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  Forum: Verlassene Gärten
    Thema: Wirklich? - Meine Geschichte über die Freiheit
LestherWirklich?


„All die Jahre war ich gefangen“, sagt sie leise, kaum hörbar, „warum jetzt freisein?“ Sein Atem ist lauter als ihre Stimme. Mit todeskalten Fingern schnallt er sich die Flügel auf den Rücken. „Ich habe dich nie dazu gezwungen, dir zu nehmen, was dir zusteht.“ Sagt er. Und macht einen Schritt. Aber nein, nicht den Schritt. Einen anderen.
„Du würdest mich niemals zu etwas zwingen, das weißt du doch selber. Ich will doch bei dir sein.“ Die Hände greifen ins Nichts. Zu Boden fallen nur weiche, weiße Daunen. Sie spürt den Luftzug seiner Schwingen, als er hinter ihr steht.
Sie lacht. Oder zieht sie eine Grimasse; die verschatteten Augen verraten nichts.
„Ich muss verrückt sein.“ Du Heuchlerin, denkt sie. Du hast’s nicht so gemeint, wie du es gesagt hast. Du meinst doch nie etwas so, wie du es sagst.
Sie sieht ihn nicht. Spürt nur seine Anwesenheit. „Glaub’s mir“, verlangt er. „Reiß dich los. Du hast nicht mehr viel Zeit.“
Sie geht einen Schritt zurück. Ich habe noch alle Zeit. Alle Zeit der Welt, oder zumindest fast. Er wird böse sein. Konnte er überhaupt richtig böse sein, auf sie? Nie hatte sie ihn böse erlebt. Nur traurig, vielleicht, ihr fremd.
„Verlier mich nicht“, befiehlt er ihr mit strahlender Stimme. Sie kann seine Wärme, seinen Glanz, kaum ertragen; weiß, dass nur die Ewigkeit sie von der Freiheit trennt. Doch von welcher? „Ich kann die Engel nicht dazu zwingen, mich zu lieben.“ Sie möchte sich wieder am Irdischen festhalten, doch seine Antwort packt ihre Hand. „Doch, kannst du.“ Er hätte alles sagen können, einfach alles, und er weiß es.
„Kannst du den Gesang hören?“ Sie weiß nicht, welche Stimme ihr das gesagt hat. Sie hört nichts. Sie will gehen. Sein Weinen sprengt ihre Brust, die Augenlider flattern hysterisch. Die ganze Welt scheint ein einziger Schrei zu sein – ein Schrei, der den Sterbenden vom Sterben trennt.
„Es ist immer wieder die Angst.“ Irgendwie weiß sie, dass dies die letzten Worte sind, die er heute zu ihr sagen wird. Und vielleicht morgen. Vielleicht für immer das letzte, was sie hört. Nervös scharrt sein Gefieder im Flutlicht.
„Warum sollte ich Angst haben vor dem Freisein?“, antwortet sie. Sinkt nieder.
„Vielleicht enden manche Geschichten so“, erzählt er ihr noch. Enttäuscht nimmt sie nicht wahr, was er ihr gesagt hat, und sie spuckt Liebe auf den regennassen Beton. Es sind zu viele Schritte, die zwischen ihnen liegen; ihr und der Freiheit. Niemand da, der ihre Hand hält, sie den Weg begleitet. Sie weiß, dass er in eine andere Richtung gleitet – allein ist sie zu klein, um die Lasten über ihren grauen Kreuzweg zu schleppen.
„Das verstehst du doch?“ Sie dreht sich um, ihr Gespenst steht immer noch am selben Fleck wie zuvor. Die verschleierten Augen suchen in der Leere, und keine einzelne Daune zeugt von seiner Existenz.



Hoffe, sie hat euch gefallen. Ich habe eine sehr persönliche, starke Verbindung zu ihr und habe sie in ungefähr 15 Minuten geschrieben.
Gruß, Lesther

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