| TheCrow_81 | Seid gegrüsst, ich habe längere Zeit überlegt, ob ich das alles jetzt mal aufschreiben soll oder nicht. Letztendlich habe ich mich dafür entschieden, da mir die ganze Sache seit Jahren keine Ruhe lässt. Ich weiss, es gibt unzählige Threads zu diesem Thema, ich hoffe aber, meiner unterscheidet sich ausreichend von den vorhandenen. Ansonsten bitte ich untertänigst um Verschiebung und Vergebung ;-) Es geht um einen alten Jugendfreund. Oder sollte ich sagen, einen ehemaligen. Wir lernten uns während unserer Konfirmationszeit kennen, man kann sagen es hatten sich 2 Blöde gefunden. Wir waren beide pubertär, unreif und grenzenlos albern. Seit dem trafen wir uns regelmässig, machten viel und waren die Besten Kumpels, mit einem anderen Freund zusammen waren wir ein unzertrennliches Trio. Einige Jahre ging das so, bis wir 16 waren. Wir begannen, uns ausser für PCs auch für Frauen zu interessieren, aber da wir damals die letzten Loser waren, war das natürlich erfolglos. Fortan waren wir immer unglücklich in wen verliebt, wie das in dem Alter eben so ist. Irgendwann haben wir angefangen zu rauchen und ich hatte meinen ersten Vollrausch. Seit dem fingen wir an, öfter mal was zu trinken. Auf jeder Party waren wir da, auf jeder Party waren wir voll bis nix mehr ging. Wir haben 3 Jahre nur gefeiert, gesoffen, aber es war eine schöne Zeit. Irgendwann habe ich jedoch gemerkt, dass mir dieses Leben zu langweilig ist, ich suchte ach mehr, nach neuen Freunden, Herausforderungen, Partnerinnen....so bekam ich dann meine erste Freundin. Für meinen Kumpel war das ein schwerer Schlag. Ich hatte mich entwickelt, hatte geschafft, an was er nie gedacht hätte, ich war mit einer Frau zusammen. Klar hatte ich von da an weniger Zeit, wobei es noch in einem guten Maße war. Ich bekam beiläufig mit, dass er öfter mal nen Bierchen trank. Ich dachte mir nix dabei. Meine Beziehung war nach ein paar Monaten wieder aus, wir machten wieder mehr zusammen, bis ich kurze Zeit später wieder eine Frau kennen lernte. Wie das so ist, wir kamen zusammen und mein Kumpel hatte auch sein erstes Date. Er flog tierisch auf die Schnauze, geriet an eine Dame, die ihn nur benutzte, um in die Disco gefahren zu werden, wo sie vor ihm mit anderen flirtete. Man muss dazu sagen, er hat kein Selbstbewusstsein, er war schon immer der Klassenarsch ( war ich auch in der Schule ), aber im Gegensatz zu mir hat er nie gelernt, das zu verarbeiten, abzuschliessen und sich einfach zu akzeptieren, zumal wir wirklich nur von Leuten á la „Eh du hörst nisch Wolle Petry ? Ey voll der Asi Spassbremse Alda ey“ runtergemacht wurden. Na ja, jedenfalls ging auch diese Beziehung meinerseits flöten, ich ging an die Uni. Ich lernte so viele neue Leute kennen, dass es extrem schwer war, für alle Zeit zu haben. Ich musste immer viel lernen, so dass wir uns weniger sahen und ich immer seltener Zeit hatte. Ich bemerkte, dass er jeden Tag trank. Er beschwerte sich über alles, seine Situation, dass ich kaum mehr Zeit hatte usw. und wenn wir uns trafen, gingen wir zur Tanke, er holte Bier, dann saßen wir im Wald rum nachts und ich schaute ihm beim trinken zu. Irgendwann war bei mir den Punkt, an dem ich keine Lust mehr dazu hatte. Ich hatte mich verändert, optisch um 100 %, aber auch innerlich – ich war erwachsen geworden, hatte neue