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  Forum: Verlassene Gärten
    Thema: Desir de vivre - Gedichte und Geschichten...
Sternenstaub[I]...Hier soll er blühen, mein neuer jardin ...blühen und wachsen...
Ein neues Leben, welches verlangt, in neue Worte gekleidet zu neuer Pracht zu gelangen ~[/I]


...Tretet ein ~*


Kritik kann [URL=http://www.nachtwelten.de/vB/showthread.php?s=&postid=694637#post694637]** hIeR**[/URL] geübt werden...
SternenstaubZu Hause.

(für Tim)

Sie schlägt die Augen auf. Ein wenig desorientiert sieht sie umher. Es war nur ein kurzer Moment der Abwesenheit, doch ist sie völlig verwirrt. Sie streicht nervös ihr Haar zurecht - hatte sie es heute doch so mühevoll ausgewickelt und in Wellen an ihre Stirn gelegt...Sie riecht den Geruch ihres Haarsprays. Jede Locke sitzt noch. Doch für wen? Pour qui?
Sie ist allein. Wo war sie in dem Moment des Vergessens? Nirgendwo und überall. Nur nicht hier. Vielleicht war sie wieder in Frankreich- in dem Land mit der melodischen Sprache. Ach, wie gerne würde sie noch einmal über die Champs-Elysées spazieren. Doch ans Verreisen war nicht mehr zu denken. Gerade hat sie ihre letzte Arbeit verloren. Und sie besitzt nicht genug Geld, um zu reisen. Dabei hing sie doch so sehr an Frankreich. Warum, wusste sie selbst nicht. Vielleicht weil sie die Sprache immer wieder faszinierend fand...oder Paris...
Wo ist ihr Zuhause? Es ist nicht die Stadt in der sie nun ihr Dasein fristet. Nicht Berlin. Wenn sie wenigstens einen Ort hätte, wo sie zu Hause sein könnte. Einen Rückzugsort. Nein, es ist nicht die heruntergekommene Pension, in der sie schläft. Und auch nicht das Café "Unter den Linden". Doch hierhin kommt sie jeden Tag. Vielleicht, um Menschen zu beobachten, vielleicht, um das Gefühl zu haben, nicht ganz einsam zu sein. So lauscht sie dem Gelächter und der Gesprächskakophonie und denkt nach...über ihre Eltern, die sie im Stich ließen, als sie ihnen eröffnete, einfach Schriftstellerin sein zu wollen. Sie hätten zu gern eine Akademikerin aus ihr gemacht. Doch sie verließ das Haus bei Nacht und Nebel. Seitdem tingelt sie durch die Welt mit einer alten Schreibmaschine und hofft auf ein wenig positive Resonanz.
Nadeschda - "Die Hoffnung" in der russischen Sprache. Solch ein hoffnungsvoller Name. Ja, die Hoffnung schlummert noch in ihr. Manchmal. Doch eigentlich weiß sie auch nicht, worauf sie hoffen soll.
Sie schließt noch einmal ihre Augen. Auf einmal spürt sie, wie ein zarter Atemhauch ihr Gesicht streift. Sie sieht erschrocken in ein Paar blaugrüne Augen und rutscht tiefer in die Polster ihres Sessels.
Der Fremde lächelt sie an: "Entschuldige, wenn ich dich erschreckt habe. Ich bin Magnus!" Er drückt ihre Hand.
"Nadeschda" flüstert sie verwirrt. Seine schwarzen Haare liegen weich auf seinen Schultern. Er hat feine, fast adelige Gesichtszüge. Sie betrachtet ihn irritiert. Er setzt sich einfach zu ihr.
"Erzähl mir von dir, Nadja...." Sie ist so verblüfft von dieser Aufforderung, dass ihr die Luft wegbleibt. Sie zündet sich eine Zigarette an. Er sitzt ihr immer noch gegenüber. Nun streift er ihr Handgelenk mit seinen Fingerkuppen. Ganz sanft. Fast unauffällig. Sie macht den Mund auf, um zu protestieren. Doch stattdessen sprudeln Worte heraus. Gedankenfetzten, Abschnitte ihres Lebens...
Als sie fertig ist, sieht er sie immer noch an. Und ein Sonnenstrahl tänzelt in seinen Augen. Er beugt sich zu ihr und küsst sie sanft.
"Nun bist du dran" flüstert sie...
Sternenstaub"Die Puppe"

