erahnte wohl nur etwas von den zusammenhängen, die hier wirken und beschrieben werden, später war ich fast erstaunt, was ich alles nicht oder anders gesehen und gelesen habe.

märchen haben für mich immer ihre faszination behalten, egal ob nun die der gebrüder grimm, oder andere ...oder die später gelesenen, für erwachsene (und kinder). und ein paar meiner alten kinderbücher stehen daheim immer noch im regal.

und so will ich es auch heute nicht versäumen, eine märchen-empfehlung zu erwähnen...
habe mir also besagten tee gekocht, den cd-player eingeschaltet...ataraxia „suenos“, speziell „eleven“ und blättere ein wenig in den büchern...

allereirauh
...es war einmal ein könig, der hatte eine wunderschöne frau, doch diese starb. beim tode seiner frau musste der könig versprechen, im falle einer neuen heirat eine ebenso schöne frau auszusuchen. doch der könig war nicht zu einer neuen heirat zu bewegen, schließlich wurde er von seinen räten bedrängt und erkannte, dass nur seine tochter ebenso schön war wie ihre mutter. diese wollte er nun heiraten. sie überlegt nun, wie sie ihren vater von diesem wunsch abbringen könnte und sprach den folgenden wunsch: ...erst muß ich drei kleider haben, eins so golden wie die sonne, eins so silbern wie der mond und eins so glänzend wie die sterne, ferner verlange ich einen mantel von tausenderlei pelz und rauhwerk zusammengesetzt. sie dachte aber, dass dieser wunsch vollkommen unerfüllbar sei...

doch ihr wunsch wurde erfüllt und heimlich stand sie in der nacht vor ihrer hochzeit auf, zog sich den mantel aus allerlei rauhwerk an und verließ den palast...sie schläft nachts in einem wald, wird gefunden und muss von nun an in der küche eines anderen königreichs arbeiten...

nun begab es sich, dass der könig ein fest abhielt, und allerleirauh sagte dem koch, sie wolle gern hinaufgehen, um zuzusehen...nun hatte sie aber auch die drei wunderschönen kleider mitgenommen und so wurde sie beim ball für eine unbekannte königstochter gehalten...dies wiederholte sich noch zweimal...in der zwischenzeit kehrte sie aber immer wieder in die küche zurück, um für den könig die suppe zu kochen...und immer legte sie etwas mit hinein, einmal ihren goldenen ring...der könig, der alles ahnte, behielt den ring und steckte ihn allerleirauh beim 3. ball an den finger. sofort darauf befahl er seine suppe und allerleihrau mußte sich beeilen, so behielt sie ihr kleid an, zog nur den mantel darüber, in der eile vergaß sie auch, ihre haut vollständig mit ruß zu bedecken...
als der könig nun seine suppe gegessen und auf dem grunde eine goldene haspel gefunden hatte, da ließ er allerleirauh wieder zu sich rufen....und sah den ring an ihrem finger und während er ihre hand ergriff, löste sich der pelzmantel und ihre sternenkleid war zu sehen

...da heirateten die beiden und lebten glücklich bis an ihr lebensende.

...nun ja, das ende ist etwas kitschig...doch ich habe mich bei diesem märchen schon immer gefragt, wie groß die suppenterrinen in diesem königreich doch sein müssen, dass sogar spinnräder hineinpassen und warum das königreich des ersten königs so nah an den wald des anderen grenzt, das man nur einen tag laufen muss... [img]http://www.nachtwelten.de/ubb/smile.gif[/img]


...und wenn es in eurer stadt ein puppentheater geben sollte, dass noch alte märchen spielt...dann geht einfach mal hin.

in diesem sinne
beste grüße
dornrose

NightingaleEndet dieser Thread, jetzt in einem Zwiegespraech?

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Sein oder nicht sein?
Das ist hier die Frage.
dornrose...wenn ich hier einmal für den gastgeber sprechen darf...

nein, so soll es keineswegs sein. mich würde es in jedem fall freuen, wenn sich noch mehr menschen hier einfänden.

beste grüße
dornrose
NightingaleMein liebstes Märchen ist die "Die kleine Meerjungfrau" von Hans Christian Andersen.

Weiter oben im Thread wurde die Frage gestellt, von wem das Märchen "Die wilden Schwäne" stammt; Es ist ebenfalls von H.A. Andersen.

Sehr schön ist auch "Die weiße Schlange" und "Schneeweißchen und Rosenrot".
Beide Märchen sind von den Grimms.

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Sein oder nicht sein?
Das ist hier die Frage.
magic caterpillarHallo Nightingale,

natürlich sind deine Worte willkommen, wir haben nie irgendwem verboten, hier mitzumachen... das Interesse an dieser Thematik ist sicherlich nicht riesig groß... Wenn jemand seine Gedanken hier einträgt, ist das doch, gerade für all die, die sich für dieses Thema interessieren, wunderbar!

Werte dornrose,

deine Antworten habe ich natürlich wieder mit großem Interesse gelesen und freue mich schon darauf, sie zu beantworten.

Alles Gute
magic
Nightingale@Magic ...
Da hast Du mich wohl falsch verstanden:
Mir ist es klar, dass mir hier niemand "verbieten" kann "mitzumachen".
(Das wäre ja wohl in einem Forum, ziemlich fehl am Platze.)

Wollte mich nur vergewissern, ob Ihr Eure
Zwiegespräche, eventuell auf persönliche E-Mails verlagern könntet.
Es ist nämlich äußerst nervig, diese in einem öffentlichen Thread zu lesen.

Bin selbstverständlich sicher, dass Du als fähiger Moderator mit einem offensichtlichen Hang zur Fairness, hierzu vollstes Verständnis hast. Nicht wahr?? ;-)

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Sein oder nicht sein?
Das ist hier die Frage.

[Dieser Beitrag wurde von Nightingale am 09. Januar 2002 editiert.]
magic caterpillarNightingale,

dein zickiger Kommentar geht leider am Thema vorbei, dein voriger hat mir viel besser gefallen.

Gruß magic
magic caterpillarIch habe nach kurzer Bedenkzeit beschlossen, dir hier in diesem Thread noch mal zu antworten, Nightingal...

Diese Antwort weicht natürlich etwas vom Thema ab, soll aber gleich wieder zurück führen und auch anderen Membern vergewissern, dass sie hier gern ihre Einträge tätigen können und auch gern sollen (!!!).

Natürlich kann und will ich niemanden etwas "verbieten"... Schade, dass du das gleich so wörtlich genommen hast... Dabei wollte ich damit nur ausdrücken, dass sich nun einmal dornrose und ich hier immer wieder einfinden und Interesse am Thema "Märchen" haben. Soweit wir uns, hierüber unterhalten, haben wir dieses Thema auch nicht verfehlt.

Jedem steht frei, wie häufig er in einem Thread postet. Wenn im Augenblick dornrose an diesem Thread Interesse findet und andere weniger Interesse daran finden, werde ich mich eben mit ihr und dornrose sich eben mit mir austauschen.

Wir unterhalten uns dabei strikt an das Thema "Märchen" gebunden und sind deshalb auch nicht dazu (der Geordnetheit halber) verpflichtet, uns per PM auszutauschen.

Dass wir zur Zeit allein sind, stört mich nicht, ich kann mich sehr gut mit einer Person unterhalten und lese zudem sehr gern solche am Thema interessierten und auf mich damit interessant wirkenden, durchdachten, wenig oberflächlichen Beiträge, wie dornrose sie erstellt.

Ich habe natürlich nichts dagegen, wenn solche Beiträge häufiger auch hier erschienen... aber jeder interessiert sich nun einmal für andere Dinge, deshalb bin ich über ein Fernbleiben nicht enttäuscht... Sicherlich aber angenehm überrascht, sollten sie sich auch hier einfinden...

Deshalb, und das habe ich und auch dornrose bereits zum Ausdruck gebracht, freue ich mich an jedem weiteren Member, der sich hier Gedanken machen will und an einer Unterhaltung innerhalb dieses Themas interessiert ist.

Wenn du das möchtest, und Interesse hast du ja bereits gezeigt, dann würde mich das freuen... Bitte aber fühle dich nicht durch irgendetwas angegriffen oder bevormundet, und bitte fasse diesen Thread als friedlich und harmonisch und außerdem sehr gastfreundschaftlich verlaufend auf...

Du bist herzlich willkommen!... Wenn du allerdings nicht magst und dich die Gedanken und Kommentare hierdrin eher abstoßen, dann ist es dir natürlich freigestellt, ob du woanders lieber verweilen möchtest.

Wenn du persönlich etwas gegen mich hast, kannst du mir gern auch deine Kritik in einer PM mitteilen, ich lerne gern dazu und gehe davon aus, dass ich etwas nicht beachtet habe, was du mir vielleicht aufzeigen könntest.

Gruß
magic
Nightingale@Magic
Warum sollte ich gegen Dich etwas haben?
Ich kenne Dich ja gar nicht.
Ich wollte Dich auch auf keinen Fall persönlich angreifen; Wenn es so rüberkam,
tuts mir leid. (Meine ich ernst.)

Also nichts für ungut.


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Sein oder nicht sein?
Das ist hier die Frage.
dornroseguten abend,
die letzten postings habe ich gelesen...vielleicht nur eines, ...ein grund, weshalb diese unterhaltung nicht per pm, etc. fortgeführt wurde, liegt sicher unter anderem darin, dass so die hoffnung ausdruck fand, hier doch weitere interessenten zu erblicken...auch wenn ich den austausch mit magic bisher sehr geschätzt habe.

um die hinwendung zum inhaltlichen ein wenig zu unterstützen...ein rätsel...wer kennt diese märchen und wer kann es vielleicht an dieser stelle weitererzählen?

"An dem großen Flusse, der eben von einem starken Regen geschwollen und übergetreten war, lag in seiner kleinen Hütte, müde von den Anstrengungen des Tages, der alte Fährmann und schlief. Mitten in der Nacht weckten ihn einige laute Stimmen; er hörte, daß Reisende übergesetzt sein wollten.

Als er vor die Tür hinaus trat...

...
...
...
Unvermutet fielen Goldstücke, wie aus der Luft, klingend auf die marmornen Platten, die nächsten Wanderer stürzten darüber her, um sich ihrer zu bemächtigen, einzeln wiederholte sich dies Wunder, und zwar bald hier und bald da. Man begreift wohl, daß die abziehenden Irrlichter sich hier nochmals eine Lust machten und das Gold aus den Gliedern des zusammengesunkenen Königs auf eine lustige Weise vergeudeten. Begierig lief das Volk noch eine Zeitlang hin und wider, drängte und zerriß sich, auch noch da keine Goldstücke mehr herabfielen. endlich verlief es sich allmählich, zog seine Straße, und bis auf den heutigen Tag wimmelt die Brücke von Wanderern, und der Tempel ist der besuchteste auf der ganzen Erde."

ein kleiner tip...um es zu finden, muß man gewissermaßen beim "altmeister" suchen.

viel spaß beim raten, wer auch immer es lesen möge...
dornrose
Lu DiamondIch erweitere mal den schönen Märchenschatz hier um [I]"Die Totenmette"[/I].

[font=blue]Es war einmal eine Frau, die dachte am Weihnachtsabend bei sich selbst, sie wollte am Weihnachtsmorgen in die Frühpredigt gehen, denn sie war eine eifrige Kirchgängerin. Also gab sie Kaffee heraus, um am Morgen einen warmen Schluck zu haben und nicht nüchtern in die Kirche zu müssen. Als sie aufwachte, schien der Mond ins Zimmer, aber als sie aufstand, um nach der Uhr zu sehen, war sie stehengeblieben, und der Zeiger wies auf halb zwölf. Da wußte sie nicht, wie es an der Zeit war und ging ans Fenster und schaute nach der Kirche hinüber. Dort sah sie Licht in allen Fenstern. Nun weckte sie das Mädchen uns ließ sie Kaffee kochen, während sie sich anzog, und dann nahm sie ihr Gebetbuch und ging zur Kirche. Es war ganz still auf der Straße, und sie sah keinen Menschen auf dem Weg. Als sie in die Kirche kam, setzte sie sich auf ihren gewohnten Platz, aber als sie sich umsah, kamen ihr all die Leute so bleich und wunderlich vor, gerade, als ob sie alle tot wären. Sie kannte niemand, aber manche meinte sie schon früher gesehen zu haben, doch sie konnte sich nicht entsinnen, wo. Als der Priester auf die Kanzel stieg, war es keiner von den Priestern in der Stadt, sondern ein großer, blasser Mann, der ihr auch bekannt vorkam. Er predigte sehr erbaulich und es war keine solche Unruhe und kein Husten und Räuspern, wie es sonst an Weihnachtsmorgen in der Frühpredigt zu sein pflegt. Es war so stille, daß man hätte eine Nadel fallen hören können, ja es war so stille, daß ihr ganz angst und bange wurde.
Als sie wieder zu singen anfingen, beugte sich eine Frau, die neben ihr saß, zu ihr und wisperte ihr ins Ohr: "Wirf den Mantel lose um dich und geh, denn wenn du wartest, bis es vorbei ist, so machen sie dir den Garaus. Das ist die Totenmette."
Da ängstigte sie sich sehr, denn als sie die Stimme hörte und zu der Frau hinüber sah, da erkannte sie sie; es war ihre Nachbarin, die seit langen Jahren tot war. Ihr Blut wurde zu Eis, so hatte sie Angst. Sie nahm den Mantel lose um sich, wie die Frau ihr gesagt hatte, und ging hinaus; aber es war ihr, als ob alle nach ihr griffen, und die Knie wankten ihr, und sie war fast auf den Kirchenboden niedergesunken. Als sie an die Treppe kam, packten die Toten schon ihren Mantel; sie ließ ihn los und eilte nach Hause, so rasch sie konnte. Gerade als sie in der Tür stand, schlug es ein Uhr, und wie sie hineinkam, war sie halbtot vor Angst. Am Morgen, als die Leute zur Kirche gingen, lag der Mantel auf der Treppe, aber er war in tausend Stücke zerrissen.[/font]
MahsheedDer Kuhhirt und die Spinnerin

Es lebte einst ein junger Mann, der sein Auskommen damit verdiente, dass er die Kuh eines Bauern hütete.
Nun gilt dies gemeinhin nicht als eine Aufgabe, bei der sich besondere Anstrengung lohnt, aber der Hirte hatte seine Kuh sehr gern und deshalb führte er sie nur auf die saftigsten Wiesen und tat auch sonst alles, damit es ihr wohl erging. So kam es, dass ihr Fell weich und seidig wund ihre Flanken nicht dürr und knochig wie bei den anderen, sondern rund und wohlgenährt waren.

Eines Tages, als der junge Hirte die Kuh an eine Stelle geführt hatte, wo das Gras besonders saftig und wohlschmeckend war, kam die Kuh zu ihm herübergelaufen, stupste ihn sanft mit ihrer weichen Nase an und sprach:

"Du bist immer gut zu mir gewesen, lass mich dir dafür danken. Was hälst du davon, ein liebliches junges Mädchen zur Frau zu nehmen?"

"Ach, das täte ich von Herzen gern",
seufzte der junge Bursche,

"aber welches Mädchen will schon einen Kuhhirten zum Mann!"

"Das hängt von dir ab. Wenn du alles mir überlässt und keine Fragen stellst, will ich dir helfen, dein Glück zu finden",
versprach ihm die Kuh und trottete davon.

Als das nächste Mal der volle Mond am Himmel stand, weckte die Kuh den jungen Mann, der unter einer Weide lag und schlief.

"Wach auf! Heute ist der Siebenabend! Steig schnell auf meinen Rücken, damit ich dich zum Himmelsee tragen kann!"

"Der Siebenabend? Zum Himmelsee?",
fragte der Hirte verschlafen.
"Was soll ich denn da, und wie sollen wir denn dahin kommen?"

"Steig einfach auf und halte dich gut an meinen Hörnern fest, dann wird dir nichts passieren",
erwiderte die Kuh ungeduldig und scharrte mit den Hufen. Der junge Mann stieg auf und sogleich lief die Kuh los.

Der Wind pfiff ihm um die Ohren, so dass ihm ganz schwindelig wurde, und als er hinunter blickte, stellte er erschrocken fest, dass sie durch die Luft flogen.

"Hilfe, wo willst du denn mit mir hin,"
schrie er voller Angst.
"Zum Himmelsee, das habe ich dir doch schon gesagt. Und nun halte dich gut fest, denn gleich sind wir da",
beruhigte ihn die Kuh.

Und tatsächlich, kurze Zeit später waren sie an dem verzaubertem Ort angekommen. Der Hirte traute seinen Augen nicht, so schön war alles anzusehen. Die Schilfgräser am Ufer waren aus hauchdünnen Goldplättchen und die Blätter der Zypressenbäume, die aus grün geschliffenem Kristall waren, klingelten leise im Wind.
Staunend lief der junge Mann hinter der Kuh her.

"Beeil dich ein bisschen",
rief sie ihm zu,
"am Siebenabend kommen die Töchter des Himmelsfürsten stets hierher, um zu baden. Wir wollen sie nicht verpassen.!"

"Die Töchter des Himmelsfürsten?",
fragte der Hirte verwirrt.

Die Kuh schnaubte ärgerlich durch die Nase.
"Was glaubst du denn, warum du hier bist? Ich will dir helfen, das Herz der siebten Tochter des Himmelsfürsten, die übrigens auch die Hübscheste von allen ist, zu gewinnen. Sie wird die Spinnerin genannt, weil sie die Wolkenseide für die Himmelskönigin spinnt und die Näharbeiten der Mädchen auf der Erde überwacht. Gelangt es dir, sie zur Frau zu nehmen, erlangst du Unsterblichkeit."

"Aber wie soll mir denn das gelingen?",
rief der Bursche.
"Ich bin nur ein Bauerntölpel. Wieso sollte ein so edles Fräulein mich zum Mann haben wollen? Am besten wird sein, wir vergessen das Ganze und du bringst mich auf die Erde zurück!"

"Nicht so schnell, nicht so schnell",
beschwichtigte ihn die Kuh,
"es wird alles seinen Gang gehen, sei unbesorgt. Wenn du tust, was ich dir sage, kann gar nichts schief gehen. Also hör gut zu: Wenn du die Mädchen kommen siehst, versteckst du dich am Ufer. Das Mädchen mit den roten Kleidern ist die Spinnerin. Sobald alle ins Wasser gestiegen sind, stiehlst du ihre Kleider. Lass dich nicht beirren und gib sie ihr erst zurück, wenn sie dir versprochen hat, dich zu heiraten!"

Der Kuhhirte versprach, sich alles gut zu merken, und versteckte sich im Schilf. Schon bald hörte er das Lachen der jungen Mädchen, die ausgelassen am Ufer entlang liefen. Als sie an einer seichten Stelle angekommen waren, zogen sie ihre Kleider aus und stiegen ins Wasser.
Nachdem sie sich ein Stück vom Ufer entfernt hatten, kam der junge Mann aus seinem Versteck hervor, griff unter lautem Geschrei der Mädchen das Bündel mit den roten Kleidern und lief weg.
Eilig schwammen die sechs anderen Töchter des Himmelfürsten ans Ufer zurück, schlüpften in ihre Kleider und liefen davon.
Mahsheed(Fortsetzung ... )

"Gib mir sofort meine Kleider wieder, was fällt dir ein!",
rief die Siebte, die als einzige noch frierend im Wasser saß.

"Nur, wenn du mich heiratest.",
erwiderte er.

"Das wäre ja noch schöner",
rief das Mädchen ärgerlich,
"was sollte ich denn für einen Grund haben, so einen Rüpel wie dich zu heiraten. Du weißt wohl nicht, wen du vor dir hast!"

"Doch, du bist die siebte Tochter des Himmelsfürsten und wirst die Spinnerin genannt",
erwiderte der Kuhhirte,
"außerdem bist du wunderschön. Es tut mir Leid, dass du böse auf mich bist. Aber die Kuh hat gesagt, dass ich dir die Kleider wegnehmen soll."

"Das ist richtig",
warf die Kuh, die nun auch ans Ufer gekommen war, beschwichtigend ein,
"es ist meine Schuld, denn eigentlich hat dieser junge Mann sehr gute Manieren und, was noch wichtiger ist, ein gutes Herz. Er ist zwar arm, aber ich kann dir versichern, ds er dich immer lieb haben und immer an dich denken wird. Nimm ihm sein Handeln bitte nicht so übel."

Das junge Mädchen betracdhtete den Kuhhirten verstohlen und stellte fest, dass er ihr sehr gut gefiel. Auch hatten sie die Worte der Kuh milde gestimmt.

"Also gut",
willigte sie ein,
"aber jetzt will ich meine Kleider!"

Froh über ihre Zustimmung legte der junge Mann die Kleider auf einen Stein und wartete ein Stück abseits. Es dauerte nicht lange und das Mädchen kam zu ihm herüber gelaufen.

"Du musst mir alles von dir erzählen",
sagte sie, während sie ihr langes Haar mit einem seidenen Schal trocknete.

Der Kuhhirte führte sie zu einer kleinen Lichtung, auf der sie sich nieder setzten. Er nahm ihre Hände und erzählte ihr von sich und vom Leben unten auf der Erde und davon, wie glücklich er war, dass er sie gefunden hatte. So saßen die beiden, bis die Morgensonne alles in rotes Licht tauchte.

Als die Sonnenstrahlen die Lichtung erhellten, sprang das Mädchen eilig auf.

"Ich muss dich jetzt verlassen",
sagte sie traurig,
"mein Vater hat mir befohlen, neue Wolkenseide für meine Mutter zu spinnen, aber ich komme wieder!"

Und mit diesen Worten lief sie eilig davon.

"Bitte geh nicht!",
flehte der Kuhhirte und rannte hinter ihr her,
"wir haben uns doch erst kennen gelernt!"

"Ich weiß, mein Liebster"",
erwiderte das Mädchen, das mit Tränen in den Augen im Lauf inne gehalten hatte,
"aber es ist uns so bestimmt!"

Dann drehte sie sich um und verschwand zwischen den Nebelschwaden, die sich über die Lichtung gelegt hatten.

"Warte doch, lass mich nicht allein!"
rief ihr der junge Mann hinterhier und lief ihr nach.

"Du musst zurück bleiben" Mein Vater, der Himmelsfürst, duldet keinen Ungehorsam!",
rief das Mädchen ihm zu.

Doch als sie sah, dass er nicht stehen bleiben würde, löste sie voller Verzweiflung eine silberne Haarnadel aus ihrem Haar und zog damit einen Strich durch die Luft. Sogleich entstand eine Wand von funkelnden Sternen, die der junge Mann nicht durchdringen konnte, und es blieb ihm nichts anderes übrig, als weinend zurück zu bleiben, während seine Liebste zwischen den funkelnden Sternen verschwand.

So kommt es, dass der Kuhhirte und die Spinnerin am Himmel durch die Milchstraße, die von den Chinesen der silberne Fluss genannt wird, getrennt sind.

Nur einmal im Jahr, am siebten Tag des siebten Monts, erlaubt es der strenge Himmelsfürst, dass sie sich treffen. Dann fliegen alle Vögel hoch in den Himmel hinauf und bilden eine Brücke, damit die Spinnerin den silbernen Fluss überqueren und zu ihrem Liebsten kommen kann. Deshalb hört man an diesem Tag keinen Vogel zwitschern, so sehr man auch die Ohren spitzt.
Doch ihr Glück ist nur von kurzer Dauer, denn der Vater wacht genau darüber, dass seine Tochter zurück kehrt, sobald der Abendstern zu leuchten beginnt. Aus diesem Grund regnet es so häufig am Siebenabend. Es sind die Tränen der Liebenden, die als Regen zu Erde fallen.






Aus: Bibliothek der schönsten Märchen aus China. BETZ
MahsheedDaher stammt sicher die Redewendung und der als ärgerliche Beschimpfung genutzte Ausdruck:

[center]"du blöde Kuh!, duh!"[/center]
dornrosewie lang das her ist...
und ob noch jemand des rätsels lösung finden mag?

[QUOTE][i]Original geschrieben von dornrose [/i]
[B]
um die hinwendung zum inhaltlichen ein wenig zu unterstützen...ein rätsel...wer kennt diese märchen und wer kann es vielleicht an dieser stelle weitererzählen?

