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  Forum: Verlassene Gärten
    Thema: Die Kathedrale am Ende des Seins - Fassaden ohne Spiegelbild
ScabJa. mein eigener Garten. Es bedarf für mich eine Menge Mut meine eigenhändig aufgezogenen Pflanzen hier zur Schau zu stellen. Ich hoffe, dass es einige Interessenten an meinem Garten geben wird. In diesem Garten sind keine Gedichte, sondern Kurzgeschichten zu finden.
Ich hoffe, sie sagen einigen von den Lesern zu. Schließlich ist die Schönheit einer Kurzgeschichte immer von der Tiefgründigkeit des Lesers bestimmt. :rolleyes:
In diesem Sinne viel Spaß beim Lesen,
Scab
ScabEs war spät. Sehr spät. Ich lief durch die Nacht, in der Hoffnung bald in meine kleine Wohnung einzukehren. Eine Laterne warf ein grelles Licht auf die verregnete Straße. Doch es war kein Licht der Hoffnung und der Wärme. Die Straße war ruhig, kein Licht in den Häusern, keine Wortfetzen, die nach Außen hätten dringen können. So beschloss ich, mich niederzulassen, an einer kleinen Haltestelle, die schäbig beleuchtet war, sodass meine Augen nicht geblendet hätten werden können...
Lange war ich bei ihm geblieben. Nach langer Zeit hatte ich mal wieder den Weg in seine bescheidene Unterkunft gefunden. Er hatte am anderen Ende der Stadt gewohnt. Ein sehr reiches Viertel, wo Leute wohnten, die ihre Karriere hinter sich gebracht hatten. Er war auch einer dieser Menschen gewesen, nur, dass er irgendwie nie ganz zu ihnen gepasst hatte. Er hörte immer nur Rock, keinen Schlager, wie alle anderen; und er hatte lange Haare, keine kurzen, wie die anderen Männer.
Lange hatten wir geredet. Über die Welt, über das Leben, einfach über die Vergangenheit und auch über die Zukunft. Wein hatten wir getrunken. Immer diesen Rotwein, der nach lieblicher Melancholie schmeckte, der den Morgen noch erleben würde. Doch das tat er nie, da die Flasche schon nach wenigen Stunden geleert war.
Er war immer ein fröhlicher Mensch, ohne die Angst vor Neuem. Er blickte immer nach vorn. Immer, ich kannte ihn nicht anders. Etwas anderes passte auch nicht zu ihm. Ihm, einen gütigen Gott.
Doch an diesem Tag war es anders. Er empfing mich mit einem Lächeln, doch es war leer. Und er bat mir den grünen Sessel an, nicht den roten, wie sonst immer. Aus seinem Radio tönte Klassik, kein Rock. Und so redeten wir. Wir redeten. Doch seine Worte schienen ohne Bedeutung. Auf einmal war Stille. Ich erkannte in seinem Blick seine alte Wärme wieder. Er sah mich an, das erste Mal an diesem Abend. Eine Fliege platzierte sich auf den Tisch, der uns trennte. Und dann holte er aus und traf sie. Er hatte vorher nie getroffen.
Und plötzlich sagte er: "Mein Herz, ich werde gehen. Weit weg, sie werden mich holen." Er lächelte. Doch ich verstand nicht. Also ging ich. Ich ging einfach. Verabschiedete mich wie immer. Er bat mich nicht zu gehen. Doch ich ging.
Ich besuchte ihn danach noch öfter. Doch der Besuch geschah nicht bei ihm zu Hause. Er hatte Recht, sie haben ihn geholt.
Jedes Mal führten sie ihn zu mir, in einen kleinen kahlen Raum. Er erkannte mich immer und sein Lächeln war das alte, nur irgendwie verändert.
Ich bat, ihn auf seinem Zimmer besuchen zu dürfen. Doch das wollte er nicht. ' Sein Raum wäre leer und ohne harte Wände. Die Wände wären schön weich und der Boden wäre steril', sagte er immer. Ich akzeptierte, ihn nicht in seinem Raum besuchen zu können. So besuchte ich ihn immer in dem kleinen kahlen Raum. Doch je öfter ich kam, desto seltener erkannte er mich. Er erkannte nicht, wer vor ihm stand. ' Das läge an den starken Medikamenten', wurde mir gesagt. Ich schwieg.
Doch eines Abends, der 18te Juli, lächelte er mich wieder an. Er erkannte mich. Und er sagte: "Mein Herz, ich werde erneut gehen." Und ich verstand wieder nicht. Ich wollte nicht verstehen. Sein Gesicht war mit Schrammen übersät, die nur für mich sichtbar schienen. Die stammten wohl von den nur für ihn sichtbaren Gitterstäben. Er war unfrei, das wusste er. Er wollte raus aus seinem Raum, dem unsichtbaren Gefängnis, und so, rannte er andauernd gegen die Gitterstäbe. Trostlose Welt. ' Er sollte nun noch mehr Medikamente bekommen', wurde mir gesagt. Und dann wurde er weggeführt. Wieder in seinen Raum. Und er lächelte, wie immer.
Ich besuche ihn noch heute. Nur, dass er wieder Recht gehabt hatte. Er war gegangen. Nun kann er nicht mehr zu mir sprechen. Doch sein Lächeln, das ist immer noch das alte. Sein Lächeln, in meiner Erinnerung.
Er hat jetzt ein schönes Grab. So, wie er es immer wollte. So, wie es seinem Leben entsprach. Und jeden zweiten Dienstag im Monat, stelle ich ihm eine Flasche von diesem Rotwein an sein Grab. Und dann, ist sie schon nach ein paar Stunden leer. Und sein altes Lächeln ist dankend in seinem gütigen Gesicht zu lesen...
Juni 2004
Scab[U]>Ohne Titel<[/U]

