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  Forum: Verlassene Gärten
    Thema: Noch fliege ich, bin nicht verbrannt und nicht ertrunken.
Icaros[I]Falls sich jemand durch die Lektüre dieses Threads animiert fühlt, etwas bezüglich der Gedichte niederzuschreiben, so hat er [URL=http://www.nachtwelten.de/vB/showthread.php?s=&threadid=15056]hier[/URL] die Möglichkeit dazu.[/I]

Des Silbergartens Königin

Die Königin des Silbergartens
Hat mich sanft berührt,
Mich leise an die Hand genomm’n
Und in ihr Reich geführt.

Aus grauem Alltag zog sie mich
Hinein in ihre Zauberwelt,
Wo die Lieder nie verklingen
Und sie weise Hofe hält.

Sie schenkte mir die feinsten Kleider,
Erdacht aus fahlem Mondesschein,
Und getaucht in Sonnenstrahlen
Kann nichts and’res schön mehr sein.

Speisen ließ sie mich an ihrer Tafel,
Nur das Edelste wurd’ aufgetischt;
Ich erhielt, was immer ich begehrte,
Hunger leiden musst’ ich nicht.

Dann tanzten wir auf hohen Brücken,
Aus lodernd Feuer heiß entfacht,
Und auf einer eben jener
Zeigte sie mir ihre ganze Macht.

Sie spreizte ihre Arme weit,
Den Blick den Sternen zugewandt,
Und trat sich’ren, ruhigen Schrittes
An der flammend’ Brücke Rand.

In die Nacht ließ sie sich fallen,
Ein Lächeln zierte ihr Gesicht;
Des Schreckens Schrei entfleuchte mir,
Doch der Wind trug ihr Gewicht.

Gleich einer edlen, hehren Elfe
Flog sie langsam mir entgegen,
Und ohne jeden Zweifel
Ließ ich ihre Arme um mich legen.

Mit spielerischer Leichtigkeit
Hob sie mich sacht empor,
Und gemeinsam glitten wir
Vor ihres prächt’gen Schlosses Tor.

Es war ein Ort mit tausend Räumen,
Ein jeder reich und wunderbar,
Und von der Herrin eingeladen
Genoss ich dort so manches Jahr.

Doch als ich schließlich gehen wollt’,
Hat sie mich still geküsst
Und ernsten Wortes mir erklärt,
Dass ich noch bleiben müsst’.

Gefangen in der Zauberwelt
Durchschreite ich der Schmerzen Tal,
Denn auch des Silbergartens Herrlichkeit
Heilt nicht des Zwanges grause Qual.
IcarosKatharsis


Schon bald ist Mutter Erde frei,
Erlöst vom Menschenmadenbrei.
In dessen Blute wird sie baden
Und so vergelten allen Schaden,
Den mensch hat stetig zugefügt.

Das schwächste Glied als erstes reißt:
Von dannen fährt der Kranken Geist,
Die hilflos in den Betten liegen;
Ein Machwerk vieler tausend Fliegen,
Die mit sich bringen Cholera.

Die Ärzte sind als nächstes dran,
Verzweifelt steh’n sie ihren Mann.
Die Krankheit rafft auch sie dahin
Ohne Gnade, ohne Sinn
Der Schnitter grausam Ernte hält.

Mit viel Getös’ die Erde bebt,
Gebäude in die Höhe hebt,
Um sie dann nur fall’n zu lassen
Und zu vernichten so die Massen,
Die sich sicher dort gewähnt.

In Trümmern sich die Asche regt,
Sich quälend auf die Lungen legt.
Jeder Atemzug bereitet Schmerzen.
Überall erinnern Kerzen
An die Opfer dieser Pest.

Blut dann aus dem Himmel gießt,
Kniehoch durch die Straßen fließt.
Das Rot sich schnell zu Säure wandelt
Und so gar manchen Leib verschandelt,
Der bis jetzt war unversehrt.

Die Lebenden die Toten neiden,
Sie seh’n kein Ende ihrer Leiden.
Nichts macht mehr einen Unterschied,
So wählen sie den Suizid,
Um zu enden ihre Qual.