"An dem großen Flusse, der eben von einem starken Regen geschwollen und übergetreten war, lag in seiner kleinen Hütte, müde von den Anstrengungen des Tages, der alte Fährmann und schlief. Mitten in der Nacht weckten ihn einige laute Stimmen; er hörte, daß Reisende übergesetzt sein wollten.

Als er vor die Tür hinaus trat...
...
ein kleiner tip...um es zu finden, muß man gewissermaßen beim "altmeister" suchen.

viel spaß beim raten, wer auch immer es lesen möge...
dornrose [/B][/QUOTE]

dornrose, die letzten zwei postings lesend
@mahsheed :D ...und danke fürs ausgraben...
Mahsheed@ dornrose ...

:cool:


Und:

Ich habe die Lösung ...
Mahsheed[font=garamond][size=4][I]

[center][B]Das Märchen [/B]
Johann Wolfgang von Goethe [/center]

An dem großen Flusse, der eben von einem starken Regen geschwollen und übergetreten war, lag in seiner kleinen Hütte müde von der Anstrengung des Tages, der alte Fährmann und schlief. Mitten in der Nacht weckten ihn einige laute Stimmen; er hörte, daß Reisende übergesetzt sein wollten.

Als er vor die Tür hinaus trat, sah er zwei große Irrlichter über dem angebundenen Kahne schweben, die ihm versicherten, daß sie große Eile hätten und schon an jenem Ufer zu sein wünschten. Der Alte säumte nicht, stieß ab und fuhr, mit seiner gewöhnlichen Geschicklichkeit, quer über den Strom, indes die Fremden in einer unbekannten sehr behenden Sprache gegeneinander zischten und mitunter in ein lautes Gelächter ausbrachen, indem sie bald auf den Rändern und Bänken, bald auf dem Boden des Kahns hin- und widerhüpften.

"Der Kahn schwankt!" rief der Alte, "und wenn ihr so unruhig seid, kann er umschlagen; setzt euch, ihr Lichter!"

Sie brachen über diese Zumutung in ein großes Gelächter aus, verspotteten den Alten und waren noch unruhiger als vorher. Er trug ihre Unarten mit Geduld, und stieß bald am jenseitigen Ufer an.


"Hier ist für Eure Mühe!" riefen die Reisenden, und es fielen indem sie sich schüttelten, viele glänzende Goldstücke in den feuchten Kahn.

"Ums Himmels willen, was macht ihr!" rief der Alte, "ihr bringt mich ins größte Unglück! Wäre ein Goldstück ins Wasser gefallen, so würde der Strom, der dies Metall nicht leiden kann, sich in entsetzliche Wellen erhoben, das Schiff und mich verschlungen haben, und wer weiß, wie es euch gegangen sein würde; nehmt euer Geld wieder zu euch!"

"Wir können nichts wieder zu uns nehmen, was wir abgeschüttelt haben," versetzten jene.

"So macht ihr mir noch die Mühe," sagte der Alte, indem er sich bückte und die Goldstücke in seine Mütze las, "daß ich sie zusammensuchen, ans Land tragen und vergraben muß."

Die Irrlichter waren aus dem Kahne gesprungen, und der Alte rief: "Wo bleibt nun mein Lohn?"

"Wer kein Gold nimmt, mag umsonst arbeiten!" riefen die Irrlichter.

"Ihr müßt wissen, daß man mich nur mit Früchten der Erde bezahlen kann."

"Mit Früchten der Erde? Wir verschmähen sie, und haben sie nie genossen."

"Und doch kann ich euch nicht loslassen, bis ihr mir versprecht, daß ihr mir drei Kohlhäupter, drei Artischocken und drei große Zwiebeln liefert."

Die Irrlichter wollten scherzend davonschlüpfen; allein sie fühlten sich auf eine unbegreifliche Weise an den Boden gefesselt; es war die unangenehmste Empfindung die sie jemals gehabt hatten. Sie versprachen seine Forderung nächstens zu befriedigen; er entließ sie und stieß ab.

Er war schon weit hinweg als sie ihm nachriefen: "Alter! hört Alter! wir haben das Wichtigste vergessen!"

Er war fort und hörte sie nicht. Er hatte sich an derselben Seite den Fluß hinab treiben lassen, wo er in einer gebirgigen Gegend, die das Wasser niemals erreichen konnte, das gefährliche Gold verscharren wollte. Dort fand er zwischen hohen Felsen eine ungeheure Kluft schüttete es hinein und fuhr nach seiner Hütte zurück.

In dieser Kluft befand sich die schöne grüne Schlange, die durch die herabklingende Münze aus ihrem Schlafe geweckt wurde. Sie ersah kaum die leuchtenden Scheiben, als sie solche auf der Stelle mit großer Begierde verschlang, und alle Stücke die sich in dem Gebüsch und zwischen den Felsritzen zerstreut hatten, sorgfältig aufsuchte.

[/font][/size][/I]
Mahsheed[size=4][font=garamond][I]Kaum waren sie verschlungen, so fühlte sie mit der angenehmsten Empfindung das Gold in ihren Eingeweiden schmelzen und sich durch ihren ganzen Körper ausbreiten, und zur größten Freude bemerkte sie, daß sie durchsichtig und leuchtend geworden war. Lange hatte man ihr schon versichert, daß diese Erscheinung möglich sei; weil sie aber zweifelhaft war, ob dieses Licht lange dauern könne, so trieb sie die Neugierde und der Wunsch, sich für die Zukunft sicherzustellen, aus dem Felsen heraus, um zu untersuchen, wer das schöne Gold hereingestreut haben könnte. Sie fand niemanden. Desto angenehmer war es ihr, sich selbst, da sie zwischen Kräutern und Gesträuchen hinkroch, und ihr anmutiges Licht, das sie durch das frische Grün verbreitete, zu bewundern. Alle Blätter schienen von Smaragd, alle Blumen auf das herrlichste verklärt. Vergebens durchstrich sie die einsame Wildnis, desto mehr aber wuchs ihre Hoffnung, als sie auf die Fläche kam und von weitem einen Glanz, der dem ihrigen ähnlich war, erblickte.

"Find' ich doch endlich meinesgleichen!" rief sie aus und eilte nach der Gegend zu.

Sie achtete nicht die Beschwerlichkeit durch Sumpf und Rohr zu kriechen; denn ob sie gleich auf trocknen Bergwiesen, in hohen Felsritzen am liebsten lebte, gewürzhafte Kräuter gerne genoß und mit zartem Tau und frischem Quellwasser ihren Durst gewöhnlich stillte, so hätte sie doch des lieben Goldes willen und in Hoffnung des herrlichen Lichtes alles unternommen, was man ihr auferlegte.


Sehr ermüdet gelangte sie endlich zu einem feuchten Ried, wo unsere beiden Irrlichter hin- und widerspielten. Sie schoß auf sie los, begrüßte sie, und freute sich so angenehme Herren von ihrer Verwandtschaft zu finden. Die Lichter strichen an ihr her, hüpften über sie weg und lachten nach ihrer Weise.

"Frau Muhme," sagten sie, "wenn Sie schon von der horizontalen Linie sind, so hat das doch nichts zu bedeuten; freilich sind wir nur von seiten des Scheins verwandt, denn sehen Sie nur (hier machten beide Flammen indem sie ihre ganze Breite aufopferten, sich so lang und spitz als möglich) wie schön uns Herren von der vertikalen Linie diese schlanke Länge kleidet; nehmen Sie's uns nicht übel, meine Freundin, welche Familie kann sich des rühmen? So lang es Irrlichter gibt, hat noch keins weder gesessen noch gelegen."

Die Schlange fühlte sich in der Gegenwart dieser Verwandten sehr unbehaglich, denn sie mochte den Kopf so hoch heben als sie wollte, so fühlte sie doch, daß sie ihn wieder zur Erde biegen mußte, um von der Stelle zu kommen, und hatte sie sich vorher im dunklen Hain außerordentlich wohlgefallen, so schien ihr Glanz in Gegenwart dieser Vettern sich jeden Augenblick zu vermindern, ja sie fürchtete, daß er endlich gar verlöschen werde.

In dieser Verlegenheit fragte sie eilig, ob die Herren ihr nicht etwa Nachricht geben könnten, wo das glänzende Gold herkomme, das vor kurzem in die Felskluft gefallen sei; sie vermute, es sei ein Goldregen, der unmittelbar vom Himmel träufle. Die Irrlichter lachten und schüttelten sich, und es sprangen eine große Menge Goldstücke um sie herum. Die Schlange fuhr schnell darnach sie zu verschlingen.

"Laßt es Euch schmecken, Frau Muhme," sagten die artigen Herren, "wir können noch mit mehr aufwarten."

Sie schüttelten sich noch einige Male mit großer Behendigkeit, so daß die Schlange kaum die kostbare Speise schnell genug hinunterbringen konnte. Sichtlich fing ihr Schein an zu wachsen, und sie leuchtete wirklich aufs herrlichste, indes die Irrlichter ziemlich mager und klein geworden waren, ohne jedoch von ihrer guten Laune das mindeste zu verlieren.

"Ich bin euch auf ewig verbunden," sagte die Schlange, nachdem sie von ihrer Mahlzeit wieder zu Atem gekommen war, "fordert von mir was ihr wollt; was in meinen Kräften ist, will ich euch leisten."

"Recht schön!" riefen die Irrlichter, "sage, wo wohnt die schöne Lilie? Führ uns so schnell als möglich zum Palaste und Garten der schönen Lilie, wir sterben vor Ungeduld, uns ihr zu Füßen zu werfen."

"Diesen Dienst," versetzte die Schlange mit einem tiefen Seufzer, "kann ich euch sogleich nicht leisten. Die schöne Lilie wohnt leider jenseit des Wassers."

"Jenseit des Wassers! Und wir lassen uns in dieser stürmischen Nacht übersetzen! Wie grausam ist der Fluß, der uns nun scheidet! Sollte es nicht möglich sein, den Alten wieder zu errufen?"

"Sie würden sich vergebens bemühen," versetzte die Schlange, "denn wenn Sie ihn auch selbst an dem diesseitigen Ufer anträfen, so würde er Sie nicht einnehmen; er darf jedermann herüber, niemand hinüber bringen."

"Da haben wir uns schön gebettet! Gibt es denn kein ander Mittel, über das Wasser zu kommen?"

"Noch einige, nur nicht in diesem Augenblick. Ich selbst kann die Herren übersetzen, aber erst in der Mittagsstunde."

"Das ist eine Zeit, in der wir nicht gerne reisen."

"So können Sie abends auf dem Schatten des Riesen hinüberfahren."

"Wie geht das zu?"
[/I][/font][/size]
Mahsheed[font=garamond][size=4][I]
"Der große Riese, der nicht weit von hier wohnt, vermag mit seinem Körper nichts; seine Hände heben keinen Strohhalm, seine Schultern würden kein Reisbündel tragen; aber sein Schatten vermag viel, ja alles. Deswegen ist er beim Aufgang und Untergang der Sonne am mächtigsten, und so darf man sich abends nur auf den Nacken seines Schattens setzen, der Riese geht alsdann sachte gegen das Ufer zu und der Schatten bringt den Wanderer über das Wasser hinüber. Wollen Sie aber um Mittagszeit sich an jener Waldecke einfinden, wo das Gebüsch dicht ans Ufer stößt, so kann ich Sie übersetzen und der schönen Lilie vorstellen; scheuen Sie hingegen die Mittagshitze, so dürfen Sie nur gegen Abend in jener Felsenbucht den Riesen aufsuchen, der sich gewiß recht gefällig zeigen wird."

Mit einer leichten Verbeugung entfernten sich die jungen Herren, und die Schlange war zufrieden von ihnen loszukommen, teils um sich in ihrem eignen Lichte zu erfreuen, teils eine Neugierde zu befriedigen, von der sie schon lange auf eine sonderbare Weise gequält ward.

In den Felsklüften, in denen sie oft hin- und widerkroch, hatte sie an einem Orte eine seltsame Entdeckung gemacht. Denn ob sie gleich durch diese Abgründe ohne ein Licht zu kriechen genötiget war, so konnte sie doch durchs Gefühl die Gegenstände recht wohl unterscheiden. Nur unregelmäßige Naturprodukte war sie gewohnt überall zu finden; bald schlang sie sich zwischen den Zacken großer Kristalle hindurch, bald fühlte sie die Haken und Haare des gediegenen Silbers, und brachte ein und den andern Edelstein mit sich ans Licht hervor. Doch hatte sie zu ihrer großen Verwunderung in einem ringsum verschlossenen Felsen Gegenstände gefühlt, welche die bildende Hand des Menschen verrieten. Glatte Wände, an denen sie nicht aufsteigen konnte, scharfe regelmäßige Kanten, wohlgebildete Säulen, und, was ihr am sonderbarsten vorkam, menschliche Figuren, um die sie sich mehrmals geschlungen hatte, und die sie für Erz oder äußerst polierten Marmor halten mußte. Alle diese Erfahrungen wünschte sie noch zuletzt durch den Sinn des Auges zusammenzufassen und das, was sie nur mutmaßte, zu bestätigen. Sie glaubte sich nun fähig durch ihr eignes Licht dieses wunderbare unterirdische Gewölbe zu erleuchten, und hoffte auf einmal mit diesen sonderbaren Gegenständen völlig bekannt zu werden. Sie eilte und fand auf dem gewohnten Wege bald die Ritze, durch die sie in das Heiligtum zu schleichen pflegte.

Als sie sich am Orte befand, sah sie sich mit Neugier um, und obgleich ihr Schein alle Gegenstände der Rotunde nicht erleuchten konnte, so wurden ihr doch die nächsten deutlich genug. Mit Erstaunen und Ehrfurcht sah sie in eine glänzende Nische hinauf, in welcher das Bildnis eines ehrwürdigen Königs in lauterm Golde aufgestellt war. Dem Maß nach war die Bildsäule über Menschengröße, der Gestalt nach aber das Bildnis eher eines kleinen als eines großen Mannes. Sein wohlgebildeter Körper war mit einem einfachen Mantel umgeben, und ein Eichenkranz hielt seine Haare zusammen.

Kaum hatte die Schlange dieses ehrwürdige Bildnis angeblickt, als der König zu reden anfing und fragte: "Wo kommst du her?"

"Aus den Klüften," versetzte die Schlange, "in denen das Gold wohnt."

"Was ist herrlicher als Gold?" fragte der König.

"Das Licht," antwortete die Schlange.

"Was ist erquicklicher als Licht?" fragte jener.

"Das Gespräch," antwortete diese.

Sie hatte unter diesen Reden beiseite geschielt und in der nächsten Nische ein anderes herrliches Bild gesehen. In derselben saß ein silberner König, von langer und eher schmächtiger Gestalt; sein Körper war mit einem verzierten Gewande überdeckt, Krone, Gürtel und Zepter mit Edelsteinen geschmückt; er hatte die Heiterkeit des Stolzes in seinem Angesichte und schien eben reden zu wollen, als an der marmornen Wand eine Ader, die dunkelfarbig hindurchlief, auf einmal hell ward und ein angenehmes Licht durch den ganzen Tempel verbreitete. Bei diesem Lichte sah die Schlange den dritten König, der von Erz in mächtiger Gestalt dasaß, sich auf seine Keule lehnte, mit einem Lorbeerkranze geschmückt war, und eher einem Felsen als einem Menschen glich.
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Mahsheed[size=4][font=garamond][I]Sie wollte sich nach dem vierten umsehen, der in der größten Entfernung von ihr stand, aber die Mauer öffnete sich, indem die erleuchtete Ader wie ein Blitz zuckte und verschwand.

Ein Mann von mittlerer Größe, der heraustrat, zog die Aufmerksamkeit der Schlange auf sich. Er war als ein Bauer gekleidet und trug eine kleine Lampe in der Hand, in deren stille Flamme man gerne hineinsah, und die auf eine wunderbare Weise, ohne auch nur einen Schatten zu werfen, den ganzen Dom erhellte.

"Warum kommst du, da wir Licht haben?" fragte der goldene König.

"Ihr wißt, daß ich das Dunkle nicht erleuchten darf."

"Endigt sich mein Reich?" fragte der silberne König.

"Spät oder nie," versetzte der Alte.

Mit einer starken Stimme fing der eherne König an zu fragen: "Wann werde ich aufstehn?"

"Bald," versetzte der Alte.

"Mit wem soll ich mich verbinden?" fragte der König.

"Mit deinen ältern Brüdern," sagte der Alte.

"Was wird aus dem jüngsten werden?" fragte der König.

"Er wird sich setzen," sagte der Alte.

"Ich bin nicht müde," rief der vierte König mit einer rauhen stotternden Stimme.

Die Schlange war, indessen jene redeten, in dem Tempel leise herumgeschlichen, hatte alles betrachtet und besah nunmehr den vierten König in der Nähe. Er stand an eine Säule gelehnt, und seine ansehnliche Gestalt war eher schwerfällig als schön. Allein das Metall, woraus er gegossen war, konnte man nicht leicht unterscheiden. Genau betrachtet war es eine Mischung der drei Metalle, aus denen seine Brüder gebildet waren. Aber beim Gusse schienen diese Materien nicht recht zusammengeschmolzen zu sein; goldne und silberne Adern liefen unregelmäßig durch eine eherne Masse hindurch, und gaben dem Bilde ein unangenehmes Ansehn.

Indessen sagte der goldne König zum Manne: "Wie viel Geheimnisse weißt du?"

"Drei," versetzte der Alte.

"Welches ist das wichtigste?" fragte der silberne König.

"Das offenbare," versetzte der Alte.

"Willst du es auch uns eröffnen?" fragte der eherne.

"Sobald ich das vierte weiß," sagte der Alte.

"Was kümmert's mich!" murmelte der zusammengesetzte König vor sich hin.

"Ich weiß das vierte," sagte die Schlange, näherte sich dem Alten und zischte ihm etwas ins Ohr.

"Es ist an der Zeit!" rief der Alte mit gewaltiger Stimme. Der Tempel schallte wider, die metallenen Bildsäulen klangen, und in dem Augenblicke versank der Alte nach Westen und die Schlange nach Osten, und jedes durchstrich mit großer Schnelle die Klüfte der Felsen.

Alle Gänge, durch die der Alte hindurch wandelte, füllten sich hinter ihm sogleich mit Gold, denn seine Lampe hatte die wunderbare Eigenschaft, alle Steine in Gold, alles Holz in Silber, tote Tiere in Edelsteine zu verwandeln, und alle Metalle zu zernichten; diese Wirkung zu äußern mußte sie aber ganz allein leuchten. Wenn ein ander Licht neben ihr war, wirkte sie nur einen schönen hellen Schein, und alles Lebendige ward immer durch sie erquickt.

Der Alte trat in seine Hütte, die an dem Berge angebauet war, und fand sein Weib in der größten Betrübnis. Sie saß am Feuer und weinte und konnte sich nicht zufrieden geben.

"Wie unglücklich bin ich," rief sie aus, "wollt' ich dich heute doch nicht fortlassen!"

"Was gibt es denn?" fragte der Alte ganz ruhig.

"Kaum bist du weg," sagte sie mit Schluchzen, "so kommen zwei ungestüme Wanderer vor die Türe; unvorsichtig lasse ich sie herein, es schienen ein paar artige rechtliche Leute; sie waren in leichte Flammen gekleidet, man hätte sie für Irrlichter halten können: kaum sind sie im Hause, so fangen sie an, auf eine unverschämte Weise, mir mit Worten zu schmeicheln, und werden so zudringlich, daß ich mich schäme daran zu denken."

"Nun," versetzte der Mann lächelnd, "die Herren haben wohl gescherzt; denn deinem Alter nach sollten sie es wohl bei der allgemeinen Höflichkeit gelassen haben."

"Was Alter! Alter!" rief die Frau; "soll ich immer von meinem Alter hören? Wie alt bin ich denn? Gemeine Höflichkeit! Ich weiß doch was ich weiß. Und sieh dich nur um, wie die Wände aussehen; sieh nur die alten Steine, die ich seit hundert Jahren nicht mehr gesehen habe; alles Gold haben sie heruntergeleckt, du glaubst nicht mit welcher Behendigkeit, und sie versicherten immer, es schmecke viel besser als gemeines Gold. Als sie die Wände rein gefegt hatten, schienen sie sehr gutes Mutes, und gewiß, sie waren auch in kurzer Zeit sehr viel größer, breiter und glänzender geworden. Nun fingen sie ihren Mutwillen von neuem an, streichelten mich wieder, hießen mich ihre Königin, schüttelten sich und eine Menge Goldstücke sprangen herum; du siehst noch, wie sie dort unter der Bank leuchten; aber welch ein Unglück! Unser Mops fraß einige davon und sieh, da liegt er am Kamine tot; das arme Tier! Ich kann mich nicht zufrieden geben. Ich sah es erst, da sie fort waren, denn sonst hätte ich nicht versprochen, ihre Schuld beim Fährmann abzutragen."

"Was sind sie schuldig?" fragte der Alte.

"Drei Kohlhäupter," sagte die Frau, "drei Artischocken und drei Zwiebeln; wenn es Tag wird, habe ich versprochen, sie an den Fluß zu tragen."

"Du kannst ihnen den Gefallen tun," sagte der Alte; "denn sie werden uns gelegentlich auch wieder dienen."

"Ob sie uns dienen werden, weiß ich nicht, aber versprochen und beteuert haben sie es."

Indessen war das Feuer im Kamine zusammengebrannt, der Alte überzog die Kohlen mit vieler Asche, schaffte die leuchtenden Goldstücke beiseite, und nun leuchtete sein Lämpchen wieder allein, in dem schönsten Glanze, die Mauern überzogen sich mit Gold und der Mops war zu dem schönsten Onyx geworden, den man sich denken konnte. Die Abwechslung der braunen und schwarzen Farbe des kostbaren Gesteins machte ihn zum seltensten Kunstwerke. [/size][/font][/I]
Mahsheed[font=garamond][size=4][I]
"Nimm deinen Korb," sagte der Alte, "und stelle den Onyx hinein; alsdann nimm die drei Kohlhäupter, die drei Artischocken und die drei Zwiebeln, lege sie umher und trage sie zum Flusse. Gegen Mittag laß dich von der Schlange übersetzen und besuche die schöne Lilie, bring ihr den Onyx, sie wird ihn durch ihre Berührung lebendig machen, wie sie alles Lebendige durch ihre Berührung tötet; sie wird einen treuen Gefährten an ihm haben. Sage ihr, sie solle nicht trauern, ihre Erlösung sei nahe, das größte Unglück könne sie als das größte Glück betrachten, denn es sei an der Zeit."


Die Alte packte ihren Korb und machte sich, als es Tag war, auf den Weg. Die aufgehende Sonne schien hell über den Fluß herüber, der in der Ferne glänzte; das Weib ging mit langsamem Schritt, denn der Korb drückte sie aufs Haupt, und es war doch nicht der Onyx der so lastete. Alles Tote was sie trug fühlte sie nicht, vielmehr hob sich alsdann der Korb in die Höhe und schwebte über ihrem Haupte. Aber ein frisches Gemüs oder ein kleines lebendiges Tier zu tragen, war ihr äußerst beschwerlich.

Verdrießlich war sie eine Zeitlang hingegangen, als sie auf einmal, erschreckt, stille stand; denn sie hätte beinahe auf den Schatten des Riesen getreten, der sich über die Ebene bis zu ihr hin erstreckte. Und nun sah sie erst den gewaltigen Riesen, der sich im Fluß gebadet hatte, aus dem Wasser heraussteigen, und sie wußte nicht, wie sie ihm ausweichen sollte.


Sobald er sie gewahr ward, fing er an sie scherzhaft zu begrüßen, und die Hände seines Schattens griffen sogleich in den Korb. Mit Leichtigkeit und Geschicklichkeit nahmen sie ein Kohlhaupt, eine Artischocke und eine Zwiebel heraus und brachten sie dem Riesen zum Munde, der sodann weiter den Fluß hinauf ging und dem Weibe den Weg frei ließ.

Sie bedachte, ob sie nicht lieber zurückgehen und die fehlenden Stücke aus ihrem Garten wieder ersetzen sollte, und ging unter diesen Zweifeln immer weiter vorwärts, so daß sie bald an dem Ufer des Flusses ankam. Lange saß sie in Erwartung des Fährmanns, den sie endlich mit einem sonderbaren Reisenden herüberschiffen sah. Ein junger, edler, schöner Mann, den sie nicht genug ansehen konnte, stieg aus dem Kahne.

"Was bringt Ihr?" rief der Alte.