Eine Brise, leicht und unbeschwert züngelte sich durch die Wüste. Kilometerweit nur goldener Sand, kleine Hügel und die Stille des ewigen Lebens. Die Jitze flimmerte wissend des stillen Geheimnisses der Wüste nah über dem Boden. Ein Geleitzug aus weißen Tauben kämpfte sich durch die schwüle Luft. Sie scherzten miteinander und schienen einen wichtigen Platz erreicht zu haben, als diese sich auf einen mageren Baum niederließen.
Tausende von Menschen standen kreisförmig vor den Bäumen und boten einen prachtvollen Anblick. Die Damen trugen sehr aufwendige Kleider aus Spitze in schillernden Farben. Ihre Haare und Gesicht waren von Schleiern bedeckt, sodass man nur die Augen funkeln sehen konnte. Jede von ihnen hatte dieses einmalige Funkeln, als hätten sie die Unsterblichkeit und das Geheimnis der Wüste schon lange in sich. Noch prachtvoller waren die Herren gekleidet. Schwere Hüte, Gewänder und goldener Schmuck zierte ihr Antlitz. Der Stolz und die Freude waren ihnen ins Gesicht geschrieben.
Jeweils drei Meter von den Menschen entfernt, standen im Kreis angeordnete Sanduhren. Jede glich vom prachtvollem Aussehen der anderen. Weißer Sand floß durch ihren Schlund, sie waren die goldenen Herren der Zeit in der Ewigkeit. Doch eines unterschied die Sanduhren voneinander: Jede zeigte eine andere Zeit. Eine würde bald durchgelaufen sein, bei einer anderen schien es bis dahin noch Jahre zu dauern. Die Sanduhren bildeten, genau wie die Bäume und die Menschen, einen Kreis - und in der Mitte stand er.
Sein Blick in Richtung Himmel gerichtet, seine Haltung stolz und verkrampft, wehte sein langes blondes Haar im Wind. In seiner rechten Hand hielt er ein mit roten Rubinen besetztes Zepter, in seiner linken fand man nichts. Seine Haut erstrahlte makellos weiß in dem brennenden Abend der Stille und seine Augen zeigten den Tod. Umgeben von zwei schneeweißen langhaarigen Hunden, die ehrwürdig neben ihm knieten, wartete er.
Die Sonne zog langsam ihren Kreis und gab sich der Nacht geschlagen. Dennoch flimmerte immernoch die glühende Hitze und man sah die Anspannung in den Gesichtern der Menschen. Die Stimmung war achtend und thronte am Himmel der lauhen Nacht. Die Sanduhr am nördlichsten Punkt lief durch und der Herr in der Mitte atmete schwer ein.
Ein zartes Glockengeräusch war nun wahrzunehmen und am südlichsten Punkt bahnte sich eine krumme Silhouette ihren Weg durch die Menschenmassen. In der rechten Hand hielt diese einen Stock, dessen Krone eine Glaskugel war. Als die Silhouette vor dem Herren ihren Standpunkt gefunden hatte, leuchtete die Glaskugel blendend auf. Alle Menschen keuchten und ein Raunen ging durch die Massen. Der Herr hielt sich die Hand schützend vor seine Augen und umarmte die Silhouette freundschaftlich. Nun erkannte man die Gestalt. Ein sehr alter Mann, schätzungsweise um die hundert Winter alt, lächelte beschwichtigend in des Herren tote Augen. Seine weißen Haare tanzten im Wind, seine Augen leuchteten erwartungsvoll. Mit einem Nicken wandte sich der Herr nun dem Volk zu.
"Meine Freunde!", schrie er mit zitternder Stimme, "die Zeit ist gekommen. Heute werde ich die Gabe des göttlichen empfangen." Die Menschen jubelten und trampelten heiter auf den Boden, sodass sich dieser in eine staubreiche Ebene verwandelte.
Zwei in purem rot gekleidete Bedienstete führten eine zierliche Gestalt in die Mitte des Platzes - Stille. Umringt von Schatten und einem dunkelblauen herausragendem Kleid stand diese nun regungslos mit fackelneden Augen den Herren anschauend.
"Meine Herren, Musik!", befahl er der Kapelle. Und diese spielte gleich daraufhin eine orientalische Meisterleistung der ewigen Stille. Nach dem dritten Ton hob der Herr seine Hand gen Himmel und begann sich ekstatisch der Musik nach zu bewegen.
Langsam schritt er auf die im Schatten stehende Schönheit zu, grinste fatal und riss ihren Umhang entzwei. Ein erschrockenes, jedoch gleichzu begeistertes Stöhnen ging durch die Massen. In einem Diamanten besetzten Korsett kam der makellose Körper der jungen Frau zu Tage. Sie stieg in den Tanz des Herren mitein - und beide tanzten in die zeitlose Nacht. Ihre Harre wiegten sich im Wind und beide schienen glücklicher als nie zuvor, nichts konnte die Ewigkeit zerstören.
Doch es weiteten sich bald dicke klebrige Nebelschwaden auf, gruben sich durch die Masse und ließen die Luft dick gerinnen. Die Kapelle hörte abrupt auf zu spielen. Angst war nun in jedem Gesicht der sich auf dem Platz befindenen Menschen zu lesen.
Die Stille wurde durchbrochen. Ein operalischer Chor, geleitet von einer Frauenstimme, stieg den Himmel hinab. Die Frau, umringt von hellblauem Haar und goldenen Flügeln, grinste schelmisch und sang aus voller Kehle den Trauermarsch der Wüste.
Ihre Füße berührten nun die Erde und sie begann auf das erschrockene Pärchen zuzuschreiten. "Alles hat man mir genommen, doch dich bekommt sie nicht!", sang sie, sodass der Erdboden schauderte.
Niemand konnte nachvollziehen, wie schnell es geschehen war, doch im Bruchteil einer Sekunde war die unheimliche Himmelsschönheit verschwunden. Nur der Herr und seine Braut lagen vereint in der Mitte - tot. Das Volk von Panik erfüllt, verließ den Platz so schnell wie nur ein Windhauch den Weg vollführen kann.
Nur der alte Mann trat alleingelassen an das tote Paar heran. Er blickte in die Augen des Herren und erschrak beim Anblick dieser. Diese zeigten Güte, Liebe und das Feuer der ewigen Leidenschaft. Er rannte, so schnell ihn seine müden Beine tragen konnten und verstand nicht, wie es geschehen war, dass sein Herr in der ewigen Stille der Wüste zu einem wahren König der Liebe gemacht worden war...
Mai 2004
Scab[U]>Ohne Titel< (Etwas von der historischen Wahrheit abweichend)[/U]

