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  Forum: Verlassene Gärten
    Thema: Ein Märchen
faces&feelingsEin Märchen


1. Teil

Es war einmal vor langer Zeit in einem Land jenseits der Berge. Dort, wo die Bäche rein waren wie Silber und die Seen klar wie Kristall, dort, wo üppige Wälder waren und Wild, wo es blühende Äcker gab, wo alles ein Idyll war, wo die Sommer sonnig und warm waren und die Winter streng und kalt und tief verschneit.
Dort regierte ein König einst, ein schlauer Mann in besten Jahren. Und er lebte mit einer Königin zusammen und mit seinem Kind, der jungen Prinzessin, die er so sehr liebte, mehr noch liebte, als sein Königreich, mehr noch, als sich selbst. Und der König regierte gut über dieses Land und gerecht und sein Volk liebte ihn und es feierte ihn. Manchmal wie einen Gott. Und er lebte und regierte in einem großen Schloss, inmitten eines großen Flusses, inmitten seines großen Landes und dieses Schloss kann man noch heute bewundern und die schönsten Dinge, die Gemälde und Leuchter und Fresken, stammen aus jener goldenen, vergangenen Zeit. Damals sorgte ein großer Hofstaat um den König und seine Familie und all die Leute sorgten gern und waren selbst gut versorgt durch diese Aufgaben und froh darüber.
Doch bald kam es, dass der König, alt geworden, von Dingen erfuhr, die sich in seinem Reich zutrugen, die ihn beunruhigten. Denn es solle Armut geben, so hieß es, es solle Aufstände geben der Armen und tatsächlich, manchmal kamen aus manchen Gegenden des Reiches Händler über den Fluss und sie berichteten von diesen schlimmen Dingen und der König beschloss sich darum zu kümmern und er beauftragte seinen Kanzler, der wiederum seine Minister beauftragte, die dann ihre Beamten im Lande beauftragten und so weiter; und bald herrschte wieder Ruhe im Land und der König sah wieder die glücklichen Händler, einen glücklichen Hofstaat und, als er sein Land besuchte, in seiner goldenen Kutsche, jubelte man ihm vom Straßenrand her zu. Er verstand dies als Zeichen, als Spiegel seiner Herrlichkeit, er hatte den Aufruhr beendet.
Es war auch die Zeit, als die Prinzessin in ihrer Weiblichkeit erblühte. Sie war nun eine wunderschöne Jungfrau, ihr Haar war dunkel, schwarz und schön, ihr Gesicht wirkte fein, die Konturen sanft. Und einmal fuhr die Prinzessin mit, in der goldenen Kutsche, mit ihrem Vater und sie schaute und staunte erst ob der jubelnden Menge und sie war stolz über ihren Vater, den König und wie gut er es verstand, die Leute zu regieren. Doch bald merkte sie, dass etwas nicht stimmte. Sie bemerkte wie versteinert diese Gesichter waren am Straßenrand und unglücklich. Und dann bemerkte sie rötliche Lachen auf Plätzen und großen Straßen. War dies wohl Blut? Und sie erinnerte sich des Morgens, als sie am Ufer der Schlossinsel stand und vom Festland drüben Schreie hörte und es schauderte sie. Ein schrecklicher Verdacht lebte in ihr auf. Sie beschloss dem heimlich nachzugehen.
So kam es, dass sie sich am nächsten Morgen wie eine Händlerin verkleidete und sich über den Fluss stahl von der Insel, dass Dorf besuchte, dass dort lag.
Als sie wiederkam sprach sie nie wieder ein Wort. Niemand wusste, was passiert war. Schweigend und entgeistert verstarb die Prinzessin bald und der König und sein Gefolge weinten.