"Es ist das Gemüse, das Euch die Irrlichter schuldig sind," versetzte die Frau und wies ihre Ware hin.

Als der Alte von jeder Sorte nur zwei fand, ward er verdrießlich und versicherte, daß er sie nicht annehmen könne.

Die Frau bat ihn inständig, erzählte ihm, daß sie jetzt nicht nach Hause gehen könne und daß ihr die Last auf dem Wege, den sie vor sich habe, beschwerlich sei. Er blieb bei seiner abschläglichen Antwort, indem er ihr versicherte, daß es nicht einmal von ihm abhange.

"Was mir gebührt, muß ich neun Stunden zusammen lassen, und ich darf nichts annehmen, bis ich dem Fluß ein Dritteil übergeben habe." Nach vielem Hinundwiderreden versetzte endlich der Alte: "Es ist noch ein Mittel. Wenn Ihr Euch gegen den Fluß verbürgt und Euch als Schuldnerin bekennen wollt, so nehm' ich die sechs Stücke zu mir, es ist aber einige Gefahr dabei."

"Wenn ich mein Wort halte, so laufe ich doch keine Gefahr?"

"Nicht die geringste. Steckt Eure Hand in den Fluß," fuhr der Alte fort, "und versprecht, daß Ihr in vierundzwanzig Stunden die Schuld abtragen wollt."

Die Alte tat's, aber wie erschrak sie nicht, als sie ihre Hand kohlschwarz wieder aus dem Wasser zog. Sie schalt heftig auf den Alten, versicherte, daß ihre Hände immer das Schönste an ihr gewesen wären, und daß sie, ungeachtet der harten Arbeit, diese edlen Glieder weiß und zierlich zu erhalten gewußt habe. Sie besah die Hand mit großem Verdrusse und rief verzweiflungsvoll aus: "Das ist noch schlimmer! Ich sehe, sie ist gar geschwunden, sie ist viel kleiner als die andere."

"Jetzt scheint es nur so," sagte der Alte; "wenn Ihr aber nicht Wort haltet, kann es wahr werden. Die Hand wird nach und nach schwinden und endlich ganz verschwinden, ohne daß Ihr den Gebrauch derselben entbehrt. Ihr werdet alles damit verrichten können, nur daß sie niemand sehen wird."

"Ich wollte lieber, ich könnte sie nicht brauchen und man säh' mir's nicht an," sagte die Alte; "indessen hat das nichts zu bedeuten, ich werde mein Wort halten, um diese schwarze Haut und diese Sorge bald los zu werden." [/I][/font][/size]
Mahsheed[size=4][font=garamond][I]Eilig nahm sie darauf den Korb, der sich von selbst über ihren Scheitel erhob und frei in die Höhe schwebte, und eilte dem jungen Manne nach, der sachte und in Gedanken am Ufer hinging. Seine herrliche Gestalt und sein sonderbarer Anzug hatten sich der Alten tief eingedruckt.

Seine Brust war mit einem glänzenden Harnisch bedeckt, durch den alle Teile seines schönen Leibes sich durchbewegten. Um seine Schultern hing ein Purpurmantel, um sein unbedecktes Haupt wallten braune Haare in schönen Locken; sein holdes Gesicht war den Strahlen der Sonne ausgesetzt, so wie seine schön gebauten Füße. Mit nackten Sohlen ging er gelassen über den heißen Sand hin, und ein tiefer Schmerz schien alle äußeren Eindrücke abzustumpfen.

Die gesprächige Alte suchte ihn zu einer Unterredung zu bringen, allein er gab ihr mit kurzen Worten wenig Bescheid so daß sie endlich, ungeachtet seiner schönen Augen, müde ward ihn immer vergebens anzureden, von ihm Abschied nahm und sagte: "Ihr geht mir zu langsam, mein Herr, ich darf den Augenblick nicht versäumen, um über die grüne Schlange den Fluß zu passieren und der schönen Lilie das vortreffliche Geschenk von meinem Manne zu überbringen."

Mit diesen Worten schritt sie eilends fort und ebenso schnell ermannte sich der schöne Jüngling und eilte ihr auf dem Fuße nach.

"Ihr geht zur schönen Lilie!" rief er aus, "da gehen wir einen Weg. Was ist das für ein Geschenk, das Ihr tragt?"

"Mein Herr," versetzte die Frau dagegen, "es ist nicht billig, nachdem Ihr meine Fragen so einsilbig abgelehnt habt, Euch mit solcher Lebhaftigkeit nach meinen Geheimnissen zu erkundigen. Wollt Ihr aber einen Tausch eingehen und mir Eure Schicksale erzählen, so will ich Euch nicht verbergen, wie es mit mir und meinem Geschenke steht."

Sie wurden bald einig; die Frau vertraute ihm ihre Verhältnisse, die Geschichte des Hundes, und ließ ihn dabei das wundervolle Geschenk betrachten.

Er hob sogleich das natürliche Kunstwerk aus dem Korbe und nahm den Mops, der sanft zu ruhen schien, in seine Arme.

"Glückliches Tier!" rief er aus, "du wirst von ihren Händen berührt, du wirst von ihr belebt werden, anstatt daß Lebendige vor ihr fliehen, um nicht ein trauriges Schicksal zu erfahren. Doch was sage ich traurig! ist es nicht viel betrübter und bänglicher durch ihre Gegenwart gelähmt zu werden, als es sein würde von ihrer Hand zu sterben! Sieh mich an, sagte er zu der Alten; in meinen Jahren, welch einen elenden Zustand muß ich erdulden. Diesen Harnisch, den ich mit Ehren im Kriege getragen, diesen Purpur, den ich durch eine weise Regierung zu verdienen suchte, hat mir das Schicksal gelassen, jenen als eine unnötige Last, diesen als eine unbedeutende Zierde. Krone, Zepter und Schwert sind hinweg, ich bin übrigens so nackt und bedürftig, als jeder andere Erdensohn, denn so unselig wirken ihre schönen blauen Augen, daß sie allen lebendigen Wesen ihre Kraft nehmen, und daß diejenigen, die ihre berührende Hand nicht tötet, sich in den Zustand lebendig wandelnder Schatten versetzt fühlen."

So fuhr er fort zu klagen und befriedigte die Neugierde der Alten keineswegs, welche nicht sowohl von seinem innern als von seinem äußern Zustande unterrichtet sein wollte. Sie erfuhr weder den Namen seines Vaters noch seines Königreichs. Er streichelte den harten Mops, den die Sonnenstrahlen und der warme Busen des Jünglings, als wenn er lebte, erwärmt hatten. Er fragte viel nach dem Mann mit der Lampe, nach den Wirkungen des heiligen Lichtes und schien sich davon für seinen traurigen Zustand künftig viel Gutes zu versprechen. [/I][/size][/font]
Mahsheed[size=4][font=garamond][I]

Unter diesen Gesprächen sahen sie von ferne den majestätischen Bogen der Brücke, der von einem Ufer zum andern hinüber reichte, im Glanz der Sonne auf das wunderbarste schimmern. Beide erstaunten, denn sie hatten dieses Gebäude noch nie so herrlich gesehen.

"Wie!" rief der Prinz; "war sie nicht schon schön genug, als sie vor unsern Augen wie von Jaspis und Prasem gebaut dastand? Muß man nicht fürchten sie zu betreten, da sie aus Smaragd, Chrysopras und Chrysolith mit der anmutigsten Mannigfaltigkeit zusammengesetzt erscheint?"

Beide wußten nicht die Veränderung, die mit der Schlange vorgegangen war: denn die Schlange war es, die sich jeden Mittag über den Fluß hinüber bäumte und in Gestalt einer kühnen Brücke dastand. Die Wanderer betraten sie mit Ehrfurcht und gingen schweigend hinüber.

Sie waren kaum am jenseitigen Ufer, als die Brücke sich zu schwingen und zu bewegen anfing, in kurzem die Oberfläche des Wassers berührte und die grüne Schlange in ihrer eigentümlichen Gestalt den Wanderern auf dem Lande nachgleitete. Beide hatten kaum für die Erlaubnis auf ihrem Rücken über den Fluß zu setzen gedankt, als sie bemerkten, daß außer ihnen dreien noch mehrere Personen in der Gesellschaft sein müßten, die sie jedoch mit ihren Augen nicht erblicken konnten.

Sie hörten neben sich ein Gezisch, dem die Schlange gleichfalls mit einem Gezisch antwortete, sie horchten auf und konnten endlich folgendes vernehmen: "Wir werden," sagten ein paar wechselnde Stimmen, "uns erst inkognito in dem Park der schönen Lilie umsehen, und ersuchen Euch, uns mit Anbruch der Nacht, sobald wir nur irgend präsentabel sind der vollkommenen Schönheit vorzustellen. An dem Rande des großen Sees werdet Ihr uns antreffen."

"Es bleibt dabei," antwortete die Schlange, und ein zischender Laut verlor sich in der Luft.

Unsere drei Wanderer beredeten sich nunmehr, in welcher Ordnung sie bei der Schönen vortreten wollten, denn so viel Personen auch um sie sein konnten, so durften sie doch nur einzeln kommen und gehen, wenn sie nicht empfindliche Schmerzen erdulden sollten.

Das Weib mit dem verwandelten Hunde im Korbe nahte sich zuerst dem Garten und suchte ihre Gönnerin auf, die leicht zu finden war, weil sie eben zur Harfe sang, die lieblichen Töne zeigten sich erst als Ringe auf der Oberfläche des stillen Sees, dann wie ein leichter Hauch setzten sie Gras und Büsche in Bewegung. Auf einem eingeschlossenen grünen Platze, in dem Schatten einer herrlichen Gruppe mannigfaltiger Bäume, saß sie und bezauberte beim ersten Anblick aufs neue die Augen, das Ohr und das Herz des Weibes, das sich ihr mit Entzücken näherte und bei sich selbst schwur, die Schöne sei während ihrer Abwesenheit nur immer schöner geworden Schon von weitem rief die gute Frau dem liebenswürdigsten Mädchen Gruß und Lob zu.

"Welch ein Glück Euch anzusehen welch einen Himmel verbreitet Eure Gegenwart um Euch her! Wie die Harfe so reizend in Eurem Schoße lehnt, wie Eure Arme sie so sanft umgeben, wie sie sich nach Eurer Brust zu sehnen scheint und wie sie unter der Berührung Eurer schlanken Finger so zärtlich klingt! Dreifach glücklicher Jüngling, der du ihren Platz einnehmen konntest!"

Unter diesen Worten war sie näher gekommen; die schöne Lilie schlug die Augen auf, ließ die Hände sinken und versetzte: "Betrübe mich nicht durch ein unzeitiges Lob, ich empfinde nur desto stärker mein Unglück. Sieh, hier zu meinen Fußen liegt der arme Kanarienvogel tot, der sonst meine Lieder auf das angenehmste begleitete, er war gewöhnt auf meiner Harfe zu sitzen, und sorgfältig abgerichtet mich nicht zu berühren; heute, indem ich vom Schlaf erquickt, ein ruhiges Morgenlied anstimme, und mein kleiner Sänger munterer als jemals seine harmonischen Töne hören läBt, schießt ein Habicht über meinem Haupte hin; das arme kleine Tier, erschrocken, flüchtet in meinen Busen und in dem Augenblick fühl' ich die letzten Zuckungen seines scheidenden Lebens. Zwar von meinem Blicke getroffen schleicht der Räuber dort ohnmächtig am Wasser hin, aber was kann mir seine Strafe helfen, mein Liebling ist tot, und sein Grab wird nur das traurige Gebüsch meines Gartens vermehren."

"Ermannt Euch, schöne Lilie!" rief die Frau, indem sie selbst eine Träne abtrocknete, welche ihr die Erzählung des unglücklichen Mädchens aus den Augen gelockt hatte, "nehmt Euch zusammen, mein Alter läßt Euch sagen, Ihr sollt Eure Trauer mäßigen, das größte Unglück als Vorbote des größten Glücks ansehen; denn es sei an der Zeit; und wahrhaftig, fuhr die Alte fort, es geht bunt in der Welt zu. Seht nur meine Hand wie sie schwarz geworden ist! Wahrhaftig sie ist schon um vieles kleiner, ich muß eilen, eh' sie gar verschwindet! Warum mußt' ich den Irrlichtern eine Gefälligkeit erzeigen, warum mußt' ich dem Riesen begegnen und warum meine Hand in den Fluß tauchen? Könnt Ihr mir nicht ein Kohlhaupt, eine Artischocke und eine Zwiebel geben? so bring ich sie dem Flusse und meine Hand ist weiß wie vorher, so daß ich sie fast neben die Eurige halten könnte."
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"Kohlhäupter und Zwiebeln könntest du allenfalls noch finden: aber Artischocken suchest du vergebens. Alle Pflanzen in meinem großen Garten tragen weder Blüten noch Früchte; aber jedes Reis, das ich breche und auf das Grab eines Lieblings pflanze, grünt sogleich und schießt hoch auf. Alle diese Gruppen, diese Büsche, diese Haine habe ich leider wachsen sehen. Die Schirme dieser Pinien, die Obelisken dieser Zypressen, die Kolossen von Eichen und Buchen, alles waren kleine Reiser, als ein trauriges Denkmal von meiner Hand in einen sonst unfruchtbaren Boden gepflanzt."

Die Alte hatte auf diese Rede wenig acht gegeben und nur ihre Hand betrachtet, die in der Gegenwart der schönen Lilie immer schwärzer und von Minute zu Minute kleiner zu werden schien. Sie wollte ihren Korb nehmen und eben forteilen, als sie fühlte, daß sie das Beste vergessen hatte. Sie hub sogleich den verwandelten Hund heraus und setzte ihn nicht weit von der Schönen ins Gras.

"Mein Mann," sagte sie, "schickt Euch dieses Andenken, Ihr wißt, daß Ihr diesen Edelstein durch Eure Berührung beleben könnt. Das artige treue Tier wird Euch gewiß viel Freude machen, und die Betrübnis, daß ich ihn verliere, kann nur durch den Gedanken aufgeheitert werden, daß Ihr ihn besitzt."

Die schone Lilie sah das artige Tier mit Vergnügen und, wie es schien mit Verwunderung an.

"Es kommen viele Zeichen zusammen," sagte sie, "die mir einige Hoffnung einflößen aber ach! ist es nicht bloß ein Wahn unsrer Natur, daß wir dann, wenn vieles Unglück zusammentrifft, uns vorbilden das Beste sei nah.

Was helfen mir die vielen guten Zeichen
Des Vogels Tod, der Freundin schwarze Hand?
Der Mops von Edelstein, hat er wohl seinesgleichen?
Und hat ihn nicht die Lampe mir gesandt?

Entfernt vom süßen menschlichen Genusse
Bin ich doch mit dem Jammer nur vertraut
Ach! warum steht der Tempel nicht am Flusse!
Ach! warum ist die Brücke nicht gebaut!"


Ungeduldig hatte die gute Frau diesem Gesange zugehört, den die schöne Lilie mit den angenehmen Tönen ihrer Harfe begleitete und der jeden andern entzückt hätte. Eben wollte sie sich beurlauben, als sie durch die Ankunft der grünen Schlange abermals abgehalten wurde. Diese hatte die letzten Zeilen des Liedes gehört und sprach deshalb der schönen Lilie sogleich zuversichtlich Mut ein.

"Die Weissagung von der Brücke ist erfüllt!" rief sie aus, "fragt nur diese gute Frau wie herrlich der Bogen gegenwärtig erscheint. Was sonst undurchsichtiger Jaspis, was nur Prasem war, durch den das Licht höchstens auf den Kanten durchschimmerte, ist nun durchsichtiger Edelstein geworden. Kein Beryll ist so klar und kein Smaragd so schönfarbig."

"Ich wünsche Euch Glück dazu," sagte Lilie, "allein verzeihet mir, wenn ich die Weissagung noch nicht erfüllt glaube. Über den hohen Bogen Eurer Brücke können nur Fußgänger hinüber schreiten und es ist uns versprochen, daß Pferde und Wagen und Reisende aller Art zu gleicher Zeit über die Brücke herüber und hinüber wandern sollen. Ist nicht von den großen Pfeilern geweissagt, die aus dem Flusse selbst heraussteigen werden?"

Die Alte hatte ihre Augen immer auf die Hand geheftet, unterbrach hier das Gespräch und empfahl sich.

"Verweilt noch einen Augenblick," sagte die schöne Lilie, "und nehmt meinen armen Kanarienvogel mit. Bittet die Lampe, daß sie ihn in einen schönen Topas verwandle, ich will ihn durch meine Berührung beleben und er, mit Eurem guten Mops, soll mein bester Zeitvertreib sein; aber eilt was Ihr könnt, denn mit Sonnenuntergang ergreift unleidliche Fäulnis das arme Tier und zerreißt den schönen Zusammenhang seiner Gestalt auf ewig."

Die Alte legte den kleinen Leichnam zwischen zarte Blätter in den Korb und eilte davon.

"Wie dem auch sei," sagte die Schlange, indem sie das abgebrochene Gespräch fortsetzte, "der Tempel ist erbauet."

"Er steht aber noch nicht am Flusse," versetzte die Schöne.

"Noch ruht er in den Tiefen der Erde," sagte die Schlange; "ich habe die Könige gesehen und gesprochen."

"Aber wann werden sie aufstehn?" fragte Lilie.

Die Schlange versetzte: "Ich hörte die großen Worte im Tempel ertönen: es ist an der Zeit."

Eine angenehme Heiterkeit verbreitete sich über das Angesicht der Schönen.

"Höre ich doch," sagte sie, "die glücklichen Worte schon heute zum zweitenmal; wann wird der Tag kommen, an dem ich sie dreimal höre?"

Sie stand auf und sogleich trat ein reizendes Mädchen aus dem Gebüsch, das ihr die Harfe abnahm. Dieser folgte eine andre, die den elfenbeinernen geschnitzten Feldstuhl, worauf die Schöne gesessen hatte, zusammenschlug und das silberne Kissen unter den Arm nahm. Eine dritte, die einen großen, mit Perlen gestickten Sonnenschirm trug, zeigte sich darauf, erwartend, ob Lilie auf einem Spaziergange etwa ihrer bedürfe. Über allen Ausdruck schön und reizend waren diese drei Mädchen, und doch erhöhten sie nur die Schönheit der Lilie, indem sich jeder gestehen mußte, daß sie mit ihr gar nicht verglichen werden konnten.
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Mit Gefälligkeit hatte indes die schöne Lilie den wunderbaren Mops betrachtet. Sie beugte sich, berührte ihn und in dem Augenblicke sprang er auf. Munter sah er sich um, lief hin und wider und eilte zuletzt seine Wohltäterin auf das freundlichste zu begrüßen. Sie nahm ihn auf die Arme und drückte ihn an sich.

"So kalt du bist," rief sie aus, "und obgleich nur ein halbes Leben in dir wirkt, bist du mir doch willkommen; zärtlich will ich dich lieben, artig mit dir scherzen, freundlich dich streicheln, und fest dich an mein Herz drücken."

Sie ließ ihn darauf los, jagte ihn von sich, rief ihn wieder, scherzte so artig mit ihm und trieb sich so munter und unschuldig mit ihm auf dem Grase herum, daß man mit neuem Entzücken ihre Freude betrachten und teil daran nehmen mußte, so wie kurz vorher ihre Trauer jedes Herz zum Mitleid gestimmt hatte.

Diese Heiterkeit, diese anmutigen Scherze wurden durch die Ankunft des traurigen Jünglings unterbrochen. Er trat herein, wie wir ihn schon kennen, nur schien die Hitze des Tages ihn noch mehr abgemattet zu haben, und in der Gegenwart der Geliebten ward er mit jedem Augenblicke blässer. Er trug den Habicht auf seiner Hand, der wie eine Taube ruhig saß und die Flügel hängen ließ.

"Es ist nicht freundlich," rief Lilie ihm entgegen, "daß du mir das verhaßte Tier vor die Augen bringst, das Ungeheuer, das meinen kleinen Sänger heute getötet hat."

"Schilt den unglücklichen Vogel nicht!" versetzte darauf der Jüngling; "klage vielmehr dich an und das Schicksal, und vergönne mir, daß ich mit dem Gefährten meines Elends Gesellschaft mache."

Indessen hörte der Mops nicht auf, die Schöne zu necken und sie antwortete dem durchsichtigen Liebling mit dem freundlichsten Betragen. Sie klatschte mit den Händen, um ihn zu verscheuchen; dann lief sie, um ihn wieder nach sich zu ziehen Sie suchte ihn zu haschen, wenn er floh, und jagte ihn von sich weg, wenn er sich an sie zu drängen versuchte. Der Jüngling sah stillschweigend und mit wachsendem Verdrusse zu; aber endlich, da sie das häßliche Tier, das ihm ganz abscheulich vorkam, auf den Arm nahm, an ihren weißen Busen drückte und die schwarze Schnauze mit ihren himmlischen Lippen küßte, verging ihm alle Geduld und er rief voller Verzweiflung aus: "Muß ich, der ich durch ein trauriges Geschick vor dir, vielleicht auf immer, in einer getrennten Gegenwart lebe, der ich durch dich alles, ja mich selbst, verloren habe, muß ich vor meinen Augen sehen, daß eine so widernatürliche Mißgeburt dich zur Freude reizen, deine Neigung fesseln und deine Umarmung genießen kann! Soll ich noch länger nur so hin- und widergehen und den traurigen Kreis den Fluß herüber und hinüber abmessen? Nein, es ruht noch ein Funke des alten Heldenmutes in meinem Busen; er schlage in diesem Augenblick zur letzten Flamme auf! Wenn Steine an deinem Busen ruhen können, so möge ich zu Stein werden; wenn deine Berührung tötet, so will ich von deinen Händen sterben."

Mit diesen Worten machte er eine heftige Bewegung; der Habicht flog von seiner Hand, er aber stürzte auf die Schöne los, sie streckte die Hände aus, ihn abzuhalten und berührte ihn nur desto früher. Das Bewußtsein verließ ihn, und mit Entsetzen fühlte sie die schöne Last an ihrem Busen. Mit einem Schrei trat sie zurück, und der holde Jüngling sank entseelt aus ihren Armen zur Erde.

Das Unglück war geschehen! Die süße Lilie stand unbeweglich und blickte starr nach dem entseelten Leichnam. Das Herz schien ihr im Busen zu stocken und ihre Augen waren ohne Tränen. Vergebens suchte der Mops ihr eine freundliche Bewegung abzugewinnen; die ganze Welt war mit ihrem Freunde ausgestorben. Ihre stumme Verzweiflung sah sich nach Hülfe nicht um, denn sie kannte keine Hülfe.

Dagegen regte sich die Schlange desto emsiger; sie schien auf Rettung zu sinnen, und wirklich dienten ihre sonderbaren Bewegungen wenigstens die nächsten schrecklichen Folgen des Unglücks auf einige Zeit zu hindern. Sie zog mit ihrem geschmeidigen Körper einen weiten Kreis um den Leichnam, faßte das Ende ihres Schwanzes mit den Zähnen und blieb ruhig liegen.

Nicht lange, so trat eine der schönen Dienerinnen Liliens hervor, brachte den elfenbeinernen Feldstuhl, und nötigte, mit freundlichen Gebärden, die Schöne sich zu setzen; bald darauf kam die zweite, die einen feuerfarbigen Schleier trug und das Haupt ihrer Gebieterin damit mehr zierte als bedeckte; die dritte übergab ihr die Harfe, und kaum hatte sie das prächtige Instrument an sich gedrückt, und einige Töne aus den Saiten hervorgelockt, als die erste mit einem hellen runden Spiegel zurückkam, sich der Schönen gegenüber stellte, ihre Blicke auffing und ihr das angenehmste Bild, das in der Natur zu finden war, darstellte. Der Schmerz erhöhte ihre Schönheit, der Schleier ihre Reize, die Harfe ihre Anmut, und so sehr man hoffte ihre traurige Lage verändert zu sehen, so sehr wünschte man ihr Bild ewig, wie es gegenwärtig erschien, festzuhalten.

Mit einem stillen Blick nach dem Spiegel lockte sie bald schmelzende Töne aus den Saiten, bald schien ihr Schmerz zu steigen, und die Saiten antworteten gewaltsam ihrem Jammer; einigemal öffnete sie den Mund zu singen, aber die Stimme versagte ihr, doch bald löste sich ihr Schmerz in Tränen auf, zwei Mädchen faßten sie hülfreich in die Arme, die Harfe sank aus ihrem Schoße, kaum ergriff noch die schnelle Dienerin das Instrument und trug es beiseite.

