| Alpha et Omega | Zur Kritik hierhin: [url]http://www.nachtwelten.de/vB/showthread.php?s=&threadid=57694[/url] hier ist das erste Kapitel meiner Geschichte Falls es in "Gärten der Poeten" thematisch nicht hineinpasst, bitte ich den Moderator, es zu verschieben, weil ich nicht weiß, wohin sonst damit. Prolog Ein sanfter Wind wehte um die majestätischen Säulen, die wie Wächter zwischen der Stadt und dem Meer ruhten. Ihr bläulicher Glanz hielt die Ferne der See sowie die Weite des Himmels, der sich über der Stadt erstreckte, gefangen. Niemand wusste, welche Bedeutung sie wirklich hatten, aber die Aura von Äonen wohnte in ihnen, welche sie wie Boten aus einer anderen Welt wirken ließ. Einer Welt, die es seit Anbeginn von allem gab. Am Horizont zeichnete sich bereits ein schmaler violettfarbener Streifen ab, der bald verschwunden sein wurde um der nächtlichen Dunkelheit Platz zu machen. Idis war allein. Die Stille, die sie umgab, die niemand anderen als den Wind und das Säuseln der Wellen beherbergte, wollte sie ein letztes Mal alleine genießen. Sie würde gehen müssen. Vielleicht nicht heute, nicht morgen, vielleicht auch nicht in einem Jahr oder hundert. Aber der Tag würde kommen, an dem sie ihre Heimat würde verlassen müssen, in einer Zeit, die sich im Wettkampf mit der Ewigkeit, die sie durchlebte, nicht messen konnte. Das kühle Wasser umspülte ihre Füße und sie fühlte sich in einer seltsamen Weise an das vorige Mal erinnert. Sie hatte anfangs die Frage nach einem Sinn gestellt, nach etwas, was die ewige Wiederkehr und die damit verbundene ewige Wiedergeburt rechtfertigte. Aber sie hatte keine Antwort bekommen und schließlich aufgegeben und es hingenommen. Es war ein Schicksal, dem sie nicht entkommen war und es dieses und alle anderen Male, die noch folgten auch nicht würde. Idis stand auf und strich sich eine weiße Haarsträne aus der Stirn. Wenn er anfangen würde sie zu suchen, würde er sie dort, am äußersten Rand der Stadt bestimmt als letztes vermuten, da fast nie jemand dorthin kam, aber sie wollte nicht, dass er sich Sorgen machte. Die Säulen waren eine Grenze, die so gut wie nie von jemandem überschritten wurde. Denn es war ein Übertritt von Illion in die Welt der Sterblichen, für die meisten ein Gang ohne Rückkehr. Sie seufzte, wandte sich um und stieg die Treppenstufen, auf deren unterster sich schon das Wasser der Flut sammelte, hinauf zum Säulenplatz. Die weiß glänzenden Steinplatten waren in einem Kreis angeordnet, der von den Säulen gesäumt wurde und in der Richtung, aus der sie kam, in einer Allee zum Meer hinabführten und in die entgegengesetzte Richtung zur Kathedrale. Ihr machtausstrahlender und doch gleichzeitig schützend wirkender Anblick ließ sie unwillkürlich im Schritt stocken. Von der Kathedrale wusste ebenso wie von den Säulen niemand, von wem und wann sie erbaut worden war, aber sie war zu Illions Zentrum geworden. Das Gefühl von Trauer überkam sie. Sie wollte nicht gehen. Illion war ihr Zuhause, so wie alles, was es dort gab, jeder, den sie kannte, zu ihrer Familie gehörte und ein Teil von ihr war. Sie hatte geweint, als die Wächter es ihr offenbart hatten und die Zeit danach, so lange, dass sie geglaubt hatte, dass sie einfach nicht mehr die Kraft zum Weinen hatte oder bereits jede Träne vergossen hatte, aber sie spürte, wie ihre Augen heiß wurden und ihr Blick verschwamm. Beinahe ärgerlich wischte sie sich über die Augen, aber sie konnte sich nicht dagegen wehren. Der Gedanke, alles zu verlieren, schnürte ihr die Luft ab. Langsam schritt sie auf die große Kathedrale zu, dem Ort an dem sich ihr Schicksal entscheiden würde. Ihr Schicksal und das Schicksal jeglicher Existenz. |
| Alpha et Omega | I Der See Ein metallisches Summen erfüllte den Raum, als Sheela die Klinge aus der ledernen Scheide zog und sie eingehend betrachtete. Sie strich mit ihren hellbraunen Fingern vorsichtig über die mit Rillen verzierte Breitseite und drehte es in ihrer Hand um den goldenen Griff, der die Form eines Drachen mit ausgebreiteten Flügeln hatte, besser in Augenschein nehmen zu können. ,,Es ist wirklich toll!“ Ihre Freundin nickte zustimmend und sah ebenso gebannt auf das beidseitig geschliffene Schwert wie Sheela. ,,Außerdem kein Vergleich zu deinem alten. Aber dafür war es auch nicht ganz so leicht ranzukommen.“ antwortete sie. ,,Der Sagin hätte dich in der Prüfung beinahe durchfallen lassen.“ Bei der Erinnerung an die Prüfung verzog Sheela unwillig das Gesicht. Kirim hatte Recht. Sie hatte wirklich nur haarscharf bestanden, auch wenn sie es im Grunde gekonnt hatte. „Aber ehrlich gesagt, ich finde, die Aufgaben waren ganz schön schwer.