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  Forum: Verlassene Gärten
    Thema: Geschichten des Todes
Nöli[B]Nie gesagt[/B]


Ich schaue aus dem Fenster. Weiß. Alles weiß. Überall. Lichterketten und frohe Gesichter. Ja, scheinbar frohe Gesichter. Die Menschen singen Lieder, machen glückliche Mienen und lachen. Ja, sie lachen! Eine schreckliche Vorstellung!
Ich schließe den Fensterladen. Dunkel. Schwarz. Ja, das ist besser. Ich werfe mich auf mein Bett. Stille. Nur die leise Weihnachtsmusik meiner Familie ist zu hören. Sie drängt sich aufdringlich in mein Ohr. Ich glaube zu zerspringen, glaube verrückt zu werden, presse mein Kopfkissen an meine Ohren. Ich will das nicht hören! Nein, nicht jetzt, nicht nach alldem. Meine Augen füllen sich mit Tränen. Wie können Menschen feiern, wo sie doch trauern sollten?? Wie können sie es ertragen überall fröhliche Gesichter zu sehen? Unverständlich. Sie feiern, sie beschenken sich. Sie lachen. Nein - sie wissen nicht, was sie sonst tun sollten! Das Christkind wurde geboren. Na und? Wen interessiert das? Es gibt Geschenke, sie feiern, weil sie halt jedes Jahr feiern. Nein, nicht wegen Christi Geburt, nur weil es so im Kalender steht. Sie müssen die Situation überspielen. Sie können sich verstellen. Sie können es so gut wie kein anderer.
Was würde Cora sagen? Sie würde es genauso wenig wie ich dulden. Sie würde sich ebenso in ihre Ecke verziehen. Doch das ist jetzt vorbei. Sie wusste nicht, dass es so schnell gehen würde. Sie wurde nicht vorgewarnt. Krebs, hat der Arzt gesagt. Ihre Welt stürzte zusammen. Es braucht nur ein Wort um die Welt eines Menschen einfallen zu lassen! Sie war immer so tapfer. Ich hatte sie noch nie so bekümmert erlebt. Es war auch das einzige Mal. Sie starb zwei Tage nachdem sie es erfuhr. Sie hatte keine Zeit sich zu verabschieden. Ich wollte ihr noch so viel sagen. Ich hätte es davor tun sollen. Ich glaube, es gibt Hunderte von Menschen denen es so geht. Warum merken wir erst dann etwas, wenn es zu spät ist?
Ich wollte ihr die Wahrheit erzählen. Hätte ich es vorgestern gemacht, sie hätte es nicht überlebt. Sie hätte es nicht überlebt, von ihrer besten Freundin betrogen zu werden. Ich weiß nicht, ob ich es durchhalte mit diesem Wissen, diesem Stein auf dem Gewissen. Was hättest du gemacht? Es ist zu spät.
„Nun komm doch endlich da raus, Weihnachten ist das Fest der Familie! Zum nachweinen hast du noch genug Zeit. Setz’ deine Trauermiene wenigstens für heute ab!“ Meine Mutter hatte keine Ahnung. Sie hat noch nie etwas verloren. Sie ist ein Kämpferherz. Sie hat den Sieg für sich gepachtet. Ich bin nicht so wie sie. Ich bin froh darüber. Ich antwortete nicht auf meine Mutter. Da ich die Tür verschlossen hatte, klopfte sie mehrmals, murmelte immer wieder meinen Namen und schien dann zu gehen.
Sie hätte auch trauern müssen. Sie hatte Cora sehr gemocht. Alle hatten sie gemocht. Doch jetzt sollte man nicht trauern, nicht jetzt, nicht zu Weihnachten. Am besten nie.
Ich hasste diese Zeit. Ich werde diese Zeit immer hassen.
Cora hatte gestern meine Hand genommen und meinte zu mir in einem wie immer tapferen und zuversichtlichen Ton: „ Wenn ich von hier gehe, dann versprich mir, immer weiterzumachen und nie eine Sache aufzugeben! Und... versuche nicht für die Zukunft sondern für das Hier und Jetzt zu leben.. alles klar?“ „Klar“ antwortete ich und musste meine Tränen zurückhalten. Sie war so mutig! Ich wollte immer wie sie sein. Ich würde es nie schaffen. Schon gar nicht jetzt - wo sie nicht mehr da ist. Und jetzt dieses schlechte Gewissen! Sie merkte meine Beklommenheit, mein schlechtes Gewissen - da bin ich sicher! Als ich einen Tag vor ihren Tod bei ihr war sagte sie einmal etwas wie: „Wenn du mir etwas sagen willst, mach es! Ich kann dir sagen, ich bin froh über jedes Wort, dass du mir sagst!“ Vielleicht hätte ich etwas sagen sollen. Aber wer erzählt schon einer Sterbenskranken von einer Sache, die sie todsicher schmerzen würde. Mit meiner Offenbarung hätte ich sie in ihrem Stolz verletzt.
