| Lusitano | Guten. Ich bin ein gebürtiger Schwabe, ohne mich als solcher zu fühlen, doch eigentlich Portugiese, der sich als solcher sieht. Zuvorderst aber bin ich Mensch, der seltsamen Gattung zugehörig. Ich bin 19 und werde voraussichtlich ab Juli und kommend mein Studium in Archäologie, Latein und Literaturwissenschaft antreten. Ich bin weitaus mehr, was das persönliche Geheimnis mir verwehrt zu sagen. Der Grund, der mich zu euch führt, ist erstenteils das Bewusstsein meines vollauf seltsamen Wesens, zweitens das Bedürfnis nach Erlebnis, Erfahrung, Erkenntnis in dieser Welt - ich bin allem gegenüber tolerant, das anderen nicht zum Schaden zielt oder sich schwerfälligerweise blasphemischer Bauschgebärden bedient, woraus für meinen Sinn immer eine gewisse infantile Protesthaltung spricht (ja, ich glaube an Gott - wer aber nicht an Ihn glaubt, weshalb wirft er Spottverse zum Himmel, die ja nach eigenem Ermessen keinen Adressaten treffen). Ich bin der katholischen Konfession zugehörig, auf dem Papier, da es gewohnt erscheint. Was ich suche ist nicht Kirche, sondern Gott. Ich sehe zwischen einem Atheisten und einem Gläubigen keinen Unterschied als den (/einen) Glauben. Mich reizt alles Andersartige, jedes Wunderliche, jede Skurrilität, die wie gesagt eine echte ist, ihres Gehalts wegen, und keine futile Narrenkappe aus Inszenierungszwecken. Dann füge man eine aus vorzeitlichem Erbe gespeiste Nostalgie hinzu, die meiner portugiesichen "saudade" ganz entsprechend ist: Indiengerüche habe ich in der Nase, Burgenputz fällt mir zuweilen auf den Kopf, Sirenen höre ich singen, a. i. Da ich nun in jener "Gothic Bewegung" diese Voraussetzungen und Empfindungen unbedingt angedeutet und teilweise ausgedrückt fand, dachte ich mir, die Neugier bewege sich in eine angemessene Richtung - und wäre mein Lohn nur, den Menschen ein Stück mehr an die Seele gerückt zu sein, und gewissen Menschen im Besonderen. Man kann nicht genug kennen. Nicht, dass ich zwangsläufig schwarzgekleidet in dämmerigen Bars zukünftig wandeln werde - ich halte von Subkulturen wenig, mich kümmert nur die Person, die Personen, der Freund, die Freunde darin, die ich träfe, um sich zusammen womöglich zum Eingang wieder und nach draußen zu begeben. Gruppendynamik sei den Soziologen vorbehalten. Ich will gleich einräumen, dass ich von diesem Lebensstil noch nicht allzu viel erfahren habe - was meine Hinwendung nur rechtfertigt. Wenn ich mich unter Leute begebe, dann grundsätzlich, damit sie mir von sich erzählen. Ich lasse mich immer gerne berichtigen, gesetzt die Berichtigung ist richtig. Gestern betrat ich diesen Raum, aber ich habe schon Eindrücke gesammelt, die in vagen Schüben das Gesamtbild längst vervollständigt haben - alles andere sind Details, die man mir gerne zustecken darf. Das Relief also - das grobe - lässt sich ohne viele Stockungen entlangfahren, kratzt aber die Finger unangenehm an einer Stelle: Mancher Leute Verhältnis zum Traum. Da Wörter heute nach exzessiven, unfachmännischen Waschvorgängen von Bleichungen geprägt sind, will ich den Begriff zuerst definitorisch festnageln: Ich meine nicht den Nachttraum. Ich meine nicht den Traum als Synonym für Fiktion und Kunst, welcher Begriff von einigen genutzt wird. Ich meine den Traum der Illusion, der Hoffnung und großen (Selbst-)Versprechungen, wie er im Trivialwortschatz inzwischen alle anderen überstrahlt. Als ich hierherkam, wollte ich Seltsames finden; ich fand es; aber auch Illusion. Wenn ich Seltsames finden will, dann will ich es so, wie ich es sage: Ich will es finden, das heißt sehen mit den Augen, um es sodann aufnehmen zu können mit der Hand. Anfassen lautet das Stichwort. Eben jenes Erlebnis auf dieser Welt (s. oben). Illusionen kann man nicht anfassen. Sie schweben irgendwie in der Abstraktion. Und ein sehender Mensch, der