Heute hat sie sie auf dem Dachboden gefunden...hat den Staub von ihrem Gesichtchen gepustet...Ganz plötzlich hatte sie das Bedürfnis verspürt, sie noch einmal zu berühren, über ihre glatte Plastikhaut zu streichen...
Sie sitzt nun am Fenster und hält sie im Arm, sieht in die großen blauen Puppenaugen, die fast glasig wirken. Tiefblau sind sie. Die Iris der Puppe funkelt in türkisen Sprenkeln. Zart sieht sie aus. Zart und kindlich. Und von der Welt entrückt... Die Schmollippen sind so süß dass man sie am Liebsten küssen möchte. Sacht drückt sie einen ganz leichten Kuss auf die Lippen der Puppe und nimmt den vertrauten Plastikgeruch wahr. Ihre Avril. So lange war die Puppe bei ihr...
Doch nun? Was war geschehen in den letzten zwei Jahren? Sie sieht Avril an. Ihre ehemalige Gefährtin, die nun ihr Dasein auf dem Dachboden fristet...Es muss so sein...
Sie sitzt in ihrem Kinderzimmer, schaut sich die kleinen braunen Möbel an ~ und auf einmal wird ihr bewusst, dass sie hier nicht mehr hingehört. Doch ist sie eingezwängt in dieses Zimmer.
"Frei sein...frei sein..." Es hämmert in ihren Schläfen. Doch er und sie lassen sie nicht. Noch nicht. Immer soll sie das Kind sein. Und in dem süssen Zimmer bleiben...
Sie spürt einen Wind in ihrem Herzen, der immerf stärker wird. Die Windböen erfassen ihre Brust und wirbeln herum..."Frei sein...!!"
Der Wind tost und braust in ihr. Sie ballt ihre Hände zu Fäusten zusammen und schlägt Avril mit voller Wucht in ihr Puppengesicht. Es tut weh. Und eine große Delle ziert nun Avrils hübsche Wange. Die blauen Puppenaugen schauen so, wie immer. Avril kennt keinen Schmerz. Vielleicht ist es gut so...

In ihr wird es wieder ruhig. Der Wind hat sich gelegt.
SternenstaubWasserperlen

Wasserperlen perlen ab,
waschen den Körperschmutz fort,
doch der Seelenschmutz bleibt!

Kleine Dämonen flüstern,
strecken ihre Hände
immer wieder nach mir aus.

..."Du bist nicht gut genug,
nicht gut genug!" Ich höre hin.
Doch ich will nicht!

Möchte...fliehen...leben
Wasserperlen laufen fort,
verschwinden...doch ich bleibe.

...kämpfende mit mir selbst.
Schreie nach [I]Leben[/I],
nach RUHE in mir...
SternenstaubIch jage deine Schatten,
fange sie,
schlage sie,
bis sie verschwinden.

Und wenn sie wiederkommen,
halt ich dich fest,
schließe dich in meine Arme.

Sie haben Angst vor mir,
und flüchten...
SternenstaubKalte Finger
Eisblau
streichen
mit Eiskristallen.

Eisblau...

Winde
wehen über
mich.

Kristalle...

Hüllen mich
in Frost.
Ich zittere.

Frost...

Eiskristalle
verfangen sich
in der Kleidung.