“ meinte Kirim. Der Sagin war so etwas wie eine Jury bei den Prüfungen von denen man in zwei Jahren mindestens eine gemacht haben sollte. Die, die Sheela absolviert hatte war eine Extraprüfung gewesen, mit der man sich das Privileg erarbeitete, ein eigenes Schwert zu besitzen, was am Dama-Internat eigentlich nicht erlaubt war. Nur bei Schülern, die gute Noten hatten und sonst noch lauter solcher Benimm-Kriterien erfüllten. ,,Stimmt. Er hat aber ein Auge zugedrückt, nachdem der Kieser gesagt hat, es wäre die Nervosität gewesen.“ Der Kieser (eigentlich Herr Kieser, worauf dieser ausdrücklich bestand) war ein älterer Mann und der Klassenlehrer von Sheela und ihrer Freundin. ,,Das hat mich aber echt überrascht. Normalerweise ist er nicht so nett. Der regt sich doch schon auf, wenn man einmal seine Hausaufgaben nicht gemacht hat.“ Sheela zuckte mit den Schultern und grinste. „Ist doch egal. Mir hat es auf jeden Fall geholfen.“ Sie schob das Schwert wieder zurück, legte es auf ihr Bett auf dem sie gerade zusammen mit ihrer Freundin gesessen hatte und blickte nachdenklich aus dem Fenster. Sie lebte schon seit ihrem sechsten Lebensjahr in dem Dama-Internat. Schon seit neun Jahren wurde sie dazu ausgebildet gegen Dämonen zu kämpfen. Ihr Großvater hatte sie auf die Schule geschickt, damit ihr nicht das Gleiche widerfuhr wie seiner Tochter. Er hatte Sheela mehr oder weniger auf der Straße gefunden, als er und seine Tochter auf der Flucht vor Dämonen gewesen waren. Sie wurde damals getötet. Sheela hatte sich diese Geschichte schon tausendmal anhören müssen, weil sie als Kind immer strikt dagegen gewesen war, auf ein Internat zu gehen, und ihr Großvater sie immer damit versucht hatte zu überreden, dass ihr genau dasselbe passieren würde, wenn sie keine richtige Ausbildung im Kampf gegen Dämonen hätte. Eigentlich verstand sie ihn gut, und ihr war klar, dass er sich um sie sorgte, aber sie hatte es ihm anfangs trotzdem übel genommen, dass er sie einfach gegen ihren Willen auf das Internat geschickt hatte. Sie seufzte und auf einmal fiel ihr auf, wie lange schon kein Brief mehr gekommen war. Normalerweise waren es jeden Monat mindestens zwei, aber wenn sie sich recht erinnerte war es schon fünf Wochen her, seitdem sie den letzten gelesen hatte. Sie wandte sich wieder zu Kirim. ,,Sag mal, kannst du dich daran erinnern wann der letzte Brief von meinem Großvater gekommen ist?“ Doch sie zuckte nur unwissend mit den Schultern. ,,Keine Ahnung.“ Sie legte den Kopf schief und schien nachzudenken. „Ist schon länger her, glaube ich. Aber es ist schon fast halb vier. Wir sollten uns langsam fürs Training fertig machen.“ Sheela deutete ein Nicken an und verfolgte den Gedanken an ihren Großvater nicht weiter. ,,Du hast recht.“ Sie ging zu dem großen Eichenschrank, der auf der anderen Seite, direkt neben der massiven Tür stand, und fischte eine hellbraune Hose und ein dunkelbraunes Hemd heraus. Ihre langen schwarzen Haare band sie mit einem blauen Seidenband hinten zu einem Zopf zusammen. Sie schnallte sich den Gürtel mit dem Schwert um die Hüften, nahm einen Anhänger von ihrem Nachttisch, in dessen Mitte ein feuerroter Rubin prangte, der von Gold eingerahmt wurde, welches jeweils unterhalb und oberhalb des Edelsteines wellenförmig verlaufend zu einer Spitze auslief und hängte sich ihn um den Hals. Gegen die Tür gelehnt wartete sie auf Kirim, die gerade dabei war, sich die Schuhe zuzubinden. Sie machte die Tür auf und trat auf den Flur, der einerseits von der Wand, an der die Türen zu den Zimmern der anderen Schüler waren, und andererseits von einem Geländer, von dem aus man Blick auf die große Eingangshalle hatte, begrenzt wurde. Sie lief mit ihrer Freundin nach links den Flur entlang, und wandte sich dann nach ein paar Metern nach rechts zu einer Treppe, die nach unten führte. Mit ein paar Schritten war auch die nicht gerade gigantische, aber trotzdem recht große Eingangshalle durchquert und Sheela öffnete die schwere Holztür auf der anderen Seite. In der Nähe des Internats gab es einen kleinen See, an dem trainiert wurde, wenn das Wetter es zuließ (aber eigentlich auch, wenn das Wetter es nicht zuließ). An diesem Tag hatten sie Glück, weil es weder zu kalt noch zu heiß war, sodass man ohne Probleme draußen trainieren konnte, ohne dass man wegen der unerträglichen Hitze schon nach einer halben Stunde ausgelaugt war. In dieser Gegend kam der Frühling nämlich fast übergangslos, und es wurde von einem Tag auf den anderen warm. Nachdem sie aus dem großen Granitgebäude getreten waren, hatten sie einen fantastischen Blick auf ein kleines Tal mit einem nordöstlich im Wald gelegenen Dorf und auf den kleinen See, der westlich gelegen war, weil das Internat auf einem Hügel erbaut worden war. Außerdem war es ziemlich günstig sich zu orientieren, weil das Eingangstor des Bauwerks nach Süden ausgerichtet war, was einer der vielen Vorteile des über vierhundert Jahre alten Gebäudes war. Nach einem etwa zehnminütigen Marsch durch eine Allee aus alten Bäumen unter denen es beinahe schon zu kühl war, waren die beiden Mädchen am See. ,,Na, schon wieder verpennt? Ihr seid schon zum dritten Mal diese Woche zu spät! Wie wär’s, wenn ihr Zwei mal auf die Zeit achten würdet, anstatt nur auf eurem Zimmer zu hocken und nichts zu tun!“ begrüßte sie ein hochgewachsenes Mädchen mit lockigen, blonden Haaren ,,Kümmer’ dich um deinen Kram! Es geht dich überhaupt nichts an, wann wir zum Unterricht kommen, oder was wir in unserer Freizeit machen!“ gab Sheela feindselig zurück. Kirim verdrehte bloß genervt die Augen und ging gar nicht erst auf die Bemerkung von Filane ein. Sie wusste, dass es sich nicht wirklich lohnte, sich mit ihr einzulassen, da sie die Hälfte von dem was man sagte, sowieso nicht verstand. |