sehen will, sollte nicht dem Unsichtbaren nachhängen, es sei denn, es handelt sich um Religiöses. Darum handelt es sich hier nicht. Vielmehr erkenne ich in einigen einen Hang zum Eskapismus. Vor der Realität flüchten heißt die Realität durch eine Illusion, die zur erträumten Realität, also zur Wahnrealität wird, ersetzen. Es heißt so tun, als gäbe es das da draußen nicht. Es heißt sich selbst belügen. Die Betonung liegt auf dem Ersetzen, also dem Zudecken, vielleicht Ersticken mit der Schwebe (sic) der Abstraktion. Ich habe einige Beiträge gelesen, die mich erschreckt haben in dem Maße, dass sie gerade in deutlichem Extrem eben diese Besessenheit nach Verdeckung illustrierten in der Art, wie manche von euch Sachverhalte, die nicht unmittelbar mit dem "Traum" zusammenhängen, sogleich als willkommenen Anlass nahmen, ebendiese mit dem "Traum" zu verknüpfen, als wären sie tatsächliche miteinander verwandt. Wenn man von einer Idee vollständig eingenommen ist, blickt sie uns überall entgegen. So haben manche von der Kunst, der Literatur insbesondere, ausschließlich als "Traumgebilde" geredet - und ich meine nicht den Traum als Synonym für Fiktion (dito). Das nimmt nicht wunder, wenn man bedenkt, dass einige von euch allem Anschein nach nach einer Möglichkeit suchen der Realität zu entfliehen, aus diesem Grund alles Mögliche auf seine Tauglichkeit als "Traumerfüller" prüfen - und da wir viel mit Büchern zu tun haben, ist man einmal auf die Idee gekommen, es verhalte sich mit der Literatur ebenso. Das ist wenig korrekt. Literatur ist zuallererst ein Betätigungsfeld des Menschen - ein ziemlich nobles, ästhetisches, dienliches dazu. Es ist eine Form der Gestaltung von Empfindungen und ein autonomer Raum, der, weil er Raumform besitzt, eine Realität in (!) der Realität ist, also die Voraussetzung der Schwebe nie erfüllen kann - und das ist gut so. Auch kommen Empfindungen aus uns, und unser Inneres ist nur ein anderer Teilaspekt der Realität - ebenso wie ich mich im weiten Bundestag aufhalten kann, und in der Realität bin, ebenso wie ich mich in einer kehrichtbeladenen Kellerecke aufhalten kann, und in der Realität bin. Unsere Realität besitzt unendliche, infinitesimale Winkel. (Wir lassen den Gedanken fallen, ob unsere Realität wirklich "real" ist, was ja alles Gesagte entkräften würde.) Natürlich gibt es auch solche Literatur, die bewusst von der Abstraktion lebt, wo also nur Gedanke, kein Raum, nur Raum als Analogie für Ideen regiert. Darauf nun könnte man den Begriff "Traum" durchaus anwenden. Dann dürft ihr aber in der Literatur nur denken, nie anfassen. Anders ausgedrückt: Ihr dürft dann nicht erwarten, dass eine Geschichte erzählt wird, dass Charaktere agieren im virtuellen (sic) Raum, sondern dürft nur Gedanken verwerten. So ein Versuch gelang Bernardo Soares alias Fernando Pessoa in seinem "Buch der Unruhe", aber auch nur diesem, weil er "mit den Gedanken fühlt" und mit "den Empfindungen denkt". Wenn schon träumen, dann richtig. Allerdings ist dann auch der Preis hoch. Solche und ähnliche Trugschlüsse beweisen einmal mehr, wie schillernd der Begriff des Traumes ist, und wie wenig wir, weil er uns so oft begegnet, seinen Daseinsgrund hinterfragen. Auch lässt sich diese Begriffsvermischung zweifelsohne auf die Postmoderne zurückführen, die alles in sich aufnimmt, wodurch sie zu gar nichts wird. Wer alles liebt, liebt nichts aufrichtig. Grenzen legen, das fehlt. Die Vermischungen sind allgegenwärtig. Man will ein Buch schreiben über einen gewissen Tonio Kröger, der nur im Buch existent ist (ich sage nicht "existiert", weil er das vielleicht tut, aber nicht in unserer Dimension), setzt ihn aber gleichzeitig in unsere Welt, behauptet, er sei im 20. Jahrhundert an einem gewissen Tag im Dänemark, wie man es jederzeit besichtigen könnte, vorhanden