Ein lautes Geknacke von Ästen weckt uns. Der Säufer kommt erst jetzt zurück, mit einem groben Lachen und einer Flasche Wein in der Hand. Er erzählt uns von einem kleinen Dorf an einem kleinen Fluss, ganz in unserer Nähe und das die dort einen Wein hätten, den es nur einmal auf dieser Welt gäbe: Einen Roten, rot wie Blut, doch voller Leben, Kraft und Stärke. Er nimmt noch einen Schluck, die Pulle ist leer, er wirft sie weg ins Unterholz. Er lallt noch etwas vor sich her, er redet nur Scheiße, wenn er besoffen ist.
Die ersten Sonnenstrahlen huschen durch den Wald. Inzwischen sind wir alle wach und aufgestanden, das Mädchen, die zu junge Mutter, wäscht sich gerade am kristallklaren Bach. Sie ist verdammt schön und ich kann von ihrer Nacktheit nicht ablassen. Der Clown zieht mich aus meiner Trance, lacht mich an, spricht: „Ihre Schönheit wurde ihr schon einmal zum Verhängnis.“ Erst jetzt spricht er ernst: „Schau in ihre Augen und du wirst sie nackt vor dir sehen. Tu ihr nicht weh, schau sie nicht so an.“
„Was ist dabei?“ Dennoch wende ich mich von ihr ab, denn das Baby schreit, um das sich die Philosophin gerade kümmert, sie wiegt es in ihren Armen und spricht mit dem Kleinen in einer seltsamen, mir fremden Sprache: „BaBaBa.. NaNaNa.. Na duu?“ Ich glaube nicht, dass die Philosophin diese Sprache aus ihren Büchern kennt.
Auf einmal torkelt der Säufer an sie heran, streichelt dem Baby über die Wangen, das Baby schreit lauter. Die Philosophin dreht sich mit dem Kind weg: „Ich glaube es kann deine Fahne nicht ab; und du stinkst. Wasch dich erst mal.“
„Wenn du meinst.“
Der Säufer geht an den Bach, beugt sich langsam hinüber, will sich waschen und fällt kopfüber hinein. Er flucht. Wir müssen lachen, nur die Mama dreht sich weg.
Es dauert nicht lange, bis wir das Dorf erreichen. Wir sind alle gut gelaunt. Der Clown kümmert sich ein wenig um das Baby, dass bald wieder einschläft. Es geht immer bergab, hinab ins Flusstal und wir können einem bequemen Pfad folgen, der uns das Gehen erleichtert. Schon bald wird der Weg größer und führt zwischen Feldern vorbei, dann in einen Weinberg hinein, es geht steil bergab und am Fuße des Weinberges steht schon das erste Haus des Dorfes, vor dem eine alte Frau auf einer Holzbank sitzt. Sie ist ärmlich gekleidet, trägt ein auffälliges, schlicht-schwarzes Kopftuch. Sie schaut uns nicht an, während wir an ihr vorübergehen, doch als wir schon einige Meter weiter sind, ruft sie uns hinterher: „Dieser Ort ist Fluch! Dieser Fluch ist Blut! Flüchtet! Flüchtet!“
Erschrocken drehen wir uns um und die Frau sitzt immer noch auf ihrer Bank, doch sie zittert an ihrem ganzen Körper. Dann beginnt sie zu kreischen, immer lauter und schriller und unsere junge Mutter hält sich ihre Ohren zu, fällt betäubt zu Boden.
Die alte Frau verstummt. Aus dem Haus tritt ein bedeutend jüngerer Mann hinaus und beruhigt die Alte mit einer seltsam hohen Stimme: „Mutter, was ist denn Mutter? … Beruhige dich doch, Mama.“
Er spricht beruhigend und bedächtig auf seine Mutter ein und nimmt sie in die Arme. Die alte Frau beruhigt sich wieder und auch unsere junge Begleiterin ist wieder auf den Beinen, doch als ich in ihr Gesicht schaue, sehe ich es kreidebleich, zu Tode erschrocken.
Die Philosophin fragt den Mann, ob wir helfen könnten, doch der verneint, entschuldigt sich stattdessen für das verhalten seiner Mutter.
„Es tut dir leid, nicht, Mama?“
Die alte Frau scheint wieder vollkommen beruhigt zu sein. Sie schaut uns an und vor allem den Säufer. Sie lächelt und sagt: „Nein. Es tut mir nicht leid.“
„Aber Mutter.“
„Du, hol lieber einen Tisch heraus und noch eine Bank, dann können sich unsere Gäste hersetzen und ich erzähle ihnen von diesem Ort und von dem Fluch und von dem Blut. Hol Wein und Brot und Milch und Käse und hol es geschwind, mein Kind.“
„Ja, Mama!“
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2. Teil