Ich kannte Cora schon mein ganzes Leben lang. Ich hatte jede Minute mit ihr verbracht. Sie war wie eine Seelentherapeutin für mich. Ich versuchte so gut es ging für sie ebenfalls eine zu sein. Sie war 5 Jahre älter als ich. Sie nannte mich „Ihre Große“. Ich war stolz darauf.
Sie führte mich in die Welt der Erwachsenen ein. Sie erklärte mir Sachen, wie nur sie sie erklären konnte, wie sie kein Erwachsener je wahrgenommen hatte. Sie war immer für mich da.
Gestern erstarrte sie plötzlich. Ihr Körper wurde mit einem Mal kalt. „Sie muss wohl ausgeflogen sein“, dachte ich. Kurz bevor sie starb, fing sie an zu zittern und sagte: „Ich habe Angst.“ Dann fielen ihre Augen zu. Das war das erste Mal, dass sie Angst hatte. Sie war immer so groß, so furchtlos. Ja, sie war wie ein Gott für mich. Sie brachte meine Welt zum einstürzen. Mit einem Mal wurde mir bewusst, dass ich alleine war.
Ich erwachte aus meinen Gedanken. Ich musste hier raus. Die Weihnachtsmusik wurde bedrohlich laut: „Freue dich, Freue dich, oh Christenheit!“ Ich schnappte mir meine Jacke und rannte. Ich wollte nur noch weg. Als ich endlich aus diesem heuchlerischen Gute-Laune-Haus entkommen war, fühlte ich die eisige Nacht um mich. Der Schnee verdeckte mir die Sicht. Wie in Trance lief ich den schmalen Steinweg entlang, den ich schon hundertmal mit Cora überquert hatte. Hier hatten wir geweint, gelacht und einfach nur geredet. Mit ihr war es nie langweilig. Ich lief auf einen großen Platz in einem Park. Es war dunkel. In der Ferne sah ich einige Lichter. Dahinter waren sicherlich Familien, die sich freuten - nein halt, die sich scheinbar freuten. Ja, diese falsche Freude, dieses unechte Lachen, diese echte Trauer!
Ich stand jetzt genau auf der Mitte des Platzes. Hier hatte ich im Sommer so oft meine Zeit verbracht. Hier war ich noch froh. Ich fing an zu schreien. Ich wollte diese ganze Wut, mein schlechtes Gewissen, ja, meine Erinnerungen sogar, aus mir herrauschrein. Es funktionierte nicht. Ich fühlte mich nur noch schlechter. Müde sackte ich zusammen. Kalte Winde sausten über meinen Körper. Ich zwang mich aufzustehen. Ein Mensch, der sich als Weihnachtsmann verkleidet hatte, ging an mir vorbei. „Was tust du jetzt? Gehst du Kinder betrügen? Gehst du deine Familie betrügen? Schau dich an, du bist lächerlich!“ schrie ich ihn an. Er antwortete nicht. Er ging weiter. Es gab mich nicht. Noch nicht.
Ich ging meinen Weg weiter. An meiner Lieblingsbrücke hielt ich an. Wie oft stand ich hier abends mit Cora, betrachtete die Lichter und diskutierte mit ihr über alles. Ich konnte mit ihr über alles reden. Einfach alles, das war sie für mich. Ich musste an Coras Worte denken. „..dann versprich mir, immer weiterzumachen und nie eine Sache aufzugeben! Und... versuche nicht für die Zukunft sondern für das Hier und Jetzt zu leben“ Ja, ich lebe für das Hier und Jetzt. Aber weitermachen? Nein, das kann ich nicht.
Ich schaute in die Ferne. In mir war es leer. Ich fühlte nichts mehr. Nur noch die eisige Kälte, die sich in mir ausbreitete. „Wenn es einen Himmel gibt, und Cora dort ist, dann werd ich bald bei ihr sein“, dachte ich.


