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  Forum: Verlassene Gärten
    Thema: Suras Winterwald
Sura ShavanaKritik bitte >>>[url=http://www.nachtwelten.de/vB/showthread.php?s=&postid=881545#post881545]hier[/url]<<<
Sura Shavana[u]Winterwald I[/u]

Nebel umgibt mich. Ich irre durch den Winterwald. Heimatlos suche ich meinen Weg. Ist es die weite Straße außerhalb des Waldes oder doch lieber der von Tieren genutzte Trampelpfad, der durch das dichteste Gesträuch des Waldes führt?

Draußen kann ich mich unbeschwert bewegen, doch bin ich dort schutzlos. Im Winterwald ist es mühsam, meinen Weg durch das Dickicht zu finden, doch umgeben mich Nebel und Finsternis wie die samtnen Flügel eines schwarzen Engels.

Nur der Mond leuchtet mir den Weg; die silberne Sichel lächelt milde auf mich herab. Die schwarzen Bäume stehen wie stumme Zeugen im weißen Schnee. Zeugen meines Weges. Zeugen meiner Suche.

Suche wonach? Nach Heimat. Nach Rast. Nach dem Gefühl des „Nach-Hause-Kommens“.

Auf der Straße habe ich es nicht gefunden. Wurde nur von vorübereilenden Wagen mit Dreck beschmutzt. Deshalb habe ich den Winterwald betreten. Wenn schon nicht die Heimat finden, dann wenigstens Frieden.

Heimat – was bedeutet dieses Wort? Ist es überhaupt mehr als nur ein Wort?

Für mich bedeutet Heimat, akzeptiert werden, wie ich bin. Eine Oase der Ruhe. Ein Stück Paradies. Utopia. Für mich nie erreichbar. Also doch nur ein Wort.

Warum suche ich nach einem Wort?

Habe ich die Realität aufgegeben und jage einem Wahnbild hinterher? Oder gibt es doch noch einen winzigen Fetzen Hoffnung, dass Wunschträume wahr werden können?
Vielleicht auch beides, denn ohne Träume wäre das Leben sinnlos, so leer wie eine Illusion.

Träume sind Illusionen. Können Illusionen durch Illusionen Wirklichkeit werden? Ist die Wirklichkeit wirklich oder doch nur Illusion? Und was bringt es, sich über Illusionen den Kopf zu zerbrechen?

Ich spüre den kühlen Nebel in meinem Gesicht. Keine Illusion. Die Kälte schleicht in meine Glieder. Ich stolpere weiter. Einsam durch den Winterwald. Er liegt da wie tot. Nur manchmal, wenn ein verschlafenes Eichhörnchen auf der Suche nach seinem Wintervorrat oder ein hungriger Fuchs meinen Weg kreuzt, merke ich, dass ich nicht das einzige suchende Wesen bin.
Sura Shavana[u]Winterwald II[/u]

Die Tiere des Winterwaldes schauen mich an, sehen mir unverwandt in die Augen. Ihre Blicke sagen mir: „Was willst du hier, Eindringling?“ Der hungernde Fuchs versagt bei dem Versuch, drohend die Zähne zu fletschen. Zu schwach ist er. Ich hinterlasse Spuren im makellosen Schnee, als ich mich niederknie, ein Stück Wurst aus meiner abgewetzten Ledertasche krame und es ihm hinhalte. Seine Augen sprühen vor Hass, doch blitzt auch eine Sehnsucht darin auf. Eine Sehnsucht, dass das Bild vor seinen grün glitzernden Augen wahr ist. Dass ich ihn nicht täusche, nicht hinters Licht führen will.

Ich werfe ihm die Wurst vor die Füße und lehne mich zurück. Beobachte seine Reaktion. Langsam setzt er eine Pfote vor die andere, den langen Hals nach dem Leckerbissen gereckt. Der Ausdruck seiner Augen hat sich von Hass zu Misstrauen, zu fragender Angst gewandelt. Warum teilt dieses Wesen seine Beute mit mir? Zu viele Fallen hat Meister Reineke überlebt, um einer solchen Kreatur über den Weg zu trauen. Doch der Hunger wiegt schwerer. Kommt es darauf an, ob er nun verhungert oder durch die Hinterlist eines Menschen erlegt wird?

Mit langen Zähnen greift er nach der Wurst und zieht sich schnell ein paar Schritte zum nächsten Gebüsch zurück. Ein letzter fragender Blick zurück. Und er verschwindet.

Ich teile gerne. Auch wenn ich oft nichts zurück bekomme. Es ist schön, die Zufriedenheit eines Lebewesens zu sehen. Noch schöner ist Dankbarkeit. Aber um Dankbarkeit zu erleben muss man unendlich viel geben... Und selbst dann ist eine solche Reaktion ungewiss. Ist es Schnelllebigkeit oder Egoismus? Anonymität, fehlendes Vertrauen zueinander?

Schnelllebigkeit... ein Wort des Spottes im Winterwald. Zeit spielt hier keine Rolle. Tag und Nacht wechseln sich ab, doch der Winter bleibt. Tag für Tag ein neuer Kampf ums Überleben. Nie eine Zeit des Überflusses, kein Reichtum, kein Wohlstand, kein Luxus. Nur der Winterwald, mit all seinen Bewohnern.

Hört sich traurig an? Ist das Leben traurig, nur weil man nicht so reichlich beschenkt wurde? Gibt es nicht Wichtigeres als Verschwendung? Können kleine Nebensächlichkeiten nicht viel bewegender, viel faszinierender sein als Pracht und Prunk?

Kleine Aufmerksamkeiten... So wie die kurze Berührung am Arm, die einem zeigt, dass jemand für einen da ist. Der flüchtige Kuss aufs Haar, der dieses außergewöhnliche Zusammengehörigkeitsgefühl nach außen trägt.

Doch auch diese Sachen sind mir verwehrt. Mein Gefährte hat sich vor vielen Wochen aufgemacht, die Umgebung zu erkunden. Und ward seitdem nicht mehr gesehen. Ist er tot? Nein, ich würde spüren, wenn das Band, das so fest um mein Herz geschlungen, dass es schon weh tut, keinen Halt mehr hat. Was dann? Verirrt? Nein, ein erfahrener Krieger verirrt sich nicht.

