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  Forum: Verlassene Gärten
    Thema: Stories for the filthy ones
CharlesFilthMeine Liebe - Euer Hass

Vor mir wogt ein Meer hassverzerrter Gesichter. Ihre Augen sind leer, die Zähne gefletscht, die Hände zu Krallen gekrümmt. Sie sind überall, umzingeln mich. Tote Augen in hassverzerrten Gesichtern. Sie kommen näher. Ich spüre ihre Wut, kann ihre Abscheu fast schon riechen. Bedrohlich ragt die dunkle Masse vor mir auf, wie ich da auf dem Boden liege.
"Bitte, verschont mich!" Aber sie hören nicht auf mich, denn ihre Ohren sind taub für meine Schreie.
Sie starren mich an, ihre Blicke durchbohren mich. Doch sie sehen mich nicht, denn ihre Augen sind blind für meine Leiden.
"Warum verachtet ihr mich?" - Aber sie starren nur weiter.
'Keiner will dich', sagen die Stimmen. 'Keiner liebt dich!' 'Du bist hässlich!' 'Keiner braucht dich!' 'Keiner!' 'KEINER' Jeder Satz bohrt sich wie ein Messer in mein Herz.
Mein letzter Widerstand zerbricht unter den Beschimpfungen , die auf mich niederprasseln wie schwere Hagelkörner.

Hagel. Ich erinnere mich noch an das letzte Mal, als es gehagelt hat. Es war Frühling und wir waren am See, als unerwartet ein Sturm aufzog. Die riesigen Eiskörner prasselten auf uns nieder und wir liefen lachend zum nächsten Kiosk, um uns dort zu verstecken. Erinnerst du dich noch? Wir standen dort unter dem winzigen Dach und haben zugesehen, wie die Bäume sich im Wind hin und her beugten. Du hast dein wunderschönes Lächeln gelächelt.
Und mich geküsst. Weißt du noch?

'Du bist es nicht wert zu leben!' "Ich weiß. Ich habe es nicht verdient. Es tut mir leid." 'Entschuldigung nicht angenommen!' Die Stimmen lachen und ich drücke mich noch mehr an den Boden. Ich wünschte, ein Spalt würde sich auftun und mich verschlucken. Ich wünschte, ich könnte einfach verschwinden.
Sie kommen näher. Einer von ihnen sieht auf mich hinunter. Diese leblosen Augen jagen mir einen kalten Schauer über den Rücken. Ich wende den Blick ab, habe Angst. 'Sieh mich an, du Schlampe!' Er tritt nach mir und ich schreie auf. Längst fließen die Tränen über mein Gesicht.
'Sei ruhig! Wir haben dir nicht erlaubt, zu schreien!' 'Guckt doch, die Hexe weint!' Schallendes Gelächter ertönt um mich herum.
Jemand packt mich an den Haaren und zieht mich hoch. 'Komm schon, zeig uns deine hässliche Visage!' "Ja, ich weiß. Ich bin hässlich." 'Stimmt. Sehr sogar!' Wieder ertönt Gelächter.
'Du bist nichts weiter als Dreck' "Ja, ich bin Dreck. Bitte lasst mich los." Jemand anders gibt mir eine Ohrfeige. 'Liebend gerne! Oder fasst irgendwer hier gerne Dreck an?' 'Du bist schmutzig, das weißt du doch?' "Ja, ich bin schmutzig. Nur lasst mich in Ruhe." 'Du bist genauso schmutzig wie sie!' "Nein!" Ich versuche mich aufzusetzen. "Sie war nicht schmutzig!" Jemand bringt mich mit einem Tritt in die Magengrube zum Schweigen. 'Sieh doch, wie sie ihre kleine Freundin verteidigt!'
Die Anderen lachen, als ich immer wieder aufschreie, als er mich tritt.