So erzählt noch heute ein altes Weib aus der Stadt am Fluss die Geschichte des Fluches, die Geschichte des Blutes, dass Schicksal der Prinzessin:
„In den alten Tagen war es, als der König regierte über dies Land und er regierte schlecht, denn das Volk wurde getreten von seinen Leuten und das Volk war arm und litt Hunger, während der König und sein Gefolge im Überfluss hofierten, dort im Schloss, auf der kleinen Insel.“
Sie zeigt in die Richtung der Insel, die von hier aus allerdings nicht zu sehen ist, die wir aber oben vom Weinberg aus bewundern konnten.
„Eines Jahres war alles besonders schlimm. Eine schlechte Ernte war vorüber und der Hunger nagte an uns allen. Im Dorfe hier und im ganzen Land gab es zu wenig an den wichtigsten Dingen. Für uns alle war es eine schreckliche Zeit. Die Krankheiten häuften sich und die Kinder und die Alten starben hungers.
So kam es, dass wir, die Armen, die arm gewordenen, die königlichen Kornspeicher plünderten und die Händler überfielen, die noch immer über den Fluss setzen wollten, zum Schloss, um dort ein gutes Geschäft zu machen. So haben wir es geschafft zu überleben.
Doch war der König ein grausamer König und seine Gefolgsleute erbarmungslos in ihrer Untertänigkeit und darin machtvoll. So kamen bald Ritter, Söldner aus fremden Landen und sie zogen einher durchs Königreich und sie stachen die Hungernden nieder, die sich an den Speichern des Königs zu schaffen machten und in den Städten mordeten sie jeden, der ihnen nicht die nötige Angst entgegenbrachte. Nur die Königstreuen, ein paar Geschäftsleute, die Offiziellen des Landes, die Beamten, und die Leute vom Hofe ließen sie außer acht.
Einige Männer von uns holten ihre Spitzhacken und Schaufeln hervor und sie kämpften, bis sie fielen. Bald waren auch hier, in unserem Dorf, die Straßen voller Blut und trauernder Menschen. Auch ich trauerte um meinen Ehemann.
Nach einem Tag war alles wieder ruhig. Und als wir noch die Toten zählten und den Verletzten halfen, da hieß es, der König wolle seinem Volke ein Besuch abstatten und wir mussten uns an die Straßen stellen und jubeln, denn hinter uns standen die Getreuen des Königs mit ihren Messern und sie hätten uns gnadenlos gemeuchelt, hätten wir aufgemuckt.
So fuhr der König durch die Straße unseres Dorfes und vieler anderer Dörfer des Königreiches und er fuhr durch Lachen von Blut, als er sein Volk jubeln sah. Es war schrecklich für uns alle.
Und er fuhr durch dies Land mit seiner Tochter, der Prinzessin und wir sahen wie schrecklich und schön sie war. Grausam in ihrer Macht, wunderschön in ihrem Anblick.
Doch war sie nicht die böse Prinzessin, wie wir alle dachten. Wir irrten uns. Denn am nächsten Morgen schon kam sie mit der Fähre über den Fluss, verkleidet als einfache Frau, als Händlerin, um von ihrer Insel unbemerkt fortzukommen.
Im Dorfe nun angekommen, ging sie durch die Straßen und schaute sich das Elend an das herrschte und sie war entsetzt; und hätte sie in die Häuser geschaut, sie hätte noch schrecklichere Dinge gesehen: Die Verletzten und die Toten, unsere Verwandten, die Gekämpft hatten.
Erkannt wurde sie nicht an diesem Tag, einem wunderschönen Herbsttag, bis sie an dieses Haus kam, schon damals das letzte Haus im Dorfe. Ich erkannte sie damals und ließ sie an meine Schwelle treten. Ich lud sie ein, mit mir einen kleinen, allzu kleinen Imbiss einzunehmen. Und wir setzten uns vor die Tür, hier, wo wir jetzt sitzen und wir unterhielten uns eine Weile.“
Während die alte Frau ihre Geschichte erzählt, steht die junge Mama auf, entschuldigt sich und verschwindet hinter dem Haus. Das Baby, immer noch vom Clown umsorgt, lächelt seiner Mutter komisch hinterher. Ich glaube, ihr geht es nicht gut. Auch der Säufer sitzt etwas abseits im Türrahmen. Zusammengekauert und apathisch trinkt er seinen Wein. Wenn man in sein Gesicht schaut, sieht man Leere.
Die Alte erzählt weiter:
„Die Prinzessin war vielleicht 16 oder 17, doch unbeschreiblich schön. Ihr Gesicht war so zart und ihr offenes, schwarzes Haar schimmerte geheimnisvoll im Licht der Nachmittagssonne. An ihrer Schönheit habe ich sie wiedererkannt.
Und als wir miteinander redeten, sprach ich sie mit ‚Prinzessin’ an und sie erschrak. Dann redete ich auf sie ein:
‚Wir sind arm, Herrin, uns geht es schlecht. Wir stehen kurz vorm verhungern. Wir haben keine Ahnung, wie wir über den Winter kommen sollen. Die Kinder sind schwach, die Alten müde, die Männer verletzt oder tot.
Ja, es stimmt. Wir plünderten die Vorräte deines Vaters. Doch sollen wir elendig verhungern? Es sind unsere Vorräte, die da lagern, unsere Abgaben, die uns gerade in diesem Jahr schlechter Ernte doppelt fehlen. Und euer Vater schickt fremde Soldaten, uns zu töten. Warum?
Jetzt liegen unsere Brüder und Väter und Söhne im Sterben oder sind bereits gestorben und der Hass auf euch ist groß und auf den König noch viel größer. Und jetzt kommt ihr, Prinzessin, es wirkt wie Hohn!’
Und ich wunderte mich, als die Prinzessin in Tränen ausbrach.
‚Ich wusste das nicht! Ich hatte keine Ahnung!’
Sie wusste das alles nicht. Ich glaubte ihr. Ich berichtete ihr von all den Gräueltaten, die im Namen des Königs unter unserem Volke verübt wurden. Lange saßen wir da, bis in den Abend hinein und als sie ging versprach sie, mit dem König zu reden. Wenn er nichts tun würde, würde sie wiederkommen und man müsse sich was anderes überlegen.
Die Prinzessin ging fort und sie fing Feuer im Licht der untergehenden Sonne, so schien es mir, als sie ging. Sie ging zurück, zum Anleger, der etwas außerhalb der Stadt liegt. Ab dann ist alles ein Rätsel.
Irgendetwas muss der Prinzessin nun zugestoßen sein. Denn die Prinzessin kam auf das Schloss und sie hätte nie mehr ein Wort gesprochen, so hieß es und bald ist sie verstorben. Und der König nahm schreckliche Rache an unserem Dorfe. Seine Treuen stürmten in die Häuser und schnitten den Kindern die Zungen heraus. Viele starben an diesem Greuel.
Noch heute ist das Dorf verwaist, obgleich es hier schon lange keinen König mehr gibt und gesprochen wird hier selten.“
Die alte Frau hat mit ihrer Geschichte geendet. Ihr Sohn, der die gesamte Zeit im Haus verweilt war kam nun heraus und setzt sich zu uns an den Tisch: „Ihr fragt euch, warum ich noch meine Zunge besitze, nicht wahr?“ Er knöpft sich seine Hose auf. Ich muss mich Wegdrehen. „Wahrscheinlich wurde die Prinzessin damals vergewaltigt, anders kann ich mir das nicht erklären. Die alten Frauen des Dorfes erinnern sich bis heute an ein altes, versoffenes, kleines Kerlchen mit einem seltsamen Bärtchen, einen Mann, den alle schon immer auslachten und der immer wieder ein grausames Gedicht vortrug:

