| Demon17 | In der Philosophie ist es üblich gewisse Grundannahmen einfach voraus zu setzen. Dies nennt sich a priori. Dann wird darauf ein ganzes Gedankengebäude aufgebaut, das dementsprechend auf tönernen Füssen steht. Häufig werden im Laufe der Zeit diese a prioris widerlegt. Trotzdem wird kontrafaktisch weiter gedacht. Teile dieses Denkens werden dann häufig in öffentliche politische Debatten transportiert und dort zur Argumentation verwendet, ohne das den meisten Menschen bewußt ist, dass dieses Denken auf kontrafaktischen a prioris beruht. Es dient somit der Täuschung des Wählers. Ich nenne hier nur zwei politisch relevante Beispiele aus der Wissenschaftstheorie. Die Wirtschaftswissenschaft geht vom rationalen Kosten - Nutzen Maximierer, also vom rationalen Egoisten, der den eigenen Vorteil sucht, aus. Die Politikwissenschaften, jedenfalls die normativen Handlungstheorien gehen davon aus, das sich durch den konsensorientierten gesellschaftlichen Diskurs eine Orientierung am Gemeinwohl ergibt. Beide a prioris oder Annahmen sind in dieser Form sachlich nicht gerechtfertigt. Wissenschaft in dieser Form verwirrt meiner Meinung nach die Menschen mehr als das sie sie aufklärt. Wie seht ihr das? [COLOR=crimson]think twice its magic[/COLOR] demon17 |
| LaChatte | [QUOTE]Teile dieses Denkens werden dann häufig in öffentliche politische Debatten transportiert und dort zur Argumentation verwendet, ohne das den meisten Menschen bewußt ist, dass dieses Denken auf kontrafaktischen a prioris beruht. Es dient somit der Täuschung des Wählers. [/QUOTE] Politiker sind ja oft auch keine ausgebildeten Philosophen (vielleicht müssten sie es sein) und glauben wohl selbt manchmal, was sie sagen...Und solange eine Theorie in die Weltanschauung eines Menschen passt, ist er oft nicht allzu kritisch - Hauptsache, schöne Worte und kluge Leute zitieren... [QUOTE]Wissenschaft in dieser Form verwirrt meiner Meinung nach die Menschen mehr als das sie sie aufklärt. [/QUOTE] Was bei den nicht-Wissenschafltern ankommt, ist ja oft nur eine auf eine handliche Formel gebrachte Theorie, die aber in der Wissenschaft viel differenzierter betrachtet wird. "Alles ist relativ", soll Einstein gesagt haben. Hat er das? Nein, er sagte meines Wissens nur "die Zeit ist relativ und der Raum". Und mit solchen verkürzten Formeln kann natürlich einiges an Schindluder getrieben werden... wie zum Beispiel mit den Konzepten "Arier" oder "Übermensch", die aus bekannten Gründen einen sehr schlechten Ruf haben, was aber nicht die Idee des Erfinders war... Und gerade bei den Sozialwissenschaften ist es schwierig - jeder Mensch ist anders, jeder ein Individuum, aber um Aussagen machen zu können, muss man die Menschen in Schublädchen stecken - es geht gar nicht anders. Da müssen Vereinfachungen der Wirklichkeit schon als Arbeitsbasis genommen werden, damit man Statistiken aufstellen kann. Oder die angepeilte Untersuchung macht dann einfach enorm viel Arbeit, wie zum Beispiel Shere Hites Reporte über die Sexualität, die ja jahrelang Arbeit machten.. wer will das in unserer schnellebigen Zeit noch auf sich nehmen? Die Aufgabe der Wissenschaftler wäre hier ganz klar, ihre Theorien so zu übersetzen, dass auch ein nicht gebildeter Mensch die Kernaussagen einer Theorie gut begreifen kann - und die andere Aufgabe ist es, den Leuten klar zu machen, das Modelle zwar die Wirklichkeit mehr oder weniger gut abbilden, aber eben nicht die Wirklichkeit sind. |