Soll er etwa den Winterwald verlassen und sich der Straße zugewandt haben? Ich schlucke die aufbrodelnden Befürchtungen herunter. Und werde weiter warten. Was soll ich auch anderes tun, allein, im Winterwald?
Sura Shavanaausnahmsweise mal nichts direkt aus dem winterwald....

[u]1000 kerzen[/u]

1000 kerzen
erhellen die dunkelheit.
zeigen eine welt
der menschlichkeit.
elend, not, leiden
unter dem schleier
der wirklichkeit.

der mond,
waechter der nacht,
wartet mit stoischer ruhe
auf das ende.
zwei schwarze
gestalten der nacht
warten,
reichen sich die haende.

warten auf den nachtwind,
der, ihre haut liebkosend,
mit den kerzenflammen spielt.
ein dunkles kind,
mal zaertlich hauchend, mal ungestuem tosend,
doch nie als schmerz gefuehlt.

ein um andre kerze stirbt.
die welt verliert ihr leidend g'sicht.
nachtgestalten warten
bis das letzte licht erlischt.

dunkelheit.
bewusstsein.
geborgenheit.
vertrauen.

ein kuss.
Sura Shavana[u]Winterwald III[/u]

(oder: von guten Menschen, bösen Delphinen und Kindererziehung... schweife heute etwas ab)

Die Sterne funkeln weit über mir. Vollkommene Stille, nur manchmal unterbrochen vom Ruf eines Käuzchens oder von einem leisen Knacken im Unterholz.

Die Kälte umklammert meine Füße, lässt mich nicht mehr los. Ihre Arme wachsen wie Efeu an meinem Körper hinauf. Ein eisiges Geflecht auf meiner Haut.

Kalt. Doch nicht unangenehm. Ich bin Kälte gewöhnt. Komme aus dem hohen Norden, wo es keine Wärme gibt.

Bin von dort aus losgezogen, nach Veränderungen sehnend. Ich hatte keine Angst, eine schlechte Welt zu finden, denn ich hätte überall besseres gefunden als dort. Auch hier im Winterwald.

Denn hier sind keine Menschen. Keine Kreaturen, die nur zu ihrem eigenen Wohlgefallen zerstören. Ob physisch oder psychisch.

Kein Tier ist böser als der Mensch.

Tiere mögen misstrauisch und vorsichtig, ängstlich und reizbar sein. Doch sie sind nie böse. Bosheit ist die Erfindung der einzig bösen Kreatur, die auf Erden wandelt.

Um es mit einem Zitat aus „Felidae“ zu sagen: „Es gibt keine guten Menschen. Tiere sind gute Menschen. Und Menschen sind böse Tiere.“ Gut, vielleicht ist das „es gibt keine guten Menschen“ wirklich zu verallgemeinernd. Aber der Rest scheint der Wahrheit schon irgendwie erschreckend nahe zu kommen. Aber was soll uns das „Tiere sind gute Menschen“ sagen, wenn es doch keine „guten Menschen“ gibt? Oder könnte es gute Menschen geben, wenn sie sich ein Beispiel an der Tierwelt nehmen würden? Wenn ja, ein Beispiel an was? Am Zusammenspiel mit der Umwelt, am sozialen Miteinander? Oder einfach mal das Denken ausschalten und auf seinen ureigenen Instinkt hören? Letzteres kling am plausibelsten. Doch wo wären wir jetzt, wenn wir nicht ein klitzekleines Stück weit denken würden? In der Höhle, bei den Steinzeitmenschen? Nein, noch nicht mal die hätte es dann gegeben. Wir wären immer noch auf den Bäumen, wären nie Menschen geworden. Ist das Denken an sich, die Intelligenz, Kreativität, Kombinationsgabe, das Bewusstsein, dann böse?

Nein. Denn es ist nur Mittel zum Zweck. Es kann höchstens in bösem Sinne genutzt werden, aber nie von sich aus böse sein. Wieso also kommen Menschen auf die Idee, das Denken zu missbrauchen, während dagegen beispielsweise Delphine, die ja auch ein gewisses Maß an Intelligenz, Kreativität, Kombinationsfähigkeit und Bewusstsein verfügen, ihre gesamte Energie nicht in Bösartigkeit, sondern in ein gut funktionierendes, verspieltes Miteinander umsetzen? Ich habe zumindest nie einen bösen Delphin gesehen.... allein die Worte „böser Delphin“ nebeneinander stehen zu sehen... irritiert mich, da es einfach nicht passt. Habt ihr, werte Leser, schon mal von einem bösen Delphin gehört? Wenn ja, lasst es mich wissen, ich bin sehr interessiert daran....

Genug über böse Delphine. Oder nein, noch nicht ganz, ich spinne meinen Gedanken noch etwas weiter. Der Unterschied zwischen „bösem Menschen“ und „gutem Delphin“ könnte schließlich darin liegen, dass der Mensch eine höhere Intelligenz und Abstraktionsgabe (den Rest wiederhole ich jetzt nicht mehr, das wird mir einfach zu blöd) hat als der Delphin. So wie Kinder beispielsweise noch keine Witze verstehen, da sie ein höheres Ausmaß an Denken dafür benötigen, als sie zu diesem Zeitpunkt besitzen.

Aber es gibt auch böse Kinder.... Liegt das nu an Erziehung oder Veranlagung? Wenn man bedenkt, dass Delphine in etwa die Intelligenz eines etwa dreijährigen Kindes besitzen, dürfte es im Falle der Veranlagung keine Kinder in diesem Alter geben, die böse sind. Ich kann mich aber noch gut an den Kindergarten erinnern, als mein damaliger bester Freund mir mein Stofftier geklaut und behauptet hat, es wäre seins... außerdem habe ich wohl selbst als ich drei Jahre alt war, die Nachbarskinder verdroschen, weil mir zu der Zeit mein Vater sehr gefehlt hat (war den Sommer über alleine mit meiner Mutter im Urlaub). Weiß ich zwar net mehr, aber wird mir immer wieder gerne erzählt...