Nun endlich ist die Mutter frei,
Erlöst vom Menschenmadenbrei.
Es war der Menschheit letzter Gang,
Ein Weg zu einem Neuanfang,
Denn Gaia hat dazugelernt.
IcarosKälte

Kennst Du die Kälte, sag, kennst Du sie auch,
Wenn sie Dich trifft bis ins Mark,
Wenn Dich bedeckt ein frostiger Hauch,
Wenn Dich umschließt ein eisiger Sarg?

So weißt Du vom Zittern, es bricht sich dann Bahn,
Ergreift Dich vom Kopf bis zum Fuß,
Und auch von Gedanken sich gebend als Wahn,
Erscheinend frech grinsend als pechschwarzer Gruß.

Wenn neben dem Wahn, dem Gezittre, dem Hauch
Nur eines noch fehlt, das Auge, das weint,
Und Dir von all dem nichts neu mehr erscheint,
Dann kennst Du die Kälte, dann kennst Du sie auch.
IcarosDaniel

Arrogant sein kannst Du, unsensibel, primitiv.
Hart soll’n Männer sein – wie tief
Kannst Du eigentlich noch fallen,
Ohne mich dazu zu zwingen,
Dir einen schnellen Tod zu bringen?
Sicher weis’ ich Dir den Weg in Plutons Hallen
Mit Hohn, Spott und reichlich Schmähgesang.
Fürwahr, ein formidabler Untergang
Für ein Ding so geistig klein, wie Du es bist.

„Vergeistigt“ sind, die auch mal denken,
Doch meinen Intellekt will ich nicht senken
Um Deiner dumpfen Stumpfheit willen
Und der derer, die insgeheim im Stillen
Sich das Maul zerreißen über mich.

Untern Scheffel stell’ ich nicht mein Licht,
Nein, ich halt’s Dir mitten ins Gesicht,
Dass Du geblendet wirst von meiner Größe –
Los, gib Dir diese Blöße
Und vergehe über meinem Glanz.

Eines sag’ ich Dir, Euch allen, als letztes Wort und zum Geleit:
Endlich hab’ ich mich von Dir, von Eurer ganzen Brut, befreit!
IcarosSchlachtlied

Heissa, Junge, komm schon her
Und bringe mir mein Schießgewehr.
Vergiss auch nicht das Pulverhorn –
Gestochen von des Eifers Dorn
Seh’ ich schon die Säbel schwingen,
All die glänzend’, leuchtend’ Klingen,
Die so machtvoll niedergeh’n –
Da bleibt kein Feind mehr lange steh’n.

Mit großem Wort zum Krieg befohlen
Haben König, Kaiser, Präsident,
Um den Nachbarn zu versohlen,
Oder wen man sonst noch kennt.

Und Ehre bringt es allemal,
Zu ziehen für das Vaterland;
Man braucht nur etwas harten Stahl,
Der kompensiert auch den Verstand.

Wenn du dich dann wacker schlägst
Wie einst die Väter
(Denn für die tust du es auch)
Und des Sieges Fackel trägst,
Kriegst du ’nen Orden – ist halt Brauch.

Der ziert dann deine Uniform,
Er leuchtet, glänzt und strahlt gar hell.
Du passt so völlig in die Norm,
Und auch ein Vorbild bist du schnell.

Zum Schluss stehst du vor Menschenmassen,
Die zu überzeugen sind,
Dass es rechtens war zu hassen,
Damit das Spiel erneut beginnt.
IcarosOhne Dich


Ohne Dich bedeutet Leere
Und entbehrt auch jeden Sinn,
Dass ich mich innerlich verzehre
Und einfach nur noch einsam bin.

Ohne Dich ist eine Qual,
Die mein ganzes Leben bleicht;
Alles schmeckt dann bloß mehr schal,
Ganz egal, was man mir reicht.

Ohne Dich kann ich nicht leben
Und verliere jeden Halt,
Komme ab von meinen Wegen
Und fühl mich nur noch bitterkalt.

Ohne dich hat ’was von Ende,
Von einem letzten großen Knall;
Nicht die Chance einer Wende,
Nur ein endlos langer Fall.
IcarosLebensunfähigkeit


Ich weiß, dass ich mich hasse
(Bin ich so geboren?)
Und auch, dass ich’s nicht lasse –
Von Anfang an verloren.
Ich kann mir selber nicht genügen,
Gründe gibt es reichlich.
Wen will man dafür rügen?
Etwa niemand, außer freilich
Mich?
Doch: Die lachten, spuckten schlugen,
Ihren Selbsthass nicht ertrugen;
Zu ihrem Opfer auserkoren, das war ich.