Oh tanze Schatten, oh tanze (…) Und es stieg ein grollender Streitwagen empor. Thor schwang seinen Hammer und befreite die schwarzen Seelen von ihren Fesseln…Die Oskorei war geboren…Und die Nacht nahm ihren Lauf (…)
Befreit von den Ketten, den ewig erscheinenden Fesseln liefen die Seelen durch den Wald. Es schien als erstarrten die Bäume dessen Anblick der vielen umherwanderten Seelen von Agonie. Kein Laut – keine Nachtigall – keine Bewegung im Unterholz…Nur die Schritte und quälenden Schreie der ewig verdammten (…) Sie sammelten sich, tausende, Millionen von ihnen hatte Thor erlöst, an dem heiligen Platz, wo Odin und seine Gattin je umherzogen und auf die Befreiung der Seelen warteten…Mit Heilgesängen und Klagelieder ließen die Seelen, dessen Blick nur leer erschien sich kurz nieder…Doch schon bald gab Odin den Befehl die Fackeln anzuzünden (…)
Tausende von Raben und Fledermäusen flogen der christlichen Kirche entgegen, gefolgt von den grölenden Seelen der Nacht. Ein schwarzer Teppich legte sich über das Gebiet und tausende Tränen bedeckten den Erdboden. Diese gefroren zu Eis. Der kalte Hass, den man überall spürte ließ die Tränen zu Eis gefrieren. Eine schneebedeckte Sommernacht, einem Inferno gleich (…)
Und oben auf der Hochburg Kirche standen sie – grässliche Fratzen, Mutter Kirche angehörig. Doch Angst war in der Pfarrers Gesicht geschrieben, gefolgt von schrecklichen Schuldgefühlen…Sie haben einst den schwarzen Seelen die Götter genommen, den Glauben verspottet und viele Törichte eines neuen Glaubens kundig gemacht…Die schwarzen Seelen widersetzten sich gegen Mutter Kirche und wurden somit weggesperrt, angekettet, missbraucht, in eigenem Leid fast ertränkt (…)
Doch nun standen sie ihren Peinigern gegenüber. Die Luft brannte und schon allein die Blicke der Seelen ließen Prediger ersterben…Die Seelen nahmen Rache an all den ignoranten Predigern. In dieser Nacht floss viel unnützes Blut. Doch selbst dieses konnte den tiefen Schmerz der Seelen nicht wieder gut machen. Sie töteten jeden Prediger, jeden Lügner (…)
Doch ein Prediger warf sich vor Odin auf die Knie und betete um Erbarmen. Er versprach alles Gold, jegliches Herzensblut und sogar seine Seele. Doch Odin war gnädig und ließ den Prediger ohne Preis laufen (…)
Der Prediger jedoch brachte wieder Schande über die schwarzen Seelen. Er nannte sie mit dem Teufel verbunden und sogar lebensunlustig. Barbaren wären sie, tränken Blut, opferten Frauen und Kinder und führten einen grausamen Krieg ohne Grund gegen Mutter Kirche (…)
Viele Leute glaubten der neuen Religion und so kam es, dass die schwarzen Seelen seither mit Vorurteilen und Spott leben mussten. Sie wurden verachtet, mit Schmutz beworfen und einige, die der Hexenkunst mächtig waren, sogar enthauptet.
Odin suchte nach dem Verräter, den er so gnädig laufen lassen hatte. Und er fand ihn schnell. Der Prediger warf sich erneut auf die Knie und bat Odin ihm einen schnellen Tod zu bescheren. „Wehe mir“, sagte Odin „lebe von nun an in Ewigkeit, erlebe den Untergang der Mutter Kirche! Deine Seele wird mit jedem Tag mehr Narben versehen bekommen und deine Zunge entnehme ich dir, auf dass du keine Schande mehr reden kannst. Leide an den Schmerzen deines erschaffenen Todesbettes und kehre nie wieder zu den Sterblichen zurück!“
März 2004
Scab[U]Die Geschichte des Agnus[/U]
„Sie ist eine unehrliche Hexe, ein Abbild des Teufels!“, schrie Agnus. Seine Stimme ließ den Wald erbeben und der Schall ertönte so laut als würden die Bäume seine Worte wiederholen.
Jegliche Tiere rannten von Panik erfüllt über die Lichtung. Der Schreck saß ihnen tief in den Knochen (…)
Agnus kauerte jetzt auf dem Boden. Sein lautes Schreien hatte ihm wohl die letzten Energiereserven geraubt. Er zitterte fürchterlich und hielt sich sein rotes Leinengewand eng um den Bauch geschlungen. Sein braunes langes Haar wurde nun von den Tränen der Verzweiflung nass getränkt (…)
Vor seinen Füßen lag das Grab seiner Frau Erith. Die Beerdigungsstätte war sehr frisch, sodass darauf zu schließen war, dass sie erst vor einigen Tagen stattgefunden haben müsse. Er hatte die Beisetzung verpasst – mit Absicht. In seiner zerfallenen Holzhütte hatte er gesessen, seine Kehle mit Honigwein verwöhnt, bis er endgültig betrunken war und einschlief…
Er hatte nun wieder die Kraft gefunden sich aufzurichten. Beim Annähern an das Grab seiner Frau, stolperte er über sein verschmutztes rotes Gewand, taumelte und krallte sich schließlich an einem Felsen fest. Nun stand er wieder sicher. Ein Versuch sich dem Grab aufrecht zu nähern misslang. So kam es, dass er letztendlich doch zu seinem Ziel kriechen musste, sodass sein rotes Gewand sich durch den Schmutz dunkelrot färbte (…)
„Eine alte verkommene Lügnerin, du Diebin, du Hexe!“, ließ er erneut hasserfüllt verlauten. Er fühlte die frische Graberde und schon bald packte ihn der Zorn. Wie ein Jäger oder ein Spielmann in Ekstase begann er Stück für Stück die frische Erde abzutragen. Seine Hände nahmen die Farbe der Erde an und keuchend entglitt ihm Speichel aus dem Mund, der sanft auf dem Grab zerlief…Sein Bein schmerzte fürchterlich, sodass er eine Pause einlegte um sich dies zu betrachten.
„Was hast du mir angetan Erith? Dir verdanke ich, dass ich ein Krüppel bin und wahrscheinlich am Hunger sterbe! Schande über dich und deinem Leichnam!“
Er grub weiter, immer tiefer in die Erde, sein Gesicht war zur Faust geballt (…)
Nach jeglichen Stunden des Grabens bemerkte er, dass das Grab seiner Frau leer war…
Empört schrie er nun in die angebrochene Nacht: „Und du bist doch eine Hexe! Jetzt habe ich den Beweis!“
„Du hast den Beweis, du hast ihn – Beweis!“, flüsterten hunderte Stimmen um ihn herum. Agnus erstarrte. Wer konnte das sein, was wollten diese Stimmen? Als könnten sie seine Gedanken lesen, antworteten sie verzerrt: „Schande über dich, Schande! Du brachtest deiner Frau den Tod…Nun sind wir gekommen um dich Töricht einzufangen!“ Unheimliches Gelächter breitete sich um den Platz der Grabstätte aus. Auf einmal sah er hunderte von lichterfüllten Fassetten. Nicht erkennbar, ob männliche oder weibliche Gestalten. Sie tanzten schwebend um ihn und den Platz herum. Plötzlich schauten sie ihn an. Die Augenhöhlen waren leer, der Mund der Gestalten von Blut getränkt. „Nein!“, schrie Agnus. „Niemals!“ er begann zu laufen, schneller, immer schneller. Bäume peitschten ihm ins Gesicht, als würden sie versuchen ihn aufzuhalten, seine Flucht zu verhindern…Er hörte Schritte hinter sich. Die Gestalten trieben ihn auf einen hohen schwarzgetränkten Hügel zu. Er rannte den Hügel hinauf. Oft blieb er an spitzen Steinen hängen, die ihm das Fleisch aufschnitten. Als er die Hälfte des Hügels erklommen hatte, blieb er keuchend stehen. Er wandte sich um, die Gestalten waren verschwunden. Sein Blick rutschte auf seine Füße, zartes Blut lief von diesen herab. Doch er spürte den Schmerz sowieso nicht, die Furcht saß ihm zu tief im Herzen (…)