| Alpha et Omega | ,,Tut mir Leid Mädchen, aber ich muss Filane Recht geben! Ihr könnt nicht einfach dann kommen, wenn es euch passt.“ sagte eine Frau mittleren Alters, die vorwurfsvoll die Augenbrauen verzog und die Arme vor der Brust verschränkte. Eigentlich war Frau Gawet eine sehr nette Lehrerin, wenn man ihr keinen Grund gab wütend zu werden. Aber leider zählte es bei ihr zu den Todsünden, wenn man zu spät kam. Sheela warf ihr einen entschuldigenden Blick zu, den sie mit einer scheuchenden Handbewegung quittierte und signalisierte, dass sich die Beiden zu den anderen Schülern stellen sollten. Also reihten sich Sheela und Kirim an das Ende der anderen, die sich jeweils zu Zweit aufgestellt hatten. Filane warf ihnen ein schadenfrohes Grinsen zu, worauf Kirim mit einer höchst unfeinen Geste reagierte, und sich sofort einen warnenden Blick der Lehrerin einfing. ,,Schluss jetzt! Wir sind doch nicht im Kindergarten!“ - jetzt kam die Pause, die ihren Worten Nachdruck verleihen sollte - ,,So, wie ich sehe seid ihr schon zu Zweit aufgestellt, das heißt, ihr wisst wahrscheinlich was jetzt kommt. Eine greift an, die andere versucht zu parieren. Und immer abwechselnd. Also Los!“ Da Kirim Sheela nur halbherzig angriff, war es keine große Schwierigkeit ihre langsamen Schwerthiebe abzuwehren, was aber nicht hieß, dass sie nicht zurückweichen musste. Aber leider hatte Sheela das Pech mit dem Rücken zum See zu stehen, und das noch größere Pech die Wurzel, die ein paar Schritte hinter ihr im Boden verankert war zu übersehen, was natürlich nur in einer Katastrophe enden konnte. Also nahm das Unglück seinen Lauf und Sheela stolperte und stürzte mit einem erschrockenen Schrei rücklings in den See, und ihr Schwert hinterher, welches dann ein Stück weit hinter ihr landete und drohte, im tiefen Wasser zu versinken. ,,Nein! Mein Schwert!“ Sheela warf sich in einer fast komisch aussehenden Bewegung herum und versuchte den Griff des Schwertes noch zu fassen zu bekommen, was ihr jedoch nicht gelang, da sie auf den glitschigen Steinen nahe des Ufers wieder ausrutschte und fast bis zur Nase ins Wasser tauchte. Vor Schreck hatte sie den Mund aufgerissen und Wasser geschluckt, was sie dazu brachte sich hastig aufzusetzen und so lange zu prusten und das eisige Wasser, das noch nicht genug Zeit gehabt hatte sich aufzuwärmen, auszuspucken um erst einmal richtig Luft zu bekommen. Leider hatte ihr das genug Zeit geraubt um das Schwert versinken zu lassen und jetzt konnte sie es in dem tiefblauen Wasser nicht einmal mehr ansatzweise erkennen. Mit einem enttäuschten Seufzer versuchte sie sich wieder aufzurappeln, wobei sie diesmal darauf achtete nicht wieder auszurutschen und auf der Nase zu landen. Natürlich war das Ganze nicht unbeobachtet geblieben und nach ein paar Augenblicken scharte sich eine Traube von neugierigen Mitschülerinnen am etwa ein Meter entfernten Ufer, und einige konnten sich ein Lachen nicht verkneifen. Plötzlich ertönte die kratzige Stimme von Frau Gawet, die von dem ganzen Aufruhr nicht gerade begeistert zu sein schien. ,,Was ist hier los? Sheela, was machst du denn im Wasser? Ich finde zum Schwimmen ist es wirklich noch ein wenig zu kühl.“ Zum Glück war ihr Sheela mit dem Rücken zugewandt, sodass sie ihr genervtes Augenrollen nicht mitbekam, was mit Sicherheit wieder mit einem großen Donnerwetter geendet hätte. ,,Ich bin über irgendetwas gestolpert und dann ins Wasser gefallen.“ Sheela drehte sich um und deutete mit ihrer Hand auf die Stelle am Ufer, an der sie den Übeltäter vermutete. Die Lehrerin sah sich um und entdeckte eine Wurzel, die halb aus dem Boden herausgerissen war. ,,Und dein Schwert?“ ,,Im Wasser“ antwortete sie mit einem Blick auf den See. Langsam watete Sheela aus dem Wasser und ließ sich am Ufer auf die Knie sinken. Obwohl Anfang Sommer war, fror sie, was an dem frischen Wind lag, der aus den umliegenden Bergen in das Tal herabwehte. Normalerweise freute sie sich immer, wenn eine frische Brise wehte, aber da sie klatschnass war, war der Wind das Letzte woran sie sich momentan erfreuen konnte. ,,Und jetzt?