| DonnaCava | Ein schwarzes Kreuz auf weißem Schild Wir folgten dem Schlag der Trommeln auf dem Marsch nach Osten. Mathes Pernauer war unser Obrist und sein Bruder Heinrich der Hauptmann. Auf schwarzen Pferden ritten sie vor ihren Fähnlein her. Nach ihnen kamen Wachtmeister, Furier und Profos, danach Pfeifer und Trommler und dann die Landsknechte. Es waren Fähnlein von gutem Ruf, ein Viertel der Knechte war adliger Abstammung, wie es Kaiser Maximilian vorgeschrieben hatte. Ich war die einzige Frau unter ihnen. Die meisten Landsknechte waren der Ansicht, dass Frauen in den Tross gehörten. Ein alter Wachtmeister hatte bei meinem Eintritt in das Fähnlein gemeint, dass ich als Lagerhure wohl besser taugen würde. Ich hatte ihm den Lanzenschaft zwischen die Beine geschlagen, dass ihm Hören und Sehen vergangen war. Trotzdem wäre ich abgelehnt worden, wenn nicht meine beiden Begleiter sich für mich ausgesprochen hätten. Diese waren erfahrene Landsknechte aus adligen Familien, die mit mir unter Frundsberg gedient hatten. Ihr Wort galt etwas unter diesen rauen Gesellen. Die Trommler gaben den Schritt vor. Unsere Landsknechte kamen aus Schwaben, Bayern und Flandern, aus Lübeck und Linz. Meinen schweren Zweihänder trug ich auf dem Rücken, unsere Spieße befanden sich beim Tross. So marschierten wir gegen die Russen und ihren Zaren. Iwan, welchen die Menschen den Schrecklichen nannten, führte seit Jahren Krieg gegen Livland. Die Russen hatten schlimm in dem Land gehaust, sie hatten gemordet, geschändet, gepfählt, gebrandschatzt und viele tausend Unglückliche nach Osten in die Gefangenschaft verschleppt, Livländer, Esten, Letten und Deutsche. Zar Iwan nannte Livland ein Büschel Gras am Rande seiner Weide. Aber dieses Büschel Gras war von großem Wert für ihn. Den Zaren lockten vor allem die wohlhabenden Hansestädte Riga und Reval, deren Häfen für Russland der Schlüssel zur Ostsee sein sollten. Doch ein Mann stellte sich dem schrecklichen Iwan entgegen: Wolter von Plettenberg, Deutschordensmeister in Livland. Im Angesicht des Bedrohung gelang es ihm, die verschiedenen Gruppen im Land zu vereinen. Jahrhunderte lang hatten sich die Ordensritter, der Adel, die Erzbischöflichen, die Städte und die Bauern untereinander gestritten. Von den Livländern, Esten und Letten war der Deutsche Ritterorden meist als fremde Besatzungsmacht empfunden worden. Nun zogen sie alle gemeinsam unter Plettenbergs Führung in die große Russenschlacht. Weiter schlugen die Trommeln auf unserem Weg nach Osten . Ich hatte Wolter kennen gelernt, als er schwer erkrankt war. Unser Fähnlein lagerte damals bei Riga, auf dessen Schloss der Deutschordensmeister sich befand. Mathes Pernauer wusste, dass ich in der Heilkunst ebenso bewandert war wie ich mit dem Zweihänder umgehen konnte. Als Wolters Zustand immer schlimmer wurde, bot er meine Hilfe den Komturen von Riga und Reval, dem Obersttreßler und dem Oberstspittler an. Doch einige der Ordensherren wollten von dem Angebot nichts wissen. Sie meinten, ein Weib dürfe nicht ihre Hand an den Deutschordensmeister legen. Und schon gar nicht eine Frau, die sich unter den Landsknechten herumtrieb und eine Heilkunst anwandte, welche noch aus der Heidenzeit stammen sollte. War dieses Weib vielleicht sogar eine Hexe? Man musste sie nur ansehen: Mit ihren langen blonden Haaren und ihrem begehrenswerten Leib war sie die menschgewordene Versuchung! Schließlich hatte sich Johann von Plettenberg, der Bruder des Deutschordensmeisters, durchseten können, und ich durfte Wolter behandeln. Aber stets hatten ein Ritter und zwei Knappen des Deutschordens Wache halten müssen, wenn ich bei Wolter war. Am Wegesrand hielten einige Deutschritter mit ihren Pferden, das schwarze Kreuz auf weißem Mantel und weißem Schild. Mein Herz schlug schneller, da ich an ihrer Spitze Wolter erkannte. Er hatte sich damals langsam von seiner schweren Krankheit erholt. Als er sich auf dem Weg der Besserung befand, hatten wir lange Gespräche miteinander geführt. Ich machte aus meiner Abneigung den Kreuzpriestern gegenüber keinen Hehl und lies meinem Hass auf den Papst freien Lauf. Wolter hörte mir geduldig zu. Er war kein Mann, der einen Menschen wegen dessen Glaubens auf den Scheiterhaufen geschickt hätte. Er teilte manche der Gedanken, welche jener Mönch aus Wittenberg in jener Zeit neu aufbrachte. Auch