| opacity | heute morgen hat eine kollegin eine geschichte erzählt: [size=1]unfall, mutter tot, vater hat schwer verletzt überlebt; ein kind von 6 monaten muss nun von den großeltern erhalten und versorgt werden. dieses eine großelternpaar ist schon alt, hat aber noch einen 19 jährigen sohn, der nun auch eingespannt werden soll, ein paar einfache tägliche verpflichtungen zu übernehmen (mit kind raus gehen, sich mit ihm ein bisschen beschäftigen, müll rausbringen). nur weigert sich dieser sohn völlig, auch nur einen handgriff für das kind zu tun; auch nicht müll rausbringen, oder zumindest die alten eltern in irgendeiner weise zu unterstützen. [/size] eine andere kollegin hat sich sofort auf den "übeltäter" quasi gestürzt, ihn sofort verurteilt und bla bla. ich meinte zu ihr, sie solle nicht sofort jeden menschen verurteilen. sie kann wütend sein, dass er so unfair ist, aber sie soll ihn nicht sofort [i]verurteilen[/i], er wird seine gründe haben, warum er sich so verhält (auch wenn es für uns unsinnige gründe sein mögen). sie sah mich nur verständnislos an.... was mir dabei durch den kopf gegangen ist, ist: ist wütend sein auf jemanden mit verurteilen gleichzusetzen (ist das also dasselbe)? ich sage: NEIN, definitiv nicht. ich fühle definitiv einen unterschied zwischen "auf jemanden richtig wütend sein" und "verurteilen". was meint ihr? |
| decay73 | Ich denke, wenn man auf jemanden wütend ist, hat man automatisch zunächst ein [I]Urteil[/I] gefällt. Vielleicht nicht unbedingt über denjenigen insgesamt, sondern über eine bestimmte Verhaltensweise. "Verurteilen" geht da sicher ein wenig zu weit, da ich der Meinung bin, daß zwischen "urteilen" und "verurteilen" schon noch ein Unterschied besteht. ~decay~ |
| LaChatte | Wer wütend ist, der urteilt. Und vermutlich meist nicht besonders durchdacht. Wobei zu hoffen ist, dass in einem zweiten Schritt das erste Urteil überdacht und vielleicht differenziert wird... |
| Amalcia | Wut ist ein Gefühl, das wir nicht kontrollieren können. Wir sind wütend auf einen Menschen, also urteilen wir über ihn - allerdings meistens vorschnell. Ist Wut dann so etwas wie ein Vorurteil, das wir unbewusst treffen? |
| Schwarzbär | Hier zeigt sich meiner Meinung nach deutlich, daß unsere Ratio unseren Emotionen hinterherhingt. Nachdem wir schon wütend sind, beginnen wir uns das Gefühl zu erklären und kommen so zu einem pseudorationalen Schluß, obwohl eigentlich die Emotion Vater des Gedankens war und nicht in etwa die Ratio. Gerne geben wir uns rational-abgeklärt. Das aber unsere Urteile geprägt sind von Oberplänen, oder dem Überich, auf das wir keinen direkten Einfluß besitzen, das vergessen wir gerne. Und um auf Deine Frage zurückzukommen: Ja wir verurteilen, wenn wir wütend sind. Nur das wir es unbewußt tun, und uns auch dagegen schlecht erwehren können. Zwar bauen einige Transzendenzphilosophen auf die These, daß wir diesen "Zustand" irgendwann hinter uns lassen, ich glaube daran allerdings nicht so recht. Zumindest denke ich, daß man zwar an sich arbeiten kann, aber keinen Sprung auf der evolutionären Leiter schaffen kann. mit der Zeit entwickeln wir uns vielleicht weiter. In diesem Leben zumindest ist unser Spielraum jedoch sehr beschränkt. Urteile fällen und Wahrheiten finden ist seit jeher Spielwiese der Philosophie. Ich sehe noch nicht, daß wir Eine gefunden hätten, die quasi selfexplaining alles berücksichtigt. Je konkreter die Theorien angewendet werden, desto mehr Abstriche muß man machen. Für mich habe ich noch keine allumfassende Weisheit entdeckt. Nur Krückstöcke, die austauschbar sind. Was für mich unter dem Strich bleibt bin ich. Mir bleibt also nur mich als Absolutum mit größtmöglichen Abstrichen zu betrachten und so auf andere zu schließen. Das ist zwar häufig eine Milchmädchenrechnung, da ich aber schon einige Erfahrungen gemacht habe, auch mit anderen Menschen, habe ich mir ein halbwegs flexibles Wertegerüst aufgebaut. Ständig steht diese Skala im Soll- Istvergleich mit meinen Emotionen. Mein Ziel ist es eigentlich mehr die Interaktion zwischen Ratio und Gefühlen auszunutzen, um mich langsam