| fluchtraum | [b][u]SONETTE FÜR DIE NÄCHSTE SCHICHT[/u][/b] [i] Alyander gewidmet[/i] "Alles nur künftige Ruinen, Material für die nächste Schicht..." [i]- Einstürzende Neubauten, 'Die Befindlichkeit des Landes'[/i] |
| fluchtraum | [u]I. Horizont[/u] Hier herrscht kein Grau, nein, grün ist hier die Welt Im kühlen Schatten ungeschnitt'ner wilder Hecken Ein Vogelschwarm durchzieht krächzend das Himmelszelt Perlmutt'nen Träumen gleich schleichen die Weinbergschnecken Fort aus der Stadt, die silhouettenhaft lauert am Horizont Hat mich ein taubedeckter Weg hinauf geführt wo noch die Illusion des Unbebauten wohnt Als wäre dieser Platz von Menschen nie berührt Doch eine Deponie war einst der grüne Ort Und Müll verrottet unter Wurzeln immerfort aufgeschichtet einst wo Wind rauscht heut' in Bäumen Und ebenso ist's mit der stolzen hohen Stadt Die manche Schicht schon unter sich begraben hat Schichten aus Menschen und Ruinen, vergess'ner Not und Träumen [u]II. Babylon[/u] Auf den Mauern dieser Stadt erscheinen fiebrig Zeichen Kryptisch und drohend wie vergessene Visionen Auf ärmlichen Ziegeln und dem Spiegelglas der Reichen Gesprayt auf Kirchenwände und U-Bahn-Stationen Insektenhaft schleichen sie sich in jede alte Gasse Niemand kann ihr verschlung'nes Muster ignorieren Auf das ein jedes müde Auge sie erfasse Ohne die Botschaft ihrer Schleifen zu entwirren Drohend erscheinen die Grafitti mir zuweilen Symptome eine Stadt, die längst nicht mehr zu heilen Es liegt die Trauer eines Fiebertraums darin All diese entropischen Werke, deren Schöpfer unerkannt Verbinden sich im Geiste und scheinen dem Verstand Als mene mene tekel uparsin [u]III. Untergrund[/u] Zuerst war nichts zu spüren denn ein Hauch, ganz zart, dem Atem einer Banshee gleich, der aus dem Tunnel drang Dann huschte matt Scheinwerferlicht das Gleis entlang Und durch Beton spürt' ich die ferne Vibration der Fahrt Doch plötzlich, gleich einem Geschoss von großer Wucht, bog um den Tunnelknick der schwere, schnelle Zug die angestaute Luft, die er wie Donner vor sich trug, riß an Kleidern und Haar gleich einer ungestillten Sucht Mit dem Schrei überlasteter Motoren kam die Bahn zum Halt Ich jedoch stand erschüttert von der stählernen Gewalt Die Stund' um Stund' das Erdreich selbst durchsprintet Hier unten, hier tief unten in den endlos langen Gängen landet ein jeder Müll und Mensch, den die Stadt will verdrängen doch bei dem Schrei der Bahn sie Frieden nimmer findet [u]IV. Plan[/u] Durch diese Stadt im Omnibus war lange ich gefahren Bis auch das letzte Tageslicht am Horizont erloschen war Und all die Bauwerke, die mir Symbole waren, Boten gleich einer Bilderschrift sich meinen Blicken dar Ich sah die schmutz'gen und verdrängten Gassen Wo Finger gierig kaufen Fleisch und weißen Staube Sah majestät'sche Häuser Plätze streng umfassen Und drohend wunderschön - der Stein geword'ne Glaube Da hörte einen Fremden, der im Busse saß von mir nicht weit Klagend ich sprechen von der Stadt' Unmenschlichkeit Ungestüm fasst' ich ihn am Kragen und rief laut: "Erkenn' dich selbst in rotem Licht und Stacheldraht, in Kathedrale, Hochhaus, jeder Gasse dieser Stadt: Sie ist ein Plan des Menschengeists, in Stein