"Wer schafft uns den Mann mit der Lampe, ehe die Sonne untergeht?" zischte die Schlange leise, aber vernehmlich, die Mädchen sahen einander an, und Liliens Tränen vermehrten sich.

In diesem Augenblicke kam atemlos die Frau mit dem Korbe zurück.

"Ich bin verloren und verstümmelt," rief sie aus! "Seht wie meine Hand beinahe ganz weggeschwunden ist; weder der Fährmann noch der Riese wollten mich übersetzen weil ich noch eine Schuldnerin des Wassers bin, vergebens habe ich hundert Kohlhäupter und hundert Zwiebeln angeboten, man will nicht mehr als die drei Stücke, und keine Artischocke ist nun einmal in diesen Gegenden zu finden."

"Vergeßt Eure Not," sagte die Schlange, "und sucht hier zu helfen; vielleicht kann Euch zugleich mitgeholfen werden. Eilt was Ihr könnt die Irrlichter aufzusuchen, es ist noch zu hell sie zu sehen, aber vielleicht hört Ihr sie lachen und flattern. Wenn sie eilen, so setzt sie der Riese noch über den Fluß, und sie können den Mann mit der Lampe finden und schicken."

Das Weib eilte so viel sie konnte, und die Schlange schien ebenso ungeduldig als Lilie die Rückkunft der beiden zu erwarten. Leider vergoldete schon der Strahl der sinkenden Sonne nur den höchsten Gipfel der Bäume des Dickichts und lange Schatten zogen sich über See und Wiese, die Schlange bewegte sich ungeduldig und Lilie zerfloß in Tränen. [/size][/font][/I]
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In dieser Not sah die Schlange sich überall um, denn sie fürchtete jeden Augenblick, die Sonne werde untergehen die Fäulnis den magischen Kreis durchdringen und den schönen Jüngling unaufhaltsam anfallen. Endlich erblickte sie hoch in den Lüften, mit purpurroten Federn den Habicht, dessen Brust die letzten Strahlen der Sonne auffing. Sie schüttelte sich vor Freuden über das gute Zeichen, und sie betrog sich nicht; denn kurz darauf sah man den Mann mit der Lampe über den See hergleiten, gleich als wenn er auf Schlittschuhen ginge.

Die Schlange veränderte nicht ihre Stelle, aber die Lilie stand auf und rief ihm zu: "Welcher gute Geist sendet dich in dem Augenblick, da wir so sehr nach dir verlangen und deiner so sehr bedürfen?"

"Der Geist meiner Lampe," versetzte der Alte, "treibt mich und der Habicht führt mich hierher. Sie spratzelt wenn man meiner bedarf, und ich sehe mich nur in den Lüften nach einem Zeichen um; irgendein Vogel oder Meteor zeigt mir die Himmelsgegend an, wohin ich mich wenden soll. Sei ruhig, schönstes Mädchen! ob ich helfen kann weiß ich nicht, ein einzelner hilft nicht, sondern wer sich mit vielen zur rechten Stunde vereinigt. Aufschieben wollen wir und hoffen."

"Halte deinen Kreis geschlossen," fuhr er fort, indem er sich an die Schlange wendete, sich auf einen Erdhügel neben sie hinsetzte und den toten Körper beleuchtete. "Bringt den artigen Kanarienvogel auch her und leget ihn in den Kreis!"

Die Mädchen nahmen den kleinen Leichnam aus dem Korbe, den die Alte stehen ließ, und gehorchten dem Manne.

Die Sonne war indessen untergegangen, und wie die Finsternis zunahm, fing nicht allein die Schlange und die Lampe des Mannes nach ihrer Weise zu leuchten an, sondern der Schleier Liliens gab auch ein sanftes Licht von sich, das wie eine zarte Morgenröte ihre blassen Wangen und ihr weißes Gewand mit einer unendlichen Anmut färbte. Man sah sich wechselsweise mit stiller Betrachtung an, Sorge und Trauer waren durch eine sichere Hoffnung gemildert.


Nicht unangenehm erschien daher das alte Weib in Gesellschaft der beiden muntern Flammen, die zwar seither sehr verschwendet haben mußten, denn sie waren wieder äußerst mager geworden, aber sich nur desto artiger gegen die Prinzessin und die übrigen Frauenzimmer betrugen. Mit der größten Sicherheit und mit vielem Ausdruck sagten sie ziemlich gewöhnliche Sachen, besonders zeigten sie sich sehr empfänglich für den Reiz, den der leuchtende Schleier über Lilien und ihre Begleiterinnen verbreitete. Bescheiden schlugen die Frauenzimmer ihre Augen nieder und das Lob ihrer Schönheit verschönerte sie wirklich. Jedermann war zufrieden und ruhig bis auf die Alte. Ungeachtet der Versicherung ihres Mannes, daß ihre Hand nicht weiter abnehmen könne solange sie von seiner Lampe beschienen sei, behauptete sie mehr als einmal daß, wenn es so fortgehe, noch vor Mitternacht dieses edle Glied völlig verschwinden werde.

Der Alte mit der Lampe hatte dem Gespräch der Irrlichter aufmerksam zugehört und war vergnügt, daß Lilie durch diese Unterhaltung zerstreut und aufgeheitert worden. Und wirklich war Mitternacht herbeigekommen man wußte nicht wie. Der Alte sah nach den Sternen und fing darauf zu reden an: "Wir sind zur glücklichen Stunde beisammen, jeder verrichte sein Amt, jeder tue seine Pflicht und ein allgemeines Glück wird die einzelnen Schmerzen in sich auflösen, wie ein allgemeines Unglück einzelne Freuden verzehrt."

Nach diesen Worten entstand ein wunderbares Geräusch denn alle gegenwärtigen Personen sprachen für sich und drückten laut aus was sie zu tun hätten, nur die drei Mädchen waren stille; eingeschlafen war die eine neben der Harfe, die andere neben dem Sonnenschirm, die dritte neben dem Sessel, und man konnte es ihnen nicht verdenken denn es war spät. Die flammenden Jünglinge hatten nach einigen vorübergehenden Höflichkeiten, die sie auch den Dienerinnen gewidmet, sich doch zuletzt nur an Lilien, als die Allerschönste, gehalten.

"Fasse," sagte der Alte zum Habicht, "den Spiegel, und mit dem ersten Sonnenstrahl beleuchte die Schläferinnen und wecke sie mit zurückgeworfenem Lichte aus der Höhe."

Die Schlange fing nunmehr an sich zu bewegen, löste den Kreis auf und zog langsam in großen Ringen nach dem Flusse. Feierlich folgten ihr die beiden Irrlichter, und man hätte sie für die ernsthaftesten Flammen halten sollen. Die Alte und ihr Mann ergriffen den Korb, dessen sanftes Licht man bisher kaum bemerkt hatte, sie zogen von beiden Seiten daran, und er ward immer größer und leuchtender, sie hoben darauf den Leichnam des Jünglings hinein und legten ihm den Kanarienvogel auf die Brust, der Korb hob sich in die Höhe und schwebte über dem Haupte der Alten und sie folgte den Irrlichtern auf dem Fuße. Die schöne Lilie nahm den Mops auf ihren Arm und folgte der Alten, der Mann mit der Lampe beschloß den Zug, und die Gegend war von diesen vielerlei Lichtern auf das sonderbarste erhellt.


Aber mit nicht geringer Bewunderung sah die Gesellschaft, als sie zu dem Flusse gelangte, einen herrlichen Bogen über denselben hinübersteigen, wodurch die wohltätige Schlange ihnen einen glänzenden Weg bereitete. Hatte man bei Tage die durchsichtigen Edelsteine bewundert, woraus die Brücke zusammengesetzt schien, so erstaunte man bei Nacht über ihre leuchtende Herrlichkeit. Oberwärts schnitt sich der helle Kreis scharf an dem dunklen Himmel ab, aber unterwärts zuckten lebhafte Strahlen nach dem Mittelpunkte zu und zeigten die bewegliche Festigkeit des Gebäudes. Der Zug ging langsam hinüber, und der Fährmann, der von ferne aus seiner Hütte hervorsah, betrachtete mit Staunen den leuchtenden Kreis und die sonderbaren Lichter, die darüber hinzogen.

Kaum waren sie an dem andern Ufer angelangt, als der Bogen nach seiner Weise zu schwanken und sich wellenartig dem Wasser zu nähern anfing. Die Schlange bewegte sich bald darauf ans Land, der Korb setzte sich zur Erde nieder, und die Schlange zog aufs neue ihren Kreis umher, der Alte neigte sich vor ihr und sprach: "Was hast du beschlossen?"

"Mich aufzuopfern, ehe ich aufgeopfert werde," versetzte die Schlange; "versprich mir, daß du keinen Stein am Lande lassen willst."

Der Alte versprach's und sagte darauf zur schönen Lilie: "Rühre die Schlange mit der linken Hand an und deinen Geliebten mit der rechten." [/I][/size][/font]
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Lilie kniete nieder und berührte die Schlange und den Leichnam. Im Augenblicke schien dieser in das Leben überzugehen, er bewegte sich im Korbe, ja er richtete sich in die Höhe und saß; Lilie wollte ihn umarmen, allein der Alte hielt sie zurück, er half dagegen dem Jüngling aufstehn und leitete ihn, indem er aus dem Korbe und dem Kreise trat.

Der Jüngling stand, der Kanarienvogel flatterte auf seiner Schulter, es war wieder Leben in beiden, aber der Geist war noch nicht zurückgekehrt; der schöne Freund hatte die Augen offen und sah nicht, wenigstens schien er alles ohne Teilnehmung anzusehn, und kaum hatte sich die Verwunderung über diese Begebenheit in etwas gemäßigt, als man erst bemerkte, wie sonderbar die Schlange sich verändert hatte. Ihr schöner schlanker Körper war in tausend und tausend leuchtende Edelsteine zerfallen; unvorsichtig hatte die Alte, die nach ihrem Korbe greifen wollte, an sie gestoßen, und man sah nichts mehr von der Bildung der Schlange, nur ein schöner Kreis leuchtender Edelsteine lag im Grase.

Der Alte machte sogleich Anstalt, die Steine in den Korb zu fassen, wozu ihm seine Frau behülflich sein mußte. Beide trugen darauf den Korb gegen das Ufer an einen erhabenen Ort, und er schüttete die ganze Ladung, nicht ohne Widerwillen der Schönen und seines Weibes, die gerne davon sich etwas ausgesucht hätten, in den Fluß. Wie leuchtende und blinkende Sterne schwammen die Steine mit den Wellen hin und man konnte nicht unterscheiden, ob sie sich in der Ferne verloren oder untersanken.

"Meine Herren," sagte darauf der Alte ehrerbietig zu den Irrlichtern, "nunmehr zeige ich Ihnen den Weg und eröffne den Gang, aber Sie leisten uns den größten Dienst, wenn Sie uns die Pforte des Heiligtums öffnen, durch die wir diesmal eingehen müssen und die außer Ihnen niemand aufschließen kann."

Die Irrlichter neigten sich anständig und blieben zurück. Der Alte mit der Lampe ging voraus in den Felsen, der sich vor ihm auftat; der Jüngling folgte ihm, gleichsam mechanisch; still und ungewiß hielt sich Lilie in einiger Entfernung hinter ihm; die Alte wollte nicht gerne zurückbleiben und streckte ihre Hand aus, damit ja das Licht von ihres Mannes Lampe sie erleuchten könne. Nun schlossen die Irrlichter den Zug, indem sie die Spitzen ihrer Flammen zusammenneigten und miteinander zu sprechen schienen.


Sie waren nicht lange gegangen, als der Zug sich vor einem großen ehernen Tore befand, dessen Flügel mit einem goldenen Schloß verschlossen waren. Der Alte rief sogleich die Irrlichter herbei, die sich nicht lange aufmuntern ließen, sondern geschäftig mit ihren spitzesten Flammen Schloß und Riegel aufzehrten.

Laut tönte das Erz, als die Pforten schnell aufsprangen und im Heiligtum die würdigen Bilder der Könige, durch die hereintretenden Lichter beleuchtet, erschienen. Jeder neigte sich vor den ehrwürdigen Herrschern, besonders ließen es die Irrlichter an krausen Verbeugungen nicht fehlen.

Nach einiger Pause fragte der goldne König: "Woher kommt ihr?"

"Aus der Welt," antwortete der Alte.

"Wohin geht ihr?" fragte der silberne König.

"In die Welt," sagte der Alte.

"Was wollt ihr bei uns?" fragte der eherne König.

"Euch begleiten," sagte der Alte.

Der gemischte König wollte eben zu reden anfangen, als der goldne zu den Irrlichtern, die ihm zu nahe gekommen waren sprach: "Hebet euch weg von mir, mein Gold ist nicht für euren Gaum."

Sie wandten sich darauf zum silbernen und schmiegten sich an ihn, sein Gewand glänzte schön von ihrem gelblichen Widerschein.

"Ihr seid mir willkommen," sagte er, "aber ich kann euch nicht ernähren; sättiget euch auswärts und bringt mir euer Licht".

Sie entfernten sich und schlichen, bei dem ehernen vorbei, der sie nicht zu bemerken schien, auf den zusammengesetzten los.

"Wer wird die Welt beherrschen?" rief dieser mit stotternder Stimme.

"Wer auf seinen Füßen steht," antwortete der Alte.

"Das bin ich!" sagte der gemischte König.

"Es wird sich offenbaren," sagte der Alte, "denn es ist an der Zeit."

Die schöne Lilie fiel dem Alten um den Hals und küßte ihn aufs herzlichste.

"Heiliger Vater," sagte sie, "tausendmal dank' ich dir, denn ich höre das ahnungsvolle Wort zum drittenmal."

Sie hatte kaum ausgeredet, als sie sich noch fester an den Alten anhielt, denn der Boden fing unter ihnen an zu schwanken, die Alte und der Jüngling hielten sich auch aneinander, nur die beweglichen Irrlichter merkten nichts.
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Man konnte deutlich fühlen daß der ganze Tempel sich bewegte, wie ein Schiff das sich sanft aus dem Hafen entfernt, wenn die Anker gelichtet sind; die Tiefen der Erde schienen sich vor ihm aufzutun als er hindurch zog. Er stieß nirgends an, kein Felsen stand ihm in dem Weg.

Wenige Augenblicke schien ein feiner Regen durch die Öffnung der Kuppel hereinzurieseln; der Alte hielt die schöne Lilie fester und sagte zu ihr: "Wir sind unter dem Flusse und bald am Ziel."

Nicht lange darauf glaubten sie stillzustehn, doch sie betrogen sich; der Tempel stieg aufwärts.

Nun entstand ein seltsames Getöse über ihrem Haupte. Bretter und Balken, in ungestalter Verbindung, begannen sich zu der Öffnung der Kuppel krachend hereinzudrängen. Lilie und die Alte sprangen zur Seite, der Mann mit der Lampe faßte den Jüngling und blieb stehen. Die kleine Hütte des Fährmanns, denn sie war es, die der Tempel, im Aufsteigen, vom Boden abgesondert und in sich aufgenommen hatte, sank allmählich herunter und bedeckte den Jüngling und den Alten.

Die Weiber schrien laut, und der Tempel schütterte wie ein Schiff, das unvermutet ans Land stößt. Ängstlich irrten die Frauen in der Dämmerung um die Hütte, die Türe war verschlossen und auf ihr Pochen hörte niemand. Sie pochten heftiger und wunderten sich nicht wenig, als zuletzt das Holz zu klingen anfing. Durch die Kraft der verschlossenen Lampe war die Hütte von innen heraus zu Silber geworden. Nicht lange, so veränderte sie sogar ihre Gestalt, denn das edle Metall verließ die zufälligen Formen der Bretter, Pfosten und Balken, und dehnte sich zu einem herrlichen Gehäuse von getriebener Arbeit aus. Nun stand ein herrlicher kleiner Tempel in der Mitte des großen, oder wenn man will, ein Altar des Tempels würdig.

Durch eine Treppe, die von innen heraufging, trat nunmehr der edle Jüngling in die Höhe, der Mann mit der Lampe leuchtete ihm, und ein anderer schien ihn zu unterstützen, der in einem weißen kurzen Gewand hervorkam und ein silbernes Ruder in der Hand hielt; man erkannte in ihm sogleich den Fährmann, den ehemaligen Bewohner der verwandelten Hütte.

Die schöne Lilie stieg die äußeren Stufen hinauf, die von dem Tempel auf den Altar führten, aber noch immer mußte sie sich von ihrem Geliebten entfernt halten. Die Alte, deren Hand, solange die Lampe verborgen gewesen, immer kleiner geworden war, rief: "Soll ich doch noch unglücklich werden? Ist bei so vielen Wundern durch kein Wunder meine Hand zu retten?"

Ihr Mann deutete nach der offenen Pforte und sagte: "Siehe, der Tag bricht an, eile und bade dich im Flusse."

"Welch ein Rat!" rief sie, "ich soll wohl ganz schwarz werden und ganz verschwinden, habe ich doch meine Schuld noch nicht bezahlt."

"Gehe," sagte der Alte, "und folge mir! Alle Schulden sind abgetragen."

Die Alte eilte weg, und in dem Augenblick erschien das Licht der aufgehenden Sonne an dem Kranze der Kuppel, der Alte trat zwischen den Jüngling und die Jungfrau und rief mit lauter Stimme: "Drei sind die da herrschen auf Erden: die Weisheit, der Schein und die Gewalt."

Bei dem ersten Worte stand der goldne König auf, bei dem zweiten der silberne und bei dem dritten hatte sich der eherne langsam emporgehoben, als der zusammengesetzte König sich plötzlich ungeschickt niedersetzte. Wer ihn sah, konnte sich, ungeachtet des feierlichen Augenblicks, kaum des Lachens enthalten, denn er saß nicht, er lag nicht, er lehnte sich nicht an, sondern er war unförmlich zusammengesunken.

Die Irrlichter, die sich bisher um ihn beschäftigt hatten, traten zur Seite; sie schienen, obgleich blaß beim Morgenlichte, doch wieder gut genährt und wohl bei Flammen; sie hatten auf eine geschickte Weise die goldnen Adern des kolossalen Bildes mit ihren spitzen Zungen bis aufs innerste herausgeleckt. Die unregelmäßigen leeren Räume, die dadurch entstanden waren, erhielten sich eine Zeitlang offen und die Figur blieb in ihrer vorigen Gestalt. Als aber auch zuletzt die zartesten Äderchen aufgezehrt waren, brach auf einmal das Bild zusammen und leider gerade an den Stellen, die ganz bleiben, wenn der Mensch sich setzt; dagegen blieben die Gelenke, die sich hätten biegen sollen, steif. Wer nicht lachen konnte, mußte seine Augen wegwenden; das Mittelding zwischen Form und Klumpen war widerwärtig anzusehn.

Der Mann mit der Lampe führte nunmehr den schönen, aber immer noch starr vor sich hinblickenden Jüngling vom Altare herab und gerade auf den ehernen König los. Zu den Füßen des mächtigen Fürsten lag ein Schwert, in eherner Scheide. Der Jüngling gürtete sich.

"Das Schwert an der Linken, die Rechte frei!" rief der gewaltige König.

Sie gingen darauf zum silbernen, der sein Zepter gegen den Jüngling neigte. Dieser ergriff es mit der linken Hand, und der König sagte mit gefälliger Stimme: "Weide die Schafe!"

Als sie zum goldenen König kamen, drückte er mit väterlich segnender Gebärde dem Jüngling den Eichenkranz aufs Haupt und sprach: "Erkenne das Höchste!" [/I][/size][/font]
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Der Alte hatte während dieses Umgangs den Jüngling genau bemerkt. Nach umgürtetem Schwert hob sich seine Brust, seine Arme regten sich und seine Füße traten fester auf; indem er den Zepter in die Hand nahm, schien sich die Kraft zu mildern und durch einen unaussprechlichen Reiz noch mächtiger zu werden; als aber der Eichenkranz seine Locken zierte, belebten sich seine Gesichtszüge, sein Auge glänzte von unaussprechlichem Geist, und das erste Wort seines Mundes war Lilie.

"Liebe Lilie!" rief er, "als er ihr die silbernen Treppen hinauf entgegeneilte; denn sie hatte von der Zinne des Altars seiner Reise zugesehn: "Liebe Lilie! was kann der Mann, ausgestattet mit allem, sich Köstlicheres wünschen als die Unschuld und die stille Neigung, die mir dein Busen entgegenbringt? O! mein Freund," fuhr er fort, "indem er sich zu dem Alten wendete und die drei heiligen Bildsäulen ansah, herrlich und sicher ist das Reich unserer Väter, aber du hast die vierte Kraft vergessen, die noch früher, allgemeiner, gewisser die Welt beherrscht, die Kraft der Liebe."

Mit diesen Worten fiel er dem schönen Mädchen um den Hals; sie hatte den Schleier weggeworfen und ihre Wangen färbten sich mit der schönsten unvergänglichsten Röte.

Hierauf sagte der Alte lächelnd: "Die Liebe herrscht nicht, aber sie bildet, und das ist mehr."

Über dieser Feierlichkeit, dem Glück, dem Entzücken hatte man nicht bemerkt, daß der Tag völlig angebrochen war, und nun fielen auf einmal durch die offne Pforte ganz unerwartete Gegenstände der Gesellschaft in die Augen. Ein großer mit Säulen umgebener Platz machte den Vorhof, an dessen Ende man eine lange und prächtige Brücke sah, die mit vielen Bogen über den Fluß hinüber reichte; sie war an beiden Seiten mit Säulengängen für die Wanderer bequem und prächtig eingerichtet, deren sich schon viele Tausende eingefunden hatten, und emsig hin- und widergingen. Der große Weg in der Mitte war von Herden und Maultieren, Reitern und Wagen belebt, die an beiden Seiten, ohne sich zu hindern, stromweise hin und herflossen. Sie schienen sich alle über die Bequemlichkeit und Pracht zu verwundern, und der neue König mit seiner Gemahlin war über die Bewegung und das Leben dieses großen Volks so entzückt, als ihre wechselseitige Liebe sie glücklich machte.

"Gedenke der Schlange in Ehren," sagte der Mann mit der Lampe, "du bist ihr das Leben, deine Völker sind ihr die Brücke schuldig, wodurch diese nachbarlichen Ufer erst zu Ländern belebt und verbunden werden. Jene schwimmenden und leuchtenden Edelsteine, die Reste ihres aufgeopferten Körpers, sind die Grundpfeiler dieser herrlichen Brücke, auf ihnen hat sie sich selbst erbaut und wird sich selbst erhalten."

Man wollte eben die Aufklärung dieses wunderbaren Geheimnisses von ihm verlangen, als vier schöne Mädchen zu der Pforte des Tempels hereintraten. An der Harfe, dem Sonnenschirm und dem Feldstuhl erkannte man sogleich die Begleiterinnen Liliens, aber die vierte, schöner als die drei, war eine Unbekannte, die scherzend schwesterlich mit ihnen durch den Tempel eilte und die silbernen Stufen hinanstieg.

"Wirst du mir künftig mehr glauben, liebes Weib?" sagte der Mann mit der Lampe zu der Schönen: "wohl dir und jedem Geschöpfe, das sich diesen Morgen im Flusse badet!"

Die verjüngte und verschönerte Alte, von deren Bildung keine Spur mehr übrig war, umfaßte mit belebten jugendlichen Armen den Mann mit der Lampe, der ihre Liebkosungen mit Freundlichkeit aufnahm.

"Wenn ich dir zu alt bin," sagte er lächelnd, "so darfst du heute einen andern Gatten wählen; von heute an ist keine Ehe gültig, die nicht aufs neue geschlossen wird."

"Weißt du denn nicht," versetzte sie, "daß auch du jünger geworden bist?"

"Es freut mich, wenn ich in deinen jungen Augen als ein wackrer Jüngling erscheine; ich nehme deine Hand von neuem an, und mag gern mit dir in das folgende Jahrtausend hinüberleben."

Die Königin bewillkommte ihre neue Freundin und stieg mit ihr und den übrigen Gespielinnen in den Altar hinab, indes der König in der Mitte der beiden Männer nach der Brücke hinsah und aufmerksam das Gewimmel des Volks betrachtete.