war er kein Freund der Päpstlichen. Als junger Ritter hatte er geheiratet und war nach dem Tod seiner Frau in den Orden eingetreten. Er kannte das weltliche Leben und war Neuem gegenüber aufgeschlossen. Aber an seinem Glauben, an seinem Gelübde und an seiner Berufung lies er keinen Zweifel aufkommen. Dennoch fühlte ich mich schon nach kurzer Zeit mehr als nur zu ihm hingezogen. Der Schlag der Trommeln rief mich wieder in die Gegenwart zurück. Auch heute hatte sich wieder ein Haufen wehrhafter Bauern unserem Heer angeschlossen. Einige tausend Bauern waren es schon, die uns begleiteten. Aber ihnen fehlte es an Ordnung und Erfahrung. Daher übte jeden Abend der Deutschordensmeister mit ihnen, nachdem das Lager aufgeschlagen war. An diesem Abend führten wir mit den Bauern einen Angriff durch. Schon nach kurzer Zeit hatten die Treffen ihre Ordnung verloren und die Bauern liefen unter lautem Geschrei wild durcheinander. Mit Mühe gelang es den Hauptleuten und Feldwebeln der Landsknechte, welche den Angriff leiteten, die Haufen wieder in Reih und Glied zu bringen. Als dann der Deutschordensmeister ein Fähnlein Reiter heranführte, stellten sich ihm die Bauern in geschlossenen Haufen entgegen, die gesenkten Spieße fest in den Händen. Mit zufriedenem Blick musterte Wolter seine Bauern. Unsere Blicke trafen und sich und ich lächelte ihm zu. Er aber wandte sich schnell ab und ritt zum Lager zurück. Er konnte nicht anders. Ich wusste, dass im Heer und im Volk über uns geredet wurde. Die Nachricht hatte sich in Windeseile im ganzen Land verbreitet, dass der schwerkranke Deutschordensmeister von einer Frau geheilt worden war. Einige hielten es für ein Wunder, andere lobten mich für meine Heilkunst und wieder andere flüsterten gar von schwarzer Magie. Hinter vorgehaltener Hand nannten mich diese eine Hexe, welche den Deutschordensmeister verzaubern wollte. Auch bis zu den Russen hatten sich die Gerüchte herumgesprochen. An den Tafeln der Bojaren wie an den Lagerfeuern der Tataren unterhielt man sich über den Deutschordensmeister und jene geheimnisvolle Frau. Die russischen Ritter prahlten damit, wie Wölfe über die Schafe des Deutschordensmeisters herfallen zu wollen und sich dann dessen schöne Hexe gefügig zu machen. |
| DonnaCava | Ein schwarzes Kreuz auf weißem Schild - Fortsetzung Bei Pleskau trafen wir auf das russische Heer, welches uns mehrfach überlegen war. Wolter führte die Deutschordensritter und die berittenen Fähnlein der Erzbischöflichen, des Adels und der Städte gegen die russischen Ritter. Landsknechte und Bauern deckten Flanke, Rücken, das Lager und den Tross gegen die Schwärme der tatarischen Reiter und das russische Fußvolk. Die feindliche Übermacht schien uns erdrücken zu wollen und wir gerieten in schwere Bedrängnis. Den Russen und Tataren gelang es, ein Fähnlein Landsknechte zu erschlagen, mehrere Haufen Bauern nieder zureiten sowie das Lager zu plündern und in Brand zu stecken. Aber die Aufgebote der Städte griffen ein und schlugen den Feind zurück. Gegen Nachmittag stand die Schlacht wieder. Die Entscheidung musste im Reiterkampf fallen. Von fern sah ich die Deutschordensritter im Kampf mit den feindlichen Reitern. Ich glaubte, die Marienfahne des Deutschordensmeister zu erkennen. Wo die Marienfahne war, konnte ich Wolter finden. Ich nahm eine Armbrust und einige Bolzen, fing eines der frei umherlaufenden Tatarenpferde ein und ritt zu den Deutschordensrittern. Dabei musste ich über das Feld, auf welchem am Vormittag unsere Reiter das erste Treffen der russischen Ritter geworfen hatten. Es war bedeckt mit Toten und Verwundeten, dazwischen standen einige Pferde. Am Boden sah ich schwerverwundet den jungen Ordensritter Johann Hyldorp liegen. Noch als Knappe hatte er mehrmals Wache gestanden, während ich am Lager des kranken Wolters war. Ich hielt mein Pferd an und stieg ab. Der junge Ritter bat mich: „Bitte bleib bei mir, es wird nicht mehr lange dauern“. Ich legte seinen Kopf in meinen Schoß und sah ihm in die Augen. Auf so vielen Schlachtfeldern war ich gewesen, so viele Menschen hatte ich sterben sehen. Mein Körper war all die Jahrhunderte hindurch jung geblieben, aber mein Geist war alt geworden, alt und müde. Da härte ich, wie die Ordensritter das Marienlied anstimmten. Sie ordneten sich zum entscheidenden Angriff. Das letzte Mal, als ich das Marienlied