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  Forum: Platz der Philosophen
    Thema: Individualisierung - gut oder schlecht?
InnominataNatürlich muss ich schon am Anfang vorwegnehmen, dass es zu rudimentär wäre, diese Frage mit gut oder schlecht zu beantworten.

Sein Leben und sein eigenes Ich so zu gestalten, wie man möchte ist schon eine grosse Errungenschaft der Moderne in der westlichen Welt. Individualität ist von mir persönlich mehrheitlich als positiv zu bewerten. Doch gibt es auch Grenzen? Führt es auch zu einer Vereinzelung des Menschen? Vor allem bei Jugendlichen lässt es sich gut beobachten. Viele suchen die Gesellschaft derjenigen, die zum Beispiel den gleichen Musikstil bevorzugen (und dem Musikstil passende Kleidung) um einer Gemeinschaft zugehörig zu sein, sonst scheinen sie völlig desorientiert. Mit der Multioptionsgesellschaft sind viele überfordert. Dazu die steigende Zahl der Depressiven und anderen psychisch erkrankten Menschen. Sind das Zeichen einer falschen Fährte?

Welche Gedanken kommen euch auf?
Simon KernoucIch weiß nicht, ob es tatsächlich mehr Depressive gibt oder ob mittlerweile nur die Diagnose leichter gestellt wird.

Dabei ist meiner Meinung nach vieles, was heutzutage als Individualisierung verkauft wird, eigentlich ein Akt der Uniformierung. Ein Beispiel dafür sind die Jugendszenen, deren Mitglieder alle einen bestimmten Dresscode befolgen (Punks, Rapper usw...).
Wenn ich es mir genau überlege, hat die Individualität, gemeint ist hier echte Eigenständigkeit, eher abgenommen. Die meisten Menschen sind von den Medien so ferngesteuert, dass sie selbst nicht einmal mehr merken, wie sehr sie manipuliert werden.
Amokpüppchenindividualität ist, glaube ich, wie alles andere auch, eine sache der definition. ich denke man kann einen menschen als "ganzes" nicht als individuell bezeichnen, höchstens seine verhaltensweisen in bestimmten situationen oder zum teil auch seine gedanken, wobei das auch schon wieder wegfällt, weil nicht nachweisbar.
ansonsten sind menschen nun mal gleich.
Amaunetich denke das die gesellschaft im allgemeinen es einem nicht besonders leicht macht individualität zu entwickeln. dafür ist is viel zu intollerant. es ist ja so das die gesellschaft eine genaue vorstellung vom "perfekten Bürger" hat und so gut wie jeder der keinen eigenen stil hat versucht diesem "vorbild" nachzueifern. wenn jetzt jemand kommt und z. B. das trägt was er persönlich für schön findet was jetzt aber nicht dem perfekten bild entspricht, wird dieser schon als "anders" geschimpft. leider ist es einfach so, das viele genau davor angst haben - als Anders bezeichnet zu werden also gehen sie den weg des geringsten wiederstandes und schwimmen mit dem strom mit. ich denke einfach wenn die gesellschaft nicht so intollerant wäre, dann würden viel mehr individuell leben.
LuniaIndividualität als solche finde ich auf jeden Fall extrem wichtig, weil Menschen nun einmal unterschiedliche Wünsche, Vorstellungen, Interessen, Meinungen usw. haben. Es wäre doch einfach schade, wieder in einer Gesellschaft zu leben, in der es sehr feste Regeln gibt, was man zu tun, zu sagen und zu denken hat. In einer Gesellschaft, die Indiviualität erlaubt, kann jeder die einzelnen Facetten seiner Persönlichkeit ausleben (so lange sie nicht gegen die Rechte anderer verstoßen). Eine Gesellschaft ohne Vorurteile und Diskriminierung wird es wohl nie geben, das ist wohl eine Utopie. Aber in unserer Gesellschaft hat fast jeder die Möglichkeit, andere Menschen zu finden, die ähnlich eingestellt sind und sich ähnlich verhalten, wie er selbst. Vollständige Individualität halte ich selber nicht für gut, denn es gibt einige Grundregeln, ohne die gesellschaftliches Zusammenleben unmöglich ist. Man muss aufpassen, dass Individualiltät nicht in Egoismus ausartet. Allgemein bin ich aber der Meinung, jeder soll tun, was er möchte, so lange er keinem anderen schadet.
In unserer Gesellschaft gibt es aber inzwischen eine solche Fülle von Möglichkeiten, Werten und Meinungen, dass es bestimmt für einige schwierig ist, sich zu orientieren. Und ich könnte mir auch vorstellen, dass es deswegen auch so viele unterschiedliche Subkulturen gibt. Das sind quasi kleine Gesellschaften für sich, in der es überschaubare Verhaltensregeln usw. gibt, was einem Sicherheit vermitteln kann.
InnominataIch nehme zwei Gegensätze als Beispiel:

Nordkorea - Habt ihr schon mal diese Massenaufführungen der Kinder gesehen? Die Kinder wirken gespenstisch. Die Gefühle und Gedanken scheinen vom Regime vorgegeben zu sein, als wären sie Maschinen, die programmiert worden sind.