Du warst nicht schmutzig. Du warst das einzig Reine auf dieser Welt. Für mich warst du Licht. Wenn ich dich sah, hast du meinen Tag erhellt. Du warst wie ein Sonnenaufgang. Dein Licht war warm und voll Hoffnung, aber nicht zu hell. Du hast das Glück in mein Leben gebracht.
Und es auch wieder genommen.

Er tritt mich immer wieder und anfangs schauen die Anderen nur zu. 'Los, gib's ihr!' 'Sie hat's nicht anders verdient!' Ich krümme mich zusammen, als ein weiterer Tritt meine Niere trifft. Ich kann mir ein Winseln nicht verkneifen. "Hört auf, bitte!" Jemand zieht mich an den Haaren hoch und ich schreie. Ein Anderer verpasst mir eine Ohrfeige und bringt mich so zum Schweigen. 'Warum schreist du?' 'Ja, du solltest dankbar sein, weißt du?' 'Wir werden dir diesen Unsinn schon noch aus dem Leib prügeln!' "Das ist kein Unsinn!" 'Sieh an, sie ist stur...'
Sie lassen mich los und ich falle wieder auf den Boden.

Unsinn ist etwas, das keinen Sinn macht und das war kein Unsinn. Du hast meinem Leben erst einen Sinn gegeben. Plötzlich verstand ich, wozu ich geboren worden war. Für dich. Um dich zu treffen. Für dich allein. Du hast gesagt, du brauchst mich. Weißt du noch? Dafür lebte ich. All die Zeit, die wir zusammen verbracht haben. Es war die schönste Zeit meines Lebens. Und dieses Gefühl, wenn ich dich lächeln sah. Wie konnte das Unsinn sein? Sie verstehen nichts. Denn sie selbst wissen nicht, was Leben bedeutet.
Aber ich bereue nichts. Keinen einzigen Moment.

Kaum, dass ich auf dem Boden aufgekommen bin, fängt er wieder an mich zu treten und diesmal stehen die anderen nicht nur daneben. Bald gibt es keine Stelle meines Körpers mehr, die nicht schmerzt. Und sie hören nicht auf. Ich liege da und lasse alles über mich ergehen. Was sollte ich denn sonst tun? Ohne dich habe ich keine Kraft. Ich schließe die Augen und hoffe nur noch, dass es bald aufhört.
'Wie kannst du sie noch verteidigen?' 'Guck dir doch an, wie diese Hure geendet ist!' 'Du wirst genauso enden!' 'Hörst du?' 'Genau so!' "Vielleicht. Aber es macht mir nichts aus."

"Warum hast du mich verlassen?!", möchte ich manchmal fragen, aber dann denke ich, dass das egoistisch wäre. Eigentlich sollte ich mich doch für dich freuen, denn du musst nun nicht mehr leiden. Aber ich kann es nicht. So sehr ich auch möchte. Ich kann es nicht.
Warum? Es lief doch alles so gut. Alles war perfekt.
Aber die Krankheit entriss dich mir. Und alle haben darüber geredet. Haben dich dafür verurteilt. Dabei konntest du doch gar nichts dafür. Unsere Eltern können wir uns nicht aussuchen.
Aber warum du? Warum nicht einer von den Anderen? Sie wären mir egal gewesen. Warum musste grade jemand so schönes wie du daran zugrunde gehen?

'Du bist schmutzig!' 'Wie konnte man nur?' 'Du bist nichts wert!' 'Keiner braucht dich!' 'Du wirst genauso enden!' 'Niemand wird dich vermissen!' 'Widerlich...' 'Hässlich...' 'Niemand braucht dich!' 'Niemand...' Ihre Stimmen hallen in meinem Kopf wieder. Sie hören nicht auf. Meine Welt wird kleiner, ihre Stimmen leiser. Alles dreht sich. Ich höre noch, wie eine neue Stimme dazu kommt. Ein Lehrer, glaube ich.
'Hört auf! Was macht ihr da? Auseinander!' Dann wird alles schwarz.