“ fragte Kirim die Lehrerin. Diese zuckte mit den Schultern. ,,Nun ja. Weg ist weg. Ich denke, du wirst dir wieder ein Schwert der Schule ausleihen müssen, Sheela.“ Sheela starrte wütend auf den See, und bevor sie noch richtig sauer werden konnte, machte sich der Ausdruck von Fassungslosigkeit auf ihrem Gesicht breit. Ungefähr einen halben Meter vom Ufer entfernt lag im seichten Wasser ihr Schwert. ,,Aber das ist doch völlig unmöglich!“ flüsterte sie mit einem immer größer werdenden Gefühl von Unbehagen. Sie fühlte, dass irgendetwas nicht in Ordnung war. Sie hatte diesen sechsten Sinn schon als ganz kleines Kind gehabt, und sie konnte sich nicht daran erinnern, dass er sie jemals in ihrem Leben getäuscht hatte. ,,Ich hab doch gesehen wie es gesunken und im Wasser verschwunden ist.“ Sie stand auf und wollte in den See um ihr Schwert zu holen, um völlig sicher zu gehen, dass sie nicht einer Halluzination erlegen war. Geh nicht in den See! Sheela fuhr erschrocken herum, aber keiner sah danach aus, als ob er gerade was gesagt hätte. Und dafür, dass es ein blöder Witz von Filane gewesen war, stand sie viel zu weit weg von ihr, um flüstern zu können, ohne das es jemand bemerkt hätte. Wer war es also dann gewesen? ,,Es hängt irgendwo fest.“ Kirim hatte sich vorgebeugt um das Schwert aus dem Wasser zu ziehen und die Hand um den Griff geschlossen, als es plötzlich mit einem Ruck im Wasser verschwand und etwas langes, glitschiges, das Ähnlichkeit mit dem Fangarm eines Tintenfisches hatte, auftauchte, den Arm von Kirim packte und sie unter Wasser zog. Sheela starrte noch eine geschlagene Sekunde auf die Stelle an der ihre Freundin gestanden hatte, ehe sie realisierte was wirklich geschehen war. ,,Kirim!!“ Sie schrie fassungslos den Namen ihrer Freundin, aber nichts geschah. Sie kam nicht wieder hoch, und der Rest der Schüler rannte mit panischen Hilferufen wieder zur Schule zurück. Einzig Frau Gawet blieb und rief immer wieder mit etwas ruhigerer Stimme als Sheelas, Kirims Namen, was eigentlich keine sehr große Hilfe war. Nach ein paar Augenblicken bemerkte Sheela, dass sich etwas ziemlich Großes dicht unter der Wasseroberfläche mit rasender Geschwindigkeit auf sie zubewegte, dicht vor dem Ufer anhielt und dann mit einem gewaltigen Schrei der weder zu einem Tier noch zu einem Menschen gehören schien und mit keinem Laut vergleichbar war, den Sheela jemals in ihrem Leben gehört hatte, auftauchte. Das Kreischen war so unerträglich, dass sie sich mit aller Kraft die Hände auf die Ohren presste, was es aber keinen Deut besser machte. Hilfesuchend blickte sie sich um, konnte aber nichts weiter entdecken als ihre Lehrerin die am Rand des Ufers zusammengebrochen war, was wahrscheinlich an dem schrecklichen Anblick des Monsters lag. Die Kreatur ragte mindestens acht Meter aus dem Wasser und sah aus wie eine zu groß geratene, hässliche Kobra mit zwei langen Armen mit riesigen klauenbewehrten, dreifingrigen Händen, von denen eine Kirim hielt, die anscheinend bewusstlos war. Endlich hörte die Bestie auf zu schreien, und Sheela konnte die Hände von den Ohren nehmen. Der Kopf des Monsters, hatte zwar Ähnlichkeit mit dem einer Schlange, aber aus dem langen dünnen Maul ragten mindestens zwanzig vierzig Zentimeter lange, messerscharfe Zähne, und Sheela zweifelte keine Sekunde daran, dass sie giftig waren. Aus dem Rücken wuchsen – soweit sie das erkennen konnte – acht schleimige Tentakel, von denen einer vorhin Kirim in den See gezogen hatte. Plötzlich fühlte sie einen stechenden Schmerz in der Stirn und undefinierbare Bilder huschten vor ihren Augen hin und her. Sie hatte keine Ahnung woher der Schmerz kam oder warum er da war, aber er wurde immer intensiver und es war ihr, als ob ihr Kopf explodieren wollte. Ihre Beine fingen an zu zittern, und sie fiel kraftlos auf die Knie. Es kam ihr so vor, als ob sie Sekunde für Sekunde immer schwächer wurde, und all ihre Energie auf einmal verlieren würde. Um das grässliche Pochen in ihrer Stirn zu vertreiben kniff sie die Augen so fest zu, dass es zu flimmern begann, und presste die flache Hand auf ihre Stirn, aber es nützte ihr überhaupt nichts. Als sie die Augen wieder öffnete, drehte sich alles um sie, und sie bemerkte, dass das Monster keine Anstalten machte, sie anzugreifen oder sich sonst irgendwie bewegte, sondern sie nur anstarrte und Kirim anscheinend vollkommen vergessen hatte. Kirim! Sie musste ihr helfen! Sheela versuchte aufzustehen, aber der Schmerz ließ es nicht zu, und steigerte sich in diesem Moment um mindestens das doppelte, sodass sie anfing zu schreien. Ihr Puls raste, ihr Körper fühlte sich an als ob er brennen würde und ihr Magen zog sich zusammen, dass ihr zusätzlich auch noch übel wurde. Sie rollte sich auf die Seite und auf den Rücken, um sich in eine halbwegs bequeme Position zu bringen, weil ihr Körper in einen gelähmten Zustand verfiel und sie am ganzen Leib zitterte. Das Gefühl der Übelkeit wurde für einen kurzen Augenblick so stark, dass Sheela sich innerlich schon darauf vorbereitete sich jeden Moment zu übergeben. Aus dem Augenwinkel registrierte sie, dass das Monster Kirim am Ufer abgelegt hatte, und seinen morastbraunen Arm nach ihr ausstreckte. Sie hatte panische Angst und der Schmerz raubte ihr fast die Sinne. |