erbaut!" [u]V. Lärm[/u] Vielstimmig ist der Lärm der Stadt bei Nacht und Tag, Das metall'ne Dröhnen der Maschinen und Schwerindustrien, Der endlosen Fahrzeugkolonnen auf Asphaltbelag Während Flugzeuge donnernd ihre weissen Streifen zieh'n Und weder Ruh' noch Pause ist dem Mensch vergönnt Der lebt inmitten dieses Tosens, unerbittlich laut, Der sich sehnt, das aller Lärm verstummen könnt Wenn wie betäubt er in den grauen Abendhimmel schaut Doch würde all der Lärm die Ohren nicht mehr Stören So könnt' ganz anderes er unvermittelt hören: Das Klagelied des Heimatlosen, den verlies das Glück Das Weinen eines Kindes, das nimmermehr wird lachen Das hilflos-matte Stöhnen der Verzweifelten und Schwachen - sofort wünscht' er den Lärm, der ihn betäubt, zurück! [u]VI. Totentanz[/u] Schwankenden Schritts, so kam er durch die Unterführung Die schlanke Hand auf den wunden Arm gepresst Wo schmutz'ger Nadelstich rot-violett die Haut erblühen läßt Passanten sahen fort, voll Furcht vor giftiger Berührung Eine Strähne seines schwarzen Haars war ins Gesichte ihm gefallen Das fiebrig mir schien und bleich im fahlen Neonlicht Auch ich wandt mich rasch ab, als gewahrte ich seiner nicht Als er die schönen Hände reckte mir, verkrümmt zu Bettlerkrallen Doch ist ein Teil des kränklich-schönen Bilds in meinem Geist verblieben Und wird nun in penibler Form besungen und beschrieben Bald auch gelesen werden aus sicherer Distanz Dies wird niemandem helfen, wird nichts lehren Nutzt nicht ihm zu Gedenken, noch meinen Ruhm zu mehren Ist nur zum Zeitvertreib ein weit'rer Totentanz [u]VII. Erinnerung[/u] Nur Unkraut wuchert, wo das Haus einst sicher stand den Menschen Heimat bot und Schutz vor Witterung Über dem Grundstück brütet öd' Verbitterung Erinnerung und Schutt zerfall'n zu Staub und Sand Die gezielte Gewalt gelblackierter Maschinen Hat gleichgültig geschliffen Stein um Stein riß, stählernen Zyklopen gleich, die Wände ein vergess'nes Spielzeug lag noch immer zwischen ihnen Am Zaun steht einsam eine kindliche Gestalt Den Platz betrachtend aus Augen, die zu alt die grausamen Triumph tragen in ihrem Blick Es lacht und weint nicht, denn es weiß, was dort geschah Daß dieses Haus nur Illusion von Schutz und Heimat war Wo einst wurde zerstört ihr junges Lebensglück [u]VIII. Denkmal[/u] Der Park erstreckt sich weit und leer und grün und niemand hört den Brunnen wortlos singen die Beete, wo Blumen spätsommerlich verblüh'n konnten der Natur Geometrie und Präzision aufzwingen Am Rand des Parks wird eine Wiese dominiert vom Denkmal eines Mannes, der lange schon vergessen Der Helm, der steinern stolz sein Haupte ziert, wird von der sauren Luft und Taubenkot zerfressen In seinem großen Schatten klein und still sie saß Ihr Blut geronn bereits, versickerte im Gras zu schwach schon längst, um einen Abschiedsbrief zu schreiben Von ihrem Kampf, sich und andere zu retten gescheitert heldenhaft mit tausend Zigaretten wird Denkmal nicht noch Würde übrigbleiben [u]IX. Tauben[/u] Wenn's ein Bewußtsein geben mag, dem nichts entgeht So ist es das der nimmermüden Taubenschwärme Der grauen Legion, die ohne Rast bei Kälte und bei Wärme Die Straßen dieser Stadt durchstreift mit Flügelschlag unstet All ihre Augen sind