Nach einer Weile des Abwartens, beschloss Agnus den Hügel wieder hinunter zu steigen. Vorsichtig trat er den ersten Schritt nach unten – kein Geräusch – nur der Wind heulte, als wolle er ihn ermutigen weiterzugehen. `Der Wind wird mich nicht verraten`, dacht Agnus und ging zielstrebig die letzten Meter des Hügels hinab. Er tat den letzten Schritt, der ihm noch bis zur Erde fehlte – und er fiel in die Tiefe. Panikerfüllt klammerte er sich nach vielen Metern Fall an einer Felssparte fest. Der Aufschlag tat weh, sodass jetzt sein Kinn auch noch blutete.
„Wie kann das sein, dass dort Tiefe ist, wo sonst noch ebene Erde war?“, murmelte er.
„Die Tiefe ist über all, lieber Agnus!“, brummte ihm eine tiefe Stimme als Antwort entgegen. Erschrocken blickte Agnus empor. Unbeschreiblich war nun dies, was er erblickte. Eine Gestalt, in schwarz gehüllt, gekennzeichnet von roten Augen grinste ihn schadenfroh an. „Nun Agnus, deine Zeit ist gekommen, du musst dich nun von der Welt verabschieden. Geehrt hast du diese nie, nicht einmal die Liebe konntest du schätzen, brachtest deiner Frau den Tod!“, erklang die Stimme verachtend. „Aber ich wollte doch nicht…“! „Schau hinunter in den Abgrund!“, unterbrach die Gestalt ihn bebend.
Was Agnus sah, waren scharfe Messer, senkrecht auf ihn gerichtet. Wenn er fallen würde, würden diese ihn aufspießen. „Oh bitte, bitte verschone mich, tu mir das nicht an!“, Agnus Stimme zitterte bei diesen Worten. Die Gestalt genoss seine Angst sichtlich. „Ich mache alles gut, bin auf ewig dein Diener, werde alles tun, was du verlangst!“, flehte Agnus. Doch die Stimme entgegnete ernst: „Hast du deiner Frau geglaubt, sie geliebt und geehrt?“
„Ich weiß wirklich nicht, was...“, murmelte Agnus weinerlich. „Sprich!“, forderte die schwarze Gestalt. „Ja, ja!“, schrie Agnus. „Verschonst du mich nun?“
„Wir werden sehen…“, lachte die Gestalt und zeigte mit dem rechten Finger in Richtung Steinwand. Dort stand sie, Erith, begleitet von der Justicia. Ihr blondes Haar wehte im Wind. Sie schien Agnus so schön wie nie zu vor (…)
Mit zarten langsamen Schritten, näherten die beiden Frauen sich. Bis sie letztendlich vor Agnus stehen blieben, der immer noch mit letzter Kraft an der Felssparte Halt fand.
„Oh bitte Erith, es tut mir Leid, ich liebe dich doch!“, flimmerte Agnus.
Doch Eriths Blick blieb kühl. Sanft beugte sie sich zu ihm und küsste ihn – ein letztes Mal. Als sie sich aufrichtete und Agnus den Rücken kehrte, verstand dieser nicht. Er blickte rasant zur Justicia, die er vergessen hatte. Diese hatte bereits ihren langen Eisenstab unter ihrem Kleid hervorgezogen. Blitzschnell haute sie den Stab auf Agnus Finger, sodass dieser den Halt verlor und fiel. Er blickte im Fall ein letztes Mal in das Gesicht Eriths, dass sich immer mehr von ihm entfernte. In diesem Moment bereute er wirklich. Doch es war zu spät. Die Messer taten ihr übriges, Agnus starb sofort (…)
Die Tiefe verschwand und somit auch die drei Gestalten Justicia, der Tod und Erith…
April 2004
Scab[U]>Ohne Titel<[/U]
Jedes Mal, wenn ich sie ansah, lief mir ein eiskalter Schauer über den Rücken.
Sie war eindrucksvoll, machtausstrahlend und ohne Alter. Ihr Blick war brennend, wie Feuer, dass dir die Haut zerreißt. Ihre Lippen waren sehr spitz, so als würden diese nur so nach Rache schreien. Obwohl sie kaum Brust hatte, schrie ihr Körper nur vor Weiblichkeit, der von blutrotem Haar umrahmt war.
Ihre Wegbegleiter – jämmerliche Gestalten – verkrümmt, klagend und von Demut gezeichnet, wurden sie von ihrer Herrin an einer Kette hinterhergeführt. Diese Gestalten mussten einst Männer gewesen sein – doch weiter konnte ich gar nicht denken…
„Wir möchten heute auch spielen, ja?“, sprach sie in einem keusch fordernden Ton, der mir ein mulmiges Gefühl verschaffte. In diesem Spiel gab es keine Gewinner, das wusste ich – alle, die unfreiwillig teilnahmen, verloren bitterlich.
Sie hatte sich auf einen dunkelblau schimmernden von Diamanten besetzten Thron postiert, kraulte nun einige der jämmerlichen Gestalten. „Wisst ihr“, begann sie amüsiert, „ meine kleinen wollen so gerne spielen. Es wird Zeit – denn die verrinnt unaufhörlich.“
Sie küsste einen der jämmerlichen Gestalten auf den Mund, der ihr dann in die Lippe biss –sie lachte.
Langsam trat sie auf mich zu. Ihre Schritte hallten fast unhörbar in der beklemmenden Dunkelheit. Ihr Atem schien erregt, ihr Blick nun wahnsinnig.
Ich wollte sie nicht ansehen, ich durfte sie nicht ansehen, denn dann hätte ich das Spiel schon verloren – ihr Spiel.
Sie war nun so nah, dass ich ihre Wärme fühlen konnte, ihr Blut pulsierte aufgeregt in ihrem Körper. Ich spürte einen harten Stich an der Unterseite meines Kinns – langsam fuhr ihr Fingernagel weiter meinen Hals hinunter, zerriss Haut und einen Teil meiner Knochen –
Doch ich sah sie immer noch nicht an. Als sie mit Ehrgeiz mein Samtkleid an meiner Brust zertrennte, durchfuhr mich ein süßer Schmerz. Verängstigt und verzweifelt entfloh mir eine Träne – eine Botin der Liebe und der Geborgenheit.
Sie sah die Träne, verschmäte und ließ ab von mir. Ein süßes Lächeln kennzeichnete meine nun innere Ruhe, ich wiegte mich in Sicherheit – kein Laut in der nicht endenden Dunkelheit.
Doch plötzlich traf mich ein schon fast todbringender Schlag. Ich blickte unglaubwürdig auf ihre zierlichen Hände – konnte sie wirklich so eine Kraft aufwenden? Doch eh ich wusste, was ich überlegte, trafen mich erneut drei eiskalte Schläge. Ich spürte die Taubheit in meinem Gesicht und die Verzweiflung meiner Haut. Ich taumelte und wandte ihr nun kniend den Rücken zu. Auf einmal von Schmerz gelähmt blickte ich nach oben – ich versuchte die Höhe der Dunkelheit zu schätzen, doch schnell begriff ich, dass es keinen Ausweg aus diesem Nichts zu geben schien. Meine Wirbelsäule schien zu zerbrechen, mein Rücken schien zu zerplatzen – eine tiefe Last bezwang nun meinen Körper und die Atemwege schienen auf einmal verschlossen zu sein. Ich spürte noch zwei Hände an meinen Armen, die mich durch die Dunkelheit schleiften, sodass meine Knie wund wurden und annähernd genauso zu schmerzen begannen, wie der Rest meines Körpers – dann wurde ich ohnmächtig…