Also muss es an der Erziehung oder der Umwelt ganz allgemein liegen. In welche Richtung entwickeln sich dann Kinder, die absolut antiautoritär erzogen sind? Die müssten doch, sollte die These, dass es eine „gute“ Veranlagung gibt, stimmen, brav wie die Osterlämmchen sein... Sind sie aber nicht. Zumindest die, die ich kenne. Andererseits hat in diesem Fall die Umwelt einen sehr großen Spielraum, da dieser von den Eltern nicht eingedämmt wird. Und da man Umwelt und Erziehung nie ganz aus der Entwicklung eines Kindes heraushalten kann, wird dieses Rätsel wahrscheinlich nie geklärt werden...

Vorerst kann ich auf jeden Fall net mehr klar drüber nachdenken, sind mir grad viel zu viele Leute hier... das nächste Mal vielleicht wieder... Außerdem geht im Winterwald schon beinahe wieder die Sonne auf. Ich muss mich wieder auf den Weg machen, meine Suche nach etwas, das es nicht gibt und wahrscheinlich nie geben wird, fortsetzen.
Sura Shavana[U]Mad World[/U]

Liebe und Hass.
Kein Hass, nur
Verzweiflung.
Hoffnung? – Vielleicht.
Sehnsucht? – Ja.
Sehnsucht
Ohne Hoffnung?
- Bitte nicht,
ich liebe dich doch!
Verrückt werden
Vor Sehnsucht.
Sich fühlen wie im Käfig.
Eingesperrt.
Ein allein gelassenes Raubtier.
Einsam, unsicher, verwirrt.
Was tun?
Angreifen?
Abwarten?
Das Raubtier kann nicht weinen.
Aber ich.
Verzweiflung und Tränen.
Liebst du mich?
Du sagst es –
Und ich glaube dir.
Trotzdem...
Eine Liebe, die kaputt macht.
Die an Kräften zehrt.
Wie viel Kraft habe ich?
Genug, um von Kuss zu Kuss zu springen?
Ich wünsche es mir so.
Aber ich weiß nicht.
Ich hoffe es, rede es mir ein.
Habe bis jetzt so viel geschafft in meinem Leben.
Beiße ich mir jetzt
An der Großen Liebe
Die Zähne aus?

Was nicht tötet, härtet ab,
sagt man.
Tötest du mich mit deiner Liebe?
Töte ich mich mit meiner Liebe?
Selbstmord, Todesursache Liebe?
Ich wusste, dass Hass zerstören kann.
Und Liebe?
Für manche nur ein Wort
Ohne Bedeutung.
Für andere der Himmel auf Erden.
Für wieder andere Himmel und Hölle zugleich.
Würde es mir ohne sie besser gehen?
Nein.
Dann wäre ich nur wieder
Kumpel
Für alle.
Aber du,
du siehst mich als Frau.
Als Frau, die dich braucht.
Wärme, Zärtlichkeit. Und Liebe.
Die Liebe frisst mein Herz auf.
Geht es dir genauso?
Ich will dich nicht verlieren.
Aber ich weiß nicht, ob ich
Genug Kraft habe
Für den Kampf.
Ich bitte dich,
hilf mir dabei!
Nimm meine Liebe
Und gib mir deine.
Nimm mein Herz gleich mit,
es gehört sowieso dir.
Halt es fest,
egal, was kommt.
Damit meine schönsten Träume
Nicht mehr die sind, in denen ich
Sterbe.

2.10.04
Sura Shavanamal wieder n bisschen was anderes.. auch mal n paar ältere sachen...

14.11.2004
[u]Ausgeklinkt[/u]

Ich habe gehofft.
Die Augen verschlossen.
Auch als Freunde mir die Hände
Von den Augen reißen wollten,
habe ich es nicht zugelassen.
Warum?
„Liebe macht blind“,
sagt man.

Deine Liebe ist nicht mehr
als nur ein Traum.
Hinterlässt gähnende Leere
Statt brodelnder Wut.
Leere und...
Ja, was noch?
Hilflosigkeit? – Nein.
Trauer? – Nein.
Nur Leere. Nichts weiter.
Gar nichts.

Kalte Hände legen sich
Um die Knospe der Liebe.
So kann sie zwar nicht wachsen
Aber auch nicht verletzt werden.
Auch wenn es heißt
„Nur wer sich öffnet für den Schmerz,
lässt auch die Liebe mit hinein.“
Von nun an heißt es

>>> Need not <<<
>>> Shall not <<<
>>> Must not <<<
>>> Will not <<<



9.1.99
[u]Paradisiac[/u]

Little frogs are croaking gently,
Softly through the reed.
Like in paradise so friendly,
Paradisiac, indeed.

Cranes are wading through the swamp
As lonely as I am.
Searching for a fitting champ,
As searching as I am.

Sitting here by candle light
So sorrowful, so sad.
Only the moon is shining bright,
Shining on my lonesome bed.


6.12.98
[u]Ratlos[/u]

Eine Zeit lang
Spaß und Freude.
Kein Anfang,
kein Ende.
Wir waren einfach
Mittendrin.
Worin...?

Und...
Was ist jetzt?
Sura Shavanaund dann noch eine kleine geschichte, die wahrscheinlich viele frauen kennen...

