| Heathcliff-WH | Hier ist ein wundervolles Gedicht von Alexander Pushkin aus der Epoche der Romantik (1822) Alexander Puschkin (1799-1837) ZAR NIKITA UND SEINE VIERZIG TÖCHTER Zar Nikita, reich und mächtig, Lebte lustig, lebte prächtig, War vielleicht kein Bösewicht. Doch auch Gutes tat er nicht. Meistens mußte er sich plagen - Tags mit Eß- und Trinkgelagen Und mit seinen Fraun bei Nacht, Bis sie ihm zur Welt gebracht Vierzig Töchter, die vergleichbar Gottes Engeln, unerreichbar Klug und liebenswert und schön. Welche Wonne, nur zu sehn Diese Köpfchen, diese Haare, Diene holden Augenpaare Und die schlanken Beine gar! All das schien bestimmt, fürwahr. Männer auf die Knie zu zwingen Und um den Verstand zu bringen, Fehlte nicht - zu ihrem Leid - Allen eine Kleinigkeit . . . Doch wie soll ich das erklären? . . . Soll ich's wagen, mich nicht scheren Um Gesittung und Moral? Sei's drum, schließlich ist's egal. Ob pedantische Zensoren, Mucker, Heuchler und Pastoren Lauthals gleich ihr Veto schrein! Also: diesen Jüngferlein . . . Fehlte zwischen ihren Beinen . . . Nein! Das mag zu deutlich scheinen . . . Lieber Gott, wie fang ich's an? Ob man's so umschreiben kann?: Venus, reizen mein Gelüste Nur dein Mund und deine Brüste? Ach, der Liebe letzter Traum Ist- ein Nichts, ein Zwischenraum. Nun, den Töchterchen des Zaren, Die so lieb und lustig waren, Und so holden Angesichts, Fehlte eben dieses Nichts. Trog nicht solcherlei Entartung Schließlich jedes Manns Erwartung? Ach, der Zar war fassungslos, Und nicht minder schwer verdroß Es die mütterlichen Damen. Als das Volk dann durch die Ammen Diesen Hoffskandal erfuhr, Sperrte jeder sprachlos nur Auf das Maul, doch was er dachte, Sagte keiner. Alles lachte Heimlich bloß - man kann's verstehn -. Um nicht nach Nertschinsk zu gehn. Sämtliche Lakain und Ammen Rief der Zar deshalb zusammen Und verbot, daß irgendwer Noch darob ein Wort verlor. "Keiner soll sich mehr erfrechen, Laut von Fleischeslust zu sprechen, Damit meinen Töchtern nicht Liebesgram die Herzen bricht. Weibern, die sich lustig machen, Über meine Töchter gar, Über ihr Gebrechen lachen - Drohte der erzürnte Zar - Schneide ich die Zunge raus. Und den Männern - freiheraus Sei's gesagt, ihr sollt nicht meinen, Daß ich scherze - das Gemächt!" Hart war dies, jedoch gerecht, Und so gab es schließlich keinen, Der Gehorsam nicht gezeigt, Dem Dekret sich nicht gebeugt. Alle hielten steif die Ohren, Waren um ihr höchstes Gut Stets wohlweislich auf der Hut. Manch ein Weib gab schon verloren Ihren redseligen Mann, Doch der dachte unverfroren: Fing sie doch zu schwätzen an! (Denn er wünschte sie zum Teufel). Als die vierzig Jüngferlein Heiratsfähig ohne Zweifel Schienen allesamt zu sein, Da berief der fromme Zar Heimlich zu sich die Bojaren, Denn kein Diener sollt's erfahren - Legte seinen Kummer dar, Bat sie, Rat ihm zu erteilen, Wie das Übel wär zu heilen. Aus der Würdenträger Chor Trat ein greiser Ratsherr vor. Und verneigte sich vor allen. Da ihm grad was eingefallen, Tippte sich der alte Tropf Plötzlich auf den kahlen Kopf Und begann drauflos zu schwätzen: "Weiser, edler Zar, verzeiht Gnädigst mir die Dreistigkeit Meiner Rede! Nicht verletzen Möcht ich Anstand und Moral. Doch ich kann in diesem Fall Nicht vom Sumpf der Wollust schweigen, Die vergangnen Zeiten eigen. Eine üble Kupplerin, Der ich einst begegnet bin (Weiß nicht, wo sie dann geblieben, Und was sie seitdem getrieben), Galt als Hexe und verstand Von der Heilkunst allerhand. Sie zu finden muß gelingen, Einzig sie kann Rettung bringen!" "Sucht die Hexe, findet sie", Schrie der Zar, "gleichgültig, wie!" Sollte uns das Weib belügen, Hintergehen, frech betrügen, Mag man mich ein Hundsfott nennen, Gäb zum Rosenmontag ich Nicht Befehl, sie zu verbrennen. Doch Gott hilft uns sicherlich!" Heimlich ließ er von Kurieren Nach der Hexe spionieren, Rundherum im ganzen Land Wurden Boten ausgesandt. Sie durchsuchten alles gründlich, Doch wohin ihr Blick auch drang, Allerwegen unauffindlich Blieb das Weib zwei Jahre lang. Endlich konnt nach wildem Ritte Einer eine Spur erspähn, Sah im Wald dann eine Hütte Tief versteckt im Dickicht stehn (Eigenhändig, ohne Zweifel, Führte dorthin ihn der