"Westen" - Das Streben nach Selbsterfüllung, ich, ich, ich....
Ich glaube davon sind wir noch weit entfernt. Überall erscheinen Ratgeber und Ratschläge in Zeitschriften, welche Anregungen geben, wie man sich selbst erfüllen kann.
Es scheint, dass die Menschen es nicht mehr von allein schaffen, weil sie überfordert sind von allen Möglichkeiten.
Wenn es keine Werte mehr gibt und alles liberalisiert ist, woran kann man sich noch festhalten? Braucht der Mensch von Natur aus einen kleinen "Wegweiser"?
InnominataIch stimme mit Lunia überein.
Skywiseden letzten posts kann ich mich nur anschließen. in unserer westlichen überwiegend mediengsteuerten gesellschaft, ists für ein individuum (denn jeder mensch ist von natur aus individuell) sehr schwer, sich für etwas zu "entscheiden". entscheiden in anführungszeichen, weil man sich für einen lebensstil oder individualisierung nicht entscheiden sollte. individuell als eigentschaft ist natürlich und angeboren, wird allerdings schon sehr früh untergebuttert, von eben dieser gesellschaft. der mensch verändert sich normalerweise ständig. und diese unbeständigkeit macht auch die unsicherheit aus, die viele haben. es gibt fast keine menschen, die sich nie geändert haben und immer so waren wie sie sind. diese konstanten fehlen meiner meinung sehr.
es kommt auch eine neue frage auf: ist es möglich, in einer gesellschaft/einem kulturkreis wirklich individuell zu sein? es gibt doch immer normen und regeln, nach denen die menschen leben. ich meine jetzt nicht die elementaren ethischen, sondern die kulturspezifischen. bei einem naturvolk wäre es zB meinetwegen die sitte, dass man nicht in einen anderen stamm reinheiraten darf... wenn man dies tut wird man ausgestoßen, verbannt was auch immer. ist es nicht so, dass WIRKLICHE individualität nur möglich ist, wenn ein mensch allein lebt, ohne einer gesellschaft anzugehören...? hm ok, ist schon ne andere dickussion, aber trotzdem interessant :p
BlackDragonEine Gesellschaft, in der von dieser keine Richtlinien zum Verhalten und keine Werte vorgegeben werden, eine radikal pluralistische Gesellschaft, halte ich für gefährlich und nicht umsetzbar. Der Mensch ist ein soziales und gruppenfähiges Wesen und für das Zusammenleben und Agieren in Gemeinschaften, ist ein allgemeingültiger und -anerkannter Verhaltenskodex und Wertekonsens von Nöten. Ist dies nicht der Fall, so wird nicht nur das Miteinander aus sicherlich verständlichen Gründen um ein vielfaches erschwert, es kann und wird auch passieren, dass Einzelne die Orientierung in der Gesellschaft verlieren.
Als Beleg verweise ich auf die Untersuchungen von Emile Durkheim zu den Selbstmordraten und -arten in verschiedenen Epochen, aus denen hervorgeht, dass der anomische (d.h. aus dem Verlust der gesellschaftlichen Eingliederung resultierende) Selbstmord nicht nur in Epochen sozialen Umbruchs, sondern auch in Zeiten extremer Säkularisierung extrem hohe Quoten aufweist.

Aus der Tatsache, dass eine solche Richtlinie in einer dauerhaften Gesellschaftsordnung nötig ist, ergeben sich die Fragen, wie weit diese Richtlinien in die persönliche Entscheidungsfreiheit eingreifen und wie ein Verstoß gegen sie sanktioniert werden muss. Diese Fragen sind mir jetzt aber zu spezifisch, um sie in diesem Beitrag und um diese Uhrzeit noch weiter auszuführen.

Als dritten und momentan letzten Punkt möchte ich anfügen, dass eine pluralistische Gesellschaft einen aufgeklärten und mündigen Bürger fordert, der in dieser seinen Weg finden kann und insofern sollte man auch die Frage stellen, ob überhaupt alle Menschen fähig zum Individualismus sind...

Als Faustregel sollte also gelten: So viel Freiheit, wie möglich, so wenig (aber doch genug) Reglement, wie nötig.
ShadowMatterEin ziemliches Dilemma: Einerseits will sich der Mensch von Natur aus in eine Gruppe integrieren, er ist als Herdentier auf die Adaption des Verhaltens seiner Mitwesen angetrieben. Andererseits stehen die Normen und Werte seiner Gesellschaft häufig im Konflikt mit seinen eigenen, ihm innewohnenden Bedürfnissen. Das Leben in der Gruppe ist zu seiner Natur zugleich konform wie auch zuwider.