| Alpha et Omega | Als die monströsen Klauen nur noch wenige Zentimeter von ihr entfernt waren, geschah etwas Unglaubliches: Für einen Moment verstärkte der Schmerz seine Intensität noch weiter und Sheela hatte das Gefühl sie müsse sterben. Dann ging alles unwirklich schnell. Sie hörte aus der Ferne ein tiefes und verzerrtes Grollen und im nächsten Moment sauste ein heller Blitz vom Himmel und traf das Monster in den Rücken, worauf sich dieses aufbäumte, ein qualvolles Kreischen von sich gab und dann zu Staub zerfiel, der in den See prasselte. Der Schmerz war von einer Sekunde auf die andere verschwunden als ob er nie da gewesen wäre. Alles was sie fühlte, war eine unendliche Müdigkeit und das Hämmern ihres Herzens. Sheela stand mit einer riesigen Überwindung auf, und wäre beinahe wieder gefallen, fing sich aber im letzten Moment, indem sie sich an den nächstbesten Baum stützte. Sie lief die paar Schritte zu ihrer Freundin, die bewusstlos auf dem sandigen Boden lag, und ließ sich neben ihr behutsam auf alle Vier sinken. Mit einem Gefühl zwischen Sorge und wirklicher Angst fasste Sheela sie an der Schulter und begann sachte an ihr zu rütteln. ,,Kirim! Kirim, wach auf!“ Nach einer Weile öffnete Kirim ihre Augen und sah Sheela verwirrt an. Diese stieß einen erleichterten Seufzer aus. ,,Was ist passiert?“ fragte Kirim ihre Freundin, doch bevor sie antworten konnte, schloss Sheela erschöpft ihre Augen und verlor fast auf der Stelle ihr Bewusstsein. |
| Alpha et Omega | Natürlich war dieses Ereignis am nächsten Morgen das Thema überhaupt an der Schule und keiner redete über etwas anderes. ,,Das glaub ich dir einfach nicht! Ein Monster? In unserem See?! Beim besten Willen nicht. Ich weiß zwar, dass du schon `ne Menge eigenartiger Dinge erlebt hast, aber du hast ganz bestimmt keine Riesenschlange gesehen, die nach einem Blitzschlag zu Staub zerfallen ist!“ Der blonde Junge saß verkehrt herum auf seinem Stuhl, hatte seinen Kopf auf den verschränkten Armen gestützt, die auf der Stuhllehne lagen, und maß Sheela mit einem kritischen Blick. ,,Mann, Darin! Wenn ich’s dir doch sage! Außerdem haben es die ganzen Mädchen und Frau Gawet auch gesehen!“ ,,Wer weiß? Vielleicht eine Massenhalluzination oder so was. Oder unten im See steigt irgendwas hoch, das alle irgendwie hypnotisiert hat. Das würde ja auch erklären warum du danach so müde warst. Ich meine, du warst doch die ganze Zeit wach, oder? Und Kirim und Frau Gawet waren bewusstlos.“ „Was für eine Erklärung ist denn das? Außerdem war ich bei der Schulärztin, und sie hat nichts feststellen können! Das heißt, da ist nichts hochgestiegen oder sonst was!“ gab Sheela ärgerlich zurück und versuchte sich halb aus dem Bett im Krankenzimmer zu erheben, blieb aber liegen, weil sie es viel zu anstrengend fand. ,,Dann vielleicht irgendein noch unentdecktes Gift oder so.“ schlug Darin vor, erntete dafür aber nur heftigen Widerspruch. ,,Dann vielleicht ein Dämon! Ist doch gar nicht so abwegig.“ ,,Das ist noch viel abwegiger! Hier in der Nähe gibt es schon seit Jahrzehnten, wenn nicht schon seit Jahrhunderten keine Dämonen mehr. Sonst hätten sie doch die Schule nicht hier hinlegen können. Außerdem erklärt es dann trotzdem nicht, wie es zu Staub zerfallen ist! Wenn es denn überhaupt je existiert hat.“ Sheela gab es auf. Sie war es leid, sich seit über einer Stunde den Mund fusselig zu reden, noch dazu, wenn es gar nichts brachte. Sie würde ihn nicht überzeugen können, auch wenn sie sich auf den Kopf stellte. Bevor sie sich irgendwie weiter aufregen konnte, wurde die Tür geöffnet und Kirim kam ins Zimmer. Sie ließ sich neben Darin auf den Stuhl fallen, und begrüßte ihn mit einem flüchtigen Kuss auf die Wange. ,,Hi! Na, geht’s dir wieder besser?“ fragte Sheela. ,,Ja, es ist alles in Ordnung. Die Schulärztin hat zwar gesagt, das es besser gewesen wäre, wenn ich heute nicht zum Unterricht gekommen wäre, aber ehrlich gesagt, war ich von der Idee nicht so Recht begeistert. Und mit dir? Dich scheint’s ja schwerer erwischt zu haben als mich.“ ,,Eigentlich ist alles in Ordnung, aber ich bin immer noch verflucht müde.“ antwortete Sheela mit einem Lächeln, das eigentlich andeuten sollte, dass sich Kirim keine Sorgen zu machen brauchte, aber es sah so müde aus, dass sie damit eher das genaue Gegenteil bewirkte. Kirim ging aber nicht weiter darauf ein, und erzählte ihr die Neuigkeiten des Tages. ,,Übrigens haben wir einen neuen Lehrer in Geschichte. So ein netter Typ. Der sieht noch ziemlich jung aus. Ich schätze ihn auf so ... Anfang zwanzig.