Die Kälte kletterte unaufhörlich in meinen Körper – bald würde sie die kleinsten Organismen meines Körpers bezwungen haben. Obwohl ich innerlich fror – rann mir äußerlich der Schweiß von der Haut. Ich fühlte mit meinen bloßen Händen den Boden – eiskalter Stein – meine Hoffnung schwand. Mit Mühe öffnete ich nach einer Weile die Augen – die graue Dunkelheit blendete mich, sodass es mich schwächte meine Umgebung genauer zu erkennen.
Nach etwa einigen Stunden erkannte ich in meiner Nähe eine Pfütze – ich war umgeben von grauen starren Mauern. Es schien als würden sie mich beobachten, mich verraten.
Die Pfütze – meine Kehle schmerzte – immer, wenn ich schluckte, erstarb ich fast an einem schrecklichen Reizhusten. Ich schleppte mich zur Pfütze – mein gesamter Körper schien blockiert, nur noch wenige Teile meiner Haut waren vorhanden – der Rest war schon vernarbt – hatte ich wirklich so lange geschlafen? Ich überlegte nicht weiter, sondern folgte dem Durst.
Das Wasser war abgestanden und faul – kleine Tierchen schienen in dieser Quelle schon ein eigenes Biotop geschaffen zu haben. Doch regiert von meinem Trieb trank ich weiter und verschmäte die Vernunft.
Ich blickte nach besänftigtem Durst auf und erkannte die Leere um mich herum. Doch ich begriff schnell, dass sie Leere mich schon längst übernommen hatte, mich regierte, von mir ausging. Konnte ich wirklich so tief gesunken sein? Was war nur geschehen? War ich zu eine von den jämmerlichen Kreaturen gemacht worden – oder habe ich mich selbst zu einer gemacht? Wütend darauf, dass meine Erinnerung nicht wieder kehrte, schlug ich mit meinem Kopf gegen die Wand – immer und immer wieder – bis ich nur noch ein sanftes Schweben empfand.
Ich glitt aus meinem Körper – meine Haut am Gesicht entspannte sich, sodass sie ein Lächeln zu ließ. Tanzend bewegte ich mich durch die Vergangenheit, sah von Schönheit gekrönte Blumenfelder, lachende Menschen, die ich einst mal kannte. Sie riefen meinen Namen, doch ich verstand ihn nicht, ich tanzte und alberte einfach mit – doch ich wurde dadurch immer trauriger. Der Himmel über uns wurde wolkiger, dunkler und die Bäume schienen böse Fratzen zu sein. Ich hörte Maschinen, dumpfes Grollen – die Klagelieder der Bäume zerstörten das heilige Bild nun ganz. Die Bäume stürzten und ein Krater weitete sich auf – von einem Sog geleitet stürzte ich in ihn – tiefe Dunkelheit und Leere. Ich schlug auf hart sehr hart. Und da war sie: Jedes Mal, wenn ich sie ansah, lief mir ein eiskalter Schauer über den Rücken…Ich erinnerte mich – ich war gestorben – gefangen in einem tiefen Seelenabgrund…
Mai 2004
Scab[U]Das Schaukelpferd[/U]
Die Ahornblätter wiegten sich im Rhythmus des Windes hin und her. Es war ein friedlicher Tag – ein Tag nach dem Sturm. Geschwind ran der Tau von den zuckenden Blättern, um der Morgensonne Einheit walten zu lassen. Es roch nach Zimt und zarten Eichenholz, sodass Nardos etwas benommen den neuen Tag begann.
Er stand auf seinem Balkon und beobachtete das Schauspiel des friedlichen Erwachens.
Schon lange hatte er solch einen Tag nicht mehr erlebt. Er war ja auch wieder zurück – zurück in Sankt Martre. Sankt Martre – eine konservative Kleinstadt am Gipfel eines blau-schwarz schimmernden Berges. Eine Stadt voller Schönheit und Naturreichtum, wären da nicht die Menschen. Viele Forscher pilgern jedes Jahr wütig an diesen Ort, um die Höhlen, die im Inneren des Berges liegen nach archäologischen Schätzen zu durchforsten, zerstören dabei nicht selten die Felsen, sodass man den Berg vor Schmerz und Demut schreien hören kann.
Nardos trank den letzten Schluck Wein aus seinem groben kelchigen Glas und machte sich dann auf den Weg in die Innenstadt. Heute würde er wieder ein paar ignoranter Forscher an den Fuße des Berges führen und zusehen, wie sie eifrig den Berg durchwühlten.
Nardos überquerte die letzte Brücke zu dem Treffpunkt, wo er sich mit den Forschern und seinem Oberbefehlshaber verabredet hatte, stolperte durch die unebenen Hölzer der Brücke an das Geländer dieser, sodass seine Ankunft durch die Stahlnase in seinen Schuhen bereits angekündigt wurde. Verärgert nahm er seinen normalen schleppenden Gang wieder auf und trottete in Richtung Oberbefehlshaber. „Na mein Junge, das war aber eben keine seriöse Leistung von dir!“, lachte ihm dieser entgegen. „Mmmh…“, entgegnete Nardos nur. Seine blauen Augen funkelten vor Wut, dennoch konnte er seinen schmalen, langen Körper zu einer Verbeugung bringen und machte somit wieder einen gefassten Eindruck auf den Befehlshaber und die Forschergruppe. Diese wurde ihm namentlich vorgestellt. Nicht sonderlich interessiert gab er jedem Forscher die Hand, bevor er sich arrogant durch die verwaschenen langen Haare strich.
Nachdem die Forscher ihren Eifer erweckt hatten, trottete Nardos mit ihnen in Richtung des Berges. Er sprach nicht mit ihnen, lief etliche Meter vor, verstand dennoch ihre naiven begeisterten Gespräche. Warum fiel diesen Leuten nur nie die Schönheit der Natur auf? Sie kamen an einem kleinen Bach vorbei. Sprudelnd schien dieser von einst vergangenen Zeiten zu flüstern. Nardos kniete sich nieder, spielte ein wenig mit dem klaren Wasser und trank einen kräftigen Schluck, der ihn wieder belebte. So konnte er den Rest des Weges mit den Forschern aushalten.
Am Berg angekommen, erstrahlte dieser durch das Sonnenlicht. Nardos kniete nieder, wie ein Knappe vor seinen König fiel und begrüßte die Geborgenheit des Berges im Stillen.
Schnell zeigte er den Forschern den Eingang der Höhle, in der sie nun eifrig alles verwüsten konnten und erklärte, den westlichen Eingang nicht zu betreten, da dieser zu gefährlich sei.
Nachdem die Forschertruppe fein gehorcht hatte, setzte sich Nardos auf einen kleinen Hügel und sog die Bergluft gierig ein. Damals hatten seine Schwester und er immer am Fuße des Berges gespielt. Hier war es so friedlich und unberührt. Sie bauten sich in den Höhlen Häuser und alberten bis die Nacht anbrach. Nach dem Tod seiner Schwester suchte Nardos diesen Platz immer wieder auf um nachzudenken. Dies war der einzige Fluchtpunkt vor der blinden gar mutterlosen Welt. Und nun war ihm selbst dieser Platz genommen.
„Kommt schell her, ich habe etwas gefunden!“, schrie einer der Forscher. Neigierig auf den Fund liefen die restlichen Forscher zum westlichen Eingang und betraten die sich dort befindliche Höhle, dessen Betreten Nardos eindeutig untersagt hatten.
Nardos erstarrte. In ihm brachen nun tausende von Welten zusammen, er fühlte wie sein Zorn ihn besiegte. Seine Augen blitzten und waren nun zu kleinen Strichen zusammengezogen.
Er eilte zur Höhle, in seiner linken Hand ein Eisenstab. Regiert von Wut und Pein schlug er die Forscher zusammen, bis diese den Tod gefunden hatten.
Nach getanem Werk ließ er hypnotisiert den Eisenstab fallen und blickte in die Ecke der Höhle. „Den Göttern sei Dank, es wurde mir nicht genommen!“, stieß Nardos erleichtert auf.
Ein Schaukelpferd, mit goldener Mähne, geschnitzt aus braunen Ahornholz und einem roten Samtsattel, umschlossen nun seine Arme. Eine Träne süß und voller Bitterkeit entrann Nardos und befleckte das zarte Holz des Schaukelpferdes. Voller Glück und Segen hatte er wieder etwas bewahrt – die einzige Erinnerung an seine heißgeliebte Schwester…
Mai 2002
Scab[U]> Titellos <[/U]