Freunde, Leute, mit denen ich endlich mal Interessen teilen konnte – Sport machen, LAN Parties, etc. Mein Kumpel wollte nie mehr raus, wir saßen immer nur in seiner Bude bei geschlossenem Fenster auch im Sommer, er rauchte und trank und jammerte. Versteht mich nicht falsch, ich habe ihn nicht hängen lassen. Ich habe über jedes Problem mit ihm geredet, ich habe 4 Jahre lang alles versucht. Ich bin nachts hingefahren, egal ob ich raus musste oder nicht, habe ihm geholfen wo es ging, habe für ihn Flirtmails geschrieben, weil er in natura keine Frau ansprechen konnte ohne tot umzukippen...aber irgendwann konnte ich dieses passive Verharren in Selbstmitleid nicht mehr ertragen. Wir waren beide gefrustete Teenager, aber er ist nie einen Schritt weiter gegangen. Ich habe mich aus meinem Loch gegraben und mein Leben in die Hand genommen. Ich bin mittlerweile Nichtraucher und klar trinke ich noch nen Bierchen, aber längst nicht mehr in dem Umfang. Er schon. Dann kam ich mit meiner jetzigen Freundin zusammen, vor 5 Jahren. Ich nahm ihn mit, wenn wir weggingen, auch wenn ich mit den anderen Jungs unterwegs war. ER redete nicht mit ihnen. Er saß da und trank. Irgendwie kam er nicht damit klar, dass ich so einen grossen Bekanntenkreis hatte und wir zusammen Spass hatten, ich habe keine Probleme mehr. Er jedoch ist Alkoholiker geworden, eine Tatsache, die er bis zuletzt nicht eingesehen hat. Am Ende war es so schlimm, dass meine Freundin sogar gesagt hat, ich müsste mit ihm zur Drogenberatung. Also bin ich mit einem anderen Kumpel zusammen zum blauen Kreuz gefahren, die haben gesagt, wir müssen ihm klarmachen, dass er sich helfen lassen muss. Ansonsten sollten wir den Kontakt abbrechen, um Druck auszuüben. Man muss sagen, dass er ausser mir und meinem anderen Kumpel niemand hatte. Sein Vater ist auch Alki, seine Mutter ein seelisches Wrack. Jedenfalls wollten wir ihm helfen. Sind zu ihm gefahren, haben mit ihm geredet und ich habe ihm gesagt, dass ich dieses ewige Jammern und saufen nicht mehr ertrage, er hat nie Anstalten gemacht etwas zu ändern. Ausserdem waren da Sprüche wie „ Seit du mit XY zusammen bist haste ja eh keine Zeit mehr „ oder „ Triffst dich ja eh lieber mit den Jungs...“. Die Wahrheit ist aber, es liegt nicht an meiner Freundin. Ich kann jederzeit alleine was machen, sie ist da ganz locker. ICH wollte nicht mehr – er wollte sich nicht helfen lassen, ich war nach 4 Jahren am Ende meiner Kräfte. ICH wollte mehr als nur saufen, unter Freundschaft verstehe ich mehr. Sport, zelten fahren, alles was man zusammen teilen kann. Nicht nur in einem Zimmer sitzen und saufen. All dies habe ich im gesagt, habe ihm angeboten, mit ihm zur Therapie zu fahren und ihm zur Seite zu stehen. Ansonsten wollte ich den Kontakt abbrechen. Gesagt, getan. Ich habe bis heute nie wieder von ihm gehört. Mein anderer Kumpel hatte noch 1 Mal Kontakt zu ihm, er liess mir sagen das er „ schwer enttäuscht von mir ist “. Das ist jetzt fast 3 Jahre her. Ich kann es nicht vergessen. Ich wollte ihm nur helfen, denn in seiner Situation konnte es nur abwärts gehen. Ich habe ihm einen Brief geschrieben, aber es kam nie eine Antwort. Ich frage mich auch, ob das die richtige Entscheidung war. Aber was hätte ich tun sollen, wenn er keine Hilfe will ? Wir waren 11 Jahre befreundet, wer weiss, ob er