“ Sheela horchte auf. ,,Ein neuer Lehrer?“ ,,Eigentlich ist er nur ein Referendar und bleibt nur für drei Wochen. Ehrlich gesagt find ich das schade.“ ,,Wie sieht er aus?“ ,,Super!“ ,,Toll! Geht das auch ein bisschen genauer?“ ,,Er hat hellbraunes Haar, ungefähr so lang...“ – sie hob ihren linken Arm und deutete mit ihrer Handkante, die sie waagerecht zwischen Kinn und Schulter hielt, die Länge an – „...ein hübsches Gesicht, etwas dunklere Haut, ist durchtrainiert und mindestens Eins Achtzig groß. Er ist einfach perfekt... Aber natürlich nicht so perfekt wie du!“ setzte sie hastig dazu, nachdem sie den eifersüchtigen Blick von Darin bemerkt hatte. ,,Wieso bist du eigentlich schon so früh da? Normalerweise haben die höheren Klassenstufen doch immer später aus als wir.“ fragte Kirim Darin, nachdem sie begriffen hatte, dass er ihr ihren Ausrutscher nicht verziehen hatte. Das war eine der Taktiken wie Kirim immer das Thema wechseln konnte wenn ihr ein anderes unangenehm wurde. ,,Bei uns ist die letzte Stunde ausgefallen. Wegen der Konferenz. Ich denke, sie beschließen gerade, ob sie die Schule wegen der umherstreunenden Schlangenmonster schließen sollen.“ antwortete er mit einem spöttischen Blick zu Sheela. ,,Mach dich nicht über mich lustig! Kirim hat’s doch auch gesehen!“ ,,Eigentlich nur dieses glitschige Etwas das meinen Arm gepackt hat. Dann hab ich sofort mein Bewusstsein verloren und bin erst am Ufer wieder aufgewacht.“ ,,Siehst du. Es hätte genauso ein Riesentintenfisch sein können.“ Sheela ballte die Fäuste so fest zusammen, dass sich ihre Nägel schmerzhaft in ihre Hand bohrten, ohne sie aber zu verletzen, und sie maß ihn mit einem Blick, der danach aussah, als ob sie ihm am liebsten an die Gurgel gesprungen wäre. ,,Es war kein Tintenfisch, sondern ein Ungeheuer!“ sagte sie mit sonderbar ruhiger Stimme und zusammengepressten Zähnen. Hätte sie auch nur eine Sekunde lang den Druck gelöst, hätte sie ihn zweifellos angebrüllt. Darin verdrehte die Augen. ,,Ja, ja. Ich glaub dir ja.“ Sheela starrte ihn wütend an, sagte aber nichts. ,,Kommst du morgen wieder?“ fragte Kirim. ,,Ja, wahrscheinlich. Ich will mir ja nicht den neuen Lehrer entgehen lassen.“ meinte sie etwas freundlicher. In diesem Moment kam die Schulärztin herein und verscheuchte Kirim und Darin mit dem Argument, Sheela brauche noch Ruhe, um morgen wieder zur Schule gehen zu können, aus dem kleinen, spärlich eingerichteten Zimmer. Sheela lag noch einige Momente wach im Bett, und versuchte sich ein Bild vom ,ach so tollen, neuen Lehrer zu machen und schlief mit dem Gedanken wieder ein. Am nächsten Morgen wachte sie erholt aus ihrem langen Schlaf auf, zog sich die frischen Sachen an, die ihr die Ärztin hingelegt hatte und machte sich auf den Weg zum Speisesaal, nachdem sie sich bei ihr bedankt und verabschiedet hatte. Da die Krankenstation ein Nebengebäude des Schul- und Wohnhauses war, musste Sheela über einen kleinen Hof laufen, der zwischen der, im Vergleich zur Schule deutlich kleineren, aber trotzdem noch großen, ebenfalls aus Granit gebauten Krankenstation, und der burgähnlichen Festung, dem Schulgebäude lag, von dem man sagte, dass vor langer Zeit ein Fürst oder so etwas ähnliches darin gewohnt habe. Sie blieb einen Moment lang stehen und sah in den Himmel. Dunkle Wolken zogen sich über dem kleinen Tal zusammen. Offenbar würde es bald anfangen zu regnen. Anscheinend war es immer noch nicht richtig Frühling, und es war deutlich kälter als am vorigen Tag. Es wurde dort zwar schnell Frühling, aber manchmal kamen in der kurzen Übergangszeit abwechselnd sehr kalte und unerträglich warme Tage. Plötzlich überkam Sheela ein eigenartiges Gefühl. Sie fühlte sich auf einmal beobachtet. Unsicher sah sie sich auf dem kleinen Hof um, konnte aber nichts entdecken. Trotzdem wollten die eisigen und stierenden Blicke nicht weichen. Sie konnte regelrecht spüren, wie jemand seine prüfenden Augen wie tastende Hände auf sie gelegt hatte. |
| Alpha et Omega | ,,Sheela!“ Sie schrak aus ihren Gedanken hoch und Kirim kam ihr entgegen. ,,Ach, du bist es.“ antwortete sie unsicher. Die Augen waren verschwunden. ,,Was machst du denn hier draußen in der Kälte?“ Sheela setzte zu einer Antwort an, aber Kirim ließ sie nicht ausreden. ,,Ich wollte vor dem Frühstück noch mal nach dir sehen, aber dir geht’s ja anscheinend wieder so gut, dass du heute wieder kommen kannst. Allerdings würde ich dir nicht raten hier zu stehen, weil du dann wieder zur Ärztin musst. Dann aber wegen einer Lungenentzündung.