| Dark_FN | @ LaChatte: grundsätzliche Zustimmung von meiner Seite, wobei ich auch noch ein paar Punkte ergänzen wollen würde. @ all Die Widerlegung einer a priori Annahme kann sich durchaus als nicht tragisch herausstellen. So kann ich ein Modell entwicklen, welches auf "perfect competition" (demon du kennst meine unfähigkeit zu ökonimischen fachtermini auf deutsch) aufbaut, einfach weil es dann mathematisch einfacher zu lösen ist. Im Nachhinein kann es durchaus ok sein, mit den Vorhersagen des Modells hausieren zu gehen, solange ich in irgendeiner Fomr zeigen kann, dass die Voraussagen des Modells unempfindlich sind, gegen die nachträgliche Aufhebung der aprioris... Es kann also wissenschaftlich durchaus sinnvoll sein. Dass die Anwendung auf die Tagespolitik entsprechenend bednklich ist, sollte auch klar sein. Ansonsten gibt es ja immer noch die Möglichkeit der geschickten Herauswindung. ich denke nur daran, dass "rational expectations"-Verfechter und Neoliberale Ökonomen durchaus bereit sind, eine Nichterfüllung der Nutzenmaximierung zu akzeptieren. Nur gibt es ihrer Ansicht halt nach keinen Grund dafür, warum es eine Struktur in diesen "Fehlern" geben soll. Deren Mittelwert ist also dann im aggregierten Zustand Null und somit für die Theorie unbedenklich... Und massentauglich wird Politik eh erst, wenn es das Niveau der Bild Zeitung nicht überschreitet. Hans-Olaf Henkel (ehem. BDI Präsident) liest jeden Morgen die Bild, einfach um zu wissen wie "das Volk" so tickt... Ich glaube der Anspruch auf wissenschaftliche "Richtigkeit" ist schon lange aus der Wirtschaftspolitik verschwunden (wenn auch nicht explizit so verkauft). Die Ökonomische Theorie ist die Hure deren man sich bedient um massenfähige Politik zu machen... Das iseht man doch schon dardn, wie sich die ökonomische Agenda und Argumentation ändert, wenn eine Partei von der Opposition in die Regierung wechselt... |
| Demon17 | Es ist halt die Frage, inwieweit es sich noch um Wissenschaft handelt, wenn Aussagen über hyperkomplexe Zusammenhänge unter zu Hilfe nahme von bewußt falschen Annahmen gemacht werden. Für mich stellt sich die Frage ob die anschließende Politisierung nicht mehr schadet als nützt. Im wissenschaftlichen Kontexten mag es ja legitim sein, die Realität auf ein operationalisierbares Maß zu reduzieren. In politischen Kontexten sollte wenigstens darauf aufmerksam gemacht werden, das es sich um Hypothesen handelt, die auf bewußt falschen Annahmen beruhen. Aber damit wären diese Hypothesen dann politisch wertlos... never surrender demon17 |
| Selian | Setzt ein a priori nicht auch eine gewisse Vernunft voraus? Und gibt es überhaupt eine bewußt falsche Annahme? Oder ist es dann nicht eine Lüge/Täuschung? |
| LaChatte | Ist es überhaupt wichtig, dass die Voraussetzungen richtig sind, solange die Resultate funktionieren? Die Newtonsche Berechnung von Gravitationskräften ist ja auch nicht ganz genau - aber für unsere Bedürfnisse absolut ausreichend... |
| Demon17 | [QUOTE][i]Original geschrieben von Selian [/i] [B]Setzt ein a priori nicht auch eine gewisse Vernunft voraus? Und gibt es überhaupt eine bewußt falsche Annahme? Oder ist es dann nicht eine Lüge/Täuschung? [/B][/QUOTE] Also ob etwas "vernünftig" erscheint hängt häufig vom Zeitgeist ab und der unterliegt bekanntlich permanentem wandel. In der Wissenschaft gibt es viele Begriffe für bewußt falsche Annahmen, ceteris paribus z.B. man verändert einen Faktor und geht kontrafaktisch davon aus das dieses die anderen faktoren nicht verändert, was natürlich Humbug ist. Ein einfaches Beispiel, dem Herzen eines Menschen wird eine andere Funktion zugewiesen oder die Frequenz wird erhöht oder gesenkt und man geht davon aus, dass die anderen Organe darunter nicht zu leiden hätten. Jedem Mediziner stünden die Haare zu Berge aber in weiten Bereichen der Wissenschaft ist dies ein gängiges Forschungsprinzip um Hypothesen zu bilden und nachzurechnen. Die Lüge ergibt sich für mich erst beim Übergang in die Politik. In der Wissenschaft gibt es die tollsten Begriffe um solche "Lügen", die ja keine sind, wenn man auf sie aufmerksam macht zuzulassen. man sagt ja das man "kontrafaktisch" denkt. Will die Ergebnisse aber dann doch wieder als "Fakten" gelten lassen. Insofern hast Du allerdings recht. @LaChatte, eigentlich hast Du recht, aber wenn man nicht erklären kann warum etwas funktioniert, ...handelt es sich halt nicht um Wissenschaft. ;) never surrender demon17 |
