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  Forum: Platz der Philosophen
    Thema: Nihilismus
IFOMein Basiswissen über diese philosophische Ausrichtung läuft leider nicht viel mehr über die gängige Lexikon Definition hinaus. Also sprich die Verneinung aller Werte, Ziele, Glaubensinhalte usw. Und das der Nihilismus bekanntlich die Sinnlosigkeit und Trivialität des Seins propagiert.
Aber was steckt noch dahinter?
SenecaEines habe ich bereits dazu gelernt, nämlich daß Diskussionen über Nihilismus, besonders mit Nihilisten, meist fruchtlos sind...!
IFODann können uns ja eventuelle Diskussionsteilnehmer/innen eines besseren belehren, oder? ;)
SchwarzbärDer Nihilismus geht davon aus, daß es wie Du oben schon beschrieben hast, es keine für uns greifbare Werte und vor allem Wahrheiten gibt. Es gibt mehrere Hebelpunkte hierbei.

Der eine ist die Erkenntnisstheorie generell (Objekt Subjekt Problem):
Da wir als Individuen immer einer subjektiven Wahrnehmung unterliegen, können wir zu keinen objektiven Wahrheiten gelangen.

Sprachsemantisch:
Unsere Sprache, selbst die reine Logik, gehorcht einigen a priori Urteilen, die (siehe 1) nicht als objektiv betrachtet werden dürfen und somit ebenfalls keine Wahrheit ergründen können.

Dies sind die zwei entscheidenden Hebelarme. Wenn Du sie einsetzt kannst Du alles und jeden ad absurdum führen. Sicherlich nicht besonders konstruktiv aber schon lange beliebt:
So schimpfte schon Platon auf philosophische Schulen, die es sich ausschließlich zur Aufgabe machten Gegenargumente zu liefern und eine konstruktive Diskussion (Platons Erkenntnissschlüssel) zu mißbrauchen, um seiner Meinung nach ihrem eigenen Geist zu schmeicheln. Daher betrachte ich sie als die Satanisten unter den Philosophen. "Verneinender Geist"....
SenecaIch zweifle deine Argumentationsweise an, sie basiert hauptsächlich auf Sprachlichen Präfixen, die eine wahrheitsgemäße Ausdrucksart unmöglich machen...!

Desweiteren entstammen deine Argumente alleien deiner persönlichen Wahrnehmung und sind somit zur Findung einer tatsächlichen Wahrheit, zumal voreingenommen, nicht brauchbar...!
LaChatteIst denn eine wahrheitsgemässe Ausdrucksart denn überhaupt möglich?

Der Mathematiker Gödel hat bewiesen, dass es unmöglich sei, alle mathematischen Axiome als wahr zu beweisen... und wenn nicht einmal die Mathematik ihrer selbst sicher sein kann, wer dann?

Die Folgerung daraus ist, dass wir die Wahrheit mit sprachlichen und logischen Mitteln nicht finden können - wenn es denn eine gibt, brauchen wir andere Werkzeuge dazu...
NARRatorer hat zwar bewiesen, das wir sie nicht ergründen können, was aber nicht heißt, das sie nicht existieren, eigentlich bewies er nur das unser geist beschränkt ist.

auch glaube ich das der nihilismus sich dann ja selbst verneinen müsste, weil er ja auch eine art glaubensrichtung ist, eben der glaube daran das man an nichts glauben sollte, beziehungsweise niemals die ganze wahrheit ergründen zu können...
darum glaube ich einfach das der nihilismus ein rückschritt ist, eine philosophie für feiglinge welche sich nicht trauen neuland zu betreten... schließlich stammt er auch aus einer zeit in der man versuchte sich auf alte werte zu besinnen und dem fortschritt sehr kritisch gegenüber stand, dem biedermaier...
Nihilx"Out, out, brief candle!
Life's but a walking shadow, a poor player
That struts and frets his hour upon the stage
And then is heard no more; it is a tale
Told by an idiot, full of sound and fury,
Signifying nothing." -- William Shakespeare


Es gibt mehrere Arten des Nihilismus von dem das am meisten bekannt wahrscheinlich das Existential Nihilismus ist.