gewesen. Eine Illusion. Warum gibt man nicht gleich zu, dass er nur dort vorhanden ist? Warum vermischt man die Realitäten, die Räume? Ist es nicht viel anstachelnder für die Nerven zu wissen, wenn man ein Buch aufschlage, könne man in andere Dimensionen reisen, und wenn man es zuschlage, sei man wieder hier, in unserer, die genausoviele oder mehr noch Ecken und Winkel zum Anfassen besitzt? Die Dinge für sich nehmen. Dann aber können sie nicht Träume sein. Denn träumen heißt ja, sich etwas "er"träumen, also zu wünschen, die Realität sei eine andere. Als ganzes Individuum anders existieren. Wenn wir lesen, existieren wir nicht als ganzes Inviduum. Wir schicken das Bewusstsein oder ähnliches voraus, und sehen damit. Wir können also nie eine Verwandlung (im Sinne eines Traumes) eingehen. Ebensowenig wird sich die Realität verändern (unsere also), weil die Seiten und die Erdluft hier, die sie umgibt, voneinander geschieden ist. Wir wissen ja, dass hier eine Seite anfängt, die nächste dort endet, weil sie von etwas begrenzt werden. Zusammenfassend will ich sagen: 1. Traum heißt Illusion. Es heißt Realitäten vermischen, weil wir eine Veränderung, besser: eine Auswechslung unserer Realität, mit der wir wie auch immer nicht zurecht kommen, anstreben. So viel zur Definition, die an Schärfe verloren hat. 2. Der Begriff des Traumes ist inzwischen so weit trivialisiert, dass man für Traum hält, was nicht Traum ist. So ist Literatur (wenn man nicht gerade die Realität im Buch für die unsere (sic) ausgibt) eine Realität für sich, in die wir reisen können, und wieder zurück. Und Reisen genügt. Der Traum fängt da an, wo der Leser die Realität des Buches, also die virtuelle (dieser Begriff ist ein Provisorium, denn vielleich existiert ja eine andere Dimension tatsächlich) gegen die eigene eintauscht bzw. für die seine ausgibt. Wenn er meint, in der Epoche des Buches zu "leben" (s. Eskapismus), wo er doch zugeben müsste, er lebt in dieser, und sei lediglich für eine Zeit in die andere "gereist" - dann aber nicht als ganzes Invidiuum, sondern nur als Augentourist, d.h. er wird nicht zu einem Charakter, sondern sieht (s. "Erlebnis") von oben herab die Charaktere, und spürt (s. "Erlebnis") gewisse Dinge. |
| Lusitano | [Fortsetzung, da zu lang:] Das ist viel schöner, als sich einzubilden, jene Realität sei die unsere, wenn man doch ungezwungen hin- und herpendeln kann, mit der Autonomie eines Gottes. Ich verstehe, dass einigen von euch das nicht genügt, sie nichts anderes als Realitätsflucht wünschen, weshalb sie Literatur als Traum verformen. Aber das kann ich nicht verstehen. 3. All dies macht die Gefahr des (echten) Träumens offenbar: Es geht immer um Abstraktion, um Warten auf Godot. Und wenn man wartet, tut man nichts, weil jedes Tun eine Ablenkung wäre, die uns daran hindern könnte, auf die Uhr zu schauen, und die Ankunft wäre vertan, ehe man sich's versieht. Dabei könnte man die Zeit mit Anfassen, mit Reisen, mit Erlebnis bestens ausschmücken. Wenn man glaubt, in der Romantik zu leben, es aber nach ehrlichem Selbtseingeständis nicht tut (es sei denn, man bildet es sich ein): Welchen Nutzen zieht man dann von verklärtem Idealismus? Warum an das Unmögliche denken, wenn man das Mögliche tun kann? Was ich einigen von euch sagen will, ist: Unsere Realität ist so mannigfaltig. Und innerhalb der unseren gibt es andere, so weit es uns unsere (Gestaltungs-)Möglichkeiten erlauben, zum Beispiel Bücher, die man aufschlagen kann als eigenständige Realität, dann aber wieder nach anderen sucht. Reisen ist so viel nobler als Träumen. Warum sich einbilden, man sei ein König, wenn dort die Burg steht, die man besichtigen kann? Die Krone ist nur mit Pflichten verbunden. Eine Besichtigung heißt das Leben eines Königs kennen, ohne regieren zu müssen. Ich zumindest wollte nie König