Es heißt, wenn ein Mensch von dieser Welt geht, verblassen Eindrücke und Erinnerungen an seine schlechten Seiten. Die guten Eigenschaften bleiben ewig in Gedanken der Überdauernden und der Mensch wird somit heilig.
Doch was ist, wenn ein Mensch wieder in diese Welt zurückkehrt, um auch an seine schlechten Taten zu erinnern, da er einfach ein Mensch war, der zu seinen Fehlern stand, der noch menschlich liebte, erlebte und auch verurteilte. Ein Mensch, der zeigte, dass er ein Täter sei und nicht alle anderen, wie es oft kundgetan wird.
Dies ist die Geschichte von einem Mann, der sich gegen den Tod entschied, da er mitbekam, dass er nicht mehr fähig sei menschlich und herzlich zu lieben und sich somit für das Unmögliche entschied…

Der 18te August. Ein Morgen wie jeder andere – nur ein Unterschied. Dieser Morgen war trauriger und dennoch glanzerfüllter als all die anderen Morgende, die ich jemals erlebt hatte. Vielleicht war nun mein tiefster Wunsch in Erfüllung gegangen. Vielleicht war meine Seele bereit für einen Neuanfang. Ich wusste nicht, wie ich meine Gefühle deuten sollte, wusste nicht, ob ich weinen oder lachen sollte, als ich auf die schwarz gekleideten Menschen am Ende des Friedhofes zuschritt. Bedauernde Blicke trafen mich, tief mitfühlende Worte – Heuchelei, von Leuten, die ich noch nie gesehen hatte.
Jemand war gestorben. Ein tüchtiger Mann, der einst mein Herz mit Liebe erfüllte, bei dem ich sicher war, für den ich sterben wollte. Doch nun kannte ich ihn nicht mehr – ein Fremder – in der ewigen Zeit meines Lebens – namenlos und vergessen.
Die Trauerfeier war endlos, doch ich merkte nicht viel, ließ die Lügen nicht an mich heran – ein weißer Schleier zog an mir vorüber, als Filter der Wahrheiten. Doch leider drang keine Wahrheit an mich heran und ich wurde traurig. Ich verließ die Trauernden, die gleichzeitig auch Feiernde waren.
Wer war dieser Mann? Ich hatte ihn doch geliebt. Warum konnte ich mich nicht einmal mehr an sein Gesicht erinnern? Fatale Welt des Seelenschmerzes.
Nach drei Stunden Fußmarsch war ich in meiner Wohnung angelangt. Ich war vorher nie solange gelaufen. Doch vielleicht hatte die Zeit nur nicht auf mich warten wollen. Auf mich – einer einsamen gestürzten Seele.
Mir fehlte mein Geld. Jemand muss es mir aus meiner Tasche entnommen haben. Alles hatte mir die Welt genommen und ich bezweifelte, dass ich überhaupt noch ein Mensch war.
Geplagt von Kummer kroch ich an diesem Abend in mein so weiß erstrahlendes Bett. Ich war müde, doch schlafen konnte ich nicht. Ich schleifte mich aus diesem Bett, ich musste raus, also ging ich. Die Räume in meiner Wohnung erschienen auf einmal so klein, so verzerrt, so unwirklich. Ich schrie, doch die Stille triumphierte, sodass ich schweigen musste. Die Unterdrückung nahm mir die Kraft und ich sackte zusammen – ein Häufchen Elend in der spaßigen Welt. „Ich passe hier nicht her, ich passe nicht in diese Welt. Ein untypisches männliches Wesen, das einst Gefühle zeigte. Ein Mann in einer Gesellschaft, die blutige Tränen nicht verstand. Ich war in Narr, der ein Ziel suchte und so die Liebe und den Bezug zur Realität verlor, der sich nicht an seinen verstorbenen Geliebten erinnerte, geschweige denn, es versuchte.“
Mit diesen Worten stand ich wieder. Und da – das Fenster war offen. Ein klarer Luftzug belebte meine Lunge, erweckte meine Energie. Ich taumelte zum Fenster – sah Menschen, die einst glücklich gewesen schienen. Doch nun erkannte ich das erste Mal, dass die Fassade der Menschheit zu durchbrechen ist, lässt man nur die Oberflächlichkeit weg. Doch ich wollte diese Gabe nicht wissen, nicht jetzt. Ich wollte tiefer – auf die Straße. Ich sprang – ich wollte springen – auf die Straße – in die Autos – die so schön und schnell die Kreuzung überquerten. Doch der Wind entmündigte mich meines Vorhabens. Wieder Unterdrückung- wieder Leere – mein Kopf war schwer – meine Seele schien tot- mein Herz gebrochen.
Ich blickte links und da sah ich ihn – den Mann, den ich einst geliebt. Und ein Lächeln, getränkt in Hoffnung durchbohrte meinen Körper. Er kam auf mich zu, er streichelte meine Wange – schön war er und so menschlich – ohne Heuchelei – und ich erinnerte mich…
Von diesem Tag an war mein Leben anders – ich war frei, ungehemmt, von Hoffnung durchflutet – ich war wieder ein Mensch. Ein Mensch, der nun wusste, dass er seine Liebe eines Tages erneut treffen wird. Ein Mensch, der das Glück hat mit seiner Liebe irgendwann wieder eins zu sein.
Juni 2004
Scab[COLOR=crimson]> Die Saga des Domes <[/COLOR]

"Verdammt noch mal!“, der junge Mann spuckte sich zwischen die Füße. Seine Wut war ihm ins Gesicht gemeißelt, als wäre er von ihr schon längst beherrscht. Er blickte auf die gerade ausgespeiten Sekrete, um festzustellen, dass seine Schuhe kaputt waren, zerrissen von den vielen Meilen des Laufens. Hastig griff er sich in seine Manteltasche und holte eine Rolle braunes Klebeband hervor, mit dem er sich die Schuhe flickte.
Vorbeigehende Passanten blickten verachtend auf das Bemühen des jungen Mannes. Als sein Werk einigermaßen annehmbar vollendet, blickte er sich um. Er saß auf einer Bank, einer sehr rustikalen, grünen Fläche, mit der er wohl schon eins war. Lange Zeit hatte er hier nun ausgeharrt. Die Straße füllte sich erneut voll gaffender Passanten. Der Mann kratze sich am Kopf und biss gierig in ein altes Brot, als er darüber nachgrübelte, aus welchem Grund die Leute nur so schauten. Schlecht sah er doch gar nicht aus. Langes dunkelblondes Haar, zusammengebunden zu einem Zopf, zwar struppig, aber doch annehmbar. Dunkle Augen, umrandet von rotem Kajal. Ordentliche Kleidung trug er auch, eine Satinhose und ein zerrissenes abgetragenes grünes Hemd. Was konnte daran denn nur falsch sein? Eine komische Stadt, mit umso wunderlicheren Menschen.
Er nahm seinen Rucksack und beschloss in eine andere Ecke der Stadt zu wandern. Vielleicht hätte er nur einen merkwürdigen Platz eingenommen, vielleicht ein Denkmal oder irgendetwas Ähnliches.
Auf seinem Weg, der ihn in eine bessere Aussicht führen sollte, kam er an einem alten Dom vorbei. Es war schon Abend, sieben Uhr. Er war wohl doch ein wenig eingeschlafen auf der rustikalen Bank, denn sechs Stunden vorher hatte er ja noch auf seiner alten Holzflöte gespielt, ein paar lumpige Groschen verdient, aber es reichte eben für ein angemessenes Mahl.
Gepackt von plötzlich aufkommender Müdigkeit legte er sich an eine Säule auf dem Domplatz. ‚Dieser Platz ist sicher, windgeschützt und eigentlich auch heilig’, dachte er bei sich und konnte bei diesem Gedanken ein kräftiges Lachen nicht unterdrücken, sodass der Domplatz donnerte.
In der Ruhe des Windes und dem Treiben der Blätter, driftete er schnell in einen zarten Traum. Umgeben von Glück und Hoffnung wiegte er sich. Er war frei, unabhängig und sorglos. Und er tanzte. Er tanzte nach einer schweren Opernmelodie. Frauen umgarnten ihn und jedermann zeigte Respekt und Anerkennung. Ein lieblicher Traum in einer krankhaft ignoranten Welt. Doch schon bald wurde er aus dem Schein gerissen. Die Domuhr schlug energisch in einem Vier – viertel – Takt und ließ den jungen Mann dumpf erwachen.
Es war um drei. Viel zu früh, sich woanders hinzubegeben. Er wollte erneut die von Schlaf getränkten Augen schließen, doch da sah er eine kleine Gestalt am Rande des Domplatzes. Hastig bewaffnete er sich mit einem Stock, der seiner Nähe nach greifbar war und wartete ab. Die Gestalt kam näher und er erblickte ein kleines Mädchen mit blonden Haaren und noch den Blick der Hoffnung und Kindheit in seinen Augen tragend. Die kleine trug ein rotes Kleid und summte eine Melodie, beim genaueren hinhören eine Arie. Vielleicht ein Meisterwerks Chopins?! Der junge Mann wusste es nicht, doch interessiert fragte er die kleine beim Vorbeilaufen: „Woher kennst du diese Melodie?“ Doch ohne zu antworten lief die Kleine auf und ab, von rechts nach links, den Berg hinauf – ein Zykluslauf.
Er folgte ihr den Berg hinauf, doch alles, was er dort sah, war ein alter Mann mit verbitterter Miene. „Dieses kleine Mädchen? Wo ist es hin?“, fragte der junge Mann diesen begeistert. „Welches Mädchen, hier ist keines vorbeigekommen mein Herr.“, antwortete dieser mit Sorgen erfüllt. „Oh doch, ich habe es gesehen und gehört. Eine zauberhafte Stimme. Es kam vom Rande des Domplatzes und lief hier den Berg hinauf!“, presste der junge Mann begeistert nach, sodass seine Worte fordernd in die Dunkelheit drifteten.
„Ah, mein Herr, sie meinen Rosalie. Ja ja, die kommt jede Nacht zur selben Stunde hier vorbei. Setzen sie sich! Kommen sie, setzen sie sich zu mir.“, redete der alte Mann gut zu.
Der junge setzte sich und wartete gespannt auf die nun folgenden Worte des alten. Dieser blickte weit in die ferne, als könne er die Hauswände mit seinem Blick durchbohren.
Dann begann er zu sprechen, sah den jungen Mann jedoch nicht an:
„Eines kleines Kind, schon längst vergessen, war von Kummer und Angst besessen.
Niemand schuldete ihr Respekt, so spielte sie mit Matsch und Dreck.
Verwahrlost und schon längst gestorben, wartet sie stets auf den goldenen Morgen.
Doch nie gelangte die Liebe in ihr Herz, so erduldete sie den Seelenschmerz.
Jahr für Jahr, Nacht wie Tag, lauschte sie dem Glockenschlag.
Vier – viertel – Takt, ein Rhythmus gar,
so schrieb sie eine Arie für diesen Narr, der ihr einst zuhört, sie nicht vergisst,
solange er den Tod nicht misst.
Ihr Bann ist nun für immer gebrochen, so hast du ihr nun versprochen.
Lauf von nun an ab und auf, von rechts nach links, den Berg hinauf –
Und erfahre am eigenem Leibe diesen Zykluslauf!“