sich nicht schon totgesoffen hat. Habe ich falsch entschieden, war ich ein schlechter Freund ? Was hättet ihr an meiner Stelle getan ? Ich weiss, das war viel zu lesen ( Sorry ), aber ich habe es schon auf die wesentlichen Sachen begrenzt. Es ist doch auch normal, dass man im Laufe der Jahre seine Freunde weniger sieht, schliesslich muss jeder sein Leben meistern...aber sein Leben existiert nur in diesem Raum, mit Alkohol und ohne wen anderes. Am Ende sah er aus wie ein Penner ( Zitat ein Freund : „ Mit seinen Haaren kann er bestimmt Pommes machen “ ), zitterte permanent, litt an Angstzuständen, fuhr kein Auto mehr...ich bin kein Therapeut und er brauchte professionelle Hilfe !!! Ich frage mich, wie es ihm geht und wo er ist. Manchmal denke ich, ich sollte versuchen, seine Adresse rauszukriegen und ihn suchen. Aber ich glaube, das wäre sinnlos. Wenn sich in den letzten 3 Jahren nix bei ihm geändert haben sollte, wird es das nie. Was meint ihr dazu ? War es ein Fehler, in „abzuschiessen“ ? War es richtig ? Hättet ihr anders gehandelt ? Ich bin für jegliche Kritik offen... Danke für das Lesen dieses langen Beitrags, ich freue mich auf Eure Ansichten. |
| Schattenwesen | Ich finde, du hast genau richtig gehandelt! Du hast jahrelang alles versucht, um ihm zur Seite zu stehen, du warst ihm ein Freund, wo Andere schon längst entnervt aufgegeben hätten. Fakt ist, er wollte sich nicht helfen lassen... Es ist schlimm, wenn man selbst so klar sieht, was für den Anderen hilfreich wäre und diese Person sich vehement dagegen wehrt, diese Hilfe anzunehmen. Irgendwann besteht meiner Meinung nach die einzige Möglichkeit darin einen Schlussstrich zu ziehen, da man sonst selbst zugrunde geht. Diese Erfahrung habe ich schon ein paar Mal gemacht und dann die Konsequenz gezogen, diese destruktiven Kontakte und Freundschaften zu beenden. Ich finde, dass man von einem gewissen Punkt an einfach mal an sich selbst denken muss, auch wenn es total schwierig, traurig und irgendwie tragisch ist. |
| Roadkiller | Natürlich bedauerlich sowas, ich hab selbst nen Kumpel, der wie wie ein Bruder ist, den ich auch schon 11 Jahre kenne und mit dem ich auch so manche Krise gemeistert hab, und den jetzt an den Alk zu verlieren... Du hast viel getan, du lebst dein Leben für dich selbst, denn das ist auch begrenzt. Primär muss man sagen dass der Mensch um den es geht krank ist. Es ist verständlich, dass man sich weiterentwickelt und dass man sich stellenweise auch in unterschiedliche Richtungen entwickelt. Du hast 4 Jahre lang versucht ihm zu helfen, ohne Erfolg, bei Süchtigen ist das das Problem, dass die das gar nicht einsehen krank zu sein. Ich denke da muss dann auch irgendwo eine persönliche Grenze sein, und die hast du erreicht, wobei ich 4 Jahre schon sehr stark finde. Mach dir bewusst dass dich in dem Fall keine Schuld trifft, du bist sein Freund gewesen, aber auch wenn ihr euch so lange gekannt habt, du bist nicht sein Lebensmanager oder Bespaßungsclown. Er wollte sich nicht helfen lassen, so sehr ihr euch drum bemüht habt, dann muss es so sein, und es ist dann an der Zeit sich selbst auch zu schützen, sich irgendwo zu arg hineinzusteigern und zu verbrennen ist auch nicht der Sinn der Sache. |
| gin'iro | Thematisch passt es zwar nicht ganz in die Auswege, aber in D&L ist es auch nicht richtig, nicht um diese sehr persönlichen Dinge zu erörtern. |