‚Ich liebe dich, liebst du mich auch?
Das Messer blitzt und du schreist auf.
Das Messer ritzt an deiner Haut.
Ich liebe dich, liebst du mich auch?

Ich liebe dich, liebst du mich auch?
Du schreist und ich, ich zieh dich aus.
Mein Samen spritzt in deinem Bauch.
Ich liebe dich, liebst du mich auch? ’

Er wurde aufgeknüpft.
Und das mit dem Fluch ist so: Es heißt seit diesen Tagen, dass einst die Prinzessin wiederkehren werde und sie wird den Fluch von diesem Ort nehmen und Blut mit Blut waschen.“
Hinter dem Haus hören wir, dass sich die junge Mama erbricht.

Ich stehe auf und ich biege um die Häuserecke. Ich sehe sie. Sie lehnt an der Wand und vor ihr liegt das Erbrochene. In ihrem schmerzverzerrten Gesicht stehen die Schweißperlen, sie muss Schmerzen haben. Plötzlich krümmt sie sich zusammen. Sie hält sich den Bauch. Sie kotzt und sie weint. Ich lege ihr die Hand auf die Schulter, helfe ihr, sich auf einen großen Stein zu setzen, der am Haus liegt.
„Es tut so weh.“
Sie wimmert. Wieder krümmt sie sich zusammen und ich sehe, wie sie eine Hand unter ihre Lumpenhose fährt. Als sie die Hand wieder hervorzieht und sie dann anschaut, beginnt sie zu kreischen. Sie ist voller Blut.

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