| LaChatte | Mein hoch verehrter Physiklehrer vom Gymnasium hat in der allerersten Physikstunde erklärt: "Die Physik ist eine beschreibende Wissenschaft. Sie erklärt das WIE, aber nicht das WARUM"... und ähnliches gilt für die meisten Wissenschaften - vor allem dort, wo es um Lebendiges geht... Newton hat ja nicht erklären können, warum Planeten einander anziehen, er hat das nur beobachtet und berechnet, wie sie sich verhalten... Alle Wissenschaft geht mal von Beobachtungen aus - nur schon die richtigen Faktenzu kriegen (die richtigen Fragen zu stellen) , ist doch gar nicht so einfach - vor hundert Jahren ist es noch sehr wenigen in den Sinn gekommen, die Frage nach der speziellen Lage und Situation der Frau zu fragen, heute ist das ein verbreitetes Gebiet... Und wir können wohl nur schon froh sein, wenn einige WIEs geklärt werden, damit wir eine solide Basis haben, zu den WARUMs weiterzugehen. Und wegen Lüge - ich habe nicht das Gefühl, dass oft mit Statistiken und Zahlen bewusst gelogen wird - sondern nur, dass einer halt rasch "ein bisschen Material braucht, um meine Politik zu stützen", und dass da nicht sorgfältig genug vorgegangen wird. |
| Demon17 | @LaChatte Die Eremitierungsrede von Luhmann hieß: Was ist der Fall und was steckt dahinter? Ich denke doch, wir können auf das Warum, also die Theorie nicht verzichten, selbst wenn sich die Kausalitäten unübersehbar vernetzen. gerade die Physiker sorgen ja mit ständig neuen Theorien, z.B. in der astrophysik für permanentes Interesse an ihrer Disziplin...bis zu 23 Dimensionen, Urknalltheorie usw. Lehrer sind Lehrer und keine Wissenschaftler. Schließlich müssen sie die Theorien der Wissenschaft als Wahrheit "verkaufen". Schon aus pädagogischen Gründen. Warum sollten die Schüler denn vorläufiges Wissen lernen? Viele würden sich sicher weigern *g*. Oder hast Du in den Schulbüchern öfter den Hinweis gelesen, dass die Inhalte dem aktuellem Stand der Wissenschaft entsprechen und jederzeit als falsch erklärt werden können?;) never surrender demon17 |
| LaChatte | Ich muss sagen, dass gerade mein Lehrer und IMMER WIEDER zwischen die Unterschiede von Modell und Wirklichkeit hingewiesen hat - nur, wir habens nicht immer geglaubt. Ich will ja gar nicht auf das Warum verzichten - ich meine nur, dass wir so viele Warums eben noch gar nicht beantwortet haben und sind daran, sehr oft nur gerade unsere Beobachtungen irgendwie zusammenzustricken versuchen... |
| Selian | [QUOTE][i]Original geschrieben von Demon17 [/i] [B]Also ob etwas "vernünftig" erscheint hängt häufig vom Zeitgeist ab und der unterliegt bekanntlich permanentem wandel.[/b][/quote] Es gibt keine ultimative Vernunft, das stimmt. Aber man muß die Vernunft benutzen die einem zur Verfügung steht. Wenn ich selber denke das etwas unvernünftig ist dann ist die Vorraussetzung zur (wenn auch relativen) Vernunft für ein a priori nicht gegeben. [quote][b]In der Wissenschaft gibt es viele Begriffe für bewußt falsche Annahmen, ceteris paribus z.B. man verändert einen Faktor und geht kontrafaktisch davon aus das dieses die anderen faktoren nicht verändert, was natürlich Humbug ist. Ein einfaches Beispiel, dem Herzen eines Menschen wird eine andere Funktion zugewiesen oder die Frequenz wird erhöht oder gesenkt und man geht davon aus, dass die anderen Organe darunter nicht zu leiden hätten. Jedem Mediziner stünden die Haare zu Berge aber in weiten Bereichen der Wissenschaft ist dies ein gängiges Forschungsprinzip um Hypothesen zu bilden und nachzurechnen.