Der Tag erstrahlte und der junge Mann war verwundert und begriff doch schnell, dass er für seinen Egoismus bestraft wurde. Er hatte immer den armen einsamen Menschen zugehört und ihnen Respekt gezollt, stets zu ihnen gehört, doch nie mitbekommen, dass er neben dem geklagten Leid nur noch sich sah und sich bemitleidete. Doch er hatte immer alles gehabt – und vergaß dabei die Liebe und Tiefgründigkeit.
Den Domplatz hat er bis auf jetzige Zeit nie verlassen – aus Angst, sein Leben, dass nun durch Herzenswärme und Tiefgründigkeit gezeichnet war, zu verlieren.
Juni 2004
Scab[U]> Gelebtes <[/U]

"Ist es vorbei?“, er schlug kräftig mit der linken Faust auf den nahe liegenden Glastisch. Die auf dem Tisch stehenden Weingläser wackelten, eines fiel um und ergoss seinen Inhalt auf der Tischplatte. „Wie bitte, ich verstehe nicht?“, züngelte sie ängstlich. „Du hast mich verstanden. Ist es vorbei Klea, ist es das gewesen?“, verärgert fuhr er sich nun durch sein kinnlanges dumpf braun glänzendes Haar, seine blauen Augen strahlten vor Zorn.
Die Frau zu seinen Füßen war in Tränen ausgebrochen. Ihr langes rotes Haar hing schlaff ihre Schultern hinunter. Zitternd antwortete sie: „Wie kann es mit uns vorbei sein, wenn ich dich immer noch liebe? Marto, ich liebe dich – bis über den Tod hinaus. Ich dachte, dass weißt du!“ „Ich weiß nichts mehr, gar nichts weiß ich!“, seine Stimme ließ den kleinen Raum erbeben. Der umgekippte Wein rann langsam das zinngetränkte Tischbein hinunter, um sich dann über den weißen Teppich zu ergießen.
Klea weinte nun bitterlich, doch ob es aus Glaubensverlust ihrer selbst oder Martos war, wusste in diesem Augenblick nur sie selbst. Marto blickte mit versteinerter Miene auf seine Geliebte nieder. Doch schon bald zeigte sein Gesicht einen bemitleidenswerten und liebevollen Ausdruck. Die Liebe hatte über den Ärger triumphiert.
„Es tut mir Leid Klea, es tut mir so Leid!“, hastig nahm er sie in seine Arme. „Ich liebe dich doch auch und wir werden uns nicht trennen.“, sagte er bestimmt. „Nein, niemals.“, versprach sie bittend. „Ich muss jetzt gehen Klea. Ich rufe dich an!“, seine letzten Worte hallten hoffnungsbelebend durch den Raum. Und so trennten sich ihre Wege.

Er hatte nicht angerufen. Nie hatte sie gewusst, wo er war. Doch schließlich glaubte sie noch an die tiefe Liebe und erlitt somit jedes Jahr ohne ihn, in der Stille hoffend auf eine Wiederkehr Martos.

Versteinert und gefühlskalt lief sie über die Straße zu einem kleinen familiären Kiosk. Hier hatte sie stets mit Marto Eis gekauft. Doch heute – nach sieben Jahren, würde sie es wohl wieder allein besorgen müssen. Sie würde ihm dann zu Hause auch einen Teller mit Eis hinstellen, in der Hoffnung, er würde vielleicht doch noch kommen. Doch nie kam er. Und so ging sie jede Nacht schlafen und sehnte sich in Trauer in seine Arme zurück.
Schnell besorgte sie das Eis und lief in einem hastigen Tempo zurück in ihre Wohnung. Dort angekommen, bereitete sie wieder einmal die beiden Eisportionen vor.
Der erste Biss – Klea erschrak. Der Geschmack, er stimmte nicht. Seit Jahren hatte sie das falsche Eis gekauft. Nein, ein kleiner Fehler im tristen Alltag.
Und dann klingelte es an der Tür. Verärgert machte Klea diese auf. Marto stand freudestrahlend vor ihr, nahm sie in den Arm und küsste sie. Ist das ein Traum, nein, es kann nur ein Traum sein. Verzaubert bat sie ich herein. Er hatte sich schon verändert. Er war älter geworden und wirkte nicht mehr so aufgesetzt. Sie bat ihn ins Wohnzimmer, wo sie ihm ja schon das Eis zubereitet hatte. Doch sein Gesicht zeigte keine Freude, eher aufkommenden Hass. „So, es stimmt also doch! Wär ich bloß nicht gekommen, wie? Dann hättest du noch einen schönen Tag oder besser eine traumhafte Nacht erlebt, was?!“, schrie er, indem er erneut auf die Tischplatte schlug. Die Eisschale kippte durch die Wucht und ergoss sich auf dem weißen Teppich. Und da begriff Klea. Dieser Mann hätte nie der Richtige für sie sein können. Im tiefsten hasste sie seine Arroganz und Oberflächlichkeit.
Mit dieser Erkenntnis sprach sie und sah ihm dabei tief in die Augen: „Betrügen und betrogen werden, nicht wahr Marto?!“
Seine Lippen zitterten und ließen kein Wort mehr aus seinem Mund erklingen. Er nahm seine Sachen und ging – ohne einen Abschiedsgruß ohne eine Aussicht des Wiedersehens.

Marto ist nie wieder in Kleas Sicht getreten. Nur die vielen Flecken auf dem weißen Teppich erinnern an ihn und den Schmerz, der in seiner Zeit Kleas Seele benetzte.
Allein sein und verständlich lieben ist seither Kleas Wunsch, den sie sich wahrscheinlich eines Tages erfüllen wird…
Scab[U]> Ohne Titel <[/U]

Wer auf beschrittene Wege zurückgreift, muss sich nicht wundern, dass er dort nicht die eigene Freiheit und Verwirklichung seiner selbst findet, da viele Menschen vorher schon diese Wege gegangen sind.

