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  Forum: Das Foyer
    Thema: schwarze szene kennenlernen
blutmundHallo schwarze Seelen...

ich interessiere mich für die schwarze Szene, weil ich
versuche meine Stieftochter (14 J.) zu verstehen, die sich als goth bzw. punk sieht und ritzt. Sie ist wahrscheinlich nicht hier im Forum, aber ist ja egal, sowieso vielleicht hilfreich zu sehen wie die community miteinander umgeht.

Im Thema "Muss man seine Familie mögen" habe ich schon etwas gelesen, dass ganz zu ihr passen würde. Sie will auch lieber nichts mit uns zu tun haben, will in Ruhe gelassen werden, usw.

Gleichzeitig ritzt sie, schreibt dunkle Oden an den Tod, und denkt über Selbstmord nach, fühlt sich allein (was sie uns aber nicht sagt).

Wir erlauben ihr vieles was sie will, fragen uns aber gleichzeitig ob wir damit nicht alle ihre Probleme eher vergrössern. Sie trägt natürlich mit Vorliebe schwarz, aber auch camouflage wear ist in, schwarze Stiefel dazu kommt schon fast etwas nazi mässig rüber. Dann hört sie RAMMSTEIN oder auch Marilyn Manson para-noir, je mehr verletzende und bösartig provozierende Texte, je besser, so scheint es. Ausserdem liebt sie Cobain und HIM und Linkin Park s Chester Bennington. Auch die romantischere Musik wie Evanescense, Nightwish und Within Temptation.

Es ist schrecklich für Eltern und Freunde mit ansehen zu müssen wie jemand sich selber Schaden zufügt, und dabei gleichzeitig um Hilfe bittet und diese Hilfe dann vehement ablehnt.

Sie ist sensibel und intelligent, macht leicht Freunde. Aber sie kann nicht mit ihren starken Gefühlen umgehen, hat starke Gefühlsschwankungen, sie kann nicht teilen, wird dann sofort ärgerlich wenn es nicht alles nach Wunsch läuft, sowohl zuhause als auch im Freundeskreis. Das Sprechen über Gefühle geht nicht, jedenfalls mit den Eltern.

Wir wollen so gern helfen, da wir schon verstanden haben wie gefährlich Ritzen ist, wie schwer man damit aufhören kann, und wir sind verzweifelt. Vor unseren Augen scheint sich unsere geliebte Tochter zu zerstören und wir wissen nicht mehr weiter. Wenn sie videos auf dem Internet postet, in denen der Tod alles Lösung von Problemen romantisiert dargestellt wird, und alle die es dort sehen ihr Komplimente machen, wahnsinning traurig aber auch wahnsinning schön, was sollen wir tun?

Soll man alles verbieten, und sie nicht aus den Augen lassen?

Soll man alles erlauben, und vertrauen dass es schon irgendwie gut geht?

Bis jetzt versuchen wir einen Mittelweg zu finden, aber der Erfolg scheint uns kein Recht zu geben. Ihre Faszination für die Gewalt, den Tod, Horror und alles Negative scheint sich nur immer zu verstärken.

Wäre schön wenn einige von euch, die als Jugendliche selber so einen Weg gegangen sind, mir und meiner Frau einen Rat geben könnten. Was haben Eure Eltern richtig und falsch gemacht? Wie kann man jemanden der in der Hochpubertät ist als Eltern überhaupt noch erreichen? Sind die Würfel schon gefallen?

Werde morgen wieder vorbeischauen und hoffe auf Euer Feedback.

LG,
blutmund
TsafriedVerbote sind keine Lösung, regen nur zu noch mehr Trotz an ...

ritzen ist keine schöne Sache, es bleibt die Frage nach der Motivation dahinter - Selbstverletzung kann auch ungemein befreiend sein, so grausam das ist. Warum schneidet man sich? Um Druck zu lösen - um dazuzugehören - um sich selbst zu fühlen. Da gibt es viele Möglichkeiten ...

zur Musik:
ist glaube ich nichts ungewöhnliches, wenn auch nicht jedermanns Geschmack. Evanescence, Nightwish haben nun aber eigentlich nicht sonderlich provokante Texte, Rammstein, MM wiederum schon. Prinzipiell würde ich auch hier nichts verbieten ... man hört Musik, weil sie einen berührt, aus welchen Gründen auch immer, und das ist vom Grundsatz her gut - Sich berühren zu lassen und zu fühlen.