“ meinte Kirim mit einem fröhlichen Grinsen. Sie drehte sich mit einer auffordernden Handbewegung um und Sheela folgte ihr in den Speisesaal, der im Erdegeschoss der Schule lag. Es war ein großer Saal, in dem die hölzernen Tische reihenförmig angeordnet und fast vollständig besetzt waren. Ganz rechts in dem Raum befand sich der Tisch der Lehrer und in der hinteren rechten Ecke war die Theke und der Eingang zur Küche. Der Lärm von fast zweithundert Schülern schlug ihr entgegen, als sie die Doppeltür öffnete, in der gläserne Fenster eingelassen waren. Sie entdeckten Darin in einer Ecke an ihrem Stammtisch, der sich gerade ein Brötchen in den Mund schob, und sie noch nicht bemerkt hatte. Als sich die beiden Mädchen dem Tisch näherten, registrierte er jedoch ihr Auftauchen und schluckte hastig den Bissen hinunter um sie nicht mit vollem Mund begrüßen zu müssen. ,,Hi, ihr Zwei! Ähm...Sheela, für dich hab ich leider nichts mitgenommen, weil ich gedacht hab, du bleibst noch auf der Krankenstation.“ Er deutete entschuldigend auf das zweite Tablett, welches für Kirim war. ,,Kein Problem. Die Warteschlange ist ja eh nicht lang.“ meinte Sheela beschwichtigend und reihte sich mit einem Holztablett hinter einen großen, dunkelhaarigen Jungen. ,,Wie viele Brötchen?“ fragte die dicke Köchin hinter dem Tresen. ,,Eins reicht. Danke.“ antwortete sie teilnahmslos, nahm es und lief weiter um sich Butter und Schinken zu holen. Als sie wider zurückkam, waren Darin und Kirim schon fast fertig. Sie setzte sich neben Kirim und stocherte lustlos mit dem Brotmesser im Schinken herum.. „Ich hab irgendwie keinen Hunger.“ Sheela spürte, dass sich die Müdigkeit noch nicht ganz aus ihr verzogen hatte und sie vermutete, dass sie auch der Grund für ihre Appetitlosigkeit war. ,,Du bist wahrscheinlich immer noch wegen der Sache am See angeschlagen.“ Kirim blickte Sheela besorgt an, aber diese wich dem Blick ihrer Freundin aus. Sie hatte nicht wirklich Lust, darüber zu reden, auch wenn sie Kirim ehrlich dankbar für ihre Sorge war. ,,Mhm ... Will jemand von euch noch was?“ ,,Aber du musst doch was essen. Du kannst doch nicht ohne Frühstück zur Schule.“ ,,Warum nicht?“ ,,Sheela!“ ,,Okay, okay! Ist ja gut.“ Sheela gab nach und schlang ihr Frühstück rasch hinunter. ,,Was haben wir in der ersten Stunde?“ fragte sie, aber eher um von sich abzulenken, als aus wirklichem Interesse. ,,Wart mal... ähm, ich glaub Geschichte mit dem Neuen.“ antwortete Kirim mit einem komischen Lächeln. Sheela versuchte sich das Gesicht des Referendaren auszumalen, brach den Gedanken aber abrupt ab, als sie unbewusst ihren Rubinanhänger umfasste. ,,Autsch!“ Sie riss die Hand von dem heißen Anhänger zurück und stellte fest, dass von ihm ein Glühen ausging, welches noch zwei, drei Sekunden anhielt als sie es ansah, ehe es erlosch. ,,Was ist denn?“ fragte Darin. ,,Ach, gar nichts. Ich hab mich bloß an der Spitze gestochen.“ log sie aus einem Impuls heraus. Irgendetwas sagte ihr, dass es besser war, nichts zu erwähnen, selbst wenn fast sofort ihr schlechtes Gewissen zuschlug. Aber sie versuchte sich damit zu beruhigen, dass sie davon ausgehen konnte, dass die Beiden ihr sowieso nicht glauben würden. Sie wusste zwar nicht, was das zu bedeuten hatte, aber ein ungutes Gefühl schlich in ihr hoch. „Kommt. Wir gehen besser schon zu unseren Klassenzimmern. Bald klingelt es zur ersten Stunde.“ sagte Sheela, wobei sie versuchte, möglichst nicht nervös zu klingen. Sie stand auf und wartete darauf, dass Kirim es ihr gleichtat. Da Darin in eine höhere Klassenstufe ging, brauchte er sich nicht zu beeilen, weil die Älteren keinen Ärger bekamen, wenn sie ein wenig zu spät kamen. Sie fand das zwar ziemlich ungerecht, aber ändern ließ sich das leider nicht. Die beiden Mädchen verabschiedeten sich von Darin und machten sich auf den Weg zum Klassenzimmer, welches wie der Speisesaal ebenfalls im Erdgeschoss lag und wurden gleich von dem höhnischen Lächeln von Filane empfangen. Allein bei ihrem Anblick kam bei Sheela die über lange Jahre angewöhnte Abneigung hoch. ,,Na aber hallo, ich dachte schon ihr wärt von dem Schlangenmonster aufgefressen worden, aber das hat sich leider als Irrtum herausgestellt. Es ist wirklich erstaunlich, wie viel man sich einbilden kann, nur um Aufmerksamkeit zu erregen.“ sagte sie als Begrüßung, und fing an, über ihren intelligenten Witz zu lachen, wobei sie von dem piepsigen Kichern ihrer drei Freundinnen begleitet wurde, die aber eher den Rang ihrer Sklavinnen hatten und Filane bei jeder Gelegenheit in den Hintern krochen. Sheela verschränkte die Arme vor der Brust, zog ihre Augenbrauen hoch und antwortete gelassen: ,,Dafür, dass es bloß Einbildung sein soll bist du aber ziemlich schnell verschwunden, als das Monster aufgetaucht ist. Wieso bist du denn nicht dageblieben, wenn du so mutig bist? Und wenn ich ehrlich sein soll: Dir passt es doch nur nicht, dass du mal nicht im Mittelpunkt stehst, Fräulein Superarrogant!“ Sie hörte auf, wie blöde zu kichern, und stemmte die Arme in die Hüften. ,,Jetzt pass mal auf, du kleines Miststück. Es gibt noch zwei Schuljahre die ich dir zur Hölle machen kann! Klar? Also würde ich darauf Acht geben was ich sage, wenn ich an deiner Stelle wäre.