Ein kleiner Junge lief durch die Straßen. Er schien sehr aufgeregt. Ängstlich rief er immer wieder nach seiner Mutter. In seinen Augen standen Tränen, aus Furcht, Angst? Wir werden es nie erfahren. Seine blaue Jacke wehte im Wind. Er rannte so schnell er konnte, als ob er auf der Flucht wäre. Plötzlich kam eine ältere Frau aus einem Haus. Sie hielt an und wartete bis er bei ihr war. Er rannte zu ihr und stammelte etwas von einem Mädchen, dass im Fluss läge. Er zerrte seine Mutter hinter sich her und brachte sie ans Flussufer. Was sie dort sah, war ein grauenvolles Bild. Ein junges Mädchen, nicht älter als sechzehn, siebzehn schwamm auf der Oberfläche des Wassers. In ihrem Gesicht lag der Ausdruck von Zufriedenheit. Sie schien, dass was sie gewollt habe, bekommen zu haben. Wollte sie den Tod?

[I]Sie zerrten das Mädchen aus dem Wasser. Hatten noch Hoffnung. Sie wussten nicht was geschehen war. Sie wussten nichts über sie, über ihr Leben, ihr Sterben. Als sie merkten, dass es hoffnungslos war, riefen sie die Polizei. Am übernächsten Tag stand in der Zeitung eine Todesannonce: „Wir haben in aller Stille Abschied genommen von unserer lieben Tochter. Sie ist schnell von uns gegangen. Ganz unerwartet. Wir haben einen lieben Menschen verloren.“
Es war ein Unfall. Selbstmord? Nein. Das würden sie nicht ertragen. Es geschehen so viele Unfälle auf dieser Welt...



Niemand entdeckte den kleinen Zettel in ihrer Tasche, der fein säuberlich in Folie gewickelt worden war. Er enthielt eine Nachricht: „Nie gesagt. Schweigen ist niemals die richtige Lösung. Ich habe mein Leben versaut, indem ich geschwiegen habe. Deshalb habe ich mein Leben weggeworfen. Es ist nur ein Neuanfang. Wiederholt nicht meinen Fehler sondern redet!“[/I]
Nöli[B]Entlassung aus dem Leben[/B]

Sie erinnert sich noch genau an den Entlassungstag. Es war ein kalter Herbstmorgen. Die Blätter flogen durch die warme Luft. Sie wurden vom frischen Herbstwind aufgewirbelt, in der Luft zerstreut und wieder zu Boden geworfen. Ebenso genau erinnert sie sich an dieses große, mächtige und doch von außen so harmlos erscheinende Gebäude.

Sein Gesicht. Ja, das war wohl das einzige, wo sie zu stocken begann. Wie sah das aus? Lachte es, oder weinte es? Konnte es sich noch freuen? Was für einen Ausdruck hatte es? Sie konnte sich nicht erinnern. Er musste doch einen Gesichtsausdruck gehabt haben. Aber wahrscheinlich war es genau das, weshalb sie sich nicht erinnern konnte. Es hatte keinen Ausdruck.
Er sah sie an. Lange. Es musste zehn, zwanzig Minuten sein. Ihr kam es wie eine Ewigkeit vor.. Er sagte kein Wort. Nicht das mindeste. Sie fing an zu weinen. Sie hielt das nicht aus. Diesen ewigen Schmerz und nun erkannte er sie nicht wieder. Er schaute sie immer noch ausdruckslos an, bis er sie endlich in die Arme schloss. Nein, das war kein Mitleid. Es war vielleicht eine Art Reflex. Alles war verloren.. Er nahm sie gar nicht richtig wahr. Seine Augen - ausdruckslos wie nie zuvor. Sie erkannte ihn nicht wieder. Wo waren diese mitteilungsfreudigen, großen Augen? Wo war seine tiefe, warme Stimme? Wo war er? Sie konnte ihn nicht finden. Diese jahrelange Haft hatte ihn zerstört. Sie hatte auch sie zerstört. Sie hatte gewartet. Zu lang. Es waren so viele Winter ohne ihn vergangen. Zu viele lange, kalte Winter.
Er war ein anderer Mensch geworden. Es war ihr klar geworden, als sie ihn wieder sah. Sie nahm ihn bei der Hand und ging mit ihm nach Hause. In sein vermeintliches Zuhause. Es war ihm fremd geworden. Er war in einer anderen Welt. Wie hätte er auch vor der Haft wissen können, das er nur noch ein paar Monate warten müsse? Jetzt war er frei. Aber auch das war nur eine Illusion. Wer ist schon frei, wenn man sich nicht wohlfühlt? Wenn man sich nicht zurechtfindet und einfach so in ein „neues“ Leben hineingeworfen wird? Keiner. Nicht er, auch kein anderer. Es gab keine DDR mehr. Wenn er dass vor seiner Haft gewusst hätte, wenn er gewusst hätte, dass es so schnell gehen würde - er wäre nicht in Versuchung geraten, zu fliehen. Er wollte damals weg. Er hätte sie zurück gelassen und sie später nachkommen lassen.