| Black Rat | Alkoholismus ist die Sucht die mitunter am schwierigsten zu heilen ist. Und wenn dann ist man immer trockener Alkoholiker. Dein Freund braucht dringend Hilfe und du hast dich toll verhalten indem du versuchst hast ihm zu helfen. Hätte genauso gehandelt. Aber nach 4 Jahren ohne das er auch nur i nErwägung zieht sich helfen zu lassen ist man am Ende. Du bist sein Freund (und das du dich fragst was heute mit ihm ist, beweißt das du noch freundschaftliche Gefühle hegst), trägst aber nicht die Verantwortung für sein Leben. Du kannst ihm nur die Tür zeigen, das hast du getan, durchgehen muss er selbst. Auch wenn es tragisch gelaufen ist, ich finde du hast dich richtig verhalten. |
| Popstar | "geben und nehmen, gegenseitig" - vielleicht hast du ihm in deinem brief angeboten, dass, sollter er lösungen für probleme suchen, er bei dir nicht vor verschlossener tür stehen wird. aber vielleicht ist das zu christlich, weiß ich nicht. |
| paranuit | ich kann dich verstehen. wenn du dich in seinem zimmer nicht wohl fühltest (weil er da nie raus gekommen ist), war es richtig, an dich zu denken und auf dein gefühl zu hören. klar ist es traurig. wahrscheinlich steckte er so voller innerer probleme und abhängigkeit, dass er da nicht raus konnte. aber es ging auch um dich. und du kannst dich nicht mit einsperren lassen. damit sich beide zusammen wohl fühlen müssen beide kompromisse machen. wo war sein kompromiss. er ist in seinem zimmer geblieben, nicht unter menschen gegangen, weil du zwar sein freund, der alk aber seine liebe war. jeder mensch braucht ein pensum kraft um sein leben zu meistern. du hast vielleicht bemerkt, dass es an deiner kraft gezerrt hat, wenn du deine zeit in einem loch verbracht hast. seine schwermütigkeit und auch eine eigene hilflosigkeit haben dich offenbar runter gezogen. eure verabschiedung hört sich nach hau-ruck aktion an. ich weiß nicht, ob du ihm vorher schon immer mal gesagt hast, welches problem du selbst hattest. ist ja auch schwer, ihm offen zu sagen, dass die haare, die ganze erscheinung nicht nur auf dich ungepflegt wirkten, dass du dich langsam abgestoßen fühltest. sowas verletzt. man will freunde nicht verletzen. ich konnte nicht ganz raus hören, welche stelle genau dir kopfzerbrechen bereitet. weswegen zweifelst du an deinem verhalten? welche gründe nannte er, als er zu deinem bekannten sagte, dass er enttäuscht von dir ist beziehungsweise was vermutest du? |
| TheCrow_81 | @paranuit : Er hat zu meinem Bekannten gar kene Gründe gesagt. Bevor ich die Freundschaft beendet habe, habe ich ihm schon gesagt, dass es mich langsam nervt. Es war die letzte Zeit eh schon so, dass ich mich immer mehr zurück gezogen habe, ich habe mehr mit anderen Freunden unternommen, einfach weil ich mir unter einer Freundschaft mehr vorstelle und ich konnte sein ewig gleiches, selbsmitleidiges Gelaber nicht mehr ertragen. Klingt hart, aber es war echt so. Ich zweifele an meinem Verhalten, weil ich mich frage, was er jetzt wohl macht, ob er die Kurve gekriegt hat...ach keine Anhnung, wir waren 11 Jahre befreundet, denke das kann man net so abstempeln. Ausser mir hatte er niemand und so ein Hundeleben gönn ich einfach keinem, wobei eer das ändern könnte...kann's schwer beschreiben, sorry... |