Aber nicht lange dauerte seine Zufriedenheit, denn er sah einen Gegenstand, der ihm einen Augenblick Verdruß erregte. Der große Riese, der sich von seinem Morgenschlaf noch nicht erholt zu haben schien, taumelte über die Brücke her und verursachte daselbst große Unordnung. Er war, wie gewöhnlich, schlaftrunken aufgestanden und gedachte sich in der bekannten Bucht des Flusses zu baden; anstatt derselben fand er festes Land und tappte auf dem breiten Pflaster der Brücke hin. Ob er nun gleich zwischen Menschen und Vieh auf das ungeschickteste hineintrat, so ward doch seine Gegenwart zwar von allen angestaunt, doch von niemand gefühlt, als ihm aber die Sonne in die Augen schien, und er die Hände aufhub sie auszuwischen, fuhr der Schatten seiner ungeheuren Fäuste hinter ihm so kräftig und ungeschickt unter der Menge hin und wider, daß Menschen und Tiere in großen Massen zusammenstürzten, beschädigt wurden, und Gefahr liefen in den Fluß geschleudert zu werden.

Der König, als er diese Untat erblickte, fuhr mit einer unwillkürlichen Bewegung nach dem Schwerte, doch besann er sich und blickte erst ruhig sein Zepter, dann die Lampe und das Ruder seiner Gefährten an.

"Ich errate deine Gedanken," sagte der Mann mit der Lampe, "aber wir und unsere Kräfte sind gegen diesen Ohnmächtigen ohnmächtig. Sei ruhig! er schadet zum letztenmal, und glücklicherweise ist sein Schatten von uns abgekehrt."

Indessen war der Riese immer näher gekommen, hatte vor Verwunderung über das, was er mit offenen Augen sah, die Hände sinken lassen, tat keinen Schaden mehr, und trat gaffend in den Vorhof herein.

Gerade ging er auf die Türe des Tempels zu, als er auf einmal in der Mitte des Hofes an dem Boden festgehalten wurde. Er stand als eine kolossale mächtige Bildsäule, von rötlich glänzendem Steine, da, und sein Schatten zeigte die Stunden, die in einem Kreis auf den Boden um ihn her, nicht in Zahlen, sondern in edlen und bedeutenden Bildern, eingelegt waren.

Nicht wenig erfreut war der König, den Schatten des Ungeheuers in nützlicher Richtung zu sehen; nicht wenig verwundert war die Königin, die als sie mit größter Herrlichkeit geschmückt aus dem Altare, mit ihren Jungfrauen, heraufstieg, das seltsame Bild erblickte, das die Aussicht aus dem Tempel nach der Brücke fast zudeckte.

Indessen hatte sich das Volk dem Riesen nachgedrängt, da er stillstand, ihn umgeben und seine Verwandlung angestaunt. Von da wandte sich die Menge nach dem Tempel, den sie erst jetzt gewahr zu werden schien und drängte sich nach der Tür.

In diesem Augenblick schwebte der Habicht mit dem Spiegel hoch über dem Dom, fing das Licht der Sonne auf und warf es über die auf dem Altar stehende Gruppe. Der König, die Königin und ihre Begleiter erschienen in dem dämmernden Gewölbe des Tempels, von einem himmlischen Glanze erleuchtet, und das Volk fiel auf sein Angesicht. Als die Menge sich wieder erholt hatte und aufstand, war der König mit den Seinigen in den Altar hinabgestiegen, um durch verborgene Hallen nach seinem Palaste zu gehen, und das Volk zerstreute sich in dem Tempel, seine Neugierde zu befriedigen. Es betrachtete die drei aufrecht stehenden Könige mit Staunen und Ehrfurcht, aber es war desto begieriger zu wissen, was unter dem Teppiche in der vierten Nische für ein Klumpen verborgen sein möchte; denn, wer es auch mochte gewesen sein, wohlmeinende Bescheidenheit hatte eine prächtige Decke über den zusammengesunkenen König hingebreitet, die kein Auge zu durchdringen vermag und keine Hand wagen darf wegzuheben.

Das Volk hätte kein Ende seines Schauens und seiner Bewunderung gefunden, und die zudringende Menge hätte sich in dem Tempel selbst erdrückt, wäre ihre Aufmerksamkeit nicht wieder auf den großen Platz gelenkt worden.

Unvermutet fielen Goldstücke, wie aus der Luft, klingend auf die marmornen Platten, die nächsten Wanderer stürzten darüber her, um sich ihrer zu bemächtigen, einzeln wiederholte sich dies Wunder, und zwar bald hier und bald da. Man begreift wohl, daß die abziehenden Irrlichter sich hier nochmals eine Lust machten und das Gold aus den Gliedern des zusammengesunkenen Königs auf eine lustige Weise vergeudeten. Begierig lief das Volk noch eine Zeitlang hin und wider, drängte und zerriß sich, auch noch da keine Goldstücke mehr herabfielen. Endlich verlief es sich allmählich, zog seine Straße, und bis auf den heutigen Tag wimmelt die Brücke von Wanderern und der Tempel ist der besuchteste auf der ganzen Welt.[/font][/size][/I]
BlackTeaAls ich klein war, kam auf dem Kinderkanal im ICE immer ein wunderschönes Märchen, das ich mir jedes Mal angehört habe, wenn ich mit dem Zug fuhr.
Leider weiß ich nicht, wie es heißt - wenn es jemand erkennt - bitte schreibt mir den Titel!!

Es ging um ein schönes junges Mädchen, dessen Brüder in Schwäne verwandelt wurden (es kann sein, dass es "Die sieben Schwäne" hieß).
Ich weiß nicht mehr weshalb, aber irgendwann wurde das Mädchen als Hexe verurteilt. Während sie auf ihren Tod wartete, fertigte sie aus Nesseln, die sie auf einem Friedhof gesammelt hatte, Hemden für ihre Brüder an - diese sollten sie in Menschen zurückverwandeln können.
Während sie schon auf einem Wagen zum Scheiterhaufen gefahren wurde, wollte sie das siebte Hemd vollenden. Jedoch kam es nicht mehr dazu und die Brüder wurden zurückverwandelt, wobei der Jüngsten einen Flügel anstelle eines Armes hatte, da der Ärmel noch nicht fertig war.

Ach, es ist schon so lange her, dass ich das Märchen gehört habe - ich weiß nur noch so wenig davon :confused:
dornrose@blacktea
...ja, das sind die sieben schwäne. es lohnt sich da mal wieder rein zu schauen. ich hab das als kind auch immer gehört, auf einer kassette (ja "damals" gab es noch kassetten und platten :))
jemand erwähnte die sieben schwäne auch schon mal zu anfang in diesem thema, ich weiß nicht mehr, wer es war.

@mahsheed
ach, es ist schön, das mal wieder zu lesen. danke für die lösung.


...märchen von der bernsteinküste... kennt jemand dieses buch? auch sehr schön zum schmökern. werde ein paar leseproben heraussuchen...

rose
Serena[COLOR=purple][B]Jorinde und Joringel[/B]


Es war einmal ein altes Schloß mitten in einem großen dicken Wald, darinnen wohnte eine alte Frau ganz allein, das war eine Erzzauberin. Am Tage machte sie sich zur Katze oder zur Nachteule, des Abends aber wurde sie wieder ordentlich wie ein Mensch gestaltet. Sie konnte das Wild und die Vögel herbeilocken, und dann schlachtete sie, kochte und briet es. Wenn jemand auf hundert Schritte dem Schloß nahe kam, so mußte er stillestehen und konnte sich nicht von der Stelle bewegen, bis sie ihn lossprach; wenn aber eine keusche Jungfrau in diesen Kreis kam, so verwandelte sie dieselbe in einen Vogel und sperrte sie dann in einen Korb ein und trug den Korb in eine Kammer des Schlosses. Sie hatte wohl siebentausend solcher Körbe mit so raren Vögeln im Schlosse.

Nun war einmal eine Jungfrau, die hieß Jorinde; sie war schöner als alle andere Mädchen. Die und dann ein gar schöner Jüngling namens Joringel hatten sich zusammen versprochen. Sie waren in den Brauttagen, und sie hatten ihr größtes Vergnügen eins am andern. Damit sie nun einsmalen vertraut zusammen reden könnten, gingen sie in den Wald spazieren. "Hüte dich", sagte Joringel, "daß du nicht so nahe ans Schloß kommst." Es war ein schöner Abend, die Sonne schien zwischen den Stämmen der Bäume hell ins dunkle Grün des Waldes, und die Turteltaube sang kläglich auf den alten Maibuchen.

Jorinde weinte zuweilen, setzte sich hin im Sonnenschein und klagte: Joringel klagte auch. Sie waren so bestürzt, als wenn sie hätten sterben sollen; sie sahen sich um, waren irre und wußten nicht, wohin sie nach Hause gehen sollten. Noch halb stand die Sonne über dem Berg, und halb war sie unter. Joringel sah durchs Gebüsch und sah die alte Mauer des Schlosses nah bei sich; er erschrak und wurde todbang. Jorinde sang:

"Mein Vöglein mit dem Ringlein rot singt Leide, Leide, Leide: es singt dem Täubelein seinen Tod, singt Leide, Lei - zicküth, zicküth, zicküth. "

Joringel sah nach Jorinde. Jorinde war in eine Nachtigall verwandelt, die sang zicküth, zicküth. Eine Nachteule mit glühenden Augen flog dreimal um sie herum und schrie dreimal schu, hu, hu, hu. Joringel konnte sich nicht regen.- er stand da wie ein Stein, konnte nicht weinen, nicht reden, nicht Hand noch Fuß regen. Nun war die Sonne unter; die Eule flog in einen Strauch, und gleich darauf kam eine alte krumme Frau aus diesem hervor, gelb und mager: große rote Augen, krumme Nase, die mit der Spitze ans Kinn reichte. Sie murmelte, fing die Nachtigall und trug sie auf der Hand fort. Joringel konnte nichts sagen, nicht von der Stelle kommen; die Nachtigall war fort. Endlich kam das Weib wieder und sagte mit dumpfer Stimme: "Grüß dich, Zachiel, wenn's Möndel ins Körbel scheint, bind lose Zachiel, zu guter Stund." Da wurde Joringel los. Er fiel vor dem Weib auf die Knie und bat, sie möchte ihm seine Jorinde wiedergeben, aber sie sagte, er sollte sie nie wiederhaben, und ging fort. Er rief, er weinte, er jammerte, aber alles umsonst. "Uu, was soll mir geschehen?" Joringel ging fort und kam endlich in ein fremdes Dorf; da hütete er die Schafe lange Zeit. Oft ging er rund um das Schloß herum, aber nicht zu nahe dabei. Endlich träumte er einmal des Nachts, er fände eine blutrote Blume, in deren Mitte eine schöne große Perle war. Die Blume brach er ab, ging damit zum Schlosse: alles, was er mit der Blume berührte, ward von der Zauberei frei; auch träumte er, er hätte seine Jorinde dadurch wiederbekommen. Des Morgens, als er erwachte, fing er an, durch Berg und Tal zu suchen, ob er eine solche Blume fände; er suchte bis an den neunten Tag, da fand er die blutrote Blume am Morgen früh. In der Mitte war ein großer Tautropfe, so groß wie die schönste Perle. Diese Blume trug er Tag und Nacht bis zum Schloß. Wie er auf hundert Schritt nahe bis zum Schloß kam, da ward er nicht fest, sondern ging fort bis ans Tor. Joringel freute sich hoch, berührte die Pforte mit der Blume, und sie sprang auf. Er ging hinein, durch den Hof, horchte, wo er die vielen Vögel vernähme; endlich hörte er's. Er ging und fand den Saal, darauf war die Zauberin und fütterte die Vögel in den siebentausend Körben. Wie sie den Joringel sah, ward sie bös, sehr bös, schalt, spie Gift und Galle gegen ihn aus, aber sie konnte auf zwei Schritte nicht an ihn kommen. Er kehrte sich nicht an sie und ging, besah die Körbe mit den Vögeln; da waren aber viele hundert Nachtigallen, wie sollte er nun seine Jorinde wiederfinden? indem er so zusah, [merkte er,] daß die Alte heimlich ein Körbchen mit einem Vogel wegnahm und damit nach der Türe ging. Flugs sprang er hinzu, berührte das Körbchen mit der Blume und auch das alte Weib- nun konnte sie nichts mehr zaubern, und Jorinde stand da, hatte ihn um den Hals gefaßt, so schön, wie sie ehemals war. Da machte er auch alle die andern Vögel wieder zu Jungfrauen, und da ging er mit seiner Jorinde nach Hause, und sie lebten lange vergnügt zusammen.
[/COLOR] [SIZE=1][URL=http://www.joringel.de]Quelle[/URL][/SIZE]

...um nur eines zu nennen... :) [schöner Thread]
Serena[QUOTE][i]Original geschrieben von SisterOfMercy [/i]
[B]Ach... Jorinde und Joringel :) Das war mir immer n bisschen unheimlich mit dieser böhsen Hexe....
[/B][/QUOTE]

hm, stimmt, die Bilder waren schon gruslig...ich weiss noch, dass ich damals vor einer bestimmten Seite im Buch immer Angst hatte ;)
MahsheedIch habe nach einem Bild von der Künstlerin gesucht, die eines meiner Lieblingsbücher illustriert hat ... aber leider nichts gefunden ...

Ich würde gern den Teufel zeigen, der mir sehr zu schaffen gemacht hat ...

Märchen von der Bernsteinküste kenne ich nicht. Bin auf Beispiele gespannt.
BlackTeaOh, wie schön, dass ich nun den Titel wieder weiß :))

Allerleirauh, so kenne ich das Märchen mit dem Rauhtierchen - das habe ich auch immer sehr gerne gemocht - habe das immer auf Video gesehen...
Serena[QUOTE][i]Original geschrieben von BlackTea [/i]
[B]Allerleirauh[/B][/QUOTE]

stimmt, das war auch klasse :)
Serena[COLOR=royalblue]Kalif Storch

Der Kalif Chasid zu Bagdad saß einmal an einem schönen Nachmittag behaglich auf seinem Sofa; er hatte ein wenig geschlafen, denn es war ein heißer Tag, und sah nun nach seinem Schläfchen recht heiter aus. Er rauchte aus einer langen Pfeife von Rosenholz, trank hier und da ein wenig Kaffee, den ihm ein Sklave einschenkte, und strich sich allemal vergnügt den Bart, wenn es ihm geschmeckt hatte. Kurz, man sah dem Kalifen an, daß es ihm recht wohl war. Um diese Stunde konnte man gar gut mit ihm reden, weil er da immer recht mild und leutselig war, deswegen besuchte ihn auch sein Großwesir Mansor alle Tage um diese Zeit. An diesem Nachmittage nun kam er auch, sah aber sehr nachdenklich aus, ganz gegen seine Gewohnheit. Der Kalif tat die Pfeife ein wenig aus dem Mund und sprach: »Warum machst du ein so nachdenkliches Gesicht, Großwesir?«

Der Großwesir schlug seine Arme kreuzweis über die Brust, verneigte sich vor seinem Herrn und antwortete: »Herr, ob ich ein nachdenkliches Gesicht mache, weiß ich nicht, aber da drunten am Schloß steht ein Krämer, der hat so schöne Sachen, daß es mich ärgert, nicht viel überflüssiges Geld zu haben.«

Der Kalif, der seinem Großwesir schon lange gerne eine Freude gemacht hätte, schickte seinen schwarzen Sklaven hinunter, um den Krämer heraufzuholen. Bald kam der Sklave mit dem Krämer zurück. Dieser war ein kleiner, dicker Mann, schwarzbraun im Gesicht und in zerlumptem Anzug. Er trug einen Kasten, in welchem er allerhand Waren hatte, Perlen und Ringe, reichbeschlagene Pistolen, Becher und Kämme. Der Kalif und sein Wesir musterten alles durch, und der Kalif kaufte endlich für sich und Mansor schöne Pistolen, für die Frau des Wesirs aber einen Kamm. Als der Krämer seinen Kasten schon wieder zumachen wollte, sah der Kalif eine kleine Schublade und fragte, ob da auch noch Waren seien. Der Krämer zog die Schublade heraus und zeigte darin eine Dose mit schwärzlichem Pulver und ein Papier mit sonderbarer Schrift, die weder der Kalif noch Mansor lesen konnte. »Ich bekam einmal diese zwei Stücke von einem Kaufmanne, der sie in Mekka auf der Straße fand«, sagte der Krämer, »Ich weiß nicht, was sie enthalten; euch stehen sie um geringen Preis zu Dienst, ich kann doch nichts damit anfangen.«

Der Kalif, der in seiner Bibliothek gerne alte Manuskripte hatte, wenn er sie auch nicht lesen konnte, kaufte Schrift und Dose und entließ den Krämer. Der Kalif aber dachte, er möchte gerne wissen, was die Schrift enthalte, und, fragte den Wesir, ob er keinen kenne, der es entziffern könnte.

»Gnädigster Herr und Gebieter«, antwortete dieser, »an der großen Moschee wohnt ein Mann, er heißt Selim, der Gelehrte, der versteht alle Sprachen, laß ihn kommen, vielleicht kennt er diese geheimnisvollen Züge.«

Der Gelehrte Selim war bald herbeigeholt. »Selim«, sprach zu ihm der Kalif, »Selim, man sagt, du seiest sehr gelehrt; guck einmal ein wenig in diese Schrift, ob du sie lesen kannst; kannst du sie lesen, so bekommst du ein neues Festkleid von mir, kannst du es nicht, so bekommst du zwölf Backenstreiche und fünfundzwanzig auf die Fußsohlen, weil man dich dann umsonst Selim, den Gelehrten, nennt.«

Selim verneigte sich und sprach: »Dein Wille geschehe, o Herr!« Lange betrachtete er die Schrift, plötzlich aber rief er aus: »Das ist Lateinisch, o Herr, oder ich laß mich hängen.« »Sag, was drinsteht«, befahl der Kalif, »wenn es Lateinisch ist.«

Selim fing an zu übersetzen: »Mensch, der du dieses findest, preise Allah für seine Gnade. Wer von dem Pulver in dieser Dose schnupft und dazu spricht: mutabor, der kann sich in jedes Tier verwandeln und versteht auch die Sprache der Tiere.

Will er wieder in seine menschliche Gestalt zurückkehren, so neige er sich dreimal gen Osten und spreche jenes Wort; aber hüte dich, wenn du verwandelt bist, daß du nicht lachest, sonst verschwindet das Zauberwort gänzlich aus deinem Gedächtnis, und du bleibst ein Tier.«

Als Selim, der Gelehrte, also gelesen hatte, war der Kalif über die Maßen vergnügt. Er ließ den Gelehrten schwören, niemandem etwas von dem Geheimnis zu sagen, schenkte ihm ein schönes Kleid und entließ ihn. Zu seinem Großwesir aber sagte er: »Das heiß' ich gut einkaufen, Mansor! Wie freue ich mich, bis ich ein Tier bin. Morgen früh kommst du zu mir; wir gehen dann miteinander aufs Feld, schnupfen etwas Weniges aus meiner Dose und belauschen dann, was in der Luft und im Wasser, im Wald und Feld gesprochen wird!«

Kaum hatte am anderen Morgen der Kalif Chasid gefrühstückt und sich angekleidet, als schon der Großwesir erschien, ihn, wie er befohlen, auf dem Spaziergang zu begleiten. Der Kalif steckte die Dose mit dem Zauberpulver in den Gürtel, und nachdem er seinem Gefolge befohlen, zurückzubleiben, machte er sich mit dem Großwesir ganz allein auf den Weg . Sie gingen zuerst durch die weiten Gärten des Kalifen, spähten aber vergebens nach etwas Lebendigem, um ihr Kunststück zu probieren. Der Wesir schlug endlich vor, weiter hinaus an einen Teich zu gehen, wo er schon oft viele Tiere, namentlich Störche, gesehen habe, die durch ihr gravitätisches Wesen und ihr Geklapper immer seine Aufmerksamkeit erregt hatten.

Der Kalif billigte den Vorschlag seines Wesirs und ging mit ihm dem Teich zu. Als sie dort angekommen waren, sahen sie einen Storch ernsthaft auf und ab gehen, Frösche suchend und hier und da etwas vor sich hinklappernd. Zugleich sahen sie auch weit oben in der Luft einen anderen Storch dieser Gegend zuschweben.[/COLOR]
Serena[COLOR=royalblue]»Ich wette meinen Bart, gnädigster Herr«, sagte er Großwesir, »wenn nicht diese zwei Langfüßler ein schönes Gespräch miteinander führen werden. Wie wäre es, wenn wir Störche würden?«

»Wohl gesprochen!« antwortete der Kalif. »Aber vorher wollen wir noch einmal betrachten, wie man wieder Mensch wird. - Richtig! Dreimal gen Osten geneigt und mutabor gesagt, so bin ich wieder Kalif und du Wesir. Aber nur um Himmels willen nicht gelacht, sonst sind wir verloren!«

Während der Kalif also sprach, sah er den anderen Storch über ihrem Haupte schweben und langsam sich zur Erde lassen. Schnell zog er die Dose aus dem Gürtel, nahm eine gute Prise, bot sie dem Großwesir dar, der gleichfalls schnupfte, und beide riefen: mutabor!

Da schrumpften ihre Beine ein und wurden dünn und rot, die schönen gelben Pantoffeln des Kalifen und seines Begleiters wurden unförmliche Storchfüße, die Arme wurden zu Flügeln, der Hals fuhr aus den Achseln und ward eine Elle lang, der Bart war verschwunden, und den Körper bedeckten weiche Federn.

»Ihr habt einen hübschen Schnabel, Herr Großwesir«, sprach nach langem Erstaunen der Kalif. »Beim Bart des Propheten, so etwas habe ich in meinem Leben nicht gesehen.« »Danke untertänigst«, erwiderte der Großwesir, indem er sich bückte, »aber wenn ich es wagen darf, möchte ich behaupten, Eure Hoheit sehen als Storch beinahe noch hübscher aus denn als Kalif. Aber kommt, wenn es Euch gefällig ist, daß wir unsere Kameraden dort belauschen und erfahren, ob wir wirklich Storchisch können.«

Indem war der andere Storch auf der Erde angekommen; er putzte sich mit dem Schnabel seine Füße, legte seine Federn zurecht und ging auf den ersten Storch zu. Die beiden neuen Störche aber beeilten sich, in ihre Nähe zu kommen, und vernahmen zu ihrem Erstaunen folgendes Gespräch:

»Guten Morgen, Frau Langbein, so früh schon auf der Wiese?«

»Schönen Dank, liebe Klapperschnabel! Ich habe mir nur ein kleines Frühstück geholt. Ist Euch vielleicht ein Viertelchen Eidechs gefällig oder ein Froschschenkelein?«

»Danke gehorsamst; habe heute gar keinen Appetit. Ich komme auch wegen etwas ganz anderem auf die Wiese. Ich soll heute vor den Gästen meines Vaters tanzen, und da will ich mich im stillen ein wenig üben.«

Zugleich schritt die junge Störchin in wunderlichen Bewegungen durch das Feld. Der Kalif und Mansor sahen ihr verwundert nach; als sie aber in malerischer Stellung auf einem Fuß stand und mit den Flügeln anmutig dazu wedelte, da konnten sich die beiden nicht mehr halten; ein unaufhaltsames Gelächter brach aus ihren Schnäbeln hervor, von dem sie sich erst nach langer Zeit erholten. Der Kalif faßte sich zuerst wieder: »Das war einmal ein Spaß«, rief er, »der nicht mit Gold zu bezahlen ist; schade, daß die Tiere durch unser Gelächter sich haben verscheuchen lassen, sonst hätten sie gewiß auch noch gesungen!«

Aber jetzt fiel es dem Großwesir ein, daß das Lachen während der Verwandlung verboten war. Er teilte seine Angst deswegen dem Kalifen mit. »Potz Mekka und Medina! Das wäre ein schlechter Spaß, wenn ich ein Storch bleiben müßte! Besinne dich doch auf das dumme Wort, ich bring' es nicht heraus.«

»Dreimal gen Osten müssen wir uns bücken und dazu sprechen: mu - mu - mu -«

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Serena[COLOR=royalblue]Sie stellten sich gegen Osten und bückten sich in einem fort, daß ihre Schnäbel beinahe die Erde berührten; aber, o Jammer! Das Zauberwort war ihnen entfallen, und so oft sich auch der Kalif bückte, so sehnlich auch sein Wesir mu - mu dazu rief, jede Erinnerung daran war verschwunden, und der arme Chasid und sein Wesir waren und blieben Störche.