Später.
Sie hat trotzdem auf ihn gewartet. Doch nun hatte sie ihn zurück. Scheinbar. Er war nicht mehr er selbst. Er war ein vollkommen anderer Mensch. In sich zurückgezogen und mit starren, leeren Blick. Wann hatte er das letzte Mal gelacht? Sie hatte vergessen, wie es aussah, wenn er seine Mundwinkel breit zog, er schien vergessen zu haben, wie er diese Muskel bewegte.
Als sie nun diesen fremden Menschen in ihr Heim führte, bekam sie Angst. Wie konnte sie sich ihm gegenüber verhalten? Wie konnte sie lachen, wenn er es nicht tat? Wie konnte sie in seiner Gegenwart fröhlich sein? Würde sie wieder mit ihm reden können? Doch diese Fragen hätte sie sich nicht stellen brauchen. Eine Nacht überlebte er im Westen. Eine schier endlos erscheinende Nacht. Er blieb die ganze Nacht hindurch wach, saß an seinem alten Schreibtisch und starrte aus dem Fenster. Er schien wie ein verängstigtes Kücken, dass vor einer Katze sitzt. Nur konnte er nicht fliehen. Und wenn er fliehen könnte, so wusste er nicht wohin. Keine Zufluchtsstätte und keinen Menschen, der ihm nah war.
Als sie erwachte und ihn ansah, blickte sie immer noch in diese leeren, starren Augen. Ein Unterschied blieb: Sein Körper war kalt. Sein Gesicht war angstverzerrt. Er musste Angst vor dem Tod gehabt haben, und doch, er selbst hatte sich so entschieden.
Sie trauerte nicht. Sie hatte gewusst, dass er es nicht lange schafft. Sie hatte ebenso lange gebraucht um sich an die neue Umgebung und die ungeahnte, plötzliche Freiheit zu gewöhnen. Wenn ein Mensch so plötzlich ungeahnte Grenzen überschreiten kann, so ist es kaum verwunderlich, dass er damit nicht klar kommt. So lange hatte sie darauf gewartet. Und plötzlich - ohne Vorwarnung war er da - der langersehnte Schlüssel zur Freiheit. Einen weißen Grabstein, eine kleine Trauerfeier im engsten Kreis und dann so weiterleben wie zuvor: wartend. Sie war wieder alleine. Doch jetzt war jegliche Hoffnung auf ihn verschwunden, sie wartete auf den nächsten Schlüssel zur Freiheit. Das sie diesen nie bekommen würde, soweit hatte sie nicht gedacht. Alleine wartete sie im Dunkeln auf das Licht der Freiheit. Nie gelang es ihr, es zu erreichen.
Jeden Tag ging sie in ihrer Agentur und schrieb. Endlos schien die Zeit zu vergehen. Sie schrieb. Sie schrieb, als die ersten Schneeflocken fielen und sie schrieb als es taute und anfing warm zu werden. Sie fing sich an, so in ihre Arbeit zu vertiefen, dass sie den hellen Fleck am dunklen Horizont übersah. Eines Nachmittags, als sie aus ihrer Agentur mit einem Haufen Blätter unter dem Arm bewaffnet, kam, stieß sie mit einem Menschen zusammen. Ihre Blätter, ihre ganze Arbeit, fiel zu Boden. Der Mensch, den sie eben umgerempelt hatte, reagierte sehr schnell. Er bückte sich und sammelte ihre Blätter ein, um sie ihr wiederzugeben. In diesem Moment schaute sie in seine Augen. Dunkelgrüne Augen schauten sie an. Diese Augen schienen traurig und sie schienen sie sehr genau anzuschauen. Plötzlich meinte dieser Mensch: „Allzu oft endet unsere Flucht vor einer Aufgabe in unserer Aufgabe“ Sie verstand, was er zu meinen schien und erwiderte: „Ich hab mich zu sehr in meine Arbeit vertieft...“
„Vor was fliehst du?“
„Ich fliehe nicht, ich arbeite“ erwiderte sie und lief weg. Sie hörte hinter sich eine Stimme: „Dann pass auf, dass du nicht auch vor dem hellen Fleck am Tunnellende fliehst!“

