| Simplex | Hallo Zusammen, ich hätt eine kurze Frage an alle, die sich speziell mit Kant auskennen. War Kant ein Verfechter oder Gegner der Todesstrafe? Soweit ich weiß, hat Kant nur zwei Prinzipien vom "kategorischen Imperativ" abgeleitet, das "absolute Lügenverbot" und das "absolute Tötungsverbot". Ergo wäre er ein Gegner der Todesstrafe. Nun behauptete ein Freund von mir in einer Diskussion über die Todesstrafe, Kant sei ein Befürworter gewesen. Seltsamerweise steht das auch so bei Wikipaedia: [URL=http://de.wikipedia.org/wiki/Todesstrafe#Vergeltung]Siehe hier[/URL] was ist nun eigentlich richtig? vielen dank vorab, Simplex |
| Xenomorph | Kant war Moralist mit christlich geprägtem Hintergrund und erklärter Anhänger des preußischen Obrigkeitsstaates... und damit selbstverständlich auch, wie alle Moralisten, ein Befürworter der Todesstrafe... |
| judgedredd | Die meisten Philosophen der Aufklärung waren Befürworter der Todestrafe! |
| Xenomorph | [QUOTE][i]Original geschrieben von judgedredd [/i] [B]Die meisten Philosophen der Aufklärung waren Befürworter der Todestrafe! [/B][/QUOTE] Genau. Deshalb war die "Aufklärung" eigentlich gar keine Aufklärung, sondern säkularisierter christlicher Moralismus...Moralismus ohne Gott...man ersetzte den christlichen Begriff "Gott" als höchstes Prinzip, von dem sich alles "moralische"Handeln herleiten lässt, einfach durch den bürgerlichen Begriff "Vernunft"...fertig war die "Aufklärung"... |
| judgedredd | He, he, na ja, sei nicht so streng zum Glauben....Ich meine andere Zeiten, anderes Wissen, andere Horizonte! GRuß |
| Xenomorph | ...Nur hat die sogenannte Aufklärung eben keine wirklich neuen Horizonte eröffnet, sondern lediglich den christlichen Moralismus auf eine neue Grundlage gestellt...als die Bourgeosie infolge der Aufklärung schliesslich als neue Ausbeuterklasse zur Herrschaft gelangen konnte, und der feudale Ständestaat durch den Klassenstaat des Kapitals ersetzt wurde, übernahm die Bourgeoisie das ethische Gefüge des Christentums in seinen Grundzügen, und brachte es in eine dem Wesen und den Bedürfnissen der Bourgeoisie als neuer Ausbeuterklasse angemessenere Form...insbesondere wurde der Begriff "Gott" daraus entfernt...Bürgertum ist nichts anderes Christentum ohne Gott... |
| Varda | Also im Spiegel-Sepcial "Weltmacht Religion" wurde mit dem kategorischen Imperativ begründet, dass er gegen die Todesstrafe war. Ich fand das eigentlich logisch, aber ich kenne sonst zu wenig von Kant um das jetzt für absolut erklären zu wollen. |
| Xenomorph | [QUOTE][i]Original geschrieben von Varda [/i] [B]Also im Spiegel-Sepcial "Weltmacht Religion" wurde mit dem kategorischen Imperativ begründet, dass er gegen die Todesstrafe war. Ich fand das eigentlich logisch, aber ich kenne sonst zu wenig von Kant um das jetzt für absolut erklären zu wollen. [/B][/QUOTE] Offenbar gibt es verschiedene Ansichten darüber, ob er dafür oder dagegen war...ich halte die Version, dass Kant ein Befürworter der Todesstrafe war, jedoch für glaubhafter...ich bin auch kein Kant-Kenner, doch ich denke, dass der kategorische Imperativ nur für den "Normalsterblichen" gilt...die Todesstrafe wird jedoch immer von den Herrschenden, also dem Staat, befohlen...und die Herrschenden sind nach traditioneller christlicher Auffassung stets von Gott zum Herrschen auserwählt worden...stehen somit in der Hierarchie des christlichen Weltbildes über einem ausschliesslich vom Menschen geschaffenen "Recht"...so hat bereits Luther vor diesem Hintergrund 1525/26 gegen die aufständischen Bauern gegeifert, die sich gegen fürstliche Tyrannei, Zwangsabgaben und Leibeigenschaft aufgelehnt haben...und nach deren Niederlage sogar den Massenmord an den Bauern und die anschliessende Blutjustiz der siegreichen Fürsten bejubelt... |
| Fayve | [QUOTE] Kant war Moralist mit christlich geprägtem Hintergrund und erklärter Anhänger des preußischen Obrigkeitsstaates... und damit selbstverständlich auch, wie alle Moralisten, ein Befürworter der Todesstrafe...[/QUOTE] das ist wohl alles ein bisschen zu selbstverständlich... [QUOTE]Offenbar gibt es verschiedene Ansichten darüber, ob er dafür oder dagegen war...ich halte die Version, dass Kant ein Befürworter der Todesstrafe war, jedoch für glaubhafter...[/QUOTE] wenn man sich den kategorischen Imperativ vor Augen führt sollte man eigentlich nur zu einer Ansicht kommen und zwar zu der das Kant strikt gegen die Todesstrafe ist. [QUOTE]doch ich denke, dass der kategorische Imperativ nur für den "Normalsterblichen" gilt...[/QUOTE] Das ist falsch. Die Maximen die man mit dem kategorischen Imperativ für sich selbst setzt müssen auch für alle anderen vernunftfähigen Wesen gelten können. Entscheidungskriterium wer hier zu berücksichtigen ist ist die Vernunftfähhigkeit und nicht der Rang in der Staatshierarchie. Es gibt verschiedene Versionen des kategorischen Imperativs. Eine von ihnen: „Handle so, dass du die Menschheit sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden anderen jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchst.“ Diese Version spricht auch sehr gegen die Todesstrafe , würde ich sagen. In der Todesstarfe wird die Wegnahme des Menschlebens zum Mittel der Strafausübung.(Mensch = Mittel) [QUOTE]In deren Philosophie hat sich vor allem Immanuel Kant für die Todesstrafe ausgesprochen, weil Mord eine qualitativ adäquate Vergeltung verlange (Wikipedia)[/QUOTE] Das ist Unsinn. Adäquate Vergeltung ist eine primitive Zahn-um-Zahn-Ethik die sich im kategorischen Imperativ nicht wiederfindet. Aus dem kategorischen Imperativ folgen Rechte und Pflichten. Rechte die auch Mörder schützen, denn sie gelten auch als vernunftfähige Wesen. |
| Simplex | vielen dank für die infos an alle, besonders an fayve, dass sie mich bestätigt hat;) |
| RockosHund | [QUOTE][i]Original geschrieben von Fayve [/i] [B]wenn man sich den kategorischen Imperativ vor Augen führt sollte man eigentlich nur zu einer Ansicht kommen und zwar zu der das Kant strikt gegen die Todesstrafe ist.[/B][/QUOTE] Ich kenne zwar Kant nicht besonders, aber ich würde es auch so sehen. Ich würde es allerdings mit dem "Wert ansich" begründen, den nach Kant jeder Mensch hat. Danach darf ein Mensch nie Mittel sondern soll immer Zweck einer Handlung sein. Die Ausführung einer Todesstrafe lässt damit nicht vereinbaren... |