Bezüglich Selbstmord gibt es ein ungemein ernüchterndes Buch, das, wenn man auch mal ein bisschen zwischen den Zeilen lesen kann, äußerst unschöne Einblicke in die Gefühlswelt eines Suizidanten gibt - Hand an sich legen, von Jean Améry. Aber: Eine wichtige Aussage ist das grundsätzliche Recht auf Suizid - entzaubert. Kein "ich freue mich auf den Tod, es ist alles so wunderbar" ...

wie Dyspenthes schon meinte, bei vielen hört das wohl wieder auf, aber bei einem Teil auch nicht, der bleibt dabei. Mir sind irgendwo in diesem ganzen Rahmen "schwarz" die ehrlichsten, liebevollsten Menschen begegnet, die man sich vorstellen kann. Menschen, die sich trauen, zu fühlen, die Freude und Glück ebenso kennen wie Schmerz, Trauer, Verzweiflung. Da das Leben dies alles zu bieten hat, sollte man auch allem seinen Platz zumessen und nicht verdrängen und als "falsch" beiseite schieben.

Bezüglich diesen Themen (Suizid, Selbstverletzung, Musik, Gefühle) kann ich dir, wenn du magst, meine eigenen Standpunkte erläutern, bzw versuchen, die mögliche Motivation dahinter zu erklären. Vielleicht gestehe ich aber 14-Jährigen auch einfach zu viel Bewusstsein zu, und es ist tatsächlich bloß eine Rebellion gegen prinzipiell alles. Wie auch immer, PNs oder Emails beantworte ich dir gerne.

Liebe Grüße
blutmundDanke für die Rückmeldungen.

Na ja, in den hoffnungsvollen Tagen sagen wir uns auch, es ist alles normal, es wird sich dann irgendwann normalisieren...

2 bis 3 Jahre abwarten, bis es besser wird, das scheint an manchen Momenten sehr sehr schwer.

Es gefällt mir daß es in der schwarzen Szene viele einfühlsame und sensible Menschen gibt. Aber bei unserer Tochter überwiegt nach aussen hin die Provokation und der Egoismus. Wie andere sich fühlen interessiert sie bis jetzt eher weniger bzw. nur in Extremfällen, wo z.b. jemand droht sich zu töten...

Wir werden ja sehen, in gewisser Beziehung sind wir einfach dazu verdammt zuzusehen wie alles verläuft. Aber in anderer Beziehung sind wir natürlich auch durch die Regeln die wir geben gefordert.

Der Kampf zwischen dem Bedürfnis nach Sicherheit einerseits und dem Wunsch nach maximaler Automität findet vor unseren Augen statt. Wenn die Kacke am Dampfen ist, dürfen wir als Eltern gerne zur Stelle sein und helfen. Aber wenn wir zur Vorsicht raten und auf Gefahren aufmerksam machen, sind wir nur blöde Spassverderber. Ohne Verbote geht es auch nicht, meine ich. Das Internet z.B. ist derartig gefährlich in den Händen einer intelligenten aber noch unreifen Person, dass ich wenig Nutzen darin sehe hier völlig freie Hand zu geben. Bis jetzt erlauben wir noch punktuellen Zugriff von zuhause auf das Internet, aber überlege mir echt ob ich dass nicht besser ganz abschalte. Internet ist sowieso überall von der Stadtbibliothek bis zu Freunden deren Eltern da keinen Wert drauf legen. Aber wenn wir dass frei lassen, wird unsere Tochter wie sie nun mal ist, impulsiv und ungeduldig, ohne Angst und mit Lust auf Destruktion, eine Art Katalysator bekommen, und innerhalb von drei Monaten haben wir Probleme die wir ohne dass Internet erst in einem Jahr oder später bekommen. Fernsehen ist schon schädlich genug, wenn ich mir den Schrott auf MTV angucke. Überall wird die Lüge von der glücklichen Jugend verkauft, vom Sex und der Macht der jungen Leute, und die Loser werden runtergemacht, es ist eine flache und blöde angstmachende Vision der Welt, in der die pubertierenden als Kunden von Morgen betrachtet werden. Ich würde sogar das TV aus der Wohnung verbannen, wenn meine Frau damit einverstanden wäre. Wieviele Stunden sitzten die Leute immobilisiert vor der Kiste und ziehen sich (zugegebenermaßen immmer interessante oder unterhaltende) die Birne mit TV Sendungen voll? JEDEN TAG. Klar dass man bei begrenzten Stunden pro Tag vieles andere eben nicht mehr machen kann, sei es Gesellschaftsspiele, sich unterhalten, lesen, spazieren gehen, kochen, oder sich nur entspannen und träumen oder kreatives ersinnen.

