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  Forum: Gärten der Poeten
    Thema: Blindheit
VarjoissaMaschinelle Leere

Leere umfing sie, hüllte sie ein. Vor wenigen Minuten war sie noch durch das Stadtzentrum gelaufen und hatte sich den Blicken ausdrucksloser Augen hingeben müssen. Ausdruckslose Augen, Fassaden vor all den maschinell betriebenen Geistern und Seelen, nicht mehr in der Lage wahre Emotionen zu empfinden. Auch sie konnte nichts mehr fühlen. Sie fühlte sich schon so lange ausgesaugt und leer. Jetzt war sie dort, wo alle hingehörten. Im endlosen Nichts. Sie erschrak, als sie plötzlich doch etwas empfand. Schmerzen. Körperliche Schmerzen.
Das Nichts, dass sie umgab nahm schleppend wieder Gestalt an. Aus Schwärze wurden Grautöne, in denen man bei genauerer Betrachtung körperlose Schemen und Schatten erkennen konnte.
Kam sie in die Hölle?
Nach und nach erblickte sie, in welche Richtung sie ihre Augen auch wand, hässliche Fratzen.
Ob es sich dabei wohl schon um Dämonen und Teufel handelte?

Sie wusste nicht, ob sie erleichtert oder enttäuscht sein sollte, als sie feststellte, dass man sie mit Gewalt zurück in die Realität versetzte hatte. Ihr Versuch, den täglichen Erniedrigungen, die das Leben für sie bereit hielt, zu entrinnen, war also doch kläglich gescheitert. Sie war wieder gescheitert, hatte wieder einmal versagt. So wie sie schon immer in allem versagt hatte, das sie angefasst hatte, in das sie sich voller Elan gestürzt hatte. Letztendlich war sie nach jedem Sprung über ihren Schatten nur wieder auf den harten Asphalt aufgeschlagen. Und ihr Schatten wurde immer länger, immer anstrengender wurden die Sprünge. Und obwohl sie sich doch langsam an den Schmerz der Stürze gewöhnte, wurden ihre Versuche mit der Zeit immer seltener. So war sie also nicht mal sonderlich überrascht, dass sie sich nun zwischen vier weißen Wänden in der Notaufnahme des örtlichen Krankenhauses wiederfand.
Sie starrte die ebenfalls weißen Kittel der Ärzte an. Ja, sie dürfen die Farbe der Unschuld tragen, schoss es ihr durch den Kopf, sie dürfen es, obwohl sie ebenfalls Schmerzen und Leid verbreiten, ziehen das Elend wie eine schwarze Schleimspur hinter sich her, wie jeder Mensch auf dieser verdammten Welt. Aber sie kaufen sich frei von jeglicher Schuld. Sie zerstören Leben, so wie sie Leben retten... Ein wahrhaft teuflischer Ausgleich.
Es war nicht fair, dass andere einen Weg fanden, sich so leicht und effektiv ihren Schuldgefühlen zu entsagen.
Es war auch nicht fair, dass der Rest der Welt sich gar nicht für seine Schuld verantwortlich fühlte. Wie konnten so viele ihre Verantwortung nur auf eine so grausame Weise ignorieren? Wie konnten sie dass alles einfach ignorieren und verdrängen? Wie konnten sie all ihre Fehler in die Schuhe anderer schieben?
Sie konnte es nicht. Sie war sich ihrer Schuld bewusst und musste dafür büßen. Hier zeigte sich das einzige Gefühl, dass sie noch in der Lage zu empfinden, obwohl sie selbst es wohl kaum als ein Gefühl beschrieben hätte: der Schmerz war ein immerwährender Zustand.

Sie wusste, dass sie nichts mehr daran ändern konnte, aber sie würde weiter machen. Innerlich hoffte sie auch irgendwann zu einem Menschen zu werden, wie all die anderen. Sie wünschte sich auch ihre eigene Fernbedienung aus der Hand zu geben- in die Klauen der Zeit. So einen Weg zu finden, wie schon so viele vor ihr, ihr Handeln von Umständen und Situationen bestimmen zu lassen und so alles was sie täte vor ihrem Gewissen rechtfertigen zu können.

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