selber anzunehmen. Letzendlich ist ein Werturteil über einen Menschen nichts unbedingt negatives. Man grenzt sich nur von dem betrachteten ab. das ist etwas gesundes. Schließlich gibt es ja auch etwas wie Bewunderung. Diese brauchen wir wiederum als Ansporn um uns weiter zu entwickeln. Allerdings sollte man fairerweise immer jedem die Option zugestehen sich zu ändern. Zu Deinem Beispiel: Mit 19 hatte ich sehr stark mit mir selber zu kämpfen. Ich wäre für ein Kind auch keine besonders große Hilfe gewesen. Zwar hätte ich den Willen gehabt, an der Kontinuität wäre ich allerdings schnell gescheitert. Anstatt sich mit Verantwortung zu belasten, die man eh nicht tragen kann, gleich nein zu sagen, macht den Jungen nicht gerade zum Heiligen. Er ist aber wenigstens ehrlich. Außerdem ist bei solchen Geschichten immer ein Hacken. Genaues scheinst Du ja auch nicht zu wissen. Was Dritte behaupten, darüber habe ich eine ganz eigene Meinung. Ich habe schon die abstrusesten Geschichten über Leute gehört. Wenn ich mir die Mühe gemacht habe nachzuhacken bei dem Betreffenden selbst, erklärten sich die Geschichten oft schnell als Wahrheitskorn, aus dem ein Weißenfeld entstanden war. |
| opacity | [QUOTE][i]Original geschrieben von Schwarzbär [/i] [B]Genaues scheinst Du ja auch nicht zu wissen. Was Dritte behaupten, darüber habe ich eine ganz eigene Meinung. [/B][/QUOTE] richtig. deshalb habe ich die eigentliche geschichte auch nur mit ein paar worten erzählt, nur fakten. und auch aus genau diesem grund finde ich eben, dass man menschen nicht sofort verurteilen soll (denn was genau abläuft, weiß man ja als totaler außenstehender gar nicht) |
| Schwarzbär | @opacity: Dann wären wir ja einer Meinung. Zumindest so ziemlich. |
| Any Body | in dem beispiel wird der 19 jährige scheinbar vor vollendete tatsachen gestellt, statt um seine meinung zu dem ganzen gefragt zu werden.. es scheint über seinen kopf hinweg entschieden worden zu sein, was er jetzt zu tun und zu lassen hätte, wer hat ernsthaft darauf lust? ein urteil über jemanden, der nicht die rolle mitspielt, die ihm zugewiesen wird, ist schnell gesprochen und dem wird, u.a. auch gern der "schwarze peter" zugesteckt, denn irgendwer muss ja den frust und die wut oder sonstige emotionen der enttäuschung oder des schocks abbekommen und statt seiner selbst verantwortlich gemacht werden. viele dinge scheinen zu kurzfristig mit irgendwelchen einseitigen, oberflächlichen erklärungen und beschuldigungen abgetan zu werden - dass andererseits denjenigen, gegen die derartige urteile ausgesprochen werden, damit verletzt werden könnten, scheint dann in solchen momenten leider nicht gesehen zu werden. jemanden verurteilen ohne sich mit den wahren gründen seines verhaltens auseinandergesetzt zu haben oder den versuch unternommen zu haben, verständnis für seine situation zu entwickeln, stimmt traurig. ich denke, dass vor verurteilungen anderer sich ein jeder selbst an die eigene nase fassen sollte und überlegen sollte, wie er sich verhalten würde, wenn er dementsprechend kurzfristig in eine rolle gestuppst wird, die nicht gründlich mit allen konsequenzen durchdacht ist. die zeit sollte sich genommen werden, alle möglichen wege und möglichkeiten zu durchdenken bevor ernsthaft agiert wird. (=mit allen beteiligten planen, reden & entscheiden, was, wann, wie in entsprechenden notsituationen getan werden muss, sollte und kann) kurzum, wenn man wütend ist, so halte ich es für unfair anderen gegenüber, wenn diese dafür entsprechend abgeurteilt werden. es sind die eigenen emotionen, für die man in erster linie nur selbst etwas kann oder eben, wie bereits genannt, einem die wahren gründe bekannt sind. manchmal entsteht der eindruck, dass diejenigen dann an stelle einem selbst verurteilt werden, die einem selbst am ähnlichsten sind, oder zumindest der eindruck entstanden ist, dass dem so ist oder sein könnte.. das recht in anspruch zu nehmen, andere statt seiner selbst zu verurteilen, kann ich nicht befürworten - von daher finde ich die ausführungen von schwarzbär passend und kann mich diesen bis auf weiteres nur anschliessen. Any B. |