Du weißt, ich werde dir folgen! Dachtest du, ich lass dich einfach so gehen? Nein, bald werden wir uns wiedersehen. Ich bin nicht so stark wie du. Ich kann nicht ohne dich. Mit dir hat mich das Glück verlassen. Ich habe meinen Lebenssinn verloren. Meine ganze Welt ist grau, denn mit dir ist auch mein Licht erloschen. Aber bald! Bald werde ich dir folgen. Nicht mehr lange und ich kann dein Lächeln wiedersehen.
Warte auf mich.

Ich wache in einem komplett weißen Raum auf. Es ist Nacht und der Mond scheint durchs Fenster. Als ich meinen Kopf zur Seite drehe, spüre ich den Schmerz. Jeder Knochen in meinem Körper schmerzt, meine Muskeln brennen. Ich schaue den Mond an.

Deine Großmutter hat immer gesagt, dass die Seelen der Toten auf dem Mond leben und sehnsüchtig auf die Erde zurückschauen. Bist du nun auch da?
Ich sehe dein Gesicht vor mir. Wie du gelacht hast. So rein. Wie ein Engel.
Trotz der Schmerzen stehe ich auf und taumle zum Fenster. Ich kann kaum stehen, aber es ist als würde das Licht des Mondes mich anziehen. Du lächelst mich an, wie du es schon so oft getan hast. Erst jetzt merke ich wie sehr ich dich wirklich vermisst habe. Der Schmerz, der mein Herz erfüllt, ist schlimmer, als all die anderen Schmerzen zusammen.
Mir ist egal, was die anderen darüber denken, mir ist egal, dass sie mich dafür verachten.
Ich liebe dich.
Aber ohne dich habe ich nicht die Kraft gegen sie zu kämpfen.

Lange Zeit stehe ich reglos vor dem Fenster und beobachte weinend und voller Sehnsucht, wie der Mond am Nachthimmel weiterzieht. Endlich fasse ich einen letzten Entschluss.
Das Fenster lässt sich leicht öffnen.
Vorsichtig klettere ich auf das Fensterbrett.
Du lächelst.
Ohne zu zögern breite ich meine Arme aus und fliege dir entgegen.
CharlesFilth[SIZE=3]Kangae[/SIZE]
Gedanken

Kapitel 1

Von einem Moment auf den anderen. Plötzlich war es da. Dieses Gefühl, wie ich es noch nie gefühlt hatte. Es haute mich glatt um. Ich drohte unter seinem Gewicht zu versinken. Plötzlich. Ganz unerwartet. Habe ich mich in dich verliebt. Ich verstehe nicht, wie so etwas passieren konnte. Wer warst du, dass du mir so einfach das Herz stehlen konntest? Aber ich konnte es nicht ändern. Seit diesem Tag hat sich meine ganze Welt verändert. Jetzt dreht sie sich nur noch um dich. Ich weiß nicht ob ich lachen oder weinen soll. Soll ich mich an diesem Gefühl erfreuen oder soll ich an seiner Hoffnungslosigkeit verzweifeln? Am liebsten möchte ich beides tun. Du bringst mich ganz durcheinander. Wenn ich dich sehe, wird die nacht zum Tag. Und die zeit bleibt stehen. Ich kann nachts nicht schlafen, in Erwartung darauf, dich am nächsten Tag in der schule zu sehen. Ich will nicht essen. Ich bin von diesem Gefühl so ausgefüllt, dass nichts mehr reinpasst. Den ganzen Tag denke ich nur an dich. Und wenn ich nachts doch noch ein wenig Schlaf finde, dann träume ich von dir.
Ich weiß, dass du meine Gefühle niemals erwidern wirst, also werde ich sie dir nicht gestehen. Es wäre doch sinnlos. Wie soll ich dir etwas von solcher Wichtigkeit sagen, wenn du doch nicht mal meinen Namen kennst. Was kann ich dir schon bieten? Ich habe kein Geld, keine einflussreiche Familie, kein Ansehen und die nächste Miss Universe bin ich auch nicht grade. Ich kann dir nichts geben, außer mir selbst und wenn du mich darum bitten würdest, würde ich nicht zögern dir mein Leben zu geben.