Ich bin Schuhfetischistin und das ist auch gut so. Jawohl. Mit mir darf man an keinem Schuhladen vorbeigehen. Spätestens, wenn ich ein schönes Paar Stiefel im Schaufenster sehe, habe ich einen guten Grund, mich den gesamten Nachmittag in die Welt der Sandalen und Stiefeletten zu vertiefen. Wenn meine Begleitung Glück hat, habe ich mich sofort in das Paar im Schaufenster verliebt. Stimmen dann auch noch Preis und Größe ist mein Portemonnaie zwar um einige Euro ärmer, aber mein Begleiter und ich um ein Glücksgefühl reicher. Ich, weil ich mal wieder schöne, neue Schuhe habe, meine Begleitung, weil er doch nicht wie erwartet den gesamten Nachmittag mit einer der Realität vollkommen entrückten Frau in einem Schuhgeschäft verbringen musste.
Wie gesagt, wenn meine Begleitung Glück hat. Die Operation „Fußbekleidung“ kann auch anders aussehen. Hat besagte Verlockung aus dem Schaufenster nämlich nicht die passende Größe oder den angemessenen Preis, muss meine Begleitung sich auf einen längeren Aufenthalt einstellen. Proviant wäre angebracht. Aus Frust über die feingliedrigen Gazellenfüße oder die aus allen Nähten platzenden Geldbörsen anderer Frauen wird erst einmal der gesamte Laden nach einem vergleichbaren Paar durchforstet.
Ist das Geschäft endlich auf den Kopf gestellt und kein Paar gefunden, das den Traum-Schuhen ähnlich genug sieht, droht die Situation zu eskalieren. Denn ohne neue Schuhe verlasse ich den Laden nicht. Auf gar keinen Fall. Was fehlt mir denn sonst noch so? Mal überlegen...
Ein paar hellbraune Stiefel bräuchte ich noch. Nicht zu schmal vorne, möglichst einfach geschnitten, aber nicht altmodisch. Der Absatz kann ruhig so sieben, acht Zentimeter hoch sein, allerdings nicht zu schmal. Modelle mit irgendwelchen Bömmelchen, Paspeln oder sonstigem Kram werden sowieso kategorisch abgelehnt. Und wenn ich hellbraun sage, meine ich auch hellbraun, möglichst ein schöner warmer Farbton. Kunstleder? Nein, lieber Wildleder, ist zwar schlechter sauber zu halten, aber sieht besser aus. Sie sollten nicht zu niedrig sein, wenn ich sie zu einer Dreiviertelhose anziehe darf schließlich keine Haut zwischen Stiefel und Hose hervorblitzen. Und bitte, keine ach-so-trendigen Verzierungen wie Blumenmuster und ähnliches.
Jetzt sagen Sie mir nicht, so etwas haben Sie nicht! Kann doch nicht sein, ich will doch nur einfache hellbraune Stiefel. Während ich vor Ärger gleich explodiere, versucht mein Begleiter mir händeringend ein Paar schwarze Turnschuhe anzudrehen. Ich würdige ihn nicht eines Blickes. Aber die silbernen High-Heels da drüben in der vorletzten Reihe grinsen mich an, ganz nach dem Motto: „Versuch’s doch, mit uns legst du dich doch sowieso bei der ersten Möglichkeit auf’s Maul.“ Ich nehme die Herausforderung an.
Ohne auf meinen – mir immer noch die Turnschuhe anpreisenden – Begleiter zu achten, marschiere ich auf die fiesen Disco-Treter mit Zehn-Zentimeter-Absatz zu und reiße den letzten Karton mit meiner Größe, 41, aus dem Regal. Verbissen quetsche ich meine Quadratlatschen zwischen die dünnen Glitzer-Riemchen der High Heels. Passt doch. Ähm, könnten Sie mir mal beim Aufstehen helfen... Ja, danke... Stopp, nicht loslassen, ja, so geht es. Wie ein Emu auf Stelzen tappe ich vorsichtig durch den Laden, an der einen Hand mein verzweifelter Begleiter, an der anderen eine überforderte Verkäuferin. Trotzdem, die nehme ich. Entschlossen wanke ich – ohne Hilfe - zurück zum Stuhl, um meine alten Turnschuhe wieder anzuziehen. Kann ja zu Hause noch üben, mit den Glitzer-Tretern zu laufen. Ein bisschen Übung, dann klappt das schon.
Ich will sie gerade in dem Karton packen und zur Kasse gehen, da grinst mich der Preis hämisch an. 89, 95 Euro. Ich könnte schwören, dass es in dem Karton unter meinem Arm leise kichert. Da stehe ich nun, mitten im Laden, die Verkäuferin wartet schon freudestrahlend an der Kasse, war sie doch fest davon überzeugt, mich endlich los zu werden.
Mit knirschenden Zähnen trotte ich wieder zurück in die vorletzte Reihe und lade meinen Karton ab. Mein Begleiter traut sich inzwischen nicht mal mehr „piep“ zu sagen. Mein missmutiges Gesicht scheint Bände zu sprechen.
Mist! Da wäre ich doch beinahe über einen Schuhkarton gestolpert. Mal schauen was drin ist. Oh, nicht schlecht. Schöne, einfache, schwarze Turnschuhe, Größe 41. Meine sehen auch schon wieder schebbig aus. Und der Preis? Im Angebot, für 19,99 Euro. Mit einem Mal meldet sich die Jagdlust wieder. Raus aus den alten, rein in die neuen Treter. Wunder, oh, Wunder! Sie passen wie angegossen. Zufriedenheit erfüllt mich und scheint es mir, als ob ich zur Kasse schweben würde. Der Kommentar meines Begleiters „Die habe ich dir doch vorhin schon gezeigt!“ verschwindet unter einem Schleier aus Glückseligkeit.
Sura Shavana[U]Winterwald IV[/U]

Die Nacht war kurz. Die Sonne späht bereits zaghaft über den Horizont. Weiß sie doch, dass ihre Wärme den Winterwald nie erreichen wird. Doch er liegt auf ihrem Weg. Sie kann ihm nicht entweichen.

Ich strecke mich, sehe mich um. Habe ich die ganze Nacht hier im Schutz einer alten Eiche gedankenversunken im Schnee gesessen? Wie in Trance über Nebensächlichkeiten eines verflixten kleinen Menschenlebens philosophiert? Ich kann mich nicht erinnern. Weiß nicht wie ich hier hergekommen bin.
Ein kleiner schwarzer Vogel sitzt auf einem dünnen Ast und versucht, mich mit seinem engelsgleichen Gesang davon zu überzeugen, dass es Zeit ist, weiterzuziehen. Weiter. Suchen. Was auch immer. Unruhe steigt in mir auf. Andere können vielleicht sitzen bleiben und warten. Gefunden werden statt zu suchen. Ich kann es nicht. Muss weiterziehen, selbst wenn ich mein Ziel nie erreichen sollte.