Angst
macht sich
im Herzen breit.
SternenstaubSilberblau

Sie betrat den Raum. Leise, langsam, Schritt für Schritt. Ihre nackten Zehen hinterließen klitzekleine Spuren auf dem Laminatfußboden. Spur für Spur, Schritt für Schritt. Sie ging zum Bett. Das Bett war riesig. Silbern. Silberlehne, Silberbettwäsche. Das Morgenlicht tauchte alles in ein seltsames Blau. Silberblaue Lichtstreifen tanzten auf der Bettwäsche, verfingen sich, vermischten sich.

Nun stand sie am Bett. Silbergraue Streifen. Auf seinem Gesicht. Augen geschlossen. Er war schön. Zart. Seine schwarzen Haare waren durcheinander. Nicht gekämmt. "Ich muss ihm die Haare kämmen" , dachte sie. Strubbelhaare. Sein Mund war fein geschwungen. Ruhige Lippen in Licht getaucht. Friedlich. Sein nackter Körper, perfekt geformt. Sie beugte sich zu ihm. "Wach auf, wache bald auf, mein Herz." Sie strich über seine Brust. Glatte Brust. All die Nächte, ihr Kopf an seiner Brust. dann ihre Nase vergraben in seinen Wuschelhaaren.

Früher war das Licht golden. Wenn die Sonne schien. Dann spiegelten sich Sonnenstahlen in seinen grünen Augen. Dann zählte sie die Sprenkel, zählte die Lichtfunkeln.

"Wach auf, wach auf. Öffne Deine Augen, Herz." Silberherz. Er sah so ruhig aus. Ruhig, ruhig. Dabei hat er doch gebrannt, lange gebrannt. Das Feuer war schwarz. Unruhig. Gefräßig war das Feuer in ihm. Nicht sichtbar. Es zerfraß ihn still. Still.

Schwarz wurde zu Silber. Die Ruhe war eingekehrt.

Immer noch stand sie am Bett. Eine Stille Träne rann ihre Wange hinab. "Wach auf..." Sie küsste seine Augenlider, seine Brust, seinen Bauchnabel. Kühl. Grau. Er hörte sie nicht. Er fühlte nicht. Graue Stille. Kühle Stille. Immer und immer wieder küsste sie ihn, hoffend auf Regung.

Sie kamen. Kamen um ihn abzuholen. Sie richtete sich auf und stand da.
SternenstaubNebelwelt -

Es ist November. Einsam gehe ich durch die Straße, die Straße, die Du einst mit mir im Nebel beschrittest. Hand in Hand gingen wir damals, der Morgennebel senkte sich über uns, hüllte uns in graue Tröpfchen ein. Doch unsere Welt war trotzdem bunt. Das, was zwischen uns funkelte, erhielt uns. Es funkelte in tausend Spektren. Es waren Kristalle. Fragil und doch beständig. Fest aneinandergereiht.
So schritten wir durch den Nebel, verbunden durch die Erinnerung. Verwoben durch die Nacht, die uns zusammenführte. Kleine Schätze aneinanderreihte, kleine Edelsteine, im Licht der Nacht, im Feuer. Feuer, das den Nebel vertrieb.
Jeden November schreite ich allein. Und versinke in der Nebelwelt, in der an Deinem Platz ein Bildnis sich befindet. Ich schreite und das Bildnis steht still. Im Goldrahmen, verschnörkelt, lächelt mich Dein altes Ich immer wieder an. Lächelt auf die ihm eigene Weise.
Ich bin trotzdem in der Nebelwelt. Umfangen von kleinen Schlieren und Tröpfchen. Verlorene Jugend, verschollene Unbeschwertheit, die mit Dir fortgegangen ist und mich in der Nebelwelt zurückgelassen hat.
SternenstaubHerbst