Schon wieder. Wieder gehst du an mir vorbei, als wäre ich nicht da. Würdigst mich keines Blickes aber obwohl es wehtut, bin ich glücklich. Ich bin zufrieden dich nur ansehen zu dürfen. Du gibst mir die Luft zum Atmen. Gibst meinem Leben einen Sinn. Ich lebe nur für dich.
Begehren. Noch nie habe ich etwas so sehr begehrt wie dich. Du bist das Licht, in dem ich mich sonnen will. Der Mond, der über meine Träume wacht. Noch nie habe ich so geliebt und noch nie so gelitten. Jeden Tag. jeden verfluchten Tag gehst du an mir vorbei, ohne mich zu sehen. Siehst nicht wie ich lächle, wenn ich dich von weitem kommen sehe. Siehst nicht wie ich zu Boden gucke, wenn du vorbeigehst. Und siehst auch nicht wie ich sehnsüchtig jeden deiner Schritte beobachte, sobald du an mir vorbei bist.

Jeden Morgen stehe ich am Schultor und warte bis du kommst. Immer pünktlich und immer schlecht gelaunt. Sehe wie du aus deiner Limousine steigst, deinem Fahrer letzte Anweisungen gibst und missmutig die Schule betrachtest, bevor du die Straße überquerst. Ich weiß, dass du nicht gern herkommst. Du weißt sowieso schon alles, was die Lehrer dir beibringen wollen. Du musst lediglich deine Zeit hier absitzen. Wenn du dich auch nur um einige Sekunden verspätest, habe ich Angst, dass du nicht mehr kommst. Dass du die Schule aufgegeben hast und ich dich nie wiedersehen werde. Denn krank warst du noch nie. Und so geht das jeden Morgen. Seit diesem Tag, an dem ich mich in dich verliebt habe. Und so wird es auch weitergehen, bis du die Schule beendet hast und an einer Privatuniversität studierst. Und was werde ich dann tun? Ich werde immer noch jeden Morgen hier stehen und mich daran erinnern, wie du immer pünktlich und schlecht gelaunt aus deiner Limousine gestiegen bist...

Manchmal, wenn ich wieder am Schultor stehe und auf dich warte, frage ich mich, was du über mich denkst. Denkst du überhaupt über mich nach? Bestimmt muss dir doch dieses Mädchen aufgefallen sein, dass immer am Schultor steht? Was denkst du, auf wen sie wartet? Ist dir jemals der Gedanke gekommen, dass sie auf dich wartet? Wie würdest du reagieren wenn du wüsstest auf wen sie wartet? Wäre es dir egal? Oder sogar unangenehm? Wäre das der Tropfen der das Fass zum überlaufen bringt? Würdest du dann vielleicht sogar die Schule verlassen?

