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  Forum: Platz der Philosophen
    Thema: Unabhängigkeitserklärung.
poisonLipsticksVerdammt.
Was solls, wem sollte ich es denn auch sonst schon schreiben? Vorneweg erstmal: Das hier wird keine philosophische Frage, tiefgründige Weisheit und keine weitere esoterische, spirituelle oder in anderer Weise mystische Anweisung sein, über- bzw. innermenschliche Kräfte zu kanalisieren oder sich auf das Universum einzuchanneln oder irgend sonst so ein Futter für Sinn-verlierende, und ach wie lange war ich das!, nein - das hier ist nur ein bißchen Selbstmitleid und, wo nicht, ein wenig Selbstbeweihräucherung meinerseits.
Der übliche Stoff.
Wie ich dazu gekommen bin heute Morgen dieses Flugblatt, und das ist es wohl buchstäblich, erhoffe ich mir doch, mich durch das alleinige Niederschreiben genügend zu erleichtern, um mir wenigstens wieder vorlügen zu können, ich sei schwerelos und könnte freier durch die Lüfte lenken - wie also kam ich dazu, diesen Text hier zu verfassen? Nun, wodurch sonst als mit der Frage nach dem guten alten Sinn des Lebens, den ich seit geraumer Zeit vollständig schon verloren glaube.
Ja da liegts. In seiner ganzen Einfachheit begraben. Ich bin mir über nichts mehr sicher, aber ich glaube, ich bin ein Gespenst geworden! Sehr seltsam, denn im Grunde bin ich auch niemals ein Goth gewesen, nicht, daß ich es tatsächlich niemals sein wollte - ich war es einfach nie. Ich hörte die Musik, versuchte immer ältere Sachen zu besorgen, schminkte mich, schminke mich nachwievor, ja, verabscheute sogar was aus dem "Gothik nur geworden ist". Will sagen diesen Darkwave-Dancefloor gegen den ich eigentlich als Goth ja garnichts haben dürfte, ob der Akzeptanz und Offenheit für den Weltschmerz und damit aller Menschen. Aber da ists! Da ist meine Definition vom Goth und die hat nichts damit zu tun, nichts mit der undefinierten Szene zu tun, die der Gothik schon immer ist. Was also macht mich zum Goth? Ehrlichgesagt, bin ich weder mehr ein Goth nach meiner eigenen Definition. Ich verabscheue Arroganz, verschwende gar einen Großteil meiner Aufmerksamkeit darauf, selbst nicht versehentlich arrogant zu wirken, mir ist alles dümmere als ich von Grund auf unsympathisch, ich war noch niemals auf dem Treffen, laufe nicht herum als wär ich kurz davor mir den Arm entlang zu schneiden. Ich habe einen Faible für Rosenkränze, Totenschädel, romantische Märchen und Musik. Schwarz ist für mich eine Farbe. Macht mich das aber zum Grufti? Ich habe gerne einen Grund zu Lächeln. Ich lache gerne. Habe gerne Freunde oder zumindest bekannte Gesichter um mich herum. Gesichter die lächeln. Gesichter die traurig sind. Ich hasse Ausdruckslosigkeit. Kälte, abwertende Blicke. Ich meide solche Persönlichkeiten. Viel zu oft sind diese aber Goths.
Ich denke, es hängt an meiner Unsicherheit, was wahre Gefühle betrifft. Wär ich mir nicht wichtig, nähme ich mich, diese Welt und meine Zukunft darin, in diesen Fluchtsituationen nicht so ernst, dann hätte ich kein Problem damit diese kaltscheinenden, kaltflimmernden Menschen über ihr Befinden anzusprechen, mich ihrem Kern zu nähern. Sie kennenzulernen?
Doch ich flüchte vor dem Schein, wie ich vor dem Herrgott flüchte. Diesem bärtigen Lügner mit seinem schwarzen Pudel auf dem Schoße. Was ich erkenne, wenn ich das Kreuz Jesu sehe? Den Menschen, der sich selbst kasteit! Den Menschen der das wenig Wahre an ihm verleumdet, das Menschliche, Natürliche leugnet, verwirrt und ihm neue Namen gibt!
Ich brauche keine Götter, um in Frieden sterben zu können. Ich brauche keine Teufel, um zu wissen was das Gute ist!
Warum ich das hier schreibe? Weil ich mich frage, warum das Essen mir noch schmeckt. Warum Sex noch Spaß macht und ich mich schäme nackt zu sein. Würde ich aufhören mich zu ernähren, wenn nichts mehr duften, munden würde? Würde die Menschheit sterben, wenn der Mensch nicht gerne pimpern würde? Würde ich nackt in Schnee mich schlafen legen, wenn ich kein Schamgefühl mehr hätte? Sind wir denn Tiere? Nein, wir brauchen all das nicht. Wir wissen was wir machen müssen, wir sind uns unsrer selbst bewußt.
Doch was würde das Leben noch bedeuten, trostlos grau und dem Sinne einerlei? Ohne den süßen Duft der Wälder, die Farbenfröhlichkeit der Wiesen und die immerneuen Lieder, die den grellen Tag versüßen? Das Sterben würde leichter fallen.
Ein Jenseits wäre niemandem mehr nötig.
Was ich fühle, wenn ich das Kreuz Jesu trage?
Die grenzenlose Traurigkeit der Menschen, und ihre unerträgliche Schwachsinnigkeit. Die Seichtheit ihrer seelenlosen Hirne. Und ihre glitzerndkalten Herzen. Die unendliche Leere, die, selbst während sie lächeln, den Glanz aus ihrem Auge saugt.
Sie glauben an Götter, glauben nicht an Leben. Versammeln sich in Kirchen, wunderschön beschmückten, herrlich stolzen Tempeln, errichtet, die Ewigkeit selbst zu überdauern, fliehen hinaus, immer hinaus, aus dem Heiligtum der blühenden Natur.
Der gemeine Mensch ist mehr Goth als ich! Könntest das verdammte Kreuz zum Fenster hinaus schmeißen und jemand treffen, der weit gother ist denn ich.
Indem ich das nun öffentlich mache, entferne ich mich wohl endgültig von der letzten Gemeinschaft, der ich mich schon zu lange angehörig fühlte.
Denn letztendlich, brauche ich diese Masse nicht, um mich selbst zu definieren.