gehört hatte, war am Tag der furchtbaren Niederlage des deutschen Ritterordens gegen die Polen und Litauer gewesen. Das durfte heute nicht wieder geschehen. Vorsichtig legte ich den Kopf des toten Ordensritters auf die Erde. Dann band ich Schild und Streitaxt an den Sattel und stieg auf. Der Angriff der Deutschordensritter hatte die Russen schwer getroffen, es schien, als könnte ihre Schlachtreihe durchstoßen werden. Doch der feindlichen Übermacht gelang es, ihre Reihen zu schließen. Wolter, der an der Spitze seiner Ritter kämpfte, befand sich in großer Gefahr. Er war mit wenigen Begleitern abgedrängt worden, schon wurden sie von Russen in die Zange genommen. Ich nahm die Armbrust auf, legte einen Bolzen ein und drückte ab, eben als ein feindlicher Ritter zum Schlag gegen Wolters Rücken ausholte. Auf die kurze Entfernung durchschlug der Bolzen die Rüstung und warf den Ritter aus dem Sattel. Dann nahm ich die Streitaxt zur Hand und ritt auf einen weiteren Russen zu. Dieser bemerkte mich und wollte sein Pferd wenden. Doch ich war schneller und schlug ihm die Streitaxt in den Helm, dass er tot vom Pferd fiel. Die feindlichen Ritter erkannten die schöne Hexe, wie sie mich nannten, und griffen mich an. Ich war beweglicher als die Reiter in ihren schweren Rüstungen und auf ihren gepanzerten Pferden. Einen Schwerthieb lies ich an meinem Schild abprallen, einen Stoß parierte ich mit meinem Schwert und der nächste Schlag ging ins Leere, da ich ausweichen konnte. Mittlerweile hatten Wolter und seine Begleiter durch mein Eingreifen Luft bekommen. Sie hatten ihre nächsten Gegner niedergemacht und kamen mir nun zu Hilfe. Zur Rechten Zeit, denn nun war es den drei Russen doch gelungen, mich zu stellen. Zwei von ihnen fielen unter den Schwertstreichen der Ordensritter, während der Dritte wild auf mich eindrosch. Mit meinem Schild konnte ich seine Hiebe abwehren, dann schlug ihn Wolter vom Pferd. Im ersten Abendschein wurde die feindliche Schlachtreihe durchbrochen, das russische Heer geriet ins Wanken und ergriff schließlich die Flucht. Livland war gerettet. Wieder folgten wir dem Schlag der Trommel. Nach Westen zog unser Heer, auf Riga zu. Unser Weg führte vorbei an zerstörten Dörfern und verwahrlosen Feldern. Nach und nach tauchten kleinere und größere Gruppen von Flüchtlingen auf, welche sich vor den Feinden in die Wälder gerettet hatten. Ihre Häuser waren niedergebrannt und die Not der letzten Jahre war in den Gesichtern der Alten, Frauen und Kindern zu erkennen. Aber sie hatten die Hoffnung nicht aufgegeben. Nun sammelten sie sich an den Wegen, winkten uns fröhlich zu und feierten den Deutschordensmeister. Für diese Menschen war Wolter kein fremder Besatzer mehr, er war der Führer ihrer Väter, Männer und Söhne im Kampf für Livland. Auf dem Schlachtfeld bei Pleskau war eine neue Nation geboren worden. In der letzten Nacht, bevor wir Riga erreichten, trat ich in Wolters Zelt. Er sah mich eintreten und erhob sich von seinem Feldlager. Ich stand vor ihm und erschrak. War dies das Aussehen eines Siegers? Er wirkte alt und müde. In seinem Gesicht sah ich die Spuren eines furchtbaren inneren Kampfes, der ihm schwer zugesetzt haben musste. Aber zugleich fühlte ich zum ersten Male, wie sehr ich ihn liebte. Wir blickten uns schweigend an. Dann trat ich auf ihn zu und wollte meine Arme um seinen Hals legen. Ich sehnte mich nach seiner Umarmung und seinem Kuss. Aber Wolter wehrte mich ab und sagte mit leiser Stimme: „Ich kann nicht ..... darf nicht ...... wir dürfen nicht ....... es ist einfach unmöglich.“ Mit den Fingern meiner rechten Hand streichelte ich zärtlich seine Wange und fuhr durch sein Haar: “Es ist alles möglich, wenn wir nur wollen“. Aber Wolter schüttelte nur den Kopf. Mit Tränen in den Augen verlies ich sein Zelt und lief in den nahen Wald. Über dem Tor des Ordensschlosses von Riga lies der Deutschordensmeister in Livland, Wolter von Plettenberg, ein steinernes Bild anbringen. Es zeigte die Jungfrau Maria und den Deutschordensmeister. Die Leute erzählten sich, der Deutschordensmeister habe das Bild als Dank dafür anbringen lassen, dass ihm die Jungfrau Maria den Sieg von Pleskau gebracht hatte. Einige Jahre nach dem Tode Wolters schritt ich durch das Tor des Ordensschlosses. In dem steinernen Bild über dem Tor erkannte ich mein eigenes Gesicht. Donna Cava |