Ich stehe auf, wie jeden Tag. ziehe mich an und mach mich auf den Weg zur Schule. Frühstücken kann ich nicht. Mir ist wie jeden Morgen schlecht vor Aufregung. Meine Mutter hält mir noch eine Strafpredigt, aber ich höre ihr nicht zu. 10 Minuten zu früh komme ich an der Schule an. Wie jeden Tag.
Aber heute ist kein Tag wie jeder andere. Ich weiß, dass heute etwas passiert. Ich habe die ganze Nacht nicht schlafen können. Ich habe dir einen Brief geschrieben. Ich weiß zwar nicht, wie ich ihn dir geben soll und ob du ihn überhaupt lesen wirst, aber ich habe ihn geschrieben. Ich weiß, dass heute etwas passieren wird. Und so halte ich den Brief in meiner Hand und warte darauf, dass du kommst. Immer wieder gucke ich auf die Uhr. Nur noch wenige Minuten, dann werde ich dich wiedersehen. Mein herz schlägt mir bis zum Halse, wie jeden Tag. Nur viel stärker. Wieder gucke ich auf die Uhr. Noch eine Minute. Es erstaunt mich immer wieder, wie du es schaffst, auf die Minute pünktlich zu sein. Nie kommst du zu früh und nur ganz selten zu spät. Und heute ist einer von diesen seltenen Fällen. Ich gucke auf die Uhr. Du bist zu spät. Meine Knie zittern. Meine Hände schwitzen. Ist es Heute soweit? Hast du die Schule geschmissen? Kommst du nun nie wieder? 2 Minuten zu spät. Die Uhr tickt weiter und weiter. 3 Minuten. Ich lehne mich an den Pfosten. Meine Beine halten mich nicht mehr. 4 Minuten. Zitternd schleppe ich mich zum Bürgersteig und gucke in die Richtung aus der normalerweise deine Limousine kommt. 5 Minuten. Es klingelt zur ersten Stunde. Und du bist immer noch nicht da. 6 Minuten. So spät warst du noch nie. Oder kommst du überhaupt nicht mehr? 8 Minuten. Ich kann mich nicht bewegen. Ich weiß ich sollte auch reingehen, aber ich kann nicht. 10 Minuten. Es klingelt zum zweiten Mal. Jetzt sind alle drin. Der Unterricht beginnt. 12 Minuten. Die letzten Nachzügler laufen noch über den Schulhof. 14 Minuten. Ich halte den Brief umklammert. Kann mich immer noch nicht bewegen. Kann die Hoffnung nicht aufgeben.
15 Minuten. Auf der anderen Straßenseite bewegt sich was! Da kommt eine Person aus einer Seitengasse. Ich gucke genauer hin. Oh, süße Mutter, du bist es! Diese Statur und dieser Gang. Für mich unverwechselbar. Ich sehe, wie du auf die Uhr guckst und anfängst zu laufen. Jetzt bist du fast gegenüber von mir. Noch nie habe ich dich so offen angeguckt. Und... noch nie hast du mich beachtet, aber jetzt siehst du mich an. Mich. Das ist zu viel für mich. Ich gucke auf den Boden. Sehe aus dem Augenwinkel, wie du über die Straße rennst und von der anderen Seite ein Auto mit überdurchschnittlich hoher Geschwindigkeit um die Ecke kommt.
Alles bewegt sich in Zeitlupe. Ich brauche nicht nachzudenken. Ich renne einfach nur los. Laufe wie durch zähen Sirup. Meine einzige Angst ist, dass ich zu spät komme. Mir kommt es vor wie Stunden bis ich dich endlich erreiche. Mit meiner ganzen Kraft schubse ich dich zurück. Reifen quietschen. Ich sehe noch, wie du auf dem Bürgersteig aufkommst. Der Brief flattert im Wind.
CharlesFilth[SIZE=3]Kangae[/SIZE]
Gedanken

