| Rhiannon | ~[COLOR=royalblue]Uralte Seelen[/COLOR]~ [COLOR=burlywood]Die Nacht war auf dem Rückzug. Es würde zwar noch eine bis zwei Stunden dauern, bis sich die Sonne sehen ließ, aber der Himmel fing schon langsam an hellere Farben anzunehmen. Er blickte zum Fenster hinaus. Grinsend. Er wusste wie der Tag beginnen würde. Mit einem Ende. Oder eher mit zweien. Der warme Wind durchstreifte ihren Umhang. Sie genoss das Gefühl, genoss das sanfte Streicheln des Windes auf ihrer kühlen Haut. Das Gras unter ihren Füßen war braun... verdorrt. Sie dachte an die Zeit zurück, in der das Gras noch grün war, in der sie gern barfuss umherlief und die Streicheleinheiten unter ihrer Sohle genoss. Noch einmal versuchte sie sich dieses Gefühl vorzustellen, versuchte es in ihrem Inneren zu spüren... doch es gelang ihr nicht mehr. Gedankenverloren ging sie weiter. Ihr Herz führte sie in eine bestimmte Richtung... zu ihm. Sie ließ ihren Blick in die Ferne schweifen. Dort oben stand das Haus... sein Haus. Es strahlte eine Würde aus, die sich nicht beschreiben ließ... es erzählte Geschichten, wenn man es nur ansah. Wenn der Wind an den alten brüchigen Mauern des Hauses entlang streifte, so meinte man, ein leises Geflüster wahrzunehmen. Und dort am Fenster sah sie ihn. Das Haus stand einsam in einer hügeligen Gegend. Ein altes Herrenhaus, das aussah als wäre es direkt aus dem 16. Jahrhundert. Alles war dunkel. Nur in einem Fenster konnte man Licht sehen. Und vor diesem Licht zeichnete sich die Silhouette eines Menschen ab. Er blickte hinaus. Er wartete. Langsam erwachten die Vögel, und er freute sich wie schon so oft über diese stillen Stunden, die sonst immer das Ende seiner Wachperiode einläuteten. Diesmal wieder. Zum letzten mal. Er hatte mindestens 2000 Jahre überdauert, und mehr gesehen als je ein Mensch zuvor. Daher wunderte er sich, dass ihn der morgendliche Landfrieden immer noch so in seinen Bann zog. Er lächelte als die Kerze anfing zu flackern und erlosch. Er brauchte schon seit Jahrhunderten kein Licht mehr... zündete die Leuchter und Kerzen nur wegen der Nostalgie an. Seine Gedanken wanderten zurück, durch den Nebel der Jahre die er gelebt hatte. Er erinnerte sich immer noch an jene Zeit, als er noch dachte menschlich zu sein. Er wurde eines Besseren belehrt, und wäre damals fast gestorben, an einem ähnlichen Tag, zu einer ähnlichen Uhrzeit. Er fragte sich, wo sie wohl sei. Sie waren sich vor einigen Jahren zuletzt begegnet und hatten sich für diesen Morgen verabredet. Er wusste sie würde kommen. Keiner von beiden wagte es in dieser Welt - die nicht mehr die ihre war - eine Verabredung zu verpassen. Und diese sollte etwas Besonderes werden. Er musste wieder grinsen, bei dem Gedanken was er damals für eine "besondere Verabredung" gehalten hatte. Dies hier bestimmt nicht. Seine Gedanken drifteten wieder ab, quer durch die Zeit. Zurück zum großen Krieg vor 300 Jahren, der die Welt so zurückgelassen hatte wie sie heute war. Einsam. Nur sehr wenige Tierarten hatten die künstlichen Feuerstürme, entfesselt von schrecklichen Waffen, überlebt, und Menschen gab es in ihrer ursprünglichen Form wohl auch keine mehr. Obwohl er bei einer Primatenart sehr vielversprechende Ansätze gesehen hatte. Er konnte gehen, in dem Wissen dass das Leben weiterging. Auch ohne, dass seine müden Augen weiter zusahen. Seine Augen. Die einzigen Teile von ihm die sich innerhalb der letzten 2000 Jahre verändert hatten. Seine Augen drückten sein wahres Alter aus. Vor dem Krieg, als die Menschheit noch zahlreich war, musste er sie häufig hinter Kontaktlinsen oder Sonnenbrillen verbergen um niemanden zu beunruhigen. Aber jetzt nicht mehr. Nie mehr. Auf dem Hügel, in der Ferne konnte er nun eine schmale Gestalt ausmachen, die sich dem Haus langsam näherte. Er wusste, dass das nur sie sein konnte. Außerdem hatte er innerhalb ihres ewigen Lebens ihre Bewegungen so gut kennen gelernt, dass er sie auch aus einer riesigen Menge gleich aussehender Menschen raussuchen könnte. Sie beide waren die letzten Überbleibsel einer untergegangenen Zeit. Langsam kam sie näher. Sie ging bewusst langsam, vermutete er, um ihn zu ärgern. Sie wusste, dass er vergleichsweise ungeduldig war. Er grinste schon wieder. Sie kannten sich jetzt so lange, dass sie in den letzten 500 Jahren keine Wörter mehr brauchten. Blicke und Gesten reichten völlig. Nur heute würden sie wohl noch einmal reden. Nur weil es das letzte mal sein würde. Er überlegte, ihr entgegen zu gehen, dachte aber, dass sie