Ein Rascheln im Gesträuch. Eine spitze, kalte Schnauze schiebt sich aus den Blättern hervor. Ein grünes Augenpaar blickt mich an. Der Fuchs. Seine Mimik verrät Furcht, doch irgendwie auch Hoffnung. Er kommt ein paar Schritte auf mich zu. Sieht mich unverwandt an. Sein Blick sagt: „Schau mich an, ich bin zurückgekehrt, weil du mir geholfen hast. Ich erkenne deine Hilfe an und bin dankbar dafür.“

Plötzlich dreht er sich um und scheint davontraben zu wollen. Mitten im Lauf hält er inne und wendet sich wieder mir zu. „Folge mir.“ Und ich folge ihm.
Er führt mich auf seinen Wegen durch das Unterholz. Bald schimmert es grün durch das Dickicht. Ich schiebe die letzen Zweige bei Seite.

Eine dunkle Wasserfläche, von Felsen und Wald umschlossen. Wabernder Nebel schleppt sich träge über den Wasserspiegel. Am Ufer grünes Gras. Eine heiße Quelle. Eine Oase der Wärme im frostigen Winterwald.

Der Fuchs blickt noch einmal zu mir auf, ein schelmisches Funkeln in den Augen, und verschwindet in den Sträuchern.
Sura Shavana[U]Winterwald V[/U]

Ich danke dir, Fuchs. Ich danke dir für diesen einladenden Ort. Für eine neue Heimat. So kommt es mir zumindest vor. Eine wunderbare Stelle, um für unbestimmte Zeit mein Lager aufzuschlagen. Nothing can come close to this familiar feeling... Einfach mal ein wenig ausruhen, meine Probleme und die restliche Welt vergessen. Vielleicht nur kurz, mit etwas Glück vielleicht für immer.

Ich werde diesen Ort als etwas besonderes respektieren, mein lieber Fuchs. Ich werde ihn in Ehren halten und pflegen, ihm soll durch meine Anwesenheit nicht weh getan werden. Ich werde nur gerade so viel verändern, wie es für mich nötig ist, so wenig wie möglich. Und ich werde alles tun, diesen Ort zu schützen. Und wenn ich mein Leben dafür geben muss.

Ich lege meine wenigen Habseligkeiten unter einer alten Weide ab und beginne, deinen magischen Ort genauer zu erkunden. Entdecke seltsame Blüten am Rande der Lichtung, die sich in schillernden Farben gen Himmel recken. Tautropfen schimmern auf den samtigen Blütenblättern, deren Violett, Dunkelrot und Goldgelb aus der grünen Umgebung hervorstechen, als wären sie extra für mich hier an dieser Stelle gepflanzt worden, nur damit ich sie jetzt gerade ansehen kann, damit ich mich an ihnen erfreuen kann.

Ein paar Meter weiter ein dichtes Gesträuch mit merkwürdigen Früchten daran. Leuchtend rotorange, als würden sie von innen glühen, länglich geformt, fast tropfenförmig. Ob sie wohl essbar sind? Ich kann ihrem verlockenden Anblick nicht widerstehen und pflücke eine der runden Früchte. Ein Biss... göttlich! Wunderbar süß, saftig und sättigend.

Die pechschwarzen Felsbrocken am Ufer des Sees scheinen angenehm warm zu sein. Zumindest für die grasgrünen Eidechsen, die es sich darauf bequem gemacht haben. Sie blicken mich aus ihren bernsteinfarbenen Augen an als wollten sie sagen: „Du machst uns keine Angst. Wir waren zuerst hier und das weißt du. Du wirst uns nichts tun.“ Stimmt. Ihr wart zuerst da. Und ihr werdet von mir in Ruhe gelassen werden.

Ich wandere weiter, um den kleinen See herum und entdecke einen überraschend geräumigen Felsvorsprung. Ideal für mein Lager. Ich hole meine Sachen und breite eine Decke auf dem felsigen Untergrund aus. Bequemer als ich erwartet hätte. Ich beobachte die scheinbar ruhige Lichtung. Die Eidechsen, die sich auf den Steinen räkeln, zwischendurch mal ein zu leichtsinniges Insekt fangen. Die Bienen, die sich an den schillernden Orchideen gütlich tun. Ein Kaninchen, das durch das feuchte Gras hoppelt, sich zwischendurch wachsam auf die Hinterbeine setzt und nach Gefahr schnuppert. Ein kleiner bunter Vogel, der auf einem der Steine am Ufer landet und fröhlich vor sich hin zwitschert.

Bin ich im Paradies gelandet, mein lieber Fuchs? Bitte sag ja...
Sura Shavana[U]winterwald VI[/U]

fuchs, ich ziehe weiter. war immer nur gast an deinem ort. auch wenn es noch so weh tut, ihn zu verlassen. kann nicht bleiben. muss weiterziehen. wie immer. ich verabschiede mich von dir und deiner welt. es tut weh, ein teil meines herzens bleibt hier. ein großer teil, wie mir scheint. vielleicht kann er dir helfen. wie auch immer. wenn du mich brauchst, ich irgendwas für dich tun kann - zögere nicht, ich werde dir helfen. auch wenn ich gast bleibe, an einem ort, den ich für mein heim hielt. aber dort war niemals wirklich platz für mich. schöne träumereien... aber wirklichkeit nicht. der platz bleibt für eine füchsin, die es im winterwald nie geben wird. träum weiter, kleiner fuchs, aber brich bitte nicht nochmal jemandem das herz...

finde ich noch einmal so einen ort? ein paradies voller fantasie, voller liebe und leben? ich weiß es nicht. und doch habe ich keine andere wahl. muss weiter. allein weiter. auf meiner suche kann mir keiner helfen, kann mir höchstens einen platz zum rasten bieten. auf meiner ewigen suche.

niemand ist schuld daran. außer mir selbst. ich bürde mir eine suche auf, die größer ist als alles, was ich bisher erreichen konnte. ich bezweifle, dass ich ihr ziel erreichen kann. wie kann man schon ein ziel erreichen, das man noch nicht einmal beschreiben kann? heimat... was suche ich? einen gefährten? einen ort, an dem ich bis in die ewigkeit rasten darf? oder einfach nur ewige ruhe und frieden? ich weiß es nicht.

ich werde weiterwandern und an andere orte kommen, an denen ich ein bisschen verweilen werde, fuchs, aber keiner wird sein wie deiner. ich werde mich immer daran erinnern, denn jeder ort ist einzigartig und die zeit an deinem ort war wunderschön. ich werde dich bestimmt besuchen kommen, als gast. aber es ist klar geworden, dass es nicht mein ziel war. ich werde mein ziel wahrscheinlich erst dann erkennen, wenn ich an jenem ort, mit jener person in jenem zustand sterben werde. vorher werde ich überall nur geduldet sein, bereit, jeden tag wieder aufzubrechen und weiterzuziehen.
Sura ShavanaWinterwald VII - oder: Die Schmetterlinge sind schuld!