Im Nachhinein machte sie sich Vorwürfe, nicht mit diesem wundersamen Menschen gesprochen zu haben. Sie redete sich ein, er habe alle Antworten auf bisher ungelöste Fragen gehabt. Ihr wurde aber klar, dass sie sich zu sehr in ihre Arbeit vertieft hatte, und in einem hatte er ja recht: Sie war auf der Flucht. Sie wusste nicht wovor. Sie floh vor sich selbst. Sie wollte es nicht wahrhaben. Nun, da sie wiedereinmal eine Chance in ihrem Leben vertan hatte, begann sie sich zu fragen, wofür sie denn noch lebe. Was sollte sie in dieser ungerechten Welt, wo die Menschen nur oberflächlich sind und keiner den anderen bewusst wahrnimmt? Sie bekam keine Antwort auf diese Fragen. Ein Mensch war gekommen um ihr die Augen zu öffnen.. sie war wieder geflohen. An einem sonnigen Herbsttag ging sie durch die Straßen - diesmal ohne Arbeit. Nur sie. Laubblätter wirbelten durch den Wind. Wieder das Gleiche Bild wie vor einem Jahr. Sie stand wieder vor diesem großen, mächtigen Gebäude. Sie dachte nach, überlegte, was sie hätte anders machen können. Sie fand keine Lösung. Zum ersten Mal empfand sie Trauer um ihn. Sie saß auf einer Bank und schaute mit nassem Blick auf die Menschen. Einige hetzten durch die Welt, andere schlenderten gemütlich ihren Weg entlang. Sie griff in ihre Tasche. Ihre Hand suchte nach etwas. Endlich griff sie zu einer kleinen, weißen Packung. Genaugenommen waren es Tabletten. Sie nahm eine nach der anderen. Ihr Atem ging langsamer. Noch immer sah sie die Leute vorbeigehen. Dieses Bild fing an zu verschwimmen. Ein Mensch kam auf sie zu. Sie blickte erneut in dunkelgrüne, klare Augen. Da war er wieder: der Retter. Sie nahm ihn fast gar nicht mehr wahr. Er ging auf sie zu und sagte etwas. Doch sie hörte seine Stimme nur sehr weit entfernt. Immer weiter weg. Sie schlief ein.
Sie war wieder bei Bewusstsein. Unmögliches schien möglich geworden sein: selbst die letzte Flucht war misslungen. Grell war der Raum, indem sie sich befand. Weiß. Ihr wurde bewusst, dass sie sich im Krankenhaus befand. Sie hatte es nicht geschafft. Was war das für eine Welt, in der man sich nicht einmal den Zeitpunkt des „Gehens“ aussuchen konnte? Nadeln in sie hereingesteckt. Zerstochene Arme durch Infusionen. Infusionen, die sie am Leben erhielten. Sie konnte nicht mehr. Sie riss diese Nadeln aus ihrer Haut. Blut trat aus den Wunden. Sie stand auf und taumelte aus dem Krankenzimmer. Weiße Flure schienen sie zu erdrücken. Keiner kam ihr entgegen. Sie fing an zu rennen. Sie nahm alles nur noch im Unterbewusstsein wahr. Sie wollte raus, raus aus diesem schrecklichen Alptraum. Plötzlich fiel sie zu Boden. Zusammengekrampft lag sie nun am Boden. Ein Arzt kam ihr entgegen. Er ging auf sie zu und redete auf sie ein. Wieder hörte sie seine Stimme nur aus meilenweiter Entfernung. Er nahm sie zur Seite und führte sie wieder in ihr Krankenzimmer. Sie lag wieder in diesem weißen, abscheulichen Krankenbett. Wieder bekam sie diese schrecklichen Nadeln in ihren Körper gestochen. Diese Nadeln, die ihr zum leben verhelfen würden. Sie sah plötzlich wieder eine letzte Rettung, als sie das Mittag serviert bekam und ein Messer entdeckte. Dieses Messer war stumpf. Dennoch setzte sie es an ihre Pulsader und fing an zu schneiden. Ein starker Schmerz fuhr durch ihren Körper, sie schnitt energisch weiter. Die Nadeln hatte sie erneut von sich gerissen. Das Blut quoll in Strömen aus ihrem Handgelenk. Ihr wurde schwarz vor Augen und sie verlor im gleichen Augenblick ihr Bewusstsein. Sie hatte es geschafft.
Die allerletzte Flucht war ihr gelungen.

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