[/b][/quote] Es ist klar das man in der Wissenschaft Dinge unter verschiedenen Aspekten untersucht und dabei auch unter wissentlich falschen Voraussetzungen prüft. Das ändert aber nichts daran das man weiß, das man unter falschen Annahmen prüft. Das heißt, der Untersuchende nimmt nicht wirklich an das es sich so verhält, sondern er unterstellt es nur für seinen Versuch. [QUOTE][i]Original geschrieben von LaChatte [/i] [B]Und wegen Lüge - ich habe nicht das Gefühl, dass oft mit Statistiken und Zahlen bewusst gelogen wird - sondern nur, dass einer halt rasch "ein bisschen Material braucht, um meine Politik zu stützen", und dass da nicht sorgfältig genug vorgegangen wird. [/B][/QUOTE] Wenn er weiß oder nur schon begründet annimmt, das die Statistik falsch ist, er sie aber dennoch für seine Zwecke benutzt, lügt bzw täuscht er. Weiß er nicht das sie falsch ist dann wußte er es halt nicht besser. |
| Demon17 | Wir werden wahrscheinlich immer nur vorläufige Antworten finden, denn jede Antwort wirft neue Fragen auf. Dein lehrer wusste schon warum er sich auf das Wie beschränkte. Zitat Seneca: [QUOTE]Es ist klar das man in der Wissenschaft Dinge unter verschiedenen Aspekten untersucht und dabei auch unter wissentlich falschen Voraussetzungen prüft. Das ändert aber nichts daran das man weiß, das man unter falschen Annahmen prüft. [/QUOTE] Zitat demon17: Das stimmt zwar aber:[QUOTE]Die Lüge ergibt sich für mich erst beim Übergang in die Politik. In der Wissenschaft gibt es die tollsten Begriffe um solche "Lügen", die ja keine sind, wenn man auf sie aufmerksam macht zuzulassen. man sagt ja das man "kontrafaktisch" denkt. Will die Ergebnisse aber dann doch wieder als "Fakten" gelten lassen. [/QUOTE] Außerdem sind diese auf kontrafaktischem Denken erworbenen Ergebnisse mit Vorsicht zu genießen, denn man kann einfach nicht abschätzen was sich sonst noch verändert und wie sich diese Veränderung auf die Forschungsergebnisse auswirken würden. Man Rät mehr als man weiss. never surrender demon17 |
| Selian | @Demon Mir ist der Unterschied zwischen Wissenschaft und Politik nicht klar. Für beide gilt doch, wenn ich auf die bewußt falsche Annahme hinweise dient es der Erklärung der Theorie. Wenn der Hinweis auf die bewußt falsche Annahme fehlt, ist es auch in beiden Bereichen eine Täuschung. Vielleicht noch mit der Ausnahme, man müße beim Gegenüber entsprechendes Fachwissen und somit ein Wissen um die falsche Annahme unterstellen, das ist aber ein sehr wackeliger Aspekt, den ich nur der Vollständigkeit halber nenne. |
| Demon17 | @Selian, in der politischen Debatte unterbleibt der Hinweis, das die Politik soweit sie sich auf Wissenschaft beruft, sich auf Theorien beruft, deren empirische Fundierung auf bewußt falschen Annahmen besteht, um angesichts der Komplexität des Forschungsgegenstandes überhaupt zu Ergebnissen zu gelangen. Da wird es dann zur Lüge. Aber das erwartet man ja schließlich, denn die Opposition wirft der Regierung eigentlich nach jeder Wahl Wahlbetrug vor. ;) Verdächtig wird es immer dann, wenn die Forschungsergebnisse genau in das politische Programm einer Partei passen, denn eigentlich basiert die Logik des Wissenschaftssystems auf der Leidifferenz wahr/falsch, die der Politik auf Macht/machtlos. Insofern dient die Kommunikation der Politik dem Zweck Macht zu erlangen, in der Wissenschaft sollte es um Wahrheit gehen. Wenn dann das Programm und die Ergebnisse der wissenschaftlichen Forschung sich nahtlos mit dem einer politischen Partei ergänzt ist vorsicht geboten, denn die Wahrscheinlichkeit das das auf Zufall beruht ist kleiner als 1 zu einer Million.;) schätz ich mal. Das gilt für links wie rechts und ist damit überparteilich *g*. never surrender demon17 |