Die Grundlagen für Nihilismus gehen zurück so weites wie uraltes Griechenland wo Demosthenes oder Empedocles schon die Leere sterblicher Existenz erkannt hatten und es ist eigentlich zuerst Populär geworden -durch Turgenev- in das Rusland vom neunzehnten Jahrhundert, wo es damals starke Verbindungen zur Anarchisten Bewegung von Mikhael Bakunin hatte.

Für die viele Leute aber ist das Nihilismus erst mit Nietzsche geboren. Der hat erklärt daß alle Werte leer sind und daß die Gesellschaft des wegen untergehen wird.

Im zwanzigsten Jahrhundert haben Leute wie Heidegger oder Spengler das Nihilismus von Nietzsche überprüft, vort gesetzt uns ausgebaut.

Ungefehr gleichzeitig gab es in Frankreich aber das Existentialismus von Sartre und Camus, das eigentlich das Nihilismus in viele Sachen sehr ähnlich war, aber vielleicht nicht ganz so negativ.

Für mich persönlich ist Nihilismus so interessant, weil wenn Sie es verwenden, verweigert es sogar seinen eigenen Wert, was -ironisch genug- seinen Wert wieder beweist.

Nah ja, ich kann noch lange darüber reden, aber das lasse ich lieber...
IFOVielen Dank für eure Beiträge, inzwischen habe ich einen etwas größeren Überblick, was den Nihilismus anbelangt.
NihilxEs ist nicht wirklich einfach für mich die Komplizierteren Sachen auf Deutsch zu erklären, aber wenn Sie über irgend etwas diskutieren möchten, können Sie mich auch eine Mail schicken.
NihilxWeiß ich nicht wirklich, bin halt ein bischen komisch heute.
Schwarzbär@NARRator: Du verwechselst glaube ich gerade Nihilismus mit dem teilweise auf ihn aufbauenden Atheismus. Dieser hat es sich zur Aufgabe gemacht ein Glaube zu sein siehe Nietzsches Gott ist Tod. Nihilismus hingegen ist eine sehr alte philosophische Richtung. Der Gedanke der Negation jeglicher Wahrheiterkenntniss ist fast so alt wie Theorien über Erkenntniss allgemein.
Demon17Der Nihilismus ist eigentlich die Opposition zur jeweils vorherrschenden philosophischen Lehrmeinung. Jedenfalls war er es bis Nietzsche so. In dieser Funktion entlarvt er die unbewiesenen Annahmen (a priori) der jeweiligen herrschenden Doktrin. (siehe Hegel.) Denn Philosophie hat normalerwweise immer auch einen politischen Hintergrund. Die bürgerliche, aufgeklärte Gesellschaft des 19. Jahrhunderts wurde praktisch durch den "Idealismus" der hegelschen Gedankenwelt legitimiert, inklusive Nachtwächterstaat. Insofern sind Nihilisten immer die Gegenspieler der Idealisten und das hat seine Berechtigung. Schließlich ist die Kulturkritik eines Nietzsche sehr weitsichtig gewesen. Die Brüchigkeit der philosophischen Konstruktion der bürgerlichen Welt in der Industrialisierung und ihre Ignoranz gegenüber den sozialen Fragen, ihre Toleranz der Monarchie und der neu entsstandene Nationalismus sind sicher Voraussetzung für die WKs des 20 Jrh. Auch wenn ich Nietzsche und Schopenhauer nicht als Sozialkritiker bezeichnen würde, so haben sie doch viele der bequemen Lebenslügen ihrer Zeit kritisiert und unter dem Willensbegriff, die Dynamik und damit auch die Risiken, die Unbestimmbarkeit des Zukünftigen wesentlich deutlicher erkannt als z.B. Hegel oder Kant.