Was ist Liebe? Es gibt so viele Arten. Zwischen Mutter und Kind, zwischen Freunden - und zwischen Liebenden. Aber wie kann man etwas durch sich selbst definieren? - Liebende... Was bezieht dieses Wort mit ein? Paare, die ihre Goldene Hochzeit schon lange hinter sich haben, frisch Verliebte, Paare, die sich gerade nach jahrelanger Beziehung verlobt haben - etwa auch Affären, die anfangs nur auf Leidenschaft aufgebaut waren, in denen jedoch inzwischen eine tiefe Zuneigung entstanden ist?

Was ist Liebe in jener Hinsicht? Zwei Personen, die sich mögen und sich ganz nah sein wollen? Könnte man auch von betrunkenen Partybesuchern sagen... Freundschaft mit Sex? Da fehlt etwas... und ich weiß nicht was... Auch bei guten Freunden fühlt man sich sicher, geborgen, verstanden. Man ist froh, dass da jemand ist, der an einen denkt, auf den man sich verlassen kann - gilt natürlich auch in umgekehrter Richtung.

Worin besteht aber nun der kleine Unterschied des Wörtchens Liebe, die Sache, die sie so besonders macht?

Es sind die Schmetterlinge. Sie leben in deinem Körper und ernähren sich von deinen Gedanken an die Person, die du liebst. Sie können nicht genug davon kriegen und fressen gierig jeden einzelnen Gedankenfetzen...Sie wachsen und vermehren sich. Sie wollen raus, wollen sehen, wer so schöne Gedanken verursacht. Sie sind eifersüchtig, wollen zu dieser Person, doch sie können nicht. So flattern sie immer wilder, immer wütender durch den Körper. Je näher man der geliebten Person ist - ob physisch oder psychisch - desto zorniger werden sie. Es kribbelt im Bauch, in der Brust, in Hals und Beinen. Ein wunderbares Gefühl, als könnte man ob der zarten, kitzelnden Flügel, die das Innere des Körpers erkunden und vergebens nach einem Ausgang suchen, selbst schweben. Man will sie noch wütender machen, um dieses Gefühl ewig spüren zu können.

Doch sollten die Schmetterlinge irgendwann kein Futter mehr finden, so sterben sie...
Sura ShavanaWinterwald VIII

In Gedanken noch beim Fuchs wandre ich weiter. Schon bald bekomme ich Gesellschaft. Ein Waschbär lugt aus dem Gebüsch. Ich lächle, doch gehe ich an ihm vorbei. Als ich abends mein Lager aufschlage, merke ich, dass das Tier mir gefolgt ist. Vorsichtig kriecht es aus dem Unterholz, setzt sich auf die Hinterbeine und schaut mich aus großen schwarzen Knopfaugen an. "Was ist los mit dir?" fragen seine Augen. "Nicht traurig sein..."
Noch zögert er, näher zu kommen, aber bald schon überwältigt ihn seine Neugier. Er schnüffelt an meiner Tasche, kramt mit seinen Fingerchen darin herum und widmet sich schlielich der gro§en Gestalt, die ihn ruhig an einem Baum sitzend beobachtet. Er kommt mit großen Sprüngen auf mich zu gelaufen, bleibt hält jedoch vor
meinen Füßen inne. Er schnuppert an meinen Schuhen, knabbert daran. Ich muss lachen. Er schaut mir fragend in die Augen. Dann beginnt er, über meine Schuhe auf meine ausgestreckten Beine zu krabbeln, nur mal so zum Spaß, wie es scheint, nur um meine Reaktion darauf zu testen. Ich lache bei dem Anblick. Er krabbelt auf meinen Schoß und rollt sich dort zusammen. Ich spüre seine Wärme, seine Atmung, seinen Herzschlag und beginne ihn zu streicheln. Es tut gut. Ich schlafe ein.

Am nächsten Morgen wache ich allein auf. Der Waschbär ist verschwunden. Nicht mal die Spuren im Schnee hat der Wind mir gelassen. War es ein Traum gewesen? Ich setze meinen Weg fort.

Als mein Weg etwa zur Mittagsstunde einen kleinen Bachlauf kreuzt, blitzen mich zwei dunkle Knopfaugen schelmisch an. Es war also doch kein Traum gewesen... Der Waschbär kommt vergnügt auf mich zugeschossen und scheint den Platz meines Begleiters einnehmen zu wollen. Ich lasse ihn gewähren; weiß ich doch, dass seine
Wärme mir gut tut in der Kälte des Winterwaldes.


Winterwald IX
Ich gelange an eine Felswand. Ich weiß, dass mein Ziel irgendwo dahinter liegt. Dass ich sie überwinden muss. Aus eigener Kraft.

Mein Begleiter blickt zu mir hoch.Die Knopfaugen blinzeln ängstlich. Nein Kleiner, ich muss dich hier leider zurücklassen. Diese Probe gilt nur mir allein. Sollte ich sie bestehen, geht meine Reise weiter. Sollte ich fallen, bin ich am Ende. Zwar nicht an einem wünschenswerten Ende, doch werde ich meine Reise wenigstens unterbrechen, wenn nicht sogar abbrechen müssen.

Hoffst du, dass ich falle, kleienr Freund? Damit ich bei dir bleibe? - "Nein", sagen deine Augen. "Aber komme wieder." Ich werde es versuchen. Aber versprechen kann ich nichts.