wie Öl so schwarz und stumm Und haben mehr erblickt, als wir können ermessen Jedoch ist ihrem Geiste fremd Verstehen und Vergessen Sie tragen tausend Bilder als sinnlose Last herum Einst war'n des heil'gen Geistes Bote diese Tauben Brachten auf Engelsschwingen Friede herab und Glauben Doch dies hehre Versprechen ist lange schon verloren Als Krankheitsüberträger und Ratten der Luft verschrieen Werden noch lang nach uns sie durch Ruinen ziehen Wenn in der nächsten Schicht Friede wird neu geboren [u]X. Sünde[/u] Verborg'nes Leben in den totgesagten Keller war geschlichen um dort die Blüte seiner Gier scheu zu entfalten archaisch peitschte die Musik, und in dem kalten unsteten Neonlicht der Alltag war verblichen Am Tag spricht man mit sehnsuchtsvollem Zögern von der Nacht von dem befreiten Leben, im Kellertanz zu finden mit schuldhaftem Genuß schwelgt man in falschen Sünden die, nie gelebt, der Geist mutlos erdacht Gier, Sucht und Sehnsucht treiben sie erneut zu jenem Kellertanz, bei dem kein Herz sich freut und können anders nicht, als ihre Augen schließen Im Gewölbe der Ruine, tanzend wie Marionetten reden sie sich ein, wieviel Spaß sie hätten während die Illusion des Lebens sie genießen [u]XI. Urteil[/u] Wir träumten oft von ungestümen Feuersbrünsten Von Flutwellen, die diese Stadt verschlingen Von Erdbeben, die ihr Zerstörung bringen Vom Untergang aus namenlosen Künsten Schwelgten in Bildern einer allerletzten Schlacht Und träumten, daß Kometen in die Stadt einschlagen Trostlos im Rausch an trägen trüben Tagen Haben Apokalypsen vielfach wir erdacht Diese zornvollen Phantasien sind nichts den Reflektionen Der Schmerzen und der Flammen, die in den Seelen wohnen Vergrößert in die Welt geschrie'n durch uns're halbe Dichtung Wenn in dunklen Träumen wir nach dem Untergang uns sehnen So weil darin erlöst wir uns von Alltagsqualen wähnen Doch unser Urteil heißt: Nur stets Verfall und nimmermehr Vernichtung [u]XII. Ruine[/u] Nun lastet nur mehr Schweigen in den weiten Hallen Auf deren Grunde stählerne Kadaver rosten Eine gezackte Scheibe ist vom Glasdache gefallen Und müde umrankt Efeu titanische Pfosten Nichts ist geblieben von dem Stampfen der Maschinen Das einst in mechanoiden Hymnen füllte die Lüfte Zwischen gelähmten Rädern bau'n ihr Nest die Bienen Und hüten die Erinn'rung schwerer Schmieröldüfte Vorbei an längst verlassenen rot-weißen Schranken Über rissigen Asphalt und trockne Brombeerranken War zur erhabenen Ruine ich gekommen Nichts bedeuten Wälder mir noch Kathedralen Kein and'rer Ort an Schönheit noch an Qualen Mit diesem Trümmerfeld es je hat aufgenommen [u]XIII. Metropolis[/u] In diesem Labyrinth fristen ameisengleich wir unser Leben Die Sterne liegen fern und hinter Großstadtsmog verborgen Gleich uns'rer angstdurchsetzten Liebe, uns'rer tapf'ren Sorgen Die scheu sich nur aus Rissen im Asphalt erheben Die Risse weiten sich und zeigen schwarzen Sumpf verfluchte Grundschicht für die Hybris von uns Architekten Die wir kein erlösendes Element in uns'rem Werk entdeckten Das Bild der gold'nen Stadt erscheint verzerrt und dumpf Was bleiben wird von dem was eitel wir errichten Ist nichts mehr als Ruinen für die nächsten Schichten und dennoch- |