Ob die Sophisten des alten Griechenlands nun als Nihilistén im modernen Sinne zu bezeichnen sind möchte ich mal dahingestellt lassen. Jedenfalls müssen sich die modernen Nihilisten, ich würde Neben Schopenhauer, Nietzsche, Heidegger, (Spengler?) auch Luhmann hinzuzählen den Vorwurf auf eine eigene Konstruktion verzichtet zu haben und sich in reiner Kritik zu ergehen nun wirklich nicht gefallen lassen. Der Nihilismus in seiner jüngsten Form leistet als Dekonstruktivismus wertvolle Beiträge bei der epistemologie, also der Entwicklung der Wissenschaftstheorie. Insofern sind alle die auf die Beschränktheit menschlicher Erkenntnisfähigkeit aufmerksam machen und diese untersuchen Nihilisten. Ich kann nur sagen, nach den Reinfällen mit den großen Ideologien des 20 Jahrh. ist das ein wertvoller (de-)konstruktiver Beitrag.

think twice its magic

demon17
tristanHi,

ich würde unbedingt noch Nietzsche-Vorgänger Max Stirner ("Ich hab' Mein Sach' auf Nichts gestellt", "Mir geht nichts über Mich!") aus "Der Einzige und sein Eigentum", 1844/45), und Emile Cioran ("Ich bin ein sinnleerer Mensch und bedaure es keineswegs, vom Sinn entbunden zu sein. Und weshalb sollte ich es auch bedauern, wenn mein Chaos nur Chaos gebiert?", aus "Auf den Gipfeln der Verzweiflung", 1997) zu den Vordenkern des Nihilismus rechnen!
Ebenso (jedenfalls teilweise) Ernst Jünger mit seinem auf den Lehren Stirners und Nietzsches aufbauenden Konzept des "Anarchen" ("Der Waldgang", "Eumeswil").

Dark Greetings
HekateSeleneEs gibt gar keine wirkliche Definition des nihilismus. Ich habe mich an meinem Abitur damit auseinandergesetzt. So gibt es verschiedene Arten des Nihilismus. Ich bevorzuge den Literarischen: In Turgenjevs "Väter und Söhne" ist er Hauptthema. Lies es, wenn es dich wirklich interessiert
Enochian[QUOTE][i]Original geschrieben von HekateSelene [/i]
[B]Es gibt gar keine wirkliche Definition des nihilismus. Ich habe mich an meinem Abitur damit auseinandergesetzt. So gibt es verschiedene Arten des Nihilismus. Ich bevorzuge den Literarischen: In Turgenjevs "Väter und Söhne" ist er Hauptthema. Lies es, wenn es dich wirklich interessiert [/B][/QUOTE]
:cool:
Ich hab jetzt ne`Weile den Thread verfolgt. Das Ganze erinnert mich an eine asiatische Geisteshaltung : Zen
Aber mal abgesehen davon. Der Grundgedanke einer allumfassenden Wahrheit macht mir schon Bauchschmerzen da dies einen allumfassenden Blick auf die eigene und die objektive Realität voraussetzt. Und eine solche Voraussetzung ist nicht möglich ....oder ?

Enochian
dergrukler:rolleyes:
WinterWolfNihilismus ist so eine Sache... man kann den Nihilisten Perspektivenlosigkeit vorwerfen, doch wenn man aus ihrer Sicht agiert, so hat das für jene keine Bedeutung.

Es gibt viele Nihilisten meines Wissens und vor allem meiner Erfahrung nach, die im Grunde ihres Herzens Perfektionisten sind, die nie einen endgültigen Schluss treffen, wenngleich sie immer auf einem bestimmten Erkenntnisstand verweilen und von dort aus versuchen auf die nächste Ebene zu kommen...
Yami no Matsueials lesetipp kann ich auch "der ekel" empfehlen, hab leider vergessen von wem das geschrieben wurde, aber ich finds gut +g*
Dr. NihilDer Ekel ist von Jean Paul Sartre.
Mayane[QUOTE][i]Original geschrieben von HekateSelene [/i]
[B]Es gibt gar keine wirkliche Definition des nihilismus.[/B][/QUOTE]

Ja, den Eindruck könnte man gewinnen, wenn man diesen Thread verfolgt.
Ich habe schon mehrmals versucht, diese Definition aus Menschen, die sich selbst als Nihilisten bezeichnen, herauszukitzeln und bin bisher immer kläglich gescheitert. Nur irgendwas mit "Nichts" kam immer, aber so weit wär ich dann auch allein gekommen.