Kapitel 2

Jeden Morgen stehe ich auf und gehe zur Schule, obwohl ich keine Lust dazu habe. Streng genommen muss ich auch gar nicht mehr zur Schule, aber es gibt da etwas, was es mir wert ist jeden Tag meine Zeit zu verschwenden.
Immer wenn ich morgens an der Schule ankomme, sehe ich schon von weitem dieses Mädchen am Schultor stehen. Jeden Morgen, unermüdlich, guckt sie auf die Straße, als würde sie auf jemanden warten. Manchmal sehe ich sie sogar lächeln. Immer bevor ich aus der Limousine steige, werfe ich einen Blick auf sie. Ihre schwarzen Haare, die ihr ins fein geschnittene Gesicht fallen, ihre zarten Hände, die nervös an den Schnüren der perfekt sitzenden Uniform spielen. Das alles raubt mir den Atem. Ich wüsste gern welche Farbe ihre Augen haben, denn ich habe mich noch nie getraut sie direkt anzusehen.
Wenn ich an ihr vorbei gehe, guckt sie auf den Boden oder starrt weiterhin leicht abwesend auf die Straße. Nie bemerkt sie wie ich sie ansehe und wenn doch, dann ignoriert sie mich wohl. Denn noch nie hat sie den Kopf gehoben und zu mir hochgeschaut, obwohl ich mir nichts sehnlicher wünsche. So gehe ich an ihr vorbei. Jeden Tag aufs neue enttäuscht, gehe ich weiter und schaue nicht zurück. Ich will nicht sehen, wie sie immer noch da steht und wartet.
Oft frage ich mich, auf wen sie wartet. Wer ist ihr so wichtig, dass sie jeden morgen auf ihn wartet? Ich bin mir sicher, dass es ein Junge ist. Jemand anders. Nicht ich. Und das tut weh. Hat sie überhaupt bemerkt, dass ich jeden Morgen an ihr vorbei gehe? Dass ich jeden Morgen auf die Minute pünktlich zur Schule komme, nur um sie sehen zu können? Weil ich Angst habe, dass sie schon weg ist, wenn ich mich verspäte?
Und manchmal stelle ich mir vor, dass sie auf mich wartet. Ich weiß, der Gedanke ist anmaßend. Schließlich hat sie mich noch nie auch nur eines Blickes gewürdigt.
So kenne ich mich gar nicht. So unsicher und ängstlich. Ich könnte sie einfach fragen auf wen sie wartet. Aber ich traue mich nicht. Gehe jeden Morgen an ihr vorbei ohne sie anzusprechen. Ohne sie überhaupt direkt anzugucken. Ich weiß nicht, was ich mir davon erhoffe. Aber ich habe Angst. Angst, zu erfahren, dass sie jemand anders liebt. Angst, einen Korb zu bekommen und mich blosszustellen.

Ich fahre wie immer in meiner Limousine, als der Fahrer plötzlich anhält. Ich schrecke auf. Sehe auf die Uhr. Wenn wir und nicht beeilen, komme ich zu spät. Zu spät um sie noch zu sehen. Mit dem Wagen stimmt etwas nicht. Der Fahrer ruft den Abschleppdienst. Was soll ich tun? Ich gucke mich um. Von hier ist es nicht mehr weit bis zur Schule. Ich gehe los. Mir fällt einfach nichts besseres ein. Ich bin mir absolut sicher, dass ich sie nicht mehr erwische. Selbst wenn ich rennen würde. Also gehe ich. In Gedanken versunken. Was soll ich tun, wenn ich mit der Schule fertig bin? Dann kann ich sie nicht mehr jeden Morgen sehen.
Ich biege um die Ecke. Gucke instinktiv Richtung Schultor. Und da steht sie! Ich kann es nicht fassen. Sie steht da und hält ein Stück Papier in der Hand. Ich gucke auf die Uhr. Ich bin 15 Minuten später da als sonst. Ich laufe los. Heute ist tatsächlich kein Morgen wie jeder andere. Sie steht da und wartet. Wartet auf MICH. Sie guckt nicht auf den Boden sie guckt zu MIR! Ich kann gar nicht richtig denken. Da guckt sie wieder weg. Ich will über die Straße rennen. Gucke nicht hin, vertraue meinem Gehör. Und plötzlich rennt sie los. Ich sehe die Angst in ihren Augen. In einem Sekundenbruchteil ist sie bei mir und schubst mich mit ganzer Kraft nach hinten. Erst da bemerke ich es. Eines von diesen neuen Autos, die kaum Lärm verursachen. Ich lande auf dem Bürgersteig. Reifen quietschen. Die Szene die sich da vor meinen Augen abspielt ist zu schrecklich. Mein Blick wandert hilfesuchend zum Himmel. Aber kein Engel steigt herab, um zu helfen. Nur der Brief, den ich für ein einfaches Stück Papier gehalten hatte, flattert im Wind.

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