...Es ist Herbst. Und früher war der Herbst herbstlicher. Bunter. Unbeschwerter. Geprägt durch einen Menschen, dessen Bildnis sich nun durch den Herbstregen wieder abzeichnet und sich in den Regentropfen zu mir schleicht. Nein, es ist nicht schon wieder ein Aufreißen der Wunden.
Vielleicht ist es die Erinnerung an den Herbst der Wunder, die keine waren. An mich, die nicht im Spiegel war. Somebody else.
Ich dachte es wäre wert zu kämpfen. Ich war die Kriegerin. Mit Rüstung und Schwert. Und er war der um den ich zu kämpfen bereit war. Ich sah nur nicht, dass das Schwert eigentlich auf mich gerichtet war. Ich war verblendet von dem Glanz vergangener Herbstzeiten, von Gitarrenriffs.
Die Klinge hat vieles hinterlassen. Graue Wolken, größere Risse. Und tausend Ängste. Auch die Angst, zu schwach gewesen zu sein. Verzerrt gesehen zu haben.

Und auch jetzt sehe ich verzerrte Bilder. Schlafe nachts schlecht. Zacken im Spiegel. Ich weiß nicht ob es nur die Angst vor der Prüfung ist.
Vielleicht wird es besser, wenn es Winter wird. Vielleicht wird der Neuschnee fiebrige Gedanken vertreiben und lindern. Vielleicht.
Sternenstaubdeep blue something.

Verschlungen, verwoben, vereint. Unendliche Weiten. Welten öffnen sich, scheinen und verlieren sich wieder, wechseln sich ab. Weltenspiel. Magiespiel. Tiefblau sind die Welten. Doch die Farbe variiert, vermischt sich zu Punkten, Sprenkeln, Cobaltgebilden. Wirre Bilder vereinen sich, springen auseinander und verschmelzen wieder, wirbeln umher. Wirbelstürme werfen Farbsprenkel, lassen blauen Staub rieseln.

Dein Sturm, mein Sturm. unser Sturm. Deine Augen sind tiefblau, Deine Iris - blau und riesig. Ich bin verschwunden in unseren Welten. Hineingeweht. Lass mich nicht heraus. Ich will zu Staub werden, umherwirbeln, tanzen. Im Wind, im Sturm.

Du löst Dich von mir: "Dieser Kuss..." Schaust mich entzückt an. Wieder in der Realität. Welten haben sich geschlossen. Es herrscht Ruhe. Doch alles wird wiederkehren, denn es schläft jetzt nur auf Deinen Lippen.

Wir werden wieder dort sein. Im blauen Wind.
SternenstaubAbîme...

Feuerringe umschlingen mich. Gelb- orange, lodernd, heiß. Verlieren ihre Form, finden sie wieder. Stürmen umher, verlieren sich ineinander. Heiß Ich stehe mittendrin. Feuer um mich herum. Berührt mich. Hinterlässt Spuren auf der Haut. Weiße Haut wird rot. Rot und wund. Ich verbrenne. Und tue nichts dagegen. Nackt stehe ich da. Mit aufgerissenen Augen...“Schau hin, schau hin, sieh die Farben, das Gelb, das Rot.“ Flüstern. Brennen. Ich zittere. Bestimmt ist es bald vorbei. Mein Arm wird von rot zu schwarz. Ich fühle ihn nicht mehr. Nichts fühlen. Schwarze Schlangen kriechen an mir hoch... bald...bald... Gelb- orange, rot...schwarz. Bald...