So wurd’ ich, was ich heute bin –
Eigentlich nicht schlimm,
Gäb’ es da nicht all die Narben
Tiefer als in Haut geritzt.

Bin ich mit mir allein
Kommen all die Schmerzen, Qualen, Pein
Ungebremst hervorgequollen
Aus den Tiefen meiner selbst.

Ich kann mich nicht dagegen wehren,
Denn wenn die Schmerzen sich vermehren
Steh’ ich saft- und kraftlos da
Mit wirrem Blick, zerzaustem Haar.

Warum bloß kann mich niemand retten,
Mich fesseln in die stärksten Ketten?
Sie wären gar zu sanft zu mir.
Ein Beweis, das wär’s, von wahrer Liebe,
Aufzuhalten meinen Niedergang,
Ein Mensch, der bei mir bliebe,
Und die Möglichkeit zum Neuanfang.
IcarosSpiel mit dem Feuer


Manchmal muss ich mich ersaufen
In meinem tiefsten Seelenschwarz,
Mit mir um die Wette laufen,
Verkleben mit mentalem Harz.

Voller Wonne steig’ ich dann
In den Keller meiner Seele.
Niemand kommt mehr an mich ran,
Wenn ich mich selber quäle.

Die Flamme lässt mich Leben spür’n,
So ich mich selbst verbrenne,
Um mich in das Licht zu führ’n,
Das ich längst nicht mehr kenne.

Tot und leblos fühl’ ich mich
Ohne dieses Zeichen,
Ganz als ob ein kalter Stich
Nicht von mit könnt’ weichen.

Wenn die Hände werden heiß,
Bemerk’ ich diesen Funken
Und erhalte den Beweis:
Noch bin ich nicht versunken.

Versunken in dem dunklen Schrein,
Der mich vor Emotion „bewahrt“.
Nein, so möcht’ ich niemals sein,
Dies’ Schicksal wäre gar zu hart.

Wenn es schmerzt, dann ist es gut,
Es zeigt, dass ich lebendig bin.
Und so schöpf’ ich neuen Mut:
Es macht noch alles einen Sinn.
IcarosEinsamkeit
durchströmt mich,
erfüllt mich,
jede Faser meines Körpers.
Sie ist stets bei mir,
ein Teil meiner.
Doch alleine bin ich nie,
ich habe ja Gesellschaft:
Einsamkeit
IcarosAuf dem Stuhl


Auf dem Stuhle festgebunden
Blutest du aus tausend Wunden.
Seile schneiden in die Haut,
Mein Hass ist längst nicht abgebaut.

Er wurde von dir selbst geschürt
Und hat dich so hierhin geführt.
Zu deinem Richter jetzt ernannt
Sind die Taten mir bekannt,
Die du nicht gestehen musst,
Denn meine Qual war deine Lust.

Doch sind die Seiten nun vertauscht,
Von Sieg und Rache ganz berauscht
Bemerke ich das Flehen nicht
Und spucke dir in dein Gesicht.

Jetzt zahl ich dir die Schmerzen heim,
Die Qualen und auch all die Pein;
Eins zu eins vergelt ich sie,
Auf meine Gnade hoffe nie.

Das Mitleid starb schon früh in mir –
Und auch dies verdank ich dir:
Selbst wenn du wimmerst, wenn du schreist,
Bleibt hart mein Herz, es bleibt vereist.
Wie’s einst gefror, weißt du genau:
Du hieltest dich für wirklich schlau,
Für ach so toll und überlegen –
Ich sollte dich vom Erdball fegen!
Endlos schlag ich auf dich ein;
Dein kleines Leben, es ist mein.

Als der Körper nur noch keucht
(Sein Lebensgeist nicht ganz entfleucht),
Lasse ich ihn schließlich gehn
Und zähle langsam laut bis zehn.
Da er sich nun nicht mehr rührt,
Wird er dann auch schnell losgeschnürt.
Hinter mir bleibt er zurück –
Es ist vollbracht, was für ein Glück!
IcarosErlösung?