Ich denke, der Grundansatz des Liberalismus ist es, den Menschen so weit wie möglich von sozialen Zwängen zu befreien, ohne die gesamte Gesellschaft zum Einsturz zu bringen. Und damit kann man IMO recht fahren.

Man kann man natürlich darüber diskutieren, ob in einer liberalen Gesellschaft die Zwänge nicht einfach nur unter die Oberfläche gekehrt werden.

mE schließt der Liberalismus auch einen gewissen Individualismus ein. Jeder soll so leben wie er will. Wenn ein Mensch dass Bedürfniss hat, sich "einfach nur so" von der Gesellschaft abzusetzen, so hab ich nix dagegen. Soll jeder tun wie er will.
Lunia@BlackDragon: So viel Freiheit wie möglich, so viele Regeln wie nötig! Das gefällt mir!

Der Symbolischen Interaktionismus (eine Theorie aus der Soziologie) besagt, dass ein demokratischer Charakter dann entsteht, wenn sich Personalidentität (die eigenen Wünsche werden berücksichtigt) und die Sozialidentität (hierbei werden die Erwartungen der anderen berücksichtigt) die Waage halten. Wenn das nicht der Fall ist, entsteht entweder ein passiv autoritäter Charakter (die Personalidentität ist zu wenig ausgeprägt, der Mensch richtet sich zu sehr nach anderen) oder der aktiv autoritäre Charakter (die Sozialidentität ist zu wenig ausgeprägt, der Mensch achtet zu wenig auf die Erwartungen der anderen).
Diese Theorie passt hier meiner Meinung nach ganz gut hin...
BlackDragonSymbolischer Interaktionismus...das war George Herbert Mead oder verwechsel ich da jetzt was?
Also wenn ich mich recht an die Theorie erinnere, dann kann man die Individualismus-Frage schön an der symbolisch vermittelten Interaktion festmachen, da ja zur Entwicklung der und Verständigung über die Symbole, eine Metakommunikation auf gesellschaftlicher Ebene notwendig ist...

Weiterhin ist ja (nach Mead) die Entwicklung der Persönlichkeit und Individualität ohne die Gesellschaft nicht möglich, da die Persönlichkeit erst durch das "Me" gebildet wird. (Me= Übernahme von durch die Gesellschaft dargebotenen Rollen) Ohne dieses bestünde die Persönlichkeit nur aus spontanen, impulsiven Reaktionen und unbewusstem Reagieren...
Lunia@BlackDragon: Das was du da schreibst, ist mir neu, aber ich habe vom Symbolischen Interaktionismus auch nur im Zusammenhang mit der Ich-Identitätsbildung gehört. Zuerst wird die Situation definiert, in der man sich befindet, dann werden die Erwartungen der anderen geprüft, anschließend fragt man sich, was man selber eigentlich will und in einem vierten Schritt versucht man, beides in Einklang zu bringen.

Ich finde es unnötig, ohne Sinn und Verstand um jeden Preis provozieren zu müssen und ständig mit dem Kopf durch die Wand zu rennen, aber meiner Meinung nach sollte man auch nichts tun, was einem absolut widerstrebt, sondern dann auch ruhig individuell sein und das tun, was man selber für richtig hält. Und das sollte man auch dann tun, wenn die breite Masse anderer Meinung ist. Im dritten Reich hat es wohl ein paar zuviele passiv autoritäre Charaktere gegeben...
KatzenaugÜbrigens werden Persönliche und soziale Identität von der Gesellschaft gefordert. Sie verlangt also einerseits, dass man sich ganz individuell und einzigartig verhält und andererseits wie auch alle anderen handelt. Dieser Anakonismus ist eine Ursache für die bereits angesprochenen Depressionen. Von vielen Soziologen wird eine hohe Depressionsrate als Zeichen für einen Missstand in der Gesellschaft angesehen.
Jetzt noch mal den schönen Begriff Indivituation einbringen *g*. Nuber verfasste ein Buch zu diesem Thema ("Die Egoismus-Falle"), das ich für auszugsweise sehr lesenswert halte. Sie bringt halt den Begriff der Indivituation als besseres GEgenstück zur Individualisierung, da in ihr neben den persönlichen Wünschen auch die Erwartungen der Umwelt und die Fähigkeit, am Leben Anderer teilnehmen zu können, mitinbegriffen sind.
so, ich könnt jetzt noch mehr abschweifenden Senf dazugeben, aber ich belasse es mal dabei ;)
MagnusCaudar(BwIndividualiesierung wird nur zu teil in der Gesellschaft toleriert . Individualität fördert Kreativität und diese ist schlecht für jedes System ... Kreative Menschen lassen sich schwerer kontrollieren

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