Ohne mich nochmal umzusehen greife ich nach dem ersten kleinen Felsvorsprung und beginne zu klettern. Schon nach wenigen Metern wehrt sich mein Körper gegen die ungewohnt anstrengende Reiseroute. Muskeln in Armen und Beinen schmerzen, Schürfwunden an den Handflächen, schmerzende Zehen vom dauernden Abrutschen.

Auf dem ersten größeren Felsvorsprung mache ich Halt. Noch könnte ich umkehren. Aber wenn die Stimme in meinem Kopf - oder kommt sie aus meinem Bauch? - mir sagt, dass nur dieser Weg an mein Ziel führt, dann werde ich ihn gehen. Ohne auf schmerzende Knochen zu achten. Denn die Ankunft am Ziel wird Entschädigung genug sein für die Strapazen meienr Reise.


Winterwald X

Inmitten meiner Klettertour - ich kann das Ende immer noch nicht erahnen - höre ich ein Krächzen über mir. Auf dem nächsten Felsvorsprung hockt ein großer, pechschwarzer Rabe. Er scheint auf mich zu warten, schaut mich erwartungsvoll an. Als ich ihn ansehe, antwortet er mit einem aufmunternden Krächzen. Ich beeile mich, den Vorsprung zu erreichen.

Noch während ich mich hochziehe, bemerke ich das Stückchen Pergament zwischen seinen Krallen. Als ich auf ihn zu krieche, vorsichtig, um ihn nicht unnötig zu erschrecken, hüpft mein gefiederter Freund ein Stückchen zurück und gibt damit das Pergament frei. Zum Nachdruck weist er noch einmal mit dem Schnabel auf den Fetzen.

Als mein Blick auf die Schrift fällt, stockt mein herz. Es ist eine Nachricht von meinem Gefährten. Er lebt. Und hat mich nicht vergessen. Ich lese mir die kurze Nachricht durch. Wir werden uns vorerst noch nicht wiedersehen. Ich muss warten können.

Ich habe fast ein Jahr gewartet - ohne Hoffnung, wieder zu ihm zu finden. Da werde ich jetzt wohl kaum aufgeben.

Mit diesen Worten schicke ich den Raben zurück.

Ich sehe ihm nach, bis der schwarze Punkt mit dem wolkenweißen Horizont verschmilzt. Was gäbe ich dafür, fliegen zu können...
Sura Shavana[U]Winterwald XI[/U]

Ich greife nach dem letzten Felsvorsprung. Gleich ist es vorbei, nicht mehr lange. Diese Schritte noch durchhalten. Meine Motivation steigt mit jedem Zentimeter.

Ich ziehe mich über den Rand und sehe - Felsen. Ein Felsplateau, schneebedeckt, hier und da mal ein niedriger Busch eingestreut.

Auf einem der größeren Felsen erwartet mich mein gefiederter Freund. Keine Sorge, ich werde nicht aufgeben. Auch wenn ich noch kein Ende sehe. Es gibt immer ein Ende.

Ich sehe mich um. Das Plateau scheint bis auf den Raben und mich tot zu sein. Die Büsche sind trocken und schwarz, auf den wenigen Flecken Erde nicht ein einziger Grashalm.

Ich gehe weiter, vorsichtig, um nicht zu stolpern. Stundenlang. Mal mehr Felsen, mal weniger. Mal Erde unter den Füßen, mal über Felsbrocken klettern.

Plötzlich sehe ich etwas, was mach irritiert. Vor einem großen schwarzen Felshaufen bewegt sich etwas. Ich nähere mich. Dort sitzt ein alter Mann. Er trägt zerlumpte Kleidung aus Fell, die an seinem mageren Körper schlackert. Müde Augen blicken mich an. Der graue Bart des Alten reicht bald bis zu seinen Knien und ist ebenso verfilzt wie seine noch längeren Haare.

Ich halte inne. Ein Mensch... hier... oder nur eine Halluzination? Kann es sein?

Zögernd gehe ich auf ihn zu. Sein Blick bleibt leer. Wie lange lebt er schon hier? Jahre, Jahrzehnte, noch länger?

"Zum Gruße..."

Beim Klang meiner Stimme seufzt der Alte.

"Wer seid Ihr?"

Er sieht mich an, scheint nicht antworten zu wollen. Sein Blick senkt sich auf seine Füße. "Ich bin kein Fels...." Er schaut sich um. "...bin kein Schnee..." Sein Blick wandert wieder zu mir. "Aber wer ich bin, weiß ich nicht."

Verständnislos starre ich ihn an. "Aber Ihr müsst doch einen Namen haben..."

Er lacht kurz, ein knarrender, wenig angenehmer Laut. "Wozu ein Name, wenn ihn doch niemand nutzt, um mich zu rufen?"

"Aber.. es gab doch sicher mal jemanden, der Euch gerufen hat..." - "Vor langen Jahren mag es so jemanden gegeben haben..."

" Und wie nannte Euch dieser jemand?" - "Das weiß ich nicht mehr..."

Ich schweige. Der Alte starrt wieder auf den Fleck Boden zu seinen Füßen. Ein seltsamer Kerl... Warum lebt er hier? Hier oben scheint es noch schlimmer zu sein als unten im Winterwald... Eine Felswüste...

"Seit wann seid Ihr schon hier? Wie seid Ihr hier heraufgekommen?"

Der Alte sieht mich an, seine Miene hat auf einmal etwas unfreundliches. Auch seine Stimme klingt härter, rauer als zuvor. "Was geht es dich an? Bin gescheitert... na und? Jetzt muss ich eben dafür bezahlen."

Ich ignoriere den unfreundlichen Tonfall, es ist das erste Mal, dass ich einen Menschen treffe, der länger hier ist als ich. "Woran gescheitert?"

Seine vorher noch leeren Augen funkeln mich an. "Bin vom Weg abgekommen. Konnte ihn nicht wiederfinden. Nun muss ich hier bleiben." Er wendet den Blick von mir ab, schweift über den Horizont und fährt mit deutlich leiserer Stimme fort. "Verdammtes graues Labyrinth... Steine, nichts als Steine... Hoffe du kennst deinen Weg. Sonst wird es dir wie mir ergehen..."