Stille...
SternenstaubKreisel

Auf Zehenspitzen schreite ich durch den Raum, immmer und immer weiter. Nicht aufhören, Kreise drehen...Kreise. Auf Zehenspitzen tänzeln...ich drehe mich. Meine Füße sind in Bewegung.- Tapp-Tapp-Tapp. Auch in mir dreht sich alles. Ich bin ein Kreisel. Ich umkreise den Raum. Und mich selbst. Um den Hass...um den Schmerz, der mich durchströmt. Kein Entkommen gibt es. Kreisen...Tapptapp. Stumme Schreie, nackte Füße auf kaltem Boden. Von den Füßen steigt die Kälte in den ganzen Körper. Wortfetzen. Hallen in meinen Ohren. Flüstern. "Du hast Deinen Stolz verloren, verloren, Dich verloren in dem Kampf um Gefühle, die keine mehr waren. Wo waren Deine Augen? Haben sie nicht gesehen, dass Du nur noch ein Körper für ihn warst?" Seelendreck - Seelendruck...
Ich will perfekt sein. nicht gebrochen. Es geht nicht schnell genug. Nie schnell genug...Der Kreis ist da. Und er wird noch lange da sein. Tapptapp!
Doch irgendwann werde ich ausbrechen - mit der Zeit, vielleicht...
SternenstaubWegkreuzungen

Ich kehre an meinen Platz zurück. Die Frau, die auf meine Sachen aufpasste blickt lächelnd einen schlanken jungen Mann an. Er muß zugestiegen sein. Trägt eine "Franzosenmütze" und ist fast ganz in Schwarz gekleidet... Wo er wohl herkommt? Vielleicht direkt aus Paris. Vielleicht saß er dort am Montmartre und malte Bilder, brach dann aus Langeweile auf in die große weite Welt. Nun ist er da. In dem Zug, der durch das Sauerland fährt. Was er wohl denkt? Er sitzt der Frau gegenüber. Sie trägt einen orangen Pullover und wirkt blass. Etwas älter. Sieht aus wie eine Hausfrau. Sie unterhält sich leise mit dem jungen Mann. Dann nimmt er ihre Hand und streichelt diese sanft mit seinen Fingerkuppen. Lächelt immer und immer wieder.
Ich möchte gern wissen, worüber die beiden sprechen. Doch ich sitze zu seitlich von ihnen weg und verstehe nichts.
Vielleicht ist es Sehnsucht. Sehnsucht, die den Mann hierhin getrieben hat, aber auch Sehnsucht der Frau, aus dem Alltagstrott herauszubrechen. Und nun sitzen sie dort. Er streichelt immer noch ihre blasse Hand. Immer und immer wieder. Ganz sanft.
Vielleicht denkt er an ferne Welten, lächelt sanft, lÄchelt traurig, als die Sehnsucht sich in sein Gesicht legt. Die Frau lächelt auch.
Doch sie muß aussteigen. Er flüstert etwas von "Phone number". Sie verneint. Schaut sehnsüchtig. Aber verneint. Geht zur Zugtür. Er geht ihr hinterher, verschränkt die Arme und schaut traurig. So traurig.

Auch ich muß aussteigen.
SternenstaubHochromantisches Sonett

Im Lichte tausender von Kerzen
Umhüllt das Wasser uns ganz sacht,
Dies ist die Stunde der zwei Herzen,
im Badeschaum durch die Nacht,
da liegen wir ganz engumschlungen,
während die Tropfen warm und still,
umschmeicheln, Haut, Haar und Zungen
und ich weiß, dass ich dich will,
tief in mir drin will ich dich fühlen,
während die Nacht ins Wasser fällt,
will dich mit meinem Mund zerwühlen,
in dieser wunderbaren Welt,
Ich flehe, lass mich nicht allein,
mein holder, wunderbarer Wein...




[SIZE=1]für einen Unicum - Wettbewerb zum Thema 'Badewanne'[/SIZE]
SternenstaubAhornbaum

Vor dem Fenster ihres Zimmers war ein riesiger Ahornbaum. Er war alt. Vielle Risse waren in der Rinde. Und im Sommer waren die Blätter des Baums fleckig. Sie liebte den Baum. Jeden Tag saß sie vor dem Fenster und beobachtete, wie die Blätter sich im Wind wiegten. Sie stellte sich vor, wie es wäre, ein Teil dieses Baums zu sein. Ein Blatt, oder ein Stückchen Rinde. Älter, weiser. Und vielleicht auch sorgloser. Die Baumrinde dachte nie. Vielleicht