| Der Gedanke | Geliebte Cecilie, weine nicht mein Engel, wenn ich nun gehen muss. Weine nicht. Die Blätter fallen, vermischen sich zu farbenfrohem Laub auf Deinem Stein. Ich kniee und wische mit meinen Handflächen sanft die Blätter fort. Wer will schon ewig leben? Dir war es nicht vergönnt und was mich betrifft, so bin ich zu müde geworden, solch einen Wunsch noch zu hegen. Wir waren einst jung, waren frei und wild und selbst wenn wir uns heute noch im Spiegel betrachten könnten, so würden nur die klitzkleinen Fältchen um unsere Augen an unser Lachen und an unsere Jugend erinnern. Und sieh mein Engel, wir haben doch gelebt. Hat nicht alles seine Zeit? Haben wir nicht gelebt? Aus Leidenschaft ist Sanftmut geworden, aus Tatendrang, Demut. Immer wenn ich hier bin, wenn ich die Ränder Deiner letzten Stätte umstreiche, schließe ich die Augen und sehe Dein Bild wie einst vor mir. Und manchmal geliebte Cecilie kann ich noch immer Dein Lachen hören und meine alte Stimme verstummt in den vergangenen Augenblicken. Der große verödete Saal ist plötzlich wieder von Glanz und Licht erhellt und in Schattengestalten füllen die Menschen von einst den Saal und sie lachen und tanzen wieder. All die farbenprächtigen Uniformen treten wieder hervor, die Ballkleider der Damen verzaubern und im Hintergrund erklingt der Walzer der Kapelle. Ich seh Dich tanzen, mittendrinn und Du bist bezaubernd und wunderschön wie eh und je. Deine Locken wirbeln um Deinen Kopf, Dein glückliches Lächeln, die Sanftheit all Deiner Bewegungen im Tanze, das Leuchten Deiner wunderschönen grünblauen Augen. Weißt Du nun, warum ich bei so manchem Walzer innehielt? Allein um Dich zu bewundern und ein Erahnen einzuatmen, welches mir heute Gewissheit ist: "Vielleicht wird`s nie wieder mehr so schön.". Wir waren vornehm und jung und nur wenn uns niemand sah, fiel alle Vornehmheit von uns ab und wir konnten einfach sein. Die Ballkleidung fiel vor den Reifröcken, mein Degen vor meiner Uniform und in allem, ich vor Dir. Wenn wir allein waren und niemand uns sah, dann schmeckte ich die Intensivität Deines Seins ebenso, wie heute den Regen, der gerade vom Himmel auf meine Stirn, auf meinen Nasenrücken und auf meine Zungenspitze fällt. Ich wollt, ich könnte Dich noch ein einziges mal derart schmecken. Wir fielen lachend und verliebt auf die Betten, waren aller Sinne berauscht und benommen und ergoß sich der mit Laudanum vermischte Sekt aus Deinen Lippenrändern, so fanden winzige Tropfen davon ihren Weg über Deinen Hals, über Deine Brust, hinunter bis hin zum Bauchnabel und weiter, und tiefer. Und welch Liebe wäre es gewesen, hätte ich denen mit meinen Lippen, mit meiner Zunge, nicht nachgespürt? Und wenn gleich meine Lippen wissentlich aus Dir tranken, aus allen Öffnungen, so war es doch ein jedes Mal, als würde ich neu geboren. Neu geboren, durch Dich. Ich wollte Mann, Kind und Neugeboren durch Dich sein, wollte empfangen und geben und war es auch; habe es immer so gefühlt. All das haben wir gelebt. Weine nicht Cecilie, wenn ich nun geh. Du weißt doch, ich komme morgen wieder und glaube mir, ich weiß nicht, wer von uns beiden der Glücklichere ist. Du, die Du ruhen darfst, oder ich, der nur noch durch die Erinnerung an Dich zu leben vermag? Es ist nur noch ein Hoffen und Warten; mehr nicht. Die ganze Zeit wo ich nun an Dich denke, bemerke ich die eine Unehrlichkeit. Nicht Du weinst, sondern ich. Es ist meine Trauer um das Vergangene, um das Gelebte, um Dich und es ist mein ständiger Gedanke an Dich, der das Unmögliche möglich machte und mich noch heute leben läßt. Möge einst die Erde zwischen meine bleichen Knochen wachsen, so soll es geschehen, so lange ich dabei dennoch den letzten Gedanken in mir trage, bei Dir und an Deiner Seite zu liegen. Verflucht sei das Schicksal welches mir mehr Leben und Zeit beschehrte, als offenkundig ist. Was habe ich hier noch verloren, was in dieser Zeit? Sie ist mir so fremd, wie ihr Leben und wäre das Wissen darum bekannt, so stände ich heute ausgestellt in einem Museum. Diese Bürde, dieses Wissen, trage ich allein in mir und auch seinen Schmerz. Täglich knie ich vor Dir nieder; vor Deiner letzten Ruhestätte und wünschte mir so sehr, es könnte auch die meine sein. So weine nicht mein Engel, denn es trifft Dich nicht. Wer will schon ewig leben? Auch ich will dies nicht und wenn es einen Gott der Barmherzigkeit und Erlösung gibt, dann werde ich es auch nicht. Ich werde mich lediglich verspäten (lächelnd - wie immer - Du weißt noch!), nur dieses Mal nicht gemessen an der Sonnenuhr, sondern um über 300 Jahre. Verzeih geliebte Cecilie, verzeih! Meine Handflächen wischen über den alten Stein, meine Tränen waschen ihn sauber. Ich wünschte mir so sehr wieder bei Dir zu sein. Meine Beine zittern von der Anstrengung des knieens. Meine alten, faltigen Finger wischen sanft über jeden einzelnen, in Mamor gemeißelten Buchstaben Deines Namens. Obgleich gesprungen, verwittert und vergilbt. Meine Lippen mögen einzig und allein in Freude nur noch diesen zu formen und zu flüstern. Eine Rose habe ich Dir wiedermal mitgebracht und lege sie längs auf Dein Grab. Ich fühle es und spüre, bald werde ich endlich bei Dir sein und bis dahin, sei Dir meiner ewigen Sehnsucht und Liebe zu Dir gewiß. Die Rüschen meines einst weißen Hemdes werden zerschlissen und das Weis grau geworden sein, wie meine mittlerweise langen, grauen Haare. Doch bitte empfange mich in selbiger Erinnerung, als wir noch tanzten. Cecilie, ich werde nun gehn. Regen und Schneeflocken fallen und werden nun bald Deine letzte Ruhe in unterirdischer Wärme bedecken. Doch ich komme wieder; mein Gehrock, meine Rüschen und Beinkleider befleckt, mein Gehstock an Deiner Seite, mein Rücken alt und gekrümmt. Und wenn das Nebelhorn mich endlich ruft, werde ich wieder bei Dir sein und im alten Ballsaal werden Kerzenlichter wieder scheinen und wir werden tanzen, zusammen tanzen, wieder tanzen und sieh nur, ich lache in Freude und weine. Wir werden wieder tanzen. Ich komme bald. Und wir werden wieder zusammen sein. ... In aller Ewigkeit und Liebe Dein Gedanke |