Hinabgestrauchelt ohne Klagen,
Souverän doch nur im freien Fall,
Kann mir niemand Antwort sagen,
Wann ich auf den Boden prall’.

Die Stille teilt der Schall in Stücke
Wie ein schimmernd-bunt’ Kaleidoskop.
Blumen zieren jene Brücke,
Die dem Menschsein mich enthob.

Die Ketten stöhnen laut und ächzen,
So man sie im Takte wiegt.
Von weit entfernt ein Rabenkrächzen,
Das wohl nimmermehr versiegt.

Trotz allem existiere ich,
Es führt kein Weg zurück,
Schreibe vorwärts Schritt um Schritt,
Begehr’ mein eig’nes Glück.

Den Anspruch mach’ ich endlich geltend,
Und so proklamiere ich,
Dass absolut sein soll mein Wille –
Verwirklicht wird er sicherlich.

Dann war der Fall nur halb so tief,
Und auch das, was der Rabe rief,
Verliert Bedeutung wie Gewicht;

Sodass das Grauen steigt empor
Hinan vor jenes Himmelstor,
Das welk dort scheint im fahlen Licht.

Vom untersten Schacht schau ich dabei zu
Und finde nicht Rast, geschweige denn Ruh’,
Denn der grässliche Ruf, er lässt mich nicht geh’n:
„Bis bald“, krächzte der Rabe, „wir werden uns wiederseh’n.“
Icaros[I]Dies ist nur eine vorläufige Version, die in Zukunft zu korrigieren ich mir vorbehalte.[/I]



A place to hide


Let me drown in loneliness
Forever and a day.
I’d like it rather more than less,
If you lead me the way.

The way down to my black-clad vaults
Where endlessly I mourn
For my little humble self
And times that seem forlorn.

You take my hand with tender softness
And – carefully – you start
Walking down the stairs in silence
‘Til we’ll reach my throbbing heart.

Down the walls foul water drips,
I can barely see
What’s lying right in front of me;
To ease the pain I bite my lips.

Since you are me and I am you
These vaults remain untold.
Not one will ever have a clue
Where we hide from the cold.

Instead of facing people’s frost,
Which I can hardly bear,
I really prefer to get lost
Where noone else is there.
IcarosGewitter


Sieh die Wolken dreuen, toben,
Rasen dort am Firmament,
Sich zu bauschen bis hoch oben,
Wo der Himmel manchmal brennt.

Sie sammeln sich zum ersten Schlage,
Auf dass dieser, wenn er nur gelingt,
Die Welt mit Kataklysmen jage,
Bis sie ganz und gar versinkt.

Man sucht ein Ziel, gleich ist's gefunden:
Eine Kate alt und auch so klein wie schwach;
Wurmzerfressen sind die Wände,
Blind die Fenster, morsch das Dach.

Auf die Hütte geh'n sie nieder,
Schleudern Blitze, schießen Regen,
Während Windes Kampfeslieder
Ruchlos um ihr Opfer fegen.

Ist das Unheil überstanden,
Wird der Himmel langsam klar,
Sodass die Welt verwundert sieht
Nun fortgewaschen, was einst war.
IcarosWas bleibt


Was bleibt, wenn auch der letzte Wind
Des Herbstes schwach durch kahle Wipfel schweift,
Das welke Laub mit müder Hand ergreift,
Es wankend tanzen lässt und dazu singt
Ein letztes leises Klagelied, das traurig in die Ferne klingt?

Was bleibt, wenn auch die letzte Schaufel Erde
Dumpf schlägt auf die Eichenkiste auf,
In der man ruht nach all dem Sein und Werde,
Nach seines ganzen Lebens langem Lauf?

Was bleibt, wenn selbst Gedanken,
Dass man je war, schon längst zum letzten Mal gedacht,
Wenn das Grab nur wilde Gräser überranken
Und niemand mehr die Zeit noch kennt, die man hier zugebracht?

Dann bleibt nur eins als letztes Stück,
Ein kleiner Stein, der nicht vor Wind noch Wetter zittert,
Als Zeichen deiner Existenz zurück –
Solange bis auch er verwittert.

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