| Baltaine | Auch wenn`s kein Gedicht: Eisprinzessin Langsam spürte sie das Klirren auf ihrer Wange, während die Träne im eisigen Hauch gefror. Am Horizont verschwand gerade die leuchtende Scheibe der Sonne hinter den glitzernd weißen Gipfeln und zog einen gelbroten Umhang hinter sich her; und so wurde die hinterlassene Leere mit Dunkelheit und Kälte gefüllt, die langsam durch das Tal zu ihr krochen. Einsam stand sie auf der schneebedeckten Erde, nur von dem Wunsch erfüllt, der Sonne über die Berge zu folgen, fort von der Dunkelheit, fort von der Kälte, fort von dem stechendem Schmerz in ihrem Herzen. Doch sie konnte nicht. Mit einem kurzem Schütteln, dem Klirren in der Luft zum Trotz, raffte sie sich auf, wandte sich vom endenden Sonnenuntergang ab und ging ihren eigenen Spuren im Schnee folgend zurück in das lichte Wäldchen. Er drehte sich nicht um, wollte nicht zurückschauen, wollte sich nicht erinnern. Mit Genuß wandte er sich den letzten wärmenden Strahlen der Sonne, labte sich an dem wohligen Gefühl auf seiner Haut, das dem eisigen Reif des Winters noch Einhalt gebot. Aber die Wärme taute das Eis, welches sich in seinem Bart verfangen hatte, und als ein letzter heller Strahl auf seine müden Augen fiel und ihn blendete, begann er wieder, sich zu erinnern: die sanfte Berührung, der süße Kuss, der sanfte Hauch ihres Atems in seinem Nacken: der Schmerz! Nein, er konnte nicht zurück. Langsam machte er sich auf, dem Pass durch das Gebirge zu folgen und schlang seinen Mantel enger um sich. Ein schwarzer Schatten flog durch die lichten Wipfel des Waldes, lauernd, beobachtend, auf der Suche nach etwas, daß seinen Trieb befriedigen konnte. Da erblickte er sie zwischen den Ästen, stolz in eine weite Felltunika gehüllt, wunderschön und so unschuldig, so ... Sie würde seinen Hunger mehr als stillen. Als sie unter der Krone einer alten Tanne verschwand, verlor er seine Beute aus den Augen. Ins Gehölz eintauchend suchte er sich einen besseren Aussichtspunkt. Sein Jagdtrieb war geweckt. Nicht weit vom Waldrand entfernt stand die kleine Blockhütte, aus dessen Fenster der Schein des warmen Kaminfeuers eine Einladung aussprach, die sich leicht im glitzernden Schnee spiegelte. Sie schritt ihre eigen Spur ab, begleitet von der schmerzlichen Erkenntnis, daß die zweite Spur nie wieder zurück zur Hütte gehen würde. Kurz bevor sie die Tür erreichte, wurde die Stille des Waldes von einem lauten Ächzen und Knacken durchbrochen. Da war etwas. Voller Hoffnung drehte sie sich mit einer schnellen Bewegung um; würden ihre frische Abdrücke im Schnee nicht einsam bleiben? Würde er zurückkommen? Sie kannte die Antwort bereits, bevor sich ihre Augen an die hinter ihr aufkommende Nacht gewöhnt hatten. Aber da war etwas. Bedrohliche Stille legte sich über den Wald. Kein Tier war zu hören und selbst der Wind schien ihr seinen leisen, aber stetigen Gesang zu verwähren. Doch da. Ihre Nackenhaare stellten sich auf, während ein gewaltiges Rauschen in der Luft die Stille brach. Ganz nah! Schnell wandte sich der Sicherheit ihres Hauses zu, fest entschlossen, die Dunkelheit und die Kälte dieser Nacht endlich zu verbannen. Ein heftiger Windstoß, ein klirrender Hauch über ihr Gesicht und plötzlich lauerte ein großer, schwarzer Schatten zwischen ihr und der Geborgenheit jenseits der Tür: ein Rabe. Sein warmer Atem gefrierte sofort an der kalten Luft, als ob tief im Inneren des Vogels inbrünstig ein Feuer loderte; dasselbe Feuer, das auch seine Augen so furchteinflössend leuchten ließ. Aufmerksam reckte er seinen Kopf in ihre Richtung und schaute sie herausfordernd an, während er jeder ihrer noch so kleinen Ausweichbewegungen folgte. Sie spürte, daß sie ihm nicht entkommen konnte. Das Leuchten von Intelligenz in seinen Augen konnte kaum die urtümliche Wildheit dahinter verbergen, als sich ihre Blicke trafen. Und begann es. Plötzlich offenbarten sich ihrer Seele Bilder ihrer innersten Träume, der tiefsten Bedürfnisse, nach deren sie sich verzehrte; Bilder aus den glücklichen Zeiten ihrer Vergangenheit: sie verliert sich zärtlich in seinen Augen, ihre Lippen treffen zum sanften Kuss auf seine, seine Gegenwart, einfach er. Wie von Schwertern zerteilt dringen die Worte durch den Nebel des Vergangenen zu ihr durch, das Angebot, daß alles wieder so sein könnte, wie sie es sich erträumte. Kein Schmerz, keine Trennung, keine Einsamkeit: nur er und sie. Kaum das er eingeschlafen war, kamen die Träume von Verlangen und Sehnsucht: von ihr. Aber dann änderte sich sein Traum; etwas beunruhigte ihn, ein ungutes Gefühl, der Vorbote der Gefahr. Etwas schwebte aus dem Tal den Pass entlang auf ihn zu. Etwas Dunkles. Er wachte auf. Verzweiflung schloß einen eisernen Griff um sein Herz. Er wußte, irgend etwas ist passiert – mit ihr. Aller Vernunft trotzend machte er sich sofort auf den Weg, zurück ins Tal, zu ihr. Er heftete sich an seine eigene Spur und hetzte ihr atemlos vor Anstrengung und Furcht hinterher. Die Sonne macht sich auf ihren langsamen Aufstieg über das Tal auf, während die langen Schatten der Berge den Wald in ein unheimliches Zwielicht tauchen. Ein einzelner Strahl der Sonne findet den Weg hindurch und triff sich spiegelnd auf die gefrorene Träne an seiner Wange. Er steht vor ihr, seiner Geliebten, an sie gebunden durch die tiefe Liebe, die er für sie empfindet. Vergessen ist ihr Zerwürfnis, vergessen die Trennung, vergessen der Schmerz. Er ist nicht fähig, sie hier allein zu lassen. Sie steht still vor ihm, sagt kein Wort, während ihr Körper aus Eis langsam dahin schmelzt. Leise trägt der Wind den herausfordernden Ruf eines Raben durch das Tal. |