Teufel.), Und, fürwahr, er fand darin Die gesuchte Zauberin. Als Gesandter seines Zaren Konnt er Höflichkeit sich sparen, Trat gleich ein ganz ungeniert, Sagte, was ihn hergeführt. Was den Zarentöchtern fehlte. Eh, daß er's zu End' erzählte, War der Alten völlig klar, Was des Zaren Auftrag war. Aus dem Haus hieß sie ihn gehen, Keinesfalls sich umzusehen. "Fort", schrie sie, "sonst packt dich Tropf Böses Fieber gleich beim Schopf!. . . Komme wieder nach drei Tagen. Meine Antwort zu erfragen, Doch beim ersten Frührotschein!" Dann schloß sich die Hexe ein, Unterm Kessel Glut zu schüren Und den Satan zu zitieren. Und der Teufel kam und gab Selbst ein Kästchen bei ihr ab, Voll von jenen Gottesgaben, Dran sich Wollüstlinge laben. Jede Farbe war parat. Ganz zu schweigen vom Format. Doch die Hexe reservierte Für die Zarentöchterlein Nur die schönsten und sortierte, Wohlverpackt in Tüchlein fein, Sie ins Kästchen wieder ein. Als der Bote nach drei Tagen Wiederkam, gab sie's ihm mit, Hieß ihn heimwärts schnell zu jagen, Schenkte für den langen Ritt Ihm ein Geldstück noch zum Lohn. Eiligst brauste er davon. Aber schon nach ein paar Stunden Spürte Hunger er und Durst, Machte Rast und ließ sich munden Wodka, Brot und Speck und Wurst - War als ordentlicher Mann Wohlversorgt mit Trank und Essen. Während auch sein Gaul indessen Friedlich graste, fing er an, Sich den Lohn schon auszumalen. Den der Zar spendieren könnt. Ob er Tausende wird zahlen Und zum Grafen ihn ernennt? Doch was schickt das Weib dem Zaren, Was ist in dem Kasten drin? Allzugern möcht er's erfahren, Leider, ach, verschloß sie ihn. Neugier wachsen und Begehren. Noch steht seine Furcht davor. . . An das Schloß preßt er sein Ohr, Aber nichts ist drin zu hören. Schließlich schnuppert er daran . . . Fährt zurück und ruft : "Beim Teufel Ja, das ist doch . . . ohne Zweifel!. . . Na, das seh ich mir gleich an!" Doch kaum hat er aufgebrochen Die Schatulle, schwirrte schon, Was darin so gut gerochen. Wie ein Vogelschwarm davon. Ringsum ließen sie sich nieder. Wiegten auf den Zweigen sich. Rief nach ihnen flehentlich Unser Bursch auch immer wieder, Streute er auch Stück um Stück Seinen Zwieback aus, vergebens! Keines kam zu ihm zurück, Alle freuten sich des Lebens Mehr in Freiheit, statt im engen Dunklen Käfig sich zu drängen. Schließlich kam des Wegs gezogen Just ein altes Weib daher, Tief gebeugt, krumm wie ein Bogen, An der Krücke keuchend schwer. Und der Bursch fiel ihr zu Füßen: "Meine Vögel", schrie er, "sieh, Ließ ich fliegen! Schrecklich büßen Werd ich's, Mutter! Sag mir, wie Krieg ich sie ins Kästchen wieder?" Und die Alte hob den Kopf, Spuckte aus, sah auf ihn nieder, Zischte nur: "Heul nicht, du Tropf, Hast dich übel zwar vergangen, Doch nicht schwer ist's, sie zu fangen, Denn sie wissen, wo ihr Platz, Knöpf nur auf den Hosenlatz!" "Danke", sprach er - und ließ sehen. Was man sonst nicht zeigt so frei. Kaum jedoch war dies geschehen, Flog der Schwarm auch schon herbei. Um nicht Schlimmres zu erfahren, Faßte er die Vögelein, Sperrte alle wieder ein Und ritt weiter, heim zum Zaren. Von den Töchtern setzte jede Fröhlich ohne Widerrede Einen in ihr eignes Nest. Und dann gab der Zar ein Fest. Sieben Tage ging die Fete, Zechte man in Saus und Braus, Dreißig Tage schlief man aus, Und dann kriegten alle Räte Von des Zaren eigner Hand Umgehängt ein Ordensband. Auch der alten Hexe sandte Zar Nikita, eingedenk Ihrer Künste, als Geschenk Eine ziemlich abgebrannte Kerze, ein Museumsstück, Und zu ihrem höchsten Glück, Was Erstaunen wohl erregte, Zwei in Spiritus gelegte Schlangen, sowie zwei Skelette Aus demselben Kabinette. . . Auch der Bote ward bedacht. Damit schließ ich, gute Nacht! |
| Heathcliff-WH | Wie lang man wohl braucht dieses Gedicht auswendig zu lernen? Naja, es soll ja auch Leute geben, die die Glocke auswendig lernen. Jedenfalls isses doch immer ein Ass im Ärmel, wenn man so ein tolles Gedicht auswendig kennt. |
| Heathcliff-WH | Für was so ein Gedicht nicht alles gut ist! Ich halte jetzt wahrscheinlich ein Referat darüber. Kann mir da jemand helfen? Was haltet ihr von dem Gedicht? Kritik und Anregungen an [url]http://www.nachtwelten.de/vB/showthread.php?s=&threadid=55770[/url] |