An einem still plätschernden Bach, der geografisch eigentlich nicht existieren kann, lag an diesem Morgen Joan. In ihren zerfetzten Kleidern lag sie da, behütet vom sanften Flüstern des Baches. Dieser erzählte eine Geschichte – eine, in der Mensch und Mensch noch friedlich zusammenlebten, in der Achtung noch heilig war.
Der Bach hatte sich einst auch auf Abwege begeben, hatte sich seinen Weg gesucht – einen neuen unvollkommenen und steinigen. Noch nie hatte er menschlichen Besuch gehabt. Und voller Skepsis sang er nun ein Klagelied vom Schmerz das Alleinseins.
Joan erschauderte bei dieser Melodie und wurde schließlich unsanft geweckt. Etwas benommen brachte sie sich in eine senkrechte Lage und begann sich ihren Körper zu betrachten. Schrammen zeichneten ihre Beine – Schrammen zeichneten ihren Bauch und ihr Gesicht – endlose tiefe Schrammen. Nie hatte sie so fürchterlich ausgesehen, nie hatte sie solch körperliche Schmerzen erlebt. Doch der Bach rauschte, als schien er zu lachen.
Joan wusste nicht wo sie war, weder wo sie hingehörte. Doch sie wusste, dass sie nie wieder in die Welt zurückkehren wollte, wo sie herkam.
Das Singen des Baches verstummte, um den bevorstehenden Wolkenbruch Einheit zu gewähren. Der zarte Regen mutierte schnell zu einem Tyrann, sodass Joan sich dazu bewegte Schutz zu suchen. Sie verflüchtigte sich in eine nahe liegende Höhle und wartete…

Jahrelang hat sie gewartet, erlebte die Natur, die Stille und wurde schließlich mit ihr eins.
Jeden Morgen lief sie hinunter zum Bach, um sich dessen Geschichten anzuhören. Doch an diesem Morgen erschauderte sie, beim Anblick des Baches.
Ein junger Mann war von seinem Pferd gestiegen und betrachtete sich den kleinen Schwall von Wasser. Vier andere Männer waren an diesem Treiben ebenfalls beteiligt. Sie nahmen eiserne Schaufeln und schütteten den Bach zu. Dieser weinte und schrie, verstummte jedoch am Entsetzen.
Joan konnte nicht ansehen, wie die Fremden die unberührte trotzige Welt zerstörten. So rannte sie mit garstigen Schritten auf die Männer zu. So schnell, wie der dicke rothaarige sich besann, so schnell saß Joan schon auf dessen Schultern. Bei einem Versuch die verrückt gewordene Frau von sich zu schütteln, erntete der Dicke nur Gespött und amüsiertes Grinsen der anderen Beteiligten. Doch das ließ dieser nicht auf sich sitzen und schleuderte Joan in einem kräftigen Satz auf den Waldboden. Eh sich diese besann hatten die Männer sie gepackt und an einem Baum festgebunden.
Schelmisch grinsend blickte der Anführer der Horde Joan an. „Wie ein kleines ungezogenes Mädchen, recht hilflos sitzt sie nun da!“, schrie dieser übermütig. Die anderen Männer rekapitulierten.
Als Joan der Aufforderung sie solle doch sprechen nicht nachkam, trafen sie taube Schläge ins Gesicht und am ganzen Körper.

Joan wachte in einer kleinen Zelle wieder auf. Die Mauern waren kalt und so unbarmherzig, hatten keine Geschichte zu erzählen, da sie den Richtlinien entsprachen.
Ein Mann öffnete daraufhin die Gittertür und brachte Joan zu einem anderen Fremden. Dieser bedankte sich und zerrte sie wutentbrannt in eine Kutsche. Sie hörte nicht die leeren Worte des Fremden, erkannte nur, dass dieser heuchelnd schimpfte.
Und da bemerkte sie. Dieser Mann gehörte zu ihrer Familie. Voller Freude und Hoffnung fieberte Joan dem zukünftigen Familienleben entgegen. Ihre Mutter empfing sie herzlichst und ihrem Vater tat letztlich die Predigt aus der Kutsche Leid.

Doch glücklich wurde Joan nicht. Jede Nacht sehnte sie sich nach den Geschichten des Baches zurück. Doch als sie einst zu dem Bach wiederkehrte, hatte sich dieser schon längst einen anderen noch unbeschrittenen Weg gesucht…
Scab[COLOR=crimson]Feuer und Wasser - Leben und Tod[/COLOR]

[U]Ein Dialog[/U]

Eine Alte und ein Knabe trafen sich auf einem unbestimmten Platz, an einem unbestimmten Ort. Zwei Welten prallten aufeinander, als würde eine Glasflasche auf einen spitzen Stein treffen und diese jämmerlich zersplittern. Doch war die Flasche nicht einmal fest, gar unzerbrechlich schön? Doch die härtere Substanz gewinnt, so, wie auch in diesem Dialog…

Knabe: Guten Morgen werte Frau, der Morgen ist jung und frisch!
Alte: Pa, jung und frisch. Regen wird kommen.
K: Nun sie dir doch die brennende Sonne an.
A: Die Sonne ist nichts als ein Vorbote des unendlichen Schicksals.
K: Lodernd bringt mich ihr Feuer zum Lachen. Eine klare Abhängigkeit des Lebens.
A: Feuer ist endlich, Feuer erlischt und was bleibt ist dunkles totes Land.
K: Feuer ist Wärme, Kraft und kann alles zerstören, unberührte Willenskraft.
A: Feuer ist Sterblichkeit.
K: Erschütternde Unsterblichkeit.
A: Feuer ist untreu und trügerisch.
K: Betrogen liegt das Land im Eis.
A: Eis ist die Seele des Lebens.
K: Eis ist vergänglich.
A: Als Aggregatzustand des Seins. Doch weder als Energiequelle.
K: Energie ist warm und anregend.
A: Fesselnd und abhängig. Eis wird zu Wasser und Wasser zu Eis.
K: Doch Feuer ist trotzig.
A: Eis passt sich an.
K: Das Eis ist eine Marionette des Feuers, das Wärme gibt und nimmt.
A: Doch ohne Feuer lässt sich Leben.
K: Aber ohne Wärme, die das Feuer spendet, könntest du nicht leben.
A: Wer sagt, dass ich leben will.
K: Jedermann muss leben.
A: Leben ist traurig, Gefangenschaft durch Gottes Hand.
K: Leben ist Freiheit und Liebe.
A: Feuer ist aber nicht frei. Liebe zerstört es, nimmt sich die Liebenden.
K: Feuer ist die Nahrung unserer Seele, unseres Herzens.
A: Herz und Seele? Pa, zu lange mit dem Feuer gespielt, was?!
K: Und du Mütterchen, ein Eisblock in einer demütigenden Welt?
A: Ich lebe immer noch!
K: Leben kannst du das nicht nennen. Kannst du träumen, lieben und noch hoffen?
A: Hoffnung, ja, die hab ich. Dein Feuer soll vergehen. Verschwinde mein Bub, du weißt noch lange nicht, was diese Welt aus dir macht!
K: Ja Mütterchen, doch zulassen werde ich nie, dass mein Feuer erlischt.

Jahre später kam der Knabe wieder auf diesen unbestimmten Platz, an diesen unbestimmten Ort. Fröhlich und nun endlich seine innere Wärme ausstrahlend, suchte er die Alte. Diese saß gefroren an ihrem Spinnrad. Hätte er sie bloß so sitzen lassen, hätte er ihr nie gezeigt, wie wichtig das Feuer der Seele doch ist, so hätte sie ihm auch nie bewiesen, dass sie gut ohne Wärme in ihren Umständen (über)leben könnte (…)

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