sich dann extra viel Zeit lassen würde. Stattdessen nahm er sich seine Musiksammlung vor und suchte nach jenem Lied, mit welchem alles angefangen hatte. Lächelnd erinnerte er sich an die Nächte, die sie geredet hatten, mal ernst, mal heiter, als gebe es keinen Morgen. Und irgendwo hatten sie Recht. Es gab - zumindest bisher - kein Ende. Sie lebten weiter. Raubten ihre Vitalität den Menschen und Tieren und gingen durch die Jahrtausende wie der Adel durch eine mittelalterliche Bauernversammlung. Sie setzte einen Fuß vor den anderen und lauschte dem ansteigenden Gesang der noch übrig gebliebenen Vögel. Dass einige von diesen zarten Geschöpfen tatsächlich überdauert hatten, hatte sie nie für möglich gehalten. Ein letztes Mal fühlte sie, wie die Lebensfreude der Vögel sie ansteckte und sie musste unweigerlich anfangen zu lächeln. Aber es war mehr ein trauriges Lächeln. Sie wusste, dass sie nie wieder Vögel singen hören würde und sie wusste auch, dass sie nie wieder den Wind auf ihrer Haut und das Gras unter ihren Füßen spüren würde. Doch tief in ihrem Inneren wusste sie, dass es richtig war. Sie hatte zu lange gelebt, hatte zu viele Dinge gesehen. Und sie hatte ihn. Mit ihm hatte sie die schönste Zeit ihres Lebens verbracht und mit ihm wollte sie ihrem ewig währenden Leben ein Ende bereiten. Sie näherte sich immer mehr dem geheimnisvollen, uralten Haus und blieb schließlich reglos vor dem efeuumrankten, rostigen Tor stehen. Einst war es silbrig glänzend gewesen und hatte ihr schon immer aus der Ferne entgegengeblinkt, doch die Zeit hatte auch es nicht verschont. Sie strich vorsichtig mit der Hand über das Tor und ließ die Geschichte in sich übergehen. Er fing sie am Tor ab. Beide musterten sich und prüften, ob es in den paar Jahren nicht doch Veränderungen am anderen gegeben hatte. Nach einiger Zeit umarmte er sie lächelnd und seine Augen fragten, ob sie wirklich bereit sei für diesen Morgen. Wie oft hatte sie in diese Augen geblickt? Wie oft hatte sie diese Augen lachen sehen und wie oft hatte sie die kalten salzigen Tränen weggeküsst, die aus diesen Augen entsprangen? Die Umarmung ließ sie erschaudern, denn sie spürte, wie seine ganze Liebe auf sie überging. Ihre Fingerspitzen fingen an zu kribbeln, ein Kribbeln, das sie schon so viele Jahre nicht mehr gespürt hatte. Sollten sie wirklich alles aufgeben? Sie beide waren an verschiedenen Punkten ihrer Existenz soweit gewesen zu gehen, aber der jeweils andere hatte es ihnen wieder ausgeredet. Sie waren am Anfang übereingekommen zusammen zu schauen. Und das würden sie heute tun. Er nahm ihre Hand, und sie wanderten langsam Richtung Osten. Sie hielt seine Hand fest und schmiegte sich an seinen starken Körper. An den Körper, den sie so viele Male ganz nah an ihrem gespürt hatte. Sie kannte jede kleinste Stelle dieses Körpers, als sei es ihr eigener. Beide wollten etwas sagen, aber keiner konnte dieses Gefühl überwinden, dass Worte die Situation zerstören würden. So gingen sie nur daher, in dem sicheren Gewissen, das sie - was auch immer nach dem Tod kam - gemeinsam angehen konnten. Sie sahen sich an, als die Sonne näher an den Horizont rückte. Er grinste, dieses breite Grinsen mit der hochgezogenen Augenbraue, und sie lächelte das Lächeln was ihn schon immer fasziniert hatte. Doch dieses Lächeln war keine Fassade vor versteckter Traurigkeit mehr. In diesem Moment wusste sie, dass es richtig war. All ihre Zweifel, die sie eben noch gehabt hatte, wurden von dem leisen Wind, der sie beide umspülte, davongetragen. Sie schmiegte sich ganz nah an ihn und beobachtete fasziniert das Schauspiel, das sich ihnen bot. Die Sonne ging auf. Langsam schob sie sich immer höher, und ihr Licht reichte immer weiter über das Land. Zwei Gestalten die seit Jahren nicht mehr auf dieses Schauspiel gestarrt hatten, standen Arm in Arm da und versuchten so lange wie möglich zuzuschauen, um die Gelegenheiten nachzuholen die sie in den letzten 2000 Jahren nicht hatten. Doch am Ende, als sich die Unterkante des riesigen Feuerballs endlich vom Horizont löste, mussten sie sich ihrer Natur beugen. Beide schlossen ihre Augen und hielten sich gegenseitig fest. Sie begann eine Melodie zu summen, es war die Melodie, die er eben noch im Haus gehört hatte... es war ihre Melodie. Ganz langsam zerfielen die beiden Gestalten zu Staub. Man hörte kein Wehklagen, keine Schreie... man hörte nur diese leise Melodie, die noch dazusein schien, als der Wind den Staub der Liebenden vermischt und davongetragen hatte...[/COLOR] |