Ich bin verwirrt. Kenne ich meinen Weg? Habe ich ihn je gekannt? Nein... Sollte es stimmen, was der Alte erzählt? Oder hat er einfach nie die Augen geöffnet und seine Chance erkannt?

Ich starre den Alten an, halb erschrocken, halb verwundert. Sein schmutzverkrustetes Haar muss eine wunderbare Herberge für Läuse und anderes Getier sein. Mit jedem Windstoß dringt ein unangenehmer Geruch in meine Nase. Ich ekle mich vor ihm. Vor seinem Dreck, seinem Gestank... seiner Einstellung. Vor wie vielen Jahren muss er aufgegeben haben, wenn er seinen eigenen Namen nicht mehr weiß? Damals sollte er noch Kraft genug gehabt haben, um dieses Labyrinth zu verlassen.

Ich trete einen Schritt zurück. "Ich... muss mich verabschieden."

Seine Augen blicken mich unverwandt an und bekommen plötzlich einen wirren Glanz. "Nein... bleib doch.. es tut mir leid, wenn ich unfreundlich war..." Seine Stimme klingt falsch. Eine Hand, nein, eine Klaue mit langen, gelben, dreckverkrusteten Fingernägeln, versucht mich zu packen. Mich festzuhalten. Er scheint plötzlich um Jahre verjüngt, den geschmeidigen Bewegungen nach zu urteilen.

Ich weiche zurück, doch als ich die Veränderung des Alten realisiere, erstarre ich vor Grauen.

Seine haut färbt sich schwarzbraun und erhält einen wächsernen Glanz. Seine Glieder wurden dünner, länger, bis sie dürren Ästen gleichen. Die Kleidung rutscht ihm vom Körper und ich sehe, dass ihm gleichen Verhältnis, in dem die Gliedmaßen sich verlängert haben, der Körper kürzer geworden ist. Bart und Haare zerfallen, ein hässlicher kahler, glänzender Kopf starrt mich aus zwei kalten Augen an... sie beginnen sich zu teilen... einmal... zweimal... als die Gliedmaßen sich mit einem ekelerregenden Schmatzen in der Länge teilen, blicken mich die gefühllosen Facettenaugen einer menschengroßen Spinne an.

Einer Spinne, deren Falle nicht zugeschnappt hat. Noch nicht.

Als sie sich aus der inzwischen kaum noch menschlichen Haltung auf ihre acht Beine herablässt, packt mich die Panik. Ich laufe, ohne auf meine Füße zu achten, renne von Todesangst getrieben - auch wenn es eigentlich aussichtslos ist. Dieses Tier ist hier zu Hause...

Aber aufgeben werde ich nicht.

Aus den Augenwinkeln registriere ich den Raben, der mir folgt.
Sura Shavana[U]Winterwald XII[/U]

Oder: Die Rückkehr der Schmetterlinge

In den silbergrauen seidigen Kokons in meinem tiefsten Innern regt sich etwas. Die Biester rängen, riechen Nahrung. Ihre langen Chitinrüssel brennen darauf, sich ins umliegende Fleisch zu versenken und nach Futter zu suchen. Parasiten, die rücksichtslos ihren Wirt aussaugen, ihm das letzte bisschen Verstand rauben. Schwarzbrauen Missgeburten, böse von der zerfledderten Flügelspitze bis zum Ende der breit gefächerten Antennen. Die schwarzen Facettenaugen sind leer; die Bilder auf den Flügeln erzählen Geschichten von Tod und Verderben. Man kann sich nicht entscheiden, was schlimmer ist – ihr nervöses, wütendes Flattern oder die Schritte der spitzen, kratzenden Chitinfüßchen.

Aber noch ist es nicht so weit. Das einzige, was ich spüre, sind die dumpfen Bewegungen in den Kokons. Ich versuche, sie zurückzuhalten. Aber lange wird es mir nicht mehr gelingen. Das weiß ich. Lange wird die Kälte der Rationalität sie nicht mehr einfrieren können. Das Eis, das die seidenen Särge umgeben hat, ist schon lang gebrochen. Der Rest der Vernunft ist getaut und hat nicht mehr hinterlassen als vereinzelte grau spiegelnde Pfützen. Wirft man einen Blick auf die glänzenden Wasseroberflächen, so eröffnen sich einem Bilder.

So sieht man in einer Pfütze das Bild eines verliebten Pärchens im Frühling.... der Herbst ist wahrlich keine Zeit zum Schmetterlinge züchten. Eine weitere Wasserlache offenbart einem die Grausamkeit von Beziehungen und vor allem deren Folgen. Man sieht ein einsames Mädchen leise weinend auf ihrem Bett sitzen, in der Hand ein Foto desjenigen, von dem sie so fest glaubte, mit ihm glücklich zu werden. Die nächste Pfütze zeigt die Freuden des Lebens ohne Partner, ohne auf jemanden Rücksicht nehmen zu müssen. Eine fröhliche Frauenclique, die laut lachend durch die Stadt zieht.

Warnungen. Drohungen. Was würden sie mir sagen, wenn sie sprechen könnten? Wahrscheinlich etwas arg Vernünftiges. „Dein Körper hat sich noch lange nicht erholt von der letzten Plage dieser missgestalteten Wesen. Gib ihm mehr Zeit.“ „Konzentriere dich erst einmal aufs Studium, das ist grad sehr viel wichtiger.“ „Es gibt schon genug Freunde, die dich brauchen. In einer neuen Beziehung würdest du sie nur vernachlässigen – und das haben sie nicht verdient.“ „Es ist nichts anderes als purer Masochismus, diese Biester wieder zu erwecken. Sie bringen nur Sehnsucht und Schmerz.“

Sehnsucht und Schmerz – ist das wirklich alles? Was ist mit Wärme und Geborgenheit, mit Sicherheit, dem Gefühl, sich fallen lassen zu können und aufgefangen zu werden? Verständnis, Zärtlichkeit, nackte Haut spüren, heißen Atem am Ohr. Miteinander lachen können, kitzeln, sich ärgern, streiten und wieder versöhnen. Verbundenheit trotz Unterschiede. Halt und Anerkennung finden – und geben. Miteinander reden und schweigen können. Und irgendwann, wenn die Schmetterlinge sich beruhigt haben, Liebe.

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