OK, genug der Klagen.

Danke nochmal für eure Kommentare, bis dann,
Blutmund
TsafriedDu hast vollkommen recht. Es gibt innerhalb der schwarzen Szene (und auch außerhalb, das lässt sich mitunter schwer trennen, grade die "Randbereiche" sind nach meiner Erfahrung die interessanten - die, denen es herzlich egal ist, ob ihre Jacke nun rot oder ihr Pullover violett ist, die einfach nur sie selbst sind) wunderbare Menschen - nur, dass was mir unter 20 bisher begegnet ist (nur eigene Erfahrung, es gibt sicher genug Ausnahmen) ... sagen wir mal, Jugendliche wie alle anderen auch, bloß dass sie schwarz trugen, ansonsten aber das gleiche, Cliquenbildung, Besser-Fühlen, Provokation, etc etc

ich bin der Ansicht, dass Verbote nichts bringen - Beispiel Internet, es findet sich immer ein Weg. Grenzen zu setzen ist besser, und am besten so, dass dein Kind versteht, warum. Sie würde sie überschreiten, sicher, aber vielleicht, denn hier gibt es natürlich Garantie, wird sie sie dann einhalten, wenn man ihr verständlich macht: Wir finden das nicht gut, aber letztlich ist es dein Leben und wir können dir nicht vorschreiben, was du zu tun hast, so gerne wir das würden, aber du bist kein Kind mehr und hast damit vor allem selbst die Verantwortung über dich, wir können dir nur mit Rat zur Seite stehen. Ob das hilft, steht in den Sternen ... letzten Endes kann man jemanden vor dem Einfluss der Medien nicht bewahren. Den (selbst)verantwortungsvollen Umgang damit muss man lernen, abschotten ist leider nicht mehr möglich. Der Schwachsinn, der im Fernsehen läuft, müsste jedem Menschen eigentlich unerträglich sein, zumindest das, was vor 20 Uhr zu sehen ist und ich habe persönlich nie verstanden, wie man daran Gefallen finden kann. Dafür hatte ich früher meinen Spaß mit allen möglichen Computerspielen - und das ziemlich exzessiv, ob es nun Rollenspiele oder Ego-Shooter waren, ich habe stundenlang gespielt. Nun machte das nicht viel, ich hatte nie Probleme in der Schule (bis zur neunten Klasse etwa habe ich glaube ich nie für eine Klassenarbeit gelernt gehabt), konnte mir das in der Hinsicht folglich erlauben. Nur ist mir irgendwann klar geworden, wie dämlich das ist. Nicht das ich heute nicht noch hin und wieder daran Vergnügen finde oder mich von einem Spiel auch fesseln lasse und eine kurze Zeit wieder sehr viel vor dem Rechner hocke - aber das hört auch wieder auf, und ich widme mich sinnvolleren Dingen, in meinem Fall der Musik.
Im Grunde geht es um den bewussten Umgang mit den heutigen Medienmöglichkeiten. Ich beschäftige mich sehr viel mit Musik, VIVA und MTV sind mir trotzdem zu 90% unerträglich

Deine Tochter wirkt provokativ und egoistisch ... ich denke das ist leider normal und hoffe, dass dies bald vorbeigeht, es ist im Grunde immer nur eine Maske, und was dahintersteckt, ist ein kleines, verstörtes, zweifelndes Ding, das lange nicht so sicher ist, wie es vorgibt, zu sein. Sich diese Maske selbst einzugestehen ist unendlich schwer ... aber es geht

Ich wünsche dir in jedem Fall alles Gute.

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