sein. Alles was ich immer wollte war Burgen besichtigen. Darin zu riechen. Die Reliquien zu berühren. Ich begreife nicht, wie man die Zeit verträumen kann, wenn es so viele Bauten zu besichtigen gibt. Doch der Traum hat auch sein Gutes. Er stachelt zu Fortschrittsdenken an (wovon ich wenig habe). Wer immer träumt, hört nie auf, zu denken. Er nähert sich zwar nie der Perfektion, wird aber immer besser. Würde er die Perfektion vollends tangieren, verfiele er in Resignation und sein Leben würde wertlos. Warum ich das geschrieben habe: Weil manche hier aufgrund von Beiträgen den Eindruck gaben, dass sie zur Flucht tendieren. Dabei kam ich hierher in der Hoffnung, ich könne Seltsames erleben, seltsame Menschen kennen lernen, die im Hier und Jetzt leben, ohne sich dem Hier und Jetzt völlig angepasst zu haben. Es machte mich nur traurig ebendarum, weil ich Freundschaften schließen will, und ich, wenn ich Freundschaften schließe, nicht mit dem Mitmenschen träumen will - denn jeder träumt immer für sich allein, also wäre die Freundschaft eine Lüge. Denn Freundschaft basiert auf Tat - und sei es nur das Kommunizieren, was ja eine Bewegung von Lippe und Zunge ist, bei der etwas Echtes, Konkretes ausgetauscht wird. Vielleicht aber trifft auf meine Ahnung lediglich eine Minderheit zu. Wenn dem so ist, möchten sich bitte diejenigen melden, die so denken, nein: so empfinden wie ich! Deswegen schrieb ich das. Es ist mehr ein Appell. Somit komme ich zum letzten Punkt (verzeiht die Überstrapazierung gleich eines Neulings): Man kann Sehnsucht nach den alten Zeiten verspüren, ohne aus dieser Gegenwart treten zu müssen. Denn in Wahrheit empfinden wir Sehnsucht nach früher, weil das Früher vergangen ist. Man erkennt, was man verlor, wenn man es verlor. Vorher gab es nichts zu vermissen. Läge nicht alles in Ruinen: Ich wüsste nicht um die Schönheit der Burgen. Ich erachte das Wort "Sehnsucht" aus diesem Grund nicht für angemessen. Es impliziert "Herbei"sehnen, wo es doch mehr ein Bewusstsein nach dem Alten ist, als hätte man ein früheres Leben geführt, als Burglakai. Was mich schmerzt sind im Grunde also zwei Dinge: 1. Dass die Menschen darum nicht wissen. 2. Dass die Ruinen bald verschwunden sind. Denn diese lasst mir bleiben, dass ich mich setzen kann auf die Steine und das verkohlte Mahl riechen. Aber das ganze Mittelalter schenkt mir nicht wieder! Denn nichts will ich mehr als riechen. Und sehen. Und fassen. Und nichts ist jemals verschwunden. Wie nobel einer der wenigen zu sein, die um diese Wahrheit wissen. Wie nobel, seltsam zu sein, weil man sich auf Steine setzt. Wie nobel, im Jetzt zu leben. Lebten wir im Mittelalter: Wären wir je zu solcher Seltsamkeit gelangt? Wüssten wir je die Burgen zu schätzen? Wie nobel, die Gegenwart zu verachten, und unser Seltsames entgegenzustellen. Denn wir werden nicht vor ihr fliehen: Dann sah man uns nicht. Wir werden nicht in Illusion leben: Dann haben wir unser Seltsames aufgegeben. Wir haben etwas entgegenzustellen, weil es ein etwas gibt, dem man ein anderes entgegenstellen kann. Denn seltsam sind wir, weil die anderen nicht seltsam sind. Hätten wir nicht die anderen: Wir wären nie das, was wir sind. Wer so denkt wie ich, soll sich gerne melden. Sonst werde ich notgedrungen diese interessante Mentalität samt ihren Urhebern verlassen müssen, weil sie mich nicht vorwärtsbringt. |
| Xenomorph | Hallo Lusitano, Das war jetzt zwar eine reichlich lange Einleitung von dir, aber wenigstens auch eine interessante, und vielem von dem, was du gesagt hast, kann ich zustimmen... Ich hoffe, es stört dich dabei nicht, dass ich "Atheist" bin und nicht an Gott glaube, zumindest nicht den des Christentums... Ich habe ebenfalls studiert, Germanistik und Literaturwissenschaft, derzeit versuche ich mich gerade an meinem Magisterabschluss... |