“ fauchte sie und ihre Lippen wurden so schmal und blass, das man sie fast mit Bindfaden verwechseln konnte. ,,Du bist aber glücklicherweise nicht an meiner Stelle, denn mit deinem hässlichen Gesicht würde ich mich bestimmt aus dem nächsten Fenster stürzen. Und nur zu deiner Information: Es sind noch drei Schuljahre! Im Rechnen bist du wohl echt kein Genie.“ konterte sie. ,,Höre ich hier etwa einen Streit? Ihr habt im Eifer des Gefechts wohl die Klingel überhört.“ meinte eine männliche Stimme mit spöttischem Unterton. Sheela drehte sich erschrocken herum und blickte in ein junges, hübsches Gesicht, welches von nicht zu kurzen und nicht zu langen hellbraunen Haaren eingerahmt wurde, und in ein Augenpaar, dessen Farbe sie noch nie in menschlichen Augen gesehen hatte und zwischen goldgelb bis hellrot schwankte. Sheela hatte für einen kurzen Moment das Gefühl, dass sie direkt in sie hineinsahen, aber das Gefühl verschwand, ehe sie es fassen konnte. Es war der Referendar. Er stand mit verschränkten Armen da, lehnte sich an den Türrahmen und lächelte sie amüsiert an. ,,Oh, ähm Ent...Entschuldigung. Ich habe Sie nicht bemerkt.“ stammelte Sheela verlegen, und verschwand so schnell wie es ging auf ihren Platz, ganz hinten im Zimmer, neben Kirim, die sich anscheinend schon längst hingesetzt hatte. |
| Alpha et Omega | Auch Filane hatte sich hingesetzt, und zwar gleich vor das Lehrerpult. Er begrüßte die Schüler, sie ihn und er begann mit dem Unterricht. Obwohl sie ihn überhaupt nicht kannte, hatte sein plötzliches Auftauchen Sheela völlig aus der Bahn geworfen. Seit er da war, konnte sie keine Sekunde lang still sitzen. Sie fragte sich, warum er sie noch nicht darauf aufmerksam gemacht hatte, dass sie so herumzappelte. Alles was er, oder ein Schüler sagte, schien in ein Ohr hinein, und zum anderen Ohr wieder herauszukommen. Sie wusste nicht, was es war, aber irgendetwas war seltsam an ihm. Sheela kam es so vor, als ob sie etwas an ihm kennen würde. Ein kleiner Teil in ihr flüsterte ihr zu, was es war, das ihr so bekannt vorkam, war aber viel zu leise um es wirklich zu verstehen. Sie starrte ihn unentwegt an, und konzentrierte sich überhaupt nicht auf den Unterricht. Auch nahm sie keine Notiz davon, das ihr Anhänger wieder zu glühen begonnen hatte. Und diesmal nicht nur so kurz wie im Speisesaal, sondern die ganze Stunde über. Der Referendar hatte eine Frage gestellt, blickte auffordernd in die Runde und erwartete anscheinend, dass sich jemand meldete, was jedoch keiner tat. Und wie jeder Lehrer rief er einfach jemanden auf, wenn es niemanden gab, der ihm freiwillig die Antwort geben wollte. ,,Du da hinten, mit den schwarzen Haaren. Wie heißt du?“ Sheela rutschte mit einem Mal der Magen an eine undefinierbare Stelle zwischen Stuhl und Boden. ,,Mei...meinen Sie etwa mich?“ Er nickte. ,,Ich bin Sheela. Ich war das letzte Mal nicht da.“ ,,Aber vielleicht kannst du mir trotzdem sagen wer den Krieg von Hikas damals gewonnen hat, Sheela. Das war nämlich meine Frage. Aber ich glaube kaum, dass du überhaupt weißt, wovon ich hier die ganze Stunde geredet habe. Mir kam es so vor, als ob du gar nicht aufgepasst hättest.“ Es klang eher nach einer Frage als nach einem Vorwurf. Sheela sah ihn verlegen an. ,,Tut mir leid. Ich weiß es nicht.“ ,,Das dachte ich mir. Und warum hast du nicht aufgepasst?“ Sie schwieg, und bemerkte aus dem Augenwinkel, dass Filane ihr blödes Grinsen aufgesetzt hatte. ,,Na, was ist?“ Zu Sheelas Glück klingelte es, und der Referendar ließ es dabei bewenden, wenn auch nicht ohne einen vorwurfsvollen Blick. Er gab ihnen noch Hausaufgaben, und verließ dann das Klassenzimmer. Sie atmete erleichtert auf, und auch ihr Anhänger hörte wieder auf zu glühen. ,,Mann, der hat dich ja ganz schön in die Zange genommen. Ein echt mieser Anfang. Aber ich hab auch bemerkt, dass du überhaupt nicht bei der Sache warst. Was war denn los mit dir?“ Kirim sah sie verständnislos an. ,,Ich weiß auch nicht. Ich konnte mich irgendwie gar nicht konzentrieren.“ Nun war Verwunderung in ihrem Gesicht zu lesen. ,,Du und nicht konzentrieren?“ Sie konnte den Unglauben kaum unterdrücken. „Hast du etwa Gefallen an ihm gefunden?“ Auch darauf fand Sheela keine Antwort. Sie wusste nicht was sie von ihm halten sollte. Etwas, tief im Inneren ihres Herzens war so vertraut mit diesem Mann, dass es zu einzigartig und unbeschreiblich war, um Worte dafür zu finden. Kirim deutete ihr Schweigen vermutlich falsch und lächelte sie wissend an. ,,Er sieht gut aus, stimmt’s? Eigentlich ist er ja auch nett, aber du hast wirklich nicht aufgepasst.“ Sheela lächelte zurück, und ließ Kirim in dem Glauben. Sie war zwar ihre beste Freundin, der sie immer alles erzählt hatte, aber diese Sache wollte sie für sich behalten. Ende des ersten Kapitels |