Ich glaube, ich muss dumm sterben.....
wielhoban[QUOTE][i]Original geschrieben von Demon17 [/i]
[B]Jedenfalls müssen sich die modernen Nihilisten, ich würde Neben Schopenhauer, Nietzsche, Heidegger, (Spengler?) auch Luhmann hinzuzählen den Vorwurf auf eine eigene Konstruktion verzichtet zu haben und sich in reiner Kritik zu ergehen nun wirklich nicht gefallen lassen. Der Nihilismus in seiner jüngsten Form leistet als Dekonstruktivismus wertvolle Beiträge bei der epistemologie, also der Entwicklung der Wissenschaftstheorie. Insofern sind alle die auf die Beschränktheit menschlicher Erkenntnisfähigkeit aufmerksam machen und diese untersuchen Nihilisten. [/B][/QUOTE]

Wenn Heidegger als Nihilist eingestuft wird, dann muß er allerdings in einer anderen Kategorie sein als Nietzsche oder Schopenhauer. Sein ontologischer Nihilismus tastet eher nach einem Nichts wie man es sowohl in kabbalistischen als auch in buddhistischen Lehren umrissen findet (und die Verwandschaft zum fernöstlichen Gedankengut äußerte sich nicht erst mit Unterwegs zur Sprache). Man erkennt hier in der Tat seine theologische Herkunft, die zu einer deutlich anderen Anschauung führt als die Antireligion eines Nietzsche, der das Ästhetische an Gottes Stelle gesetzt hat.

Luhmann als Nihilist? Das ist mir neu - könntest Du ein wenig erläutern...?

"Insofern sind alle die auf die Beschränktheit menschlicher Erkenntnisfähigkeit aufmerksam machen und diese untersuchen Nihilisten."

Nein - zum Beispiel ist dies ja auch eine Grundannahme in der Theologie, bes. der negativen Theologie (die man ja vielleicht als eine mystifizierte Spielart des Nihilismus betrachten könnte). Außerdem findet man beim späten Wittgenstein teilweise gequälte post-positivistische Überlegungen zu ebendiesem Thema. Und Adornos Husserlkritik führt auch nicht zum Nihilismus...die Liste ist lang.
EskapistZum Thema Luhmann als Nihilist ist meine Ansicht die Folgende:

Luhmann verneint Ontologie, also die Lehre vom Sein, als unbrauchbares (alteuropäisches) Erkenntnisinstrument. Seine Systemtheorie strebt in letzter Konsequenz nach der "Auflösung aller ontologischen Konstanten" (Luhmann, Niklas (1974): Funktion und Kausalität, in: ders.: Soziologische Aufklärung 1. Aufsätze zur Theorie sozialer Systeme, 4. Aufl., Opladen, S. 9-30,
S. 15).

Alle Seinsaussagen sind nach Luhmann immer nur Aussagen eines Beobachters, der niemals einen oparativen Zugriff auf seine Umwelt hat. Menschliche Gedanken knüpfen eben z.B. immer nur an Gedanken an, ohne jemals operativ in ihre Umwelt hinauszugreifen. Ebensowenig dringt die Umwelt direkt in das Bewußtseinssystem ein.

Wahrheit, Werte, Interessen, Realität. All das sind soziale Konstruktionen, welche von sozialen Systemen konstruiert werden, und ihre [I]eigenen[/I] Operationen anleiten.

Über die Welt "als solche" sagen sie nicht das Geringste aus. Aber Luhmanns Nihilismus endet nicht in Hofnungslosigkeit (welche - wohl gemerkt - ebenfalls nur eine Konstruktion ist). Stattdessen empfiehlt er die vollständige Akzeptanz des Konstruktivismus als Erkenntnisprinzip. Das heißt: Umstellung von Was (Seins-)Fragen auf Wie(Konstruktions-)Fragen.

Natürlich sind all diese Aussagen auch nur die Aussagen eines Beobachters. Sie beanspruchen keine ontologischen Status. So kommt die Systemtheorie Luhmanns in sich selbst vor und wird zur wahren (sic!) Universaltheorie, weil all ihre Aussagen auch für sie selbst gelten.

Preisfrage: Müssen Universaltheorien zwangsläufig nihilistisch sein?

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