Traurig wandelten die Verzauberten durch die Felder, sie wußten gar nicht, was sie in ihrem Elend anfangen sollten. Aus ihrer Storchenhaut konnten sie nicht heraus, in die Stadt zurück konnten sie auch nicht, um sich zu erkennen zu geben; denn wer hätte einem Storch geglaubt, daß er der Kalif sei, und wenn man es auch geglaubt hätte, würden die Einwohner von Bagdad einen Storch zum Kalif gewollt haben?

So schlichen sie mehrere Tage umher und ernährten sich kümmerlich von Feldfrüchten, die sie aber wegen ihrer langen Schnäbel nicht gut verspeisen konnten. Auf Eidechsen und Frösche hatten sie übrigens keinen Appetit, denn sie befürchteten, mit solchen Leckerbissen sich den Magen zu verderben. Ihr einziges Vergnügen in dieser traurigen Lage war, daß sie fliegen konnten, und so flogen sie oft auf die Dächer von Bagdad, um zu sehen, was darin vorging.

In den ersten Tagen bemerkten sie große Unruhe und Trauer in den Straßen; aber ungefähr am vierten Tag nach ihrer Verzauberung saßen sie auf dem Palast des Kalifen, da sahen sie unten in der Straße einen prächtigen Aufzug; Trommeln und Pfeifen ertönten, ein Mann in einem goldbestickten Scharlachmantel saß auf einem geschmückten Pferd, umgeben von glänzenden Dienern, halb Bagdad sprang ihm nach, und alle schrien: »Heil Mizra, dem Herrscher von Bagdad!«

Da sahen die beiden Störche auf dem Dache des Palastes einander an, und der Kalif Chasid sprach: »Ahnst du jetzt, warum ich verzaubert bin, Großwesir? Dieser Mizra ist der Sohn meines Todfeindes, des mächtigen Zauberers Kaschnur, der mir in einer bösen Stunde Rache schwur. Aber noch gebe ich die Hoffnung nicht auf - Komm mit mir, du treuer Gefährte meines Elends, wir wollen zum Grabe des Propheten wandern, vielleicht, daß an heiliger Stätte der Zauber gelöst wird.«

Sie erhoben sich vom Dach des Palastes und flogen der Gegend von Medina zu.

Mit dem Fliegen wollte es aber nicht gar gut gehen; denn die beiden Störche hatten noch wenig Übung. »O Herr«, ächzte nach ein paar Stunden der Großwesir, »ich halte es mit Eurer Erlaubnis nicht mehr lange aus; Ihr fliegt gar zu schnell! Auch ist es schon Abend, und wir täten wohl, ein Unterkommen für die Nacht zu suchen.«

Chasid gab der Bitte seines Dieners Gehör; und da er unten im Tale eine Ruine erblickte, die ein Obdach zu gewähren schien, so flogen sie dahin. Der Ort, wo sie sich für diese Nacht niedergelassen hatten, schien ehemals ein Schloß gewesen zu sein. Schöne Säulen ragten unter den Trümmern hervor, mehrere Gemächer, die noch ziemlich erhalten waren, zeugten von der ehemaligen Pracht des Hauses. Chasid und sein Begleiter gingen durch die Gänge umher, um sich ein trockenes Plätzchen zu suchen; plötzlich blieb der Storch Mansor stehen. »Herr und Gebieter«, flüsterte er leise, »wenn es nur nicht töricht für einen Großwesir, noch mehr aber für einen Storch wäre, sich vor Gespenstern zu fürchten! Mir ist ganz unheimlich zumute; denn hier neben hat es ganz vernehmlich geseufzt und gestöhnt.« Der Kalif blieb nun auch stehen und hörte ganz deutlich ein leises Weinen, das eher einem Menschen als einem Tiere anzugehören schien. Voll Erwartung wollte er der Gegend zugehen, woher die Klagetöne kamen; der Wesir aber packte ihn mit dem Schnabel am Flügel und bat ihn flehentlich, sich nicht in neue, unbekannte Gefahren zu stürzen. Doch vergebens! Der Kalif, dem auch unter dem Storchenflügel ein tapferes Herz schlug, riß sich mit Verlust einiger Federn los und eilte in einen finsteren Gang. Bald war er an einer Tür angelangt, die nur angelehnt schien und woraus er deutliche Seufzer mit ein wenig Geheul vernahm. Er stieß mit dem Schnabel die Türe auf, blieb aber überrascht auf der Schwelle stehen. In dem verfallenen Gemach, das nur durch ein kleines Gitterfenster spärlich erleuchtet war, sah er eine große Nachteule am Boden sitzen. Dicke Tränen rollten ihr aus den großen, runden Augen, und mit heiserer Stimme stieß sie ihre Klagen zu dem krummen Schnabel heraus. Als sie aber den Kalifen und seinen Wesir, der indes auch herbeigeschlichen war, erblickte, erhob sie ein lautes Freudengeschrei. Zierlich wischte sie mit dem braungefleckten Flügel die Tränen aus dem Auge, und zu dem größten Erstaunen der beiden rief sie in gutem menschlichem Arabisch: »Willkommen, ihr Störche! Ihr seid mir ein gutes Zeichen meiner Errettung; denn durch Störche werde mir ein großes Glück kommen, ist mir einst prophezeit worden!«

Als sich der Kalif von seinem Erstaunen erholt hatte, bückte er sich mit seinem langen Hals, brachte seine dünnen Füße in eine zierliche Stellung und sprach: »Nachteule! Deinen Worten nach darf ich glauben, eine Leidensgefährtin in dir zu sehen. Aber ach! Deine Hoffnung, daß durch uns deine Rettung kommen werde, ist vergeblich. Du wirst unsere Hilflosigkeit selbst erkennen, wenn du unsere Geschichte hörst.« Die Nachteule bat ihn zu erzählen, was der Kalif sogleich tat.

Als der Kalif der Eule seine Geschichte vorgetragen hatte, dankte sie ihm und sagte: »Vernimm auch meine Geschichte und höre, wie ich nicht weniger unglücklich bin als du. Mein Vater ist der König von Indien, ich, seine einzige unglückliche Tochter, heiße Lusa. Jener Zauberer Kaschnur, der euch verzauberte, hat auch mich ins Unglück gestürzt. Er kam eines Tages zu meinem Vater und begehrte mich zur Frau für seinen Sohn Mizra. Mein Vater aber, der ein hitziger Mann ist, ließ ihn die Treppe hinunterwerfen. Der Elende wußte sich unter einer anderen Gestalt wieder in meine Nähe zu schleichen, und als ich einst in meinem Garten Erfrischungen zu mir nehmen wollte, brachte er mir, als Sklave verkleidet, einen Trank bei, der mich in diese abscheuliche Gestalt verwandelte. Vor Schrecken ohnmächtig, brachte er mich hierher und rief mir mit schrecklicher Stimme in die Ohren:

'Da sollst du bleiben, häßlich, selbst von den Tieren verachtet, bis an dein Ende, oder bis einer aus freiem Willen dich, selbst in dieser schrecklichen Gestalt, zur Gattin begehrt. So räche ich mich an dir und deinem stolzen Vater.'

Seitdem sind viele Monate verflossen. Einsam und traurig lebe ich als Einsiedlerin in diesem Gemäuer, verabscheut von der Welt, selbst den Tieren ein Greuel; die schöne Natur ist vor mir verschlossen; denn ich bin blind am Tage, und nur, wenn der Mond sein bleiches Licht über dies Gemäuer ausgießt, fällt der verhüllende Schleier von meinem Auge.«

Die Eule hatte geendet und wischte sich mit dem Flügel wieder die Augen aus, denn die Erzählung ihrer Leiden hatte ihr Tränen entlockt.

Der Kalif war bei der Erzählung der Prinzessin in tiefes Nachdenken versunken. »Wenn mich nicht alles täuscht«, sprach er, »so findet zwischen unserem Unglück ein geheimer Zusammenhang statt; aber wo finde ich den Schlüssel zu diesem Rätsel?«

Die Eule antwortete ihm: »O Herr! Auch mir ahnet dies; denn es ist mir einst in meiner frühesten Jugend von einer weisen Frau prophezeit worden, daß ein Storch mir ein großes Glück bringen werde, und ich wüßte vielleicht, wie wir uns retten könnten.« Der Kalif war sehr erstaunt und fragte, auf welchem Wege sie meine. »Der Zauberer, der uns beide unglücklich gemacht hat«, sagte sie, »kommt alle Monate einmal in diese Ruinen. Nicht weit von diesem Gemach ist ein Saal. Dort pflegt er dann mit vielen Genossen zu schmausen. Schon oft habe ich sie dort belauscht. Sie erzählen dann einander ihre schändlichen Werke; vielleicht, daß er dann das Zauberwort, das ihr vergessen habt, ausspricht.«

»O, teuerste Prinzessin«, rief der Kalif, »sag an, wann kommt er, und wo ist der Saal?«

Die Eule schwieg einen Augenblick und sprach dann: »Nehmet es nicht ungütig, aber nur unter einer Bedingung kann ich Euern Wunsch erfüllen.«

»Sprich aus! Sprich aus!« schrie Chasid. »Befiehl, es ist mir jede recht.«

»Nämlich, ich möchte auch gern zugleich frei sein; dies kann aber nur geschehen, wenn einer von euch mir seine Hand reicht.«

Die Störche schienen über den Antrag etwas betroffen zu sein, und der Kalif winkte seinem Diener, ein wenig mit ihm hinauszugehen.

»Großwesir«, sprach vor der Türe der Kalif, »das ist ein dummer Handel; aber Ihr könntet sie schon nehmen.«

»So«, antwortete dieser, »daß mir meine Frau, wenn ich nach Hause komme, die Augen auskratzt? Auch bin ich ein alter Mann, und Ihr seid noch jung und unverheiratet und könnet eher einer jungen, schönen Prinzessin die Hand geben.«

»Das ist es eben«, seufzte der Kalif, indem er traurig die Flügel hängen ließ, »wer sagt dir denn, daß sie jung und schön ist? Das heißt eine Katze im Sack kaufen!«

Sie redeten einander gegenseitig noch lange zu; endlich aber, als der Kalif sah, daß sein Wesir lieber Storch bleiben als die Eule heiraten wollte, entschloß er sich, die Bedingung lieber selbst zu erfüllen. Die Eule war hocherfreut. Sie gestand ihnen, daß sie zu keiner besseren Zeit hätten kommen können, weil wahrscheinlich in dieser Nacht die Zauberer sich versammeln würden.

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Serena[COLOR=royalblue]Sie verließ mit den Störchen das Gemach, um sie in jenen Saal zu führen; sie gingen lange in einem finsteren Gang hin; endlich strahlte ihnen aus einer halbverfallenen Mauer ein heller Schein entgegen. Als sie dort angelangt waren, riet ihnen die Eule, sich ganz ruhig zu verhalten. Sie konnten von der Lücke, an welcher sie standen, einen großen Saal übersehen. Er war ringsum mit Säulen geschmückt und prachtvoll verziert. Viele farbige Lampen ersetzten das Licht des Tages. In der Mitte des Saales stand ein runder Tisch, mit vielen und ausgesuchten Speisen besetzt. Rings um den Tisch zog sich ein Sofa, auf welchem acht Männer saßen. In einem dieser Männer erkannten die Störche jenen Krämer wieder, der ihnen das Zauberpulver verkauft hatte. Sein Nebensitzer forderte ihn auf, ihnen seine neuesten Taten zu erzählen. Er erzählte unter anderen auch die Geschichte des Kalifen und seines Wesirs.

»Was für ein Wort hast du ihnen denn aufgegeben?« fragte ihn ein anderer Zauberer. »Ein recht schweres lateinisches, es heißt mutabor.«

Als die Störche an der Mauerlücke dieses hörten, kamen sie vor Freuden beinahe außer sich. Sie liefen auf ihren langen Füßen so schnell dem Tore der Ruine zu, daß die Eule kaum folgen konnte. Dort sprach der Kalif gerührt zu der Eule: »Retterin meines Lebens und des Lebens meines Freundes, nimm zum ewigen Dank für das, was du an uns getan, mich zum Gemahl an!« Dann aber wandte er sich nach Osten. Dreimal bückten die Störche ihre langen Hälse der Sonne entgegen, die soeben hinter dem Gebirge heraufstieg: »Mutabor!« riefen sie, im Nu waren sie verwandelt, und in der hohen Freude des neugeschenkten Lebens lagen Herr und Diener lachend und weinend einander in den Armen.

Wer beschreibt aber ihr Erstaunen, als sie sich umsahen? Eine schöne Dame, herrlich geschmückt, stand vor ihnen. Lächelnd gab sie dem Kalifen die Hand. »Erkennt Ihr Eure Nachteule nicht mehr?« sagte sie. Sie war es; der Kalif war von ihrer Schönheit und Anmut entzückt.

Die drei zogen nun miteinander auf Bagdad zu. Der Kalif fand in seinen Kleidern nicht nur die Dose mit Zauberpulver, sondern auch seinen Geldbeutel. Er kaufte daher im nächsten Dorfe, was zu ihrer Reise nötig war, und so kamen sie bald an die Tore von Bagdad. Dort aber erregte die Ankunft des Kalifen großes Erstaunen. Man hatte ihn für tot ausgegeben, und das Volk war daher hocherfreut, seinen geliebten Herrscher wiederzuhaben.

Um so mehr aber entbrannte ihr Haß gegen den Betrüger Mizra. Sie zogen in den Palast und nahmen den alten Zauberer und seinen Sohn gefangen. Den Alten schickte der Kalif in dasselbe Gemach der Ruine, das die Prinzessin als Eule bewohnt hatte, und ließ ihn dort aufhängen. Dem Sohn aber, welcher nichts von den Künsten des Vaters verstand, ließ der Kalif die Wahl, ob er sterben oder schnupfen wolle. Als er das letztere wählte, bot ihm der Großwesir die Dose. Eine tüchtige Prise, und das Zauberwort des Kalifen verwandelte ihn in einen Storch. Der Kalif ließ ihn in einen eisernen Käfig sperren und in seinem Garten aufstellen.

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Serena[COLOR=royalblue]Lange und vergnügt lebte Kalif Chasid mit seiner Frau, der Prinzessin; seine vergnügtesten Stunden waren immer die, wenn ihn der Großwesir nachmittags besuchte; da sprachen sie dann oft von ihrem Storchabenteuer, und wenn der Kalif recht heiter war, ließ er sich herab, den Großwesir nachzuahmen, wie er als Storch aussah. Er stieg dann ernsthaft, mit steifen Füßen im Zimmer auf und ab, klapperte, wedelte mit den Armen wie mit Flügeln und zeigte, wie jener sich vergeblich nach Osten geneigt und Mu - Mu - dazu gerufen habe. Für die Frau Kalifin und ihre Kinder war diese Vorstellung allemal eine große Freude; wenn aber der Kalif gar zu lange klapperte und nickte und Mu - Mu - schrie, dann drohte ihm lächelnd der Wesir: Er wolle das, was vor der Türe der Prinzessin Nachteule verhandelt worden sei, der Frau Kalifin mitteilen.

Als Selim Baruch seine Geschichte beendet hatte, bezeugten sich die Kaufleute sehr zufrieden damit. »Wahrhaftig, der Nachmittag ist uns vergangen, ohne daß wir merkten wie!« sagte einer derselben, indem er die Decke des Zeltes zurückschlug. »Der Abendwind wehet kühl, und wir könnten noch eine gute Strecke Weges zurücklegen.« Seine Gefährten waren damit einverstanden, die Zelte wurden abgebrochen, und die Karawane machte sich in der nämlichen Ordnung, in welcher sie herangezogen war, auf den Weg.

Sie ritten beinahe die ganze Nacht hindurch, denn es war schwül am Tage, die Nacht aber war erquicklich und sternhell. Sie kamen endlich an einem bequemen Lagerplatz an, schlugen die Zelte auf und legten sich zur Ruhe. Für den Fremden aber sorgten die Kaufleute, wie wenn er ihr wertester Gastfreund wäre. Der eine gab ihm Polster, der andere Decken, ein dritter gab ihm Sklaven, kurz, er wurde so gut bedient, als ob er zu Hause wäre. Die heißeren Stunden des Tages waren schon heraufgekommen, als sie sich wieder erhoben, und sie beschlossen einmütig, hier den Abend abzuwarten. Nachdem sie miteinander gespeist hatten, rückten sie wieder näher zusammen, und der junge Kaufmann wandte sich an den ältesten und sprach: »Selim Baruch hat uns gestern einen vergnügten Nachmittag bereitet, wie wäre es, Achmet, wenn Ihr uns auch etwas erzähltet, sei es nun aus Eurem langen Leben, das wohl viele Abenteuer aufzuweisen hat, oder sei es auch ein hübsches Märchen.« Achmet schwieg auf diese Anrede eine Zeitlang, wie wenn er bei sich im Zweifel wäre, ob er dies oder jenes sagen sollte oder nicht; endlich fing er an zu sprechen:

»Liebe Freunde! Ihr habt euch auf dieser unserer Reise als treue Gesellen erprobt, und auch Selim verdient mein Vertrauen; daher will ich euch etwas aus meinem Leben mitteilen, das ich sonst ungern und nicht jedem erzähle: die Geschichte von dem Gespensterschiff.«
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psychochicken[U]Die Abenteuer der Cherry von Zennor[/U]

