| Yuna | Diese kleine Geschichte habe ich mal in einer Zeitung gefunden und mich würde mal interessieren, was eure Gedanken dazu sind. Schreibt einfach das hin, was euch dazu einfällt, was ihr denkt...danke. Der letzte Schritt Jana verschloss die Badezimmertür hinter sich und ließ ihren Blick über die Einrichtung wandern. Es war alles perfekt vorbereitet. Der Raum wurde lediglich durch den Schein der Kerzen erhellt, im CD-Player lief leise ihre Lieblingsmusik, das Schaumbad duftete nach Zitronen. Außer an der Tür hing, mit einem Tesafilmstreifen befestigt, der Abschiedsbrief an ihre Eltern. Jana streifte ihren Bademantel ab und hängte ihn an den Haken neben dem Fenster. Draußen war es bereits dunkel, eine sternklare schwüle Sommernacht. Sie stieg in die Wanne und versuchte, sich ein wenig zu entspannen. Das Wasser war angenehm warm und alles um sie herum so friedlich. Sie atmete tief durch. Jetzt oder nie! Sie griff nach der Rasierklinge, die sie am Vortag gekauft hatte und setzte sie an ihrem Handgelenk zum alles entscheidenden Schnitt an. Sie schloss die Augen und ihr Herz pochte laut, als sie die scharfe Klinge mit leichtem Druck langsam über die Ader zog. Nicht mehr lange und alles würde hinter ihr liegen. Sie wäre endlich frei und hätte keine Sorgen mehr. Einerseits hatte sie große Angst vor dem Tod, diese Ungewissheit, was danach kommt, bereitete ihr ein ungutes Gefühl. Aber andererseits: Es war sicher nicht schlechter als dieses beschissene Leben! Jana schloss die Augen und lehnte sich zurück. Sie spürte, wie das Leben aus ihr sickerte, das Blut sich langsam mit dem Badewasser vermischte. Wie lange würde es wohl dauern? Sie konnte nur hoffen, dass es vorbei war, bevor ihre Familie wieder zu Hause war. Sie wollte nicht mehr mitbekommen, wie sie reagieren würden. Sie wollten sie nicht leiden sehen. Schließlich war es ja nicht ihre Schuld, sondern die ihrer Klassenkameradinnen. Von den Lehrern wurde sie stets als ruhig, zurückhaltend, aber dennoch hilfsbereit und aufmerksam beschreiben. Eben so, wie man sich als Außenseiter verhält. Sie hatte keine Freunde, nicht in der Schule. Entweder sie wurde ignoriert oder das Opfer von irgendwelchen Gemeinheiten. Sie hatte immer alles still hingenommen, alles in sich hineingefressen und nie gezeigt, wenn man sie gekränkt hatte. Dabei wäre sie am liebsten immer schreiend davongerannt oder hätte sich gerne gewehrt. Doch wozu? Sue hätten sie sowieso nicht in Frieden gelassen und das machte sie fertig. Sie war am Ende, sie konnte und wollte einfach nicht mehr. In letzter Zeit war es immer schlimmer geworden. Inzwischen wurde sie fast jeden Tag auf irgendeine Art beleidigt oder bloßgestellt. Immer wieder machten sie gemeine Witze, lachten sie aus, stellten ihr ein Bein oder tuschelten absichtlich so, dass sie alles mitbekam. Dachten diese Ignoranten etwa, sie hätte keine Gefühle und könnte keinen Schmerz empfinden? Früher war Jana gerne zur Schule gegangen, jetzt hasste sie jede Minute, die sie dort verbringen musste. Nein, mehr noch: Sie hatte Angst davor, überhaupt hinzugehen! Jeden Morgen überlegte sie sich einen Weg, um nicht an diesen schrecklichen Ort zu müssen. Doch jedes Mal schleppte sie sich wieder gegen ihren Willen in die Schule. Zu allem Übel wurden ihre Noten immer schlechter. Sie verstand gar nichts mehr. Jeden Nachmittag saß sie stundenlang über ihren Büchern, und dennoch kam sie nicht weiter, denn der einzige Gedanke, der ihr durch den Kopf ging, war: Wieso ich? Inzwischen hatte sie schon chronische Kopfschmerzen, und ihr war ständig schlecht. Nachts verfolgten sie Alpträume, und tagsüber wurden sie Wirklichkeit. So, wie es im Moment aussah, würde sie nicht mal die Klasse schaffen. Auch noch wiederholen und noch länger in diesem Gefängnis bleiben – das war das letzte, was sie wollte! Sie hatte einfach keine Kraft mehr, und reden konnte sie darüber auch mit niemandem. Ihre Eltern hatten mit sich selbst genug Probleme. Der Tod war tausendmal besser und einfacher als das, was alle das Leben nannten. Jana wurde immer müder. Kraftlos hing sie in der Badewanne, die trüben Blicke auf die Uhr an der Wand gerichtet. Es war kurz vor Mitternacht. Bald würde alles vorbei sein. Ihr Mund war trocken und sie fror sehr. Sie wollte warmes Wasser nachlaufen lassen, schaffte es aber nicht, sich aufzurichten. Ob die in der Schule überhaupt merken würden, dass sie nicht mehr da war? Natürlich – schließlich würden ihnen ja jemand zum Quälen fehlen. Würde es vielleicht sogar eine Gedenkfeier geben? Mit Reden? „ Jana hat Selbstmord begangen, weil ihr Ignoranten sie dazu getrieben habt“…nein, so bestimmt nicht! Sonst könnte es ja passieren, dass die Ärmsten am Ende noch Schuldgefühle bekamen. Gott, wie sie diese Leute hasste. Am liebsten würde sie es ihnen heimzahlen! Sie würde so gerne in zehn Jahren beim Klassentreffen als erfolgreiche Anwältin auftauchen, die sich für die Schwachen einsetzt, und auf all diese Verlierer von Ex-Mitschülern herabsehen! Was? Was dachte sie nur? Sie würde nicht mal die nächsten Stunden überleben, wie sollte sie dann…war es vielleicht doch falsch, was sie tat? Vielleicht, vielleicht sollte sie lieber endlich aufstehen und kämpfen, sich das nicht länger bieten lassen! Aber… es war zu spät. Zu spät zur Einsicht. Zu spät zum Umkehren. Zu spät für alles. Irgend etwas – irgend jemand! – rüttelte an der Türklinke. Jana wollte rufen, wollte zeigen, dass sie noch am leben war. Doch dann wurde es milchweiß vor ihren Augen, und dann dunkel, und immer dunkler… immer dunkler… Als die Rettungskräfte die Tür aufstemmten, waren die Kerzen fast abgebrannt und die CD schon lange am Ende. Ein Assistenzarzt presste Binden auf die noch immer blutenden Wunden. Es war totenstill. Niemand wagte, einen Laut von sich zu geben. Alles wartete darauf, dass der Arzt irgendetwas sagen würde. Er sagte: „ Sie lebt!“ |