Heute fange ich an zu leben, was das Leben heißt, und übergebe meine Seele der Unendlichkeit des Alls.

Wieviel Wissen, wieviele Möglichkeiten habe ich in meinem blinden Drängen nur verpaßt, mein Bewußtsein der Unerschöpflichkeit der Welt zu öffnen, ein wenig weiter nur; wie oft schon ungenutzt und - unbemerkt! an mir vorüberfahren lassen? Die wundervollen Wissenschaften! Die physische Erkenntniskunst, die prophetische! Die Psychologie, der wahre Weg des magischen Adepten! Und ach die bittersüße Philosophie, diese kreative Religion, der verlorenen Seele inneres Licht und Leuchten. Und - einziges.


Was harmlos angefangen, ist zu meiner Unabhängigkeitserklärung worden. Es wollte schon so lange aus mir in diese bewundernswerte, lebenswerte Welt hinaus.
Doch nun fühl ich, daß es gut so ist.



In Liebe,
dEJAN bUDIMIR.
Demon17poison Lipsticks,

geiler Text, elaborierter Wortschatz und verzeih mir ich finde ihn extrem romantisch. Ich würde es eher als Literatur denn als Philosophie bezeichnen. Dein Herz ist voll lass es raus.

Ich bin geneigt Dir in einigen Punkten zuzustimmen obwohl Du nicht der Zustimmung bedarfst, was Musik, Religion und Gothic-scene betrifft. Die Unabhängigkeit versteht sich von selbst.
Ich mag Deinen emotionalen Umgang mit der Sprache insbesondere im Zusammenhang der Reflektion der relativen Freiheit Deiner Existenz. Hast Du mehr davon?

never surrender

demon17

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