[COLOR=seagreen] [I]Dies kann man als eine andere Fassung der Geschichte vom Feenwitwer ansehen:[/I] Der alte Honey lebte mit seiner Frau und der Familie in einer kleinen Kate von zwei Räumen und einem Alkoven auf der Klippenseite von Trereen bei Zennor. Das alte Paar hatte zehn Kinder, die alle an diesem Ort aufgezogen wurden. Sie lebten so gut sie konnten von dem, was ein paar Morgen Land hervorbrachten, die zu armselig waren, um auch nur eine Ziege bei guter Laune zu halten. Die Haufen von Schneckengehäusen um
die Hütte herum ließ einen glauben, daß ihre Hauptnahrung Napf- und Strandschnecken waren. Sie hatten jedoch an den meisten Tagen Fisch und Kartoffeln und ab und zu an einem Sonntag Schweinefleisch und Brühe. Zu Weihnachten und zu Ostern hatten sie weißes Brot. Im ganzen Pfarrsprengel gab es keine gesündere oder hübschere Familie als die vom alten Honey. Wir haben es jedoch nur mit einem von ihnen zu tun, mit seiner Tochter Cherry. Cherry konnte laufen so schnell wie ein Hase, und sie steckte immer voller Scherz und Übermut. Immer wenn der Bursche des Müllers auf den Hof kam, sein Pferd an den Ginsterstadel band und hereinschaute, ob einer sein Korn zur Mühle schicken wolle, dann sprang Cherry auf das Pferd und galoppierte fort zu den Klippen. Wenn der Müllerbursche dann hinterherjagte und sie über den Rand dieser Felsenküste nicht weiterreiten konnte, wendete sie sich den Steinmälern zu, und der schnellste Hund hätte sie nicht eingeholt, geschweige denn der Müllerbursche.
Als Cherry halbwüchsig war, wurde sie bald unzufrieden, denn Jahr für Jahr hatte ihre Mutter ihr ein neues Kleid versprochen, damit sie so schmuck einhergehen könne wie die andern, »zu dritt auf einem Pferd auf den Morvah Jahrmarkt«. So gewiß die Zeit herankam, so gewiß fehlte das Geld, und Cherry hatte also nichts Anständiges anzuziehen. Sie konnte weder zum Jahrmarkt noch zur Kirche, noch zu den Betversammlungen gehen.
Cherry war sechzehn. Eine von ihren Spielgefährtinnen hatte ein neues Kleid, das war mit Bändern schmuck besetzt, und sie erzählte Cherry, wie sie in Nancledry bei der Predigt gewesen war und wie sie immer so viele Liebhaber hätte, die sie heimbrächten. Dies versetzte die leichtfertige Cherry in ein Fieber
des Verlangens. Sie erklärte ihrer Mutter, daß sie fortgehen wolle in die Täler, um sich einen Dienst zu suchen, damit sie solche Kleider haben könnte wie die andern Mädchen. Ihre Mutter wollte, sie solle nach Towednack gehen, damit sie sie ab und zu an einem Sonntag sehen könnte. »Nein, nein«, sagte Cherry, »niemals will ich in eine Gemeinde, wo die Kuh den Glockenstrick fressen mußte und wo sie jeden Tag Fisch und Kartoffeln haben und am Sonntag Aal-Pastete zur Abwechslung.«
Eines schönen Morgens band Cherry ein paar Sachen in ein Bündel zusammen und machte sich fertig zum Aufbruch. Sie versprach ihrem Vater, sie wolle einen Dienst annehmen, der möglichst nahe sei, und bei der frühesten Gelegenheit wolle sie nach Hause kommen. Der alte Mann sagte, sie sei verhext, und legte ihr ans Herz, sie solle aufpassen, daß sie weder von Seeleuten noch von Piraten fortgeschleppt werde, und dann erlaubte er ihr fortzugehen. Cherry schlug den Weg ein, der nach Ludgvan und Gulval führte. Als sie die Kamine von Trereen aus den Augen verloren hatte, verließ sie der Mut, und sie war drauf und dran, wieder nach Hause zu gehen. Aber sie ging weiter.
Schließlich kam sie zu den vier Kreuzwegen an den Lady Downs. Sie setzte sich auf einem Stein am Wegrand nieder und weinte, als sie an ihr Zuhause dachte, das sie vielleicht niemals wiedersehen würde. Endlich hörte sie zu weinen auf und beschloß, heimzugehen und das Beste daraus zu machen.Als sie ihre Augen gewischt hatte und ihren Kopf hob, war sie überrascht, einen Herrn auf sich zukommen zu sehen - denn sie konnte sich nicht vorstellen, woher er kam, ein paar Augenblicke vorher war noch niemand auf der Höhe zu sehen gewesen. Der Herr wünschte ihr einen Guten Morgen, erkundigte sich nach dem Weg nach Towednack und fragte Cherry, wohin sie gehe. Cherry erzählte dem Herrn, daß sie an diesem Morgen von zu Hause fortgegangen war, um sich nach einem Dienst umzusehen, aber daß der Mut sie nun verlassen habe, und sie wolle über die Hügel wieder zurückgehen nach Zennor.
»Ich hätte niemals erwartet, ein solches Glück zu haben«, sagte der Herr. »Ich bin heute morgen von zu Hause fortgegangen, um ein nettes, sauberes Mädchen zu suchen, das mir haushalten könnte, und da treffe ich dich.« Er erzählte Cherry dann, daß er seit kurzem Witwer sei und daß er einen lieben kleinen Jungen habe, den Cherry betreuen solle. Cherry sei genau das Mädchen, das ihm recht wäre. Sie sei hübsch und reinlich. Er konnte sehen, daß ihre Kleider so geflickt waren, daß man nicht mehr erkennen konnte, welches das ursprüngliche Stück gewesen war, aber sie war lieblich wie eine Rose, und alles Wasser der See hätte sie nicht sauberer machen können.
Die arme Cherry sagte zu allem »Ja, Herr«, sie verstand jedoch nicht den vierten Teil von dem, was der Herr gesagt hatte. Ihre Mutter hatte sie angewiesen, »Ja, Herr« zum Pfarrer zu sagen oder zu einem jeden Herrn, wenn sie ihn nicht verstünde. Der Herr sagte ihr, er wohne drunten in den Tälern, nicht weit weg, und sie werde sehr wenig zu tun haben, sie müsse nur die Kuh melken und sich um das Kind kümmern.
Also willigte Cherry ein, mit ihm zu gehen. Sie gingen fort, und er sprach so freundlich, daß Cherry nicht merkte, wie die Zeit verstrich, und ganz vergaß, wie weit sie gegangen war.
Endlich waren sie in einem Heckenweg, der war von Bäumen so überschattet, daß der Weg vom Sonnenlicht nur eben noch gesprenkelt war. So weit sie sehen konnte, gab es nur Bäume und Blumen. Heckenrosen und Geißblatt verströmten ihren Duft, und die rotesten reifen Äpfel hingen an den Bäumen
über dem Heckenweg. Dann kamen sie an fließendes Wasser, klar wie Kristall, das lief über den Weg. Es war aber sehr dunkel, und Cherry hielt an, um zu sehen, wie sie den Fluß überqueren könnte. Der Herr
legte den Arm um ihre Mitte und trug sie darüber, so daß ihre Füße nicht naß wurden. Der Weg wurde dunkler und dunkler und enger und enger, und es schien, daß sie immer rascher den Hügel abwärts gingen. Cherry hielt sich am Arm des Herrn ganz fest und dachte sich, da er zu ihr so freundlich gewesen war, würde sie mit ihm bis ans Ende der Welt gehen. [/COLOR]
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Nachdem sie ein wenig weitergegangen waren, öffnete der Herr ein Gatter, das in einen schönen Garten führte, und sagte: »Meine liebe Cherry, dies ist der Ort, an dem wir wohnen.« Cherry wollte kaum ihren Augen trauen. Nie zuvor hatte sie etwas gesehen, das diesem Ort an Schönheit gleichkam. Blumen in allen Farben waren um sie herum, Früchte aller Art hingen über ihr, und die Vögel hatten einen lieblicheren Gesang, als sie jemals gehört hatte, sie brachen aus in einen Freudenchor. Cherry hatte die Großmutter von verzauberten Orten erzählen hören. Ob dies einer davon sein konnte? Nein. Der Herr war so groß wie der Pfarrer, und jetzt kam ein kleiner Junge den Gartenweg heruntergelaufen und rief: »Papa, Papa!«
Nach seiner Größe schien das Kind etwa zwei oder drei Jahre alt zu sein, aber er hatte einen eigenartigen Anschein von Alter an sich. Seine Augen waren strahlend und durchdringend, und er hatte einen listigen Ausdruck. »Er konnte mit dem Blick jeden unterkriegen«, wie Cherry sagte.
Bevor Cherry mit dem Kind sprechen konnte, erschien eine sehr alte, knochentrockene, häßliche Frau, die ergriff das Kind beim Arm, zog es hinter sich her ins Haus und brummte und zankte dabei. Aber bevor sie ihren Blicken entschwand, schaute die alte Hexe Cherry so an, daß es ihr durch und durch ging, »wie ein Bohrer«. Da der Herr sah, daß Cherry etwas verwirrt war, erklärte er, die Alte sei die Großmutter seiner verstorbenen Frau. Sie würde bei ihnen bleiben, bis Cherry ihre Arbeit kenne, und nicht länger, denn sie sei alt und übellaunig und müsse fort. Nachdem sie ihre Augen an dem Garten geweidet hatte, wurde Cherry
ins Haus geführt, und das war noch schöner. Blumen aller Art wuchsen überall, und überall war es, als schiene die Sonne, und doch sah sie die Sonne nicht.
Tante Prudentia - das war der Name der alten Frau - deckte in einem Nu einen Tisch mit einer großen Vielzahl von feinen Sachen, und Cherry aß herzhaft zu Abend. Sie wurde nun zu Bett geschickt, in eine Kammer zuoberst im Hause, und auch das Kind sollte dort schlafen. Prudentia wies Cherry an, ihre Augen geschlossen zu lassen, ob sie schlafe oder nicht, sonst könnte sie vielleicht Dinge sehen, die ihr nicht gefallen würden. Während der ganzen Nacht dürfe sie nicht mit dem Kind sprechen. Sie müsse bei Tagesanbruch aufstehen und dann den Jungen zu einer Quelle im Garten führen. Dort solle sie ihn waschen und seine Augen mit einer Salbe salben, die sie in einer Kristalldose in einer Felsspalte finden würde, aber auf keinen Fall dürfe sie ihre eigenen Augen damit berühren. Danach solle Cherry die Kuh rufen, einen Eimer voll Milch melken und davon eine Schüssel voll frischer Milch für das Frühstück des Jungen schöpfen.
Cherry kam vor Neugierde fast um. Einige Male fing sie an, das Kind auszufragen, aber es brachte sie immer zum Schweigen, indem es sagte: »Ich sag's Tante Prudentia.« Wie ihr gesagt worden war, stand Cherry am Morgen zeitig auf. Der kleine Junge führte das Mädchen zu der Quelle, die floß kristallklar aus einem Granitfelsen, der mit Efeu und schönen Moosen bedeckt war. Cherry wusch das Kind, wie es
sich gehörte, und salbte so auch seine Augen. Sie sah keine Kuh, aber ihr kleiner Pflegling sagte, sie müsse die Kuh rufen. »Wittwittwitt«, rief Cherry, geradeso, wie sie die Kühe zu Hause zu rufen pflegte, und sieh, da kam eine wunderschöne große Kuh zwischen den Bäumen hervor und stellte sich an das Ufer neben Cherry. Kaum hatte Cherry die Hände an die Zitzen der Kuh gelegt, da flossen schon vier Milchströme hernieder und füllten bald den Eimer. Dann schöpfte sie Milch in die Schüssel des Jungen, und er trank sie. Nachdem dies getan war, ging die Kuh ruhig fort, und Cherry kehrte zum Haus zurück, um sich ihre tägliche Arbeit zeigen zu lassen.
Prudentia, die alte Frau, gab Cherry ein reichliches Frühstück und ließ sie dann wissen, sie müsse in der Küche bleiben und da ihrer Arbeit nachgehen: Milch abkochen, buttern und all die Holzteller und Schüsseln mit Wasser und Sand saubermachen. Cherry wurde ermahnt, nicht neugierig zu sein. Sie durfte nicht in irgendeinen andern Teil des Hauses gehen und sie durfte nicht versuchen, irgendwelche verschlossenen Türen zu öffnen.Als am zweiten Tag ihre gewöhnliche Arbeit getan war, verlangte ihr Herr von Cherry, sie solle ihm im Garten helfen beim Pflücken von Äpfeln und Birnen und beim Jäten von Lauch und Zwiebeln. Cherry war froh, der alten Frau aus den Augen zu kommen. Tante Prudentia schaute immer mit einem Auge auf ihr Strickzeug und mit dem andern sah sie durchbohrend die arme Cherry an. Ab und zu pflegte sie zu murren: »Ich wußte, daß Robin irgendeine Närrin von Zennor herbringen würde, für beide wär's besser, sie hätte es verpaßt.« Cherry und ihr Herr kamen prächtig miteinander aus, und immer wenn Cherry ein Beet fertiggejätet hatte, gab ihr der Herr einen Kuß, um zu zeigen, wie zufrieden er war.
Nach ein paar Tagen nahm Tante Prudentia Cherry mit in jene Teile des Hauses, die sie noch nie gesehen hatte. Sie kamen durch einen langen dunklen Gang. Cherry mußte dann ihre Schuhe ausziehen, und sie betraten einen Raum, darin war der Boden wie aus Glas, und ringsum, auf Gestellen thronend und auf dem Boden, waren große und kleine versteinerte Leute. Von einigen waren nur Kopf und Schultern da und die Arme abgetrennt, andere waren vollständig. Cherry sagte zu der alten Frau, um alles in der Welt wolle sie nicht weitergehen. Zuerst hatte sie gedacht, sie sei in ein Land der Kleinen Unterirdischen gekommen, und nur der Herr sei wie andere Menschen. Aber nun wußte sie, daß sie bei Zauberern war, die all diese Leute in Stein verwandelt hatten. Sie hatte in Zennor droben von ihnen sprechen hören, und sie wußte, jeden Augenblick könnten sie erwachen und sie fressen.
Die alte Prudentia lachte Cherry aus, zog sie weiter und bestand darauf, daß sie an einem Kasten reibe, der war wie ein Sarg auf sechs Beinen, bis sie ihr Gesicht darin sehen könnte. Nun, Cherry fehlte es nicht an Mut, und so begann sie heftig zu reiben. Die alte Frau stand dabei und strickte die ganze Zeit, und ab und zu rief sie: »Reib! Reib, reib! Fester und schneller!« Schließlich war Cherry verzweifelt, sie rieb noch einmal ganz heftig an einer Ecke und warf dabei den Kasten beinahe um. OGott, da gab er einen so schmerzvollen, unirdischen Klang von sich, daß Cherry dachte, all die Steinleute würden lebendig, und in ihrem Schreck fiel sie ohnmächtig nieder. Der Herr hörte den Lärm und kam herein, um die Ursache des Tumultes herauszufinden. Er geriet in großen Zorn, warf die alte Prudentia aus dem Haus, weil sie Cherry in das verschlossene Zimmer geführt hatte, trug Cherry in die Küche und brachte sie bald mit einem herzstärkenden Mittel wieder zu sich. Cherry konnte sich nicht erinnern, was geschehen war, aber sie wußte, da war etwas zum Fürchten in dem andern Teil des Hauses.
Nun war aber Cherry die Frau im Haus - die alte Tante Prudentia war fort. Der Herr war so freundlich und
liebevoll, daß ein Jahr verging wie ein Sommertag. Gelegentlich ging ihr Herr für eine Zeit von zu Hause fort. Er kehrte dann zurück und verbrachte viel Zeit in den verwunschenen Räumen, und Cherry war sicher, daß sie ihn zu den Steinleuten sprechen hörte. Cherry hatte alles, was ein menschliches Herz begehren konnte, aber sie war nicht glücklich. Sie wollte mehr wissen über den ganzen Ort und über die Leute. Sie hatte herausgefunden, daß die Salbe die Augen des kleinen Jungen leuchtend und seltsam machte, und oft dachte sie, er sähe mehr als sie; sie wollte es versuchen, ja, das wollte sie![/COLOR]
psychochicken[COLOR=seagreen]Nun, am nächsten Morgen wurde der Junge gewaschen, seine Augen gesalbt und die Kuh gemolken. Dann schickte sie den Jungen aus, er solle ihr ein paar Blumen im Garten pflücken, und sie nahm ein klein wenig von der Salbe und tat es in ihr Auge. Oh, es war, als würde das Auge aus dem Kopf gebrannt! Cherry lief zu dem Teich unter dem Felsen und wusch das brennende Auge. Und schau! Da sah sie am Grunde des Wassers Hunderte von kleinen Leuten, meist waren es kleine Damen, die spielten - und da war ihr Herr, so klein wie die andern, der spielte mit ihnen. Alles sah nun an diesem Ort anders aus. Überall waren kleine Leute, sie versteckten sich in den Blüten, die wie von Diamanten funkelten, sie schaukelten in den Bäumen, und sie liefen und hüpften unter und über die Grashalme. Den ganzen Tag zeigte sich der Herr kein einziges Mal über dem Wasser, aber gegen Abend ritt er zum Haus als der hübsche Herr, den sie bisher gesehen hatte. Er ging in die verwunschene Kammer, und bald hörte Cherry die allerschönste Musik.
Am Morgen ging der Herr fort und war wie zur Jagd gekleidet. Er kam am Abend zurück, ließ Cherry mit sich allein und ging sofort in seine eigenen Räume. So ging es Tag für Tag, bis Cherry es nicht länger aushalten konnte. Sie schaute also durch das Schlüsselloch und sah ihren Herrn und viele Damen, und er
sang, während eine Dame, die wie eine Königin gekleidet war, auf dem Sargkasten spielte. Oh, und wie wild Cherry vor Eifersucht wurde, als sie sah, wie ihr Herr diese liebliche Dame küßte! Am nächsten Tag jedoch blieb der Herr zu Hause, um Obst zu ernten. Cherry sollte ihm helfen, und als er sich wie üblich anschickte, sie zu küssen, da schlug sie ihm ins Gesicht und sagte ihm, er solle solche Kleine Leute küssen, wie er selbst einer sei und mit denen er unter dem Wasser spiele. Da fand er heraus, daß Cherry die Salbe benutzt hatte. Sehr traurig sagte er ihr, sie müsse heimgehen, er wolle keinen Spion bei seinem Tun haben, und Tante Prudentia müsse zurückkommen.
Lange bevor es Tag wurde, rief der Herr nach Cherry. Er gab ihr viele Kleider und andere Dinge, dann nahm er ihr Bündel in die eine Hand und eine Laterne in die andere und hieß sie, ihm zu folgen. Sie gingen viele Meilen weit und die ganze Zeit immer bergauf und durch Heckenwege und enge Gänge. Als sie schließlich auf ebenen Grund kamen, war es fast Tag. Er küßte Cherry und sagte ihr, sie sei bestraft für ihre unnütze Neugier, aber wenn sie sich gut betrage, wolle er manchmal zu den Lady Downs kommen, um sie zu sehen. Indem er dies sagte, verschwand er. Die Sonne ging auf, und Cherry saß da auf einem Granitfelsen und meilenweit war keine Menschenseele. Eine
verlassene Hochlandheide war da anstelle des lächelnden Gartens.
Lange, lange Zeit saß Cherry da in ihrem Kummer, aber zuletzt dachte sie, sie wolle nach Hause gehen.
Ihre Eltern hatten angenommen, sie wäre tot, und als sie sie sahen, glaubten sie, es wäre ihr Geist. Cherry erzählte ihre Geschichte, und alle zweifelten daran, aber Cherry änderte das Erzählte niemals ab, und schließlich glaubten es alle. Man sagt, Cherry sei später nie mehr richtig im Kopf gewesen, und bis sie starb, pflegte sie in den Mondnächten zu den Lady Downs zu wandern, um nach ihrem Herrn zu sehen. [/COLOR]

Dieses märchen kenne ich aus dem england-band aus der reihe "diederichs märchen der weltliteraur", die habe ich immer gerne gelesen/vorgelesen bekommen (allerdings teilweise gruselig).

mein lieblingsmärchen ist auch "die kleine meerjungfrau", ich weiß nicht, aber kennt jemand die verfilmungen? ich meine jetzt nicht die von disney, es gibt noch eine gute russische (oder bulgarisch, weiss es nicht) und eine tschechische mit Libuše Šafránková (3 haselnüsse für aschenbrödel kennt bestimmt jemand), doch diese habe ich das letzte mal gesehen als ich klein war.

hm, dann gab es noch ein märchenbuch namens "der rosengarten", das ich als kind mal ausgeliehen hab, leider kann ich nichts mehr darüber finden, ich fand es damals sehr schön.
Mahsheed@ psychochicken

Das ist ein total schönes Märchen ... Hat sicherlich Anleihen von der Szene, als Adam und Eva aus dem Paradies getrieben worden, weil sie neugierig waren, nicht gehorchten und vom Apfel der Erkenntnis aßen.


[center][font=garamond][size=4][I]
Der Frosch von Riga und der Frosch von Liepaja

(Eines der vielen
Märchen von der Bernsteinküste
Lettische Märchen)


Es waren einmal zwei Frösche, vor langer Zeit - einer in Riga, der andere in Liepaja. Dieser letztere wollte sich eines Tages ansehen, wie man so in Riga lebt, während der erste dachte, es wäre doch nicht übel, die Stadt Liepaja und das Leben dort kennenzulernen.
Der Frosch aus Liepaja hüpfte also los.
Auf einer Anhöhe gewahrte er einen Frosch, der ihm von der anderen Seite, von Riga her, entgegenhüpfte.

"Wo kommst du denn her?"
fragte der Frosch von Liepaja.

"Will doch mal sehen, wie man in Liepaja lebt",
erwiderte der Frosch aus Riga.

"Ach, und ich bin gerade nach Riga unterwegs",
versetzte der aus Liepaja.

Sie unterhielten sich über die Beschwerlichkeit des weiten Weges, welche Angst sie vor den Störchen ausstanden und welche Unbequemlichkeiten die tiefen Schlaglöcher mit sich brachten.

"Hör mal",
meinte schließlich der eine Frosch.
"Wir wollen uns da oben auf dem Hügel auf unsere Hinterbeine stellen und uns von weitem angucken, wie Riga und Liepaja ausschauen. Dann brauchen wir vielleicht nicht die vielen Werst bis dorthin zu hüpfen."

Und so machten sie es.
Stellten sich Rücken an Rücken auf die Hinterbeine und hielten Ausschau. Sprach da der Frosch von Riga:

"Weißt du, Bruder, dein Liepaja sieht aber genauso wie mein Riga aus!"

"Und dein Riga seiht meinem Liepaja zum Verwechseln ähnlich", wunderte sich der Frosch von Liepaja.

"Ja, wenn das auf Erden so eingerichtet ist, dann hat es ja wohl keinen Zweck, dass wir uns die Füße ablaufen",
fanden die beiden Frösche.

Aber sie hatten einen wichtigen Umstand außer acht gelassen. Ihre Augen saßen nämlich oben auf dem Kopf, und als sie sich auf die Hinterbeine stellten, schaute daher jeder nach hinten, statt nach vorn.

So kam es, dass die armen Frösche bis auf den heutigen Tag nicht wissen, dass Riga und Liepaja doch ganz verschiedene Städte sind.[/I][/font][/size][/center]
MahsheedAls ich einer Bekannten gerade in der Bibliothek assistierte, kamen wir an einem Stand vorbei, an welchem alte Bücher für wenig Geld kaufbar erworben werden konnten. Mein Augenmerk heftete sich alsbald auf ein dickes Buch, dessen Einband aus jenem kratzigen Leinenstoff war, den ich nicht gern berühre. Die blaue Farbe war hässlich ausgeblichen, mit den hinterlassenen Spuren vieler Berührungen versetzt und seine Seiten hatten die gelbbräunliche Farbe derjenigen Bücher, die mindestens aus den fünfziger Jahren stammen. "Die blaue Blume" war sein Titel, der meine Aufmerksamkeit schärfte. Irgendwo hatte ich die Kombination dieser drei Worte schon mal vernommen ...

Wie sich herausstellen sollte, habe ich einen wunderbaren Kauf gemacht. In diesem Buch sind einige der "schönsten romantischen Erzählungen der Weltliteratur" vereint. Jeden Abend gönne ich mir mit einer weiteren Geschichte sein schaurig-schönes Bouquet. Gestern las ich eine sehr fesselnde, absonderliche und nicht zuletzt märchenhafte Geschichte:

[url]http://gutenberg.spiegel.de/tieck/eckbert/eckbert.htm[/url]

Tieck hat mit "Der blonde Eckbert" so etwas wie das deutsche und würdige Äquivalent zu E. A. Poe´s "Das verräterische Herz" verfasst. Es wirkt auf mich typisch deutsch erzählt; es beinhaltet den Beigeschmack von grimmschen und auch hauffschen Erzählweisen, es ist erdig und hinterlässt den Schauer, der einem beim Gewahrwerden von Sonderbarem durchfährt. Auf psychologisch sehr scharfsinnige Weise und in hoch religiöser Form wird davor gewarnt, wie sich das Schicksal erfüllen wird, das man hervor gerufen hat.

Ich habe nie zuvor von diesem Werk gehört oder auch nur den Namen "Tieck" bewusst aufgenommen; aber diese Geschichte las sich genauso spannend wie all die Märchen, die ich früher mit der Taschenlampe heimlich unter der Bettdecke gelesen habe.

[center]›Waldeinsamkeit,
Die mich erfreut,
So morgen wie heut
In ewger Zeit,
O wie mich freut
Waldeinsamkeit.‹

[/center]
MahsheedMei oh mei ... habe ich auf die Kacke gehauen :rolleyes: und die Blaue Blume sollte allgemeinwissentlich bekannt sein ... Nun ja, Schnee von gestern.
psychochickenich weiß nicht recht wie ich das jetzt sagen soll, ohne dich zu kränken, aber ich fand den bloden eckbert nicht besonders toll. ich war die ganze zeit gespannt, und dann war die geschichte auf einmal zu ende. warum heißt sie nicht wenigstens "die frau des bloden eckbert", wo eckbert doch nur eine randfigur zu sein scheint. [img]http://www.handykult.de/plaudersmilies.de//sad/conf.gif[/img]
vom schreibstil her finde ich sie aber sehr schön. naja, muss ja nicht jedem gefallen...
MahsheedDu kränkst mich überhaupt nicht ... Und ich habe es auch nicht als dein Anliegen verstanden, mich zu kränken.

Ich finde das Stück sehr ansprechend, vielleicht verstärkte die Atmosphäre, in der ich es las, diesen Eindruck (im warmen Bett, schmaler Lichtkegel - meine Ruheinsel in einer Phase, in der ich mir eigentlich für ganz und gar nichts Zeit zu nehmen erlauben dürfte).
Es hinterlässt keine tiefe Rührung, die mich zu Tränen bewegt, mein Herz mit klopfen lässt. Es ist (ja auch nur) ein Märchen; und Märchen hinterlassen bei mir im Großen und Ganzen diese Art der Rührung ohnehin nicht, sondern begeistern auf andere Weise. (Durch die Selbstverständlichkeit vielleicht, in der die gewaltigsten Wunder einfach nur natürlich sind, Träume gelebt werden und alles fernab dieser Träume, in unserer langweiligen, banalen Realität also, keinerlei Beachtung findet. )

Ich genieße Literatur, die mich wie auch immer anspricht, selbst wenn sie dann in "Fachkreisen" als trivial oder minderwertig betrachtet wird.

Du hast Recht, der Titel passt überhaupt nicht zu diesem Märchen, jedenfalls dachte ich mir das auch. War jedoch froh, dass sich hinter diesem unheilschwanger anmutendem Titel doch noch sowas verborgen hat. Aber wer hat eigentlich das Recht anzuordnen, dass ein Titel immer auf den Inhalt eines Textes hinweisen oder zu ihm passen muss ...

Die Details in der Geschichte wirken auch ungeschliffen und nicht ganz astrein logisch aneinander gefügt. Dennoch bedingen diese Ecken und Kanten das Eigenleben.
psychochickennaja, ich habe eben nicht verstanden, warum das jetzt ein märchen sein soll. ich finde, es hat ehr was von einem traum. ich will aber keine diskussion daraus machen, nur das wollte ich noch loswerden. :)
Jane_Doe"Der Tannenbaum", "das Mädchen mit den Schwefelhölzern", "das Märchen vom Schlaraffenland" und "Eine Weihnachtsgeschichte".

Die ersten beiden weil sie kein Happy End haben, besonders der Tannenbaum tat mir als Kind sehr leid. :)
Das Märchen vom Schlaraffenland hat mich weniger berührt, aber ich habe mir immer gewünscht dort zu sein.
Die letzte Geschichte finde ich einfach nur schön und ich lese sie eigentlich jedes Jahr um die Weihnachtszeit. :D
MahsheedAus einem Märchenbuch von 1934:

[size=1](Ich finde es vor allem deshalb bemerkenswert, weil ich über den Erfinder des Märchens staune, über seine Ansichten, seine groteske Härte.)[/size]



[COLOR=skyblue][U][size=4]Peter mit seinem Flötchen[/size][/U]


Es sind nun schon viele, viele Jahre verflossen, da lebte ein Bauersmann Hänschen von Tichelen mit seinem Sohn Peter. Als Peter ungefähr sechs Jahre alt war, starb Hänschens Frau, seine Mutter. Hänschen gefiel der Witwenstand aber nicht sehr, und er sah sich bald nach einer anderen Frau um. Als er nun eines Tages in ein reiches Haus in der Stadt Holz brachte, sah er dort eine Magd, die stand ihm an, und der fragte sie: "Willst du meine Frau werden?" Die Magd wusste, dass Hänschen fett darin saß, darum zögerte sie nicht lange mit der Antwort und sprach: "Ei warum nicht?" und da heirateten die zwei. Bis dahin ging alles gut, als aber die neue Frau einmal im Hause war, da fand sie an allem etwas auszusetzen; mit der Buttermilch konnte sie keine Bekanntschaft machen, das Kuhmelken und Misttragen machte ihr nicht viel Freude, und sie lag Hänschen so lange in den Ohren, bis er neben der Bäuerei noch ein Wirtshaus einrichtete. Nun kamen die Puppen ans Tanzen; die neue Frau sah gar nicht mehr nach dem Hofe, sondern lag den ganzen Tag hinter den Wirtstischen, und alle jungen Gelbschnäbel und Milchbärte der Gegend liefen sich bald die Sohlen ab, um nur stets in der Schenke zu sein. Keiner hatte es schlimmer dabei als der arme Peter; so lieb Hänschchen den Jungen hatte, so wenig konnte die böse Stiefmutter ihn leiden, und mit jedem Tage wurde sie ärger mit ihm. Endlich sagte sie zu Hänschen, der Junge faulenze immer im Hause herum, und es wär´Zeit, dass er einmal zu anderen Leuten käme. Hänschen aber sprach, das wäre nicht nötig, der Junge könnte ganz gut die Schafe hüten und der Schafhirt andere Arbeit tun. So geschah es dann auch, aber was kriegte der arme Peter da für ein schlechtes Essen mit? Kein Hund hätte es angerührt, er musste es aber essen, weil er nichts anderes bekam. Als er eines Tages nun so da saß und seine Brotkrusten nagte, kam ein griesalt Männchen zu ihm, das sprach: "Ach, gibt mir doch ein bisschen zu essen, ich habe so Hunger." Da gab ihm Peter das größte Stück, und das Männchen sprach: "Dafür, dass du so gut bist, darfst du dir drei Dinge wünschen; nun sag mir, was du haben möchtest." Peter sprach: "Wenn ich mir was wünschen sollte, dann wär´das erstens ein Bogen, womit ich alles schießen könnte, was ich wollte."- "Den Bogen sollst du haben", sprach das Männchen. "Zweitens", sagte Peter, "ein Flötchen, und wenn ich darauf blase, dann muss jeder tanzen, der es hört,""Das Flötchen sollst du haben", sprach das Männchen. "Und drittens", fuhr Peter fort, "dass meine Stiefmutter jedesmal laut krähen muss, wenn sie über mich klagen will." - "Das soll ihr geschehen.", sprach das Männchen, gab Peter den Bogen und das Flötchen und war weg, ehe Peter wusste, wohin.

Der Peter war froh! Er schoss sich gleich ein Dutzend Vögel aus der Luft herunter, und als die da lagen, da spielte er zur Probe einmal auf seinem Flötchen, und all seine Schafe begannen zu hüpfen und zu springen, dass es eine Lust war. Da verging ihm der Hunger, und er sprang abends wie ein Häschen nach Haus, ging dann später zu seinem Vater und sagte ihm, dass die Stiefmutter ihm so schlechtes Essen gegeben hätte. "Wart´", sprach Hänschen, "dafür sollst du ein Stück gebratenen Kapaun haben", und schnitt Peter einen Flügel und ein Beinchen herunter. Als die Stiefmutter das sah, schrie sie:"Der Lümmel!" aber zugleich krähte sie: "Kikeriki! Der Faulenzer! Kikeriki! Er lügt, was er betet, kikeriki!" Hänschen und die Leute, die in der Wirtsstube waren, meinten, sie wäre toll geworden und lachten sie derb aus, dass sie fort laufen musste.

Des anderen Tages kam ein Einsiedler in die Schenke, und dem schüttete sie ihr Herz ganz aus und flehte und bat ihn, er möge doch den Jungen einmal verwichsen; es täte nichts, wenn er ihm auch Arm und Bein kaputt schlüge, sie wollt´es ihm gern zehndoppelt lohnen. "Gut", sprach der Einsiedler, und sie gab ihm einen Dukaten und einen tüchtigen Knüttel, und er sprach: "Nun gehe ich ihm die Nähte reiben, dass er in drei Monaten nicht vom Bette kommt."[/COLOR]
Mahsheed[COLOR=skyblue]Damit ging er, den Knüppel unter der Kutte, zu Peter und fing schon gleich an zu schimpfen, er wär´ein gottloser Bengel und was der Worte mehr waren. Peter sah aber das Ende von dem Knüttel unten aus der Kutte gucken, dachte: Liegt der Has´da im Pfeffer, dann wart´!und sprach: "Warum gebt Ihr Euch die Mühe mich zu schimpfen, nehmt lieber die fette Schnepfe da in dem Dorn; seht, ich schieß´sie"; und damit schoss er, und die Schnepfe lag da, und der Einsiedler sprach auf den Dorn zu.

Ja, als er aber darin saß, da fing mein Peter an zu pfeifen, und der Einsiedler fing an zu tanzen und sprang und tanzte, dass die Fetzen von seiner Kutte in dem Dorn hängen blieben un der rote Saft ihm von allen Seiten am Leibe herunter lief, ja er behielt endlich kein Zipfelein Hemd mehr an, und dabei schrie er und lamentierte Auwitsch Auwei, dass es endlich den guten Peter erbarmte und er aufhörte. Der Einsiedler hatte ihm aber zuvor noch den Vogel und den Dukaten geben müssen.
Da hätte einer den Mann laufen sehen sollen! Er legte die Fersen in den Nacken, dass es eine rechte Freude war, und blieb nicht eher still stehen, bis er die Tür von Peters Haus hinter dem Rücken hatte.

Die Stiefmutter machte Augen, als sie ihn sah, und fragte ihn: "Wer hat Euch denn so zugerichtet?" Der Einsiedler jammerte: "Niemand anders als Euer liebes Söhnchen; der Ichweißnichtwer soll ihn holen!" Da stand Hänschen da und wusste nicht, was er sagen sollte, dagegen schrie die Stiefmutter drauf los: "Ich hab´s immer gesagt, kikeriki! an dem Jungen erleben wir noch, kikeriki! Ärger und Verdruss, kikeriki!zum Todbleiben, kikeriki!"
Indem kam Peter mit seinen Schäfchen von der Weide zurück, und nachdem er sie in den Stall gebracht hatte, trat er in die Kammer, wo das Weib krähte und der Einsiedel jammerte und Hänschen vor lauter Verwunderung kein Wörtlein sprach. Nun tat Hänschen aber doch den Mund auf und sagte:"Peter, warum hast du den frommen Mann so zugerichtet?" - "Ei", sprach Peter, "ich spielte auf meinem Flötchen, und da fing er an zu tanzen, das ist alles." - "Das Flötchen möcht´ich auch einmal gern hören", sprach Hänschen, doch da fiel der Einsiedler vor ihm auf die Knie, zitterte und bebte und bat: "Ach, goldener Herzensfreund, lasst ihn das doch nicht tun, ach lasst ihn das nicht tun!" Peter kehrte sich aber nicht daran, zog sein Flötchen hervor und setzte es an den Mund. Da jammerte der Einsiedler noch mehr und bat endlich: "Ach, dann bindet mich doch an den Bettpfosten fest!" Da lachten die Leute recht herzlich, die in der Wirtsstube saßen, und sie banden den Einsiedler so fest, dass er kein Glied rühren konnte. Als das geschehen war, begann Peter zu spielen, und zugleich sprangen all die Leute von den Bänken auf und tanzten, und Hänschen tanzte mit, und all die Leute auf dem Markt, die das Flötchen hörten, tanzten gleichfalls.

Hänschen hatte seine Freude dran, aber das Weib schimpfte, und da musste sie natürlich auch krähen, und das war ein Spektakel, wie er nur aller hundert Jahre einmal vorkommt. Am schlimmsten stand sich der arme Einsiedler, der musste trotz Stricken und Banden tanzen und die Seile rieben ihn so unbarmherzig, dass er kein heiles Fleckchen am ganzen Leibe behielt, und er stieß sich den Kopf fast an dem Bettpfosten entzwei.

Endlich hatte Hänschen doch Mitleid mit dem Einsiedler und befahl Peter, dass er aufhörte zu spielen; da hörte auch der Tanz auf. Der Einsiedler fiel aber in Ohnmacht, so schlecht war ihm das Tanzen bekommen; und als er wieder zu sich kam, da lief er weg, was er konnte, und verklagte Peter bei einem geistlichen Gericht als einen Zauberer, zeigte auch seine Wunden und sagte, die hätte er alle davon. Da ließen die Richter Peter und seine Stiefmutter kommen und fragten diese: "Ist es wahr, dass Euer Sohn ein Zauberer ist?"-"Ja, Ihr Herren, kikeriki!" sprach sie, "er ist ein, kikeriki! Zauberer, und mir hat er´s auch angetan, kikeriki!" Als die Richter das hörten, fingen sie alle an zu lachen und meinten, die Frau hätte einen zuviel oder einen zuwenig; aber der Einsiedler sprach, das Krähen hätte sie auch dem Peter zu verdanken.[/COLOR]
Mahsheed[COLOR=skyblue]

Da befahlen ihr die Richter, alles zu sagen, was sie von Peter wusste. Sofort fing sie an zu schimpfen und zu kikerikien, dass kein Mensch sich ernst halten konnte. Als sie nun auserzählt hatte, sprachen die Richter, man müsse sich erst überzeugen, ob das Flötchen auch die Kraft hätte, aber da hatte einer den Einsiedler sehen müssen; der nahm mehr als geschwind seine Beine unter den Arm und gab sich die Kordel. Peter lachte, setzte sein Flötchen an und pfiff, und die geistlichen Herren sprachen über Tische und Bänke, und es war gut, dass ihre Röcke schwarz waren, sonst wären diese von der Tinte schwarz geworden, die überall herumlief.
Nachdem sie also schon eine gute Zeit getanzt hatten, sprachen die Richter zu Peter nun solle er aufhören, es wäre genug, sie wüssten es nun. "Ja", sprach Peter, "ich will aufhören, wenn ihr mir versprechen wollt, mich in Frieden zu lassen." Das wollten sie erst nicht, doch sie mussten es endlich wohl, und da ging Peter ruhig nach Hause.

Die Stiefmutter aber hatte keine Ruhe und ging nun zu dem weltlichen Gericht, klagte und kikerikiete so lang und versprach den Richtern so manch Stück Geld, dass die Peter wollten greifen lassen. Der hatte inzwischen noch manch Stückchen mit seinem Flötchen ausgerichtet, ging gar in der Nacht vor das Haus des obersten Richters und pfiff, so dass der Richter mit seinen Nachbarn im Hemd aus dem Bett sprang und die Treppe herunter getanzt kam bis auf den Markt, und die Nachbarn taten desgleichen, müssten bei allem Ärger doch lachen, denn es nahm sich allzu gut aus, wie sie da herum sprangen. Am anderen Morgen aber machte der Richter aus dem Spaß Ernst und ließ Peter vor sich bringen, machte kurze Metten mit ihm und verwies ihn zum Galgen. Das war nun gut, aber als mein Peter oben auf der Leiter stand, da zog er sein Flötchen heraus und begann zu pfeifen, und der Henker tanzte die Leiter herab, dass er fast Arm und Beine brach, und all die Zuschauer tanzten mit, und keiner konnte Peter greifen, der ging im Gegenteil ganz ruhig aus der Stadt nach Hause.

INdem er aber durch den Garten gehen wollte, sah er, wie seine Stiefmutter ein Loch grub und darin einen großen Schatz verbarg, hörte auch, wie sie sprach: "Hänschen soll den Schatz nicht finden, der sucht ihn nicht hier." Nachdem sie alles wieder fein säuberlich in Ordnung gebracht hatte, ging sie nach Hause, und Peter ging ihr nach. Das war ein Schrecken, als sie Peter sah! Erst meinte sie, es wäre ein Geist gewesen, denn sie dachte nicht anders, als er hinge längst am Galgen. Als sie aber merkte, dass es Peter doch wiklich und leibhaftig war, da sang sie ein ander Lied und tat ganz freundlich mit ihm, gab ihm gut Essen und alles, bis sie einmal sein Flötchen erwischte, da verbrannte sie es zu Pulver. Peter war untröstlich, nahm einen STrick und wollte sich aufknüpfen, doch indem er durch den Garten ging, fiel sein Auge auf die Stelle, wo der Stiefmutter ihr Schatz lag. Da sprang er dreimal herum auf einem Bein, warf den Strick hin und lief mit dem Schatz davon.

Hänschen klägte und schrie: "Ach, wo ist mein Peter!" fragte überall nach ihm und drohte seiner Frau, er wolle ihr den Rücken mit einem eichenen Tüchlein einreiben, wofern sie ihm Peter nicht schaffe. Da lief sie in den Garten, dachte: Jetzt nehme ich meinen Schatz und gehe meiner Wege, aber sieh da, der Vogel war ausgeflogen, und aus Ärger erhing sie sich mit dem Strick, den Peter weg geworfen hatte. Als Peter hörte, dass sie tot war, kam er zu Hänschen zurück, und beide lebten recht zufrieden miteinander bin an ihr selig Ende.[/COLOR]
PelloquinEin düsteres Märchen. Das ist es, was mich an Märchen (dieser Art) immer abgestossen und zugleich fasziniert hat: Grausamste Handlungen / Ereignisse werden auf eine verniedlichende Weise erzählt, so dass dem Geschehen der Anstrich kindlicher Unschuld verliehen wird, wodurch die Ereignisse letztlich aber nur um so grotesker, monströser wirken. Und doch… Ist das Beschriebene so unvostellbar? Ich denke nicht. Wie so oft, so kommt auch dieses Märchen der Wirklichkeit näher, als man zunächst glauben mag:

Kinder können manchmal sehr grausam sein.

So besteht (meiner Meinung nach) der eigentliche Schrecken dieses Märchens nicht in der beschriebenen Gewalt, sondern eben vielmehr in der kindlichen Unschuld, die diese Gewalt ausübt. (wenn die Motive des Jungen auch nachvollziehbar sind, ohne Zweifel...)

In diesem Zusammenhang kommt mir die Frage in den Sinn, warum solche Geschichten als „Mär[i]chen[/i]“ bezeichnet werden.

-Heute- setzen wir Märchen zumeist mit Geschichten für Kinder gleich. Aber… sind Mär[i]chen[/i] nicht einfach die (Nacht)mare der Erwachsenen durch Kinderaugen gesehen?


Weißt Du, ob das Märchen auch in der Zeit um 1934 entstanden ist? Das wäre interessant zu wissen, denn dann wüßte man, ob der dem Märchen innewohnende Zynismus dieser Zeit entsprungen ist, in der Euphemie zum guten Ton gehörte, oder ob es aus einer früheren Zeit stammt. Und – waren sich der Schreiber und auch die anderen Märchenerzähler der verstörenden Wirkung ihrer kindlich-unschuldigen Erzählweise bewußt? Und wenn ja (wovon wohl auszugehen ist), was dachten sie sich dabei?
PelloquinOh jeh... Wie so oft, so ist es mir auch hier nicht gelungen, auszudrücken, was ich tatsächlich meine. Ich finde diese Märchen nicht abstossend; das ist der falsche Begriff, denn gerade Geschichten mit einer dunklen (morbiden) Strömung gehören zu meinen Lieblingsgeschichten.

Desweiteren könnte der Eindruck entstanden sein, dass ich das Handeln des Jungen als ungerecht empfinde. Aber dem ist nicht so, er bestraft die Leute, die ihm selbst Unrecht getan haben, und schon zu Beginn zeigt sich die Großherzigkeit des Jungen, wenn er dem hungrigen Alten Mann gleich sein größtes Stück Brot gibt.

Was mich an Märchen im allgemeinen und an diesem im besonderen verstört (das trifft es wohl besser) und fasziniert, ist die spielerische Darstellung der Gewalt.

Und das ist es, was ich berichtigen wollte: Nicht dem, was der Junge tut, galt meine Aufmerksamkeit, sondern der Art und Weise, wie seine Gewalt beschrieben wird.

Ich glaube, darin gewisse sadistische Züge zu erkennen, aber ich kann mich irren.

Tatsächlich waren Interpretationen nie meine Stärke; zumindest brachte mir meine eigenwillige Herangehensweise meistens ein THEMA VERFEHLT! ein.

Nun ja...

Einen guten Tag!
psychochickendas märchen vom peter kam mir sehr bekannt vor, vielleicht kannte ich es schon, oder es gibt es noch andere, die so ähnlich verlaufen.

was mir besonders komicsh vorkam war, dass der vater "hänschen" heißt und der sohn "peter".

in jedem fall finde ich es nicht so besonders, und auch wenn es einen gewissen sm-charme haben mag, für kinder ist so eine gewaltverherrlichung es gewiss nix. wie lautet denn die moral von der geschicht'?
Mahsheed[QUOTE][i]Original geschrieben von Pelloquin [/i]
Ein düsteres Märchen. Das ist es, was mich an Märchen (dieser Art) immer abgestossen und zugleich fasziniert hat: Grausamste Handlungen / Ereignisse werden auf eine verniedlichende Weise erzählt, so dass dem Geschehen der Anstrich kindlicher Unschuld verliehen wird, wodurch die Ereignisse letztlich aber nur um so grotesker, monströser wirken. Und doch… Ist das Beschriebene so unvostellbar? Ich denke nicht. Wie so oft, so kommt auch dieses Märchen der Wirklichkeit näher, als man zunächst glauben mag:

Kinder können manchmal sehr grausam sein.[/quote]

Das auch, und in diesem Fall war auch noch der Erzähler der Grausame, durch seine Feder ist die Figur Peter entstanden, durch seine Feder handelte Peter.

[quote]So besteht (meiner Meinung nach) der eigentliche Schrecken dieses Märchens nicht in der beschriebenen Gewalt, sondern eben vielmehr in der kindlichen Unschuld, die diese Gewalt ausübt. (wenn die Motive des Jungen auch nachvollziehbar sind, ohne Zweifel...)[/quote]

Empfinde ich auch so, das Lesen dessen, was aus dieser Unschuld erwächst, treibt mich ins Entsetzen, Aufbegehren und in die Fassungslosigkeit. In diesem Fall handelt es sich um ein Märchen; heftig arbeiten diese Gefühle in mir erst recht, wenn ich in der Realität Menschen wahr nehme, die aus scheinbarer Naivität ebenso grotesk handeln. Ich schwanke dann zwischen Lähmung, Staunen, Lachanfall und Wut hin bis zum resigniertem Kopfschütteln.

[quote]In diesem Zusammenhang kommt mir die Frage in den Sinn, warum solche Geschichten als „Mär[i]chen[/i]“ bezeichnet werden.[/quote]

Die verniedlichende Form "Mär-chen" finde ich genauso grotesk wie den Inhalt des Märchens selbst, da schließt sich im Grunde der Kreis. Doch bin ich mir sicher, dass diese Hausmärchen, die 1934 von einem Erich Wolf "ausgewählt" (so steht es im Buch) wurden, den Kindern vorgelesen worden sind. Deutschland durchlebte eine harte Zeit. Das spiegelt nicht nur dieses Märchen wieder; auch Wilhelm Busch trifft mit den sadistischen Zügen seiner Geschichten den Zeitgeist. Die bereits zuvor nieder geschriebenen "Struwelpeter" oder "Suppenkaspar" glänzen ebenfalls nicht gerade mit pädagogisch besonnenem Sanftmut. (Und noch heute findet man diese Bücher noch immer in der Reihe der aktuellen Kinderlektüre.) Mein Großvater väterlicherseits hatte eine ganz seltsame Art an sich, die mich nicht gerade erfreut hat. Er konnte mit uns nie spielen, alles was er konnte, war, uns weh zu tun: unlustige und nervige Hau- und Hiebspiele, Schwitzkasten und andere Dämlichkeiten mehr. Er kannte keine Zärtlichkeit, sondern verstand seine Männerrolle so, dass er der stolze, harte und selbstherrliche Gockel und Hahn im Korb der schönen Frauen um ihn herum darzustellen hatte. Vor seiner Ehefrau lief er bei "gemeinsamen" Spaziergängen stets mindestens 20 Meter vorweg, erhobenen Hauptes, durchgedrückten Rückens, die Arme auf den Rücken gelegt und die Finger ineinander verschränkt. Eben ein Mann seiner Zeit. Entsprechend sahen auch die Erziehungsstile solcher Menschen aus. Und zu diesen zählte alles, was Zucht und Ordnung erzwingen konnte. Da kam ein solches Märchen sicherlich wie gerufen.

[quote]-Heute- setzen wir Märchen zumeist mit Geschichten für Kinder gleich. Aber… sind Mär[i]chen[/i] nicht einfach die (Nacht)mare der Erwachsenen durch Kinderaugen gesehen?[/quote]

Manche Märchen scheinen einige Erwachsene dazu zu bewegen, auszuleben, was in ihnen tobt. Unausgelebte, ewig wühlende Macht- und Rachegelüste vielleicht im obigen Märchen.

[quote]Weißt Du, ob das Märchen auch in der Zeit um 1934 entstanden ist? Das wäre interessant zu wissen, denn dann wüßte man, ob der dem Märchen innewohnende Zynismus dieser Zeit entsprungen ist, in der Euphemie zum guten Ton gehörte, oder ob es aus einer früheren Zeit stammt. Und – waren sich der Schreiber und auch die anderen Märchenerzähler der verstörenden Wirkung ihrer kindlich-unschuldigen Erzählweise bewußt? Und wenn ja (wovon wohl auszugehen ist), was dachten sie sich dabei? [/B][/QUOTE]

Ich schätze, dass diese Märchen älter sind und nicht erst 1934 aufgeschrieben wurden, sie wurden ja nur "ausgewählt", scheinbar aus einem schon bestehendem Märchenschatz. Sie scheinen wohl aber deutschen Ursprungs zu sein, denn man hatte sie ja "Germanische" Märchen getauft.

Ich vermute, dass die Menschen dieser Zeit nicht so wie wir heute empfunden haben. Sie hatten andere Normen und Werte. Ein Mann hatte stark, stolz und hart zu sein; und ein Kind durfte nicht ausbrechen, sondern hatte zu folgen. Ein Knabe sollte in die Spuren seines Vaters treten; wenn etwas aus ihm werden sollte, hatte er nicht zu weinen, sondern musste sich durch Kühnheit, Geschicklichkeit und Überlegenheit auszeichnen.

Überlegenheit bedeutete wohl auch, sich nichts zu Schulden und sich nicht zu Schaden kommen zu lassen. Eine Frau aber, eine gierige, untugendhafte, musste bewältigt werden, um das Bild des erhabenen Mannes aufrecht erhalten zu können und in den Augen des Erzählers wohl bestraft werden, um durch die Rache wett zu machen, dass der Stolz des kleinen Mannes angebrochen wurde.

Vielleicht zeigt dieses Märchen, dass der Glauben an Stolz krank machen kann. Denn wenn man an Stolz glaubt, glaubt man auch daran, ihn rächen zu können oder zu müssen, sofern er in Gefahr ist oder war. Da Stolz ein irrationaler Besitz ist, erfolgt die Rache in ebenso irrationaler Weise und äußert sich deshalb als völlig überzogene Form in Gestalt von Sadismus.
Mahsheed[QUOTE]Ich finde diese Märchen nicht abstossend; das ist der falsche Begriff, denn gerade Geschichten mit einer dunklen (morbiden) Strömung gehören zu meinen Lieblingsgeschichten. [/quote]

Genau diese Ambivalenz zwischen Abgestoßen sein und Faszination ist es auch, die mich solche Märchen interessiert lesen lässt. Das alles ist genauso spannend wie ein Mordfall. Die ganze Darstellung regt etwas voyeuristisches in mir an. Neben dem Ekel hält einen die Lust gefangen. Ich erinnere mich dabei selbst an einen Besucher der rotten-com-Seite oder Zuschauer aus der Körperweltenaustellung, die ich verstandesgemäß verabscheue, während dessen mich die Betrachtung des Makaberen trotzdem unauslöschbar reizt. (Bisher habe ich es trotzdem geschafft, meinen Verstand siegen zu lassen und habe noch keine dieser Ausstellungen besucht.)

[quote] Desweiteren könnte der Eindruck entstanden sein, dass ich das Handeln des Jungen als ungerecht empfinde. Aber dem ist nicht so, er bestraft die Leute, die ihm selbst Unrecht getan haben, und schon zu Beginn zeigt sich die Großherzigkeit des Jungen, wenn er dem hungrigen Alten Mann gleich sein größtes Stück Brot gibt.[/quote]

Wenn ich solche Märchen lese, werde ich immer an Freud´sche Interpretationen erinnert. Das alles liest sich wie ein Assoziationsphantasie, wie ein Traum, der bewältigen muss, dass das Ich seine Stärke wieder erhält.
psychochicken[QUOTE][i]Original geschrieben von psychochicken [/i]
[B]ich weiß nicht recht wie ich das jetzt sagen soll, ohne dich zu kränken, aber ich fand den bloden eckbert nicht besonders toll. ich war die ganze zeit gespannt, und dann war die geschichte auf einmal zu ende. warum heißt sie nicht wenigstens "die frau des bloden eckbert", wo eckbert doch nur eine randfigur zu sein scheint. [img]http://www.handykult.de/plaudersmilies.de//sad/conf.gif[/img]
vom schreibstil her finde ich sie aber sehr schön. naja, muss ja nicht jedem gefallen... [/B][/QUOTE]

ja, ich habe mich mal wieder gründlich vertan. vielleicht hätte ich einfach mal auf "weiter" klicken sollen. (es ist mir auch unverständlich warum ich es nicht getan habe, vielleicht wurde es mir nicht angezeigt.)
nunja, im sinne einer "leseliste" die wir für unsern deutsch-lk erstellen sollen habe ich den eckbert jetzt als ganzes gelesen. ich nehme also alles zurück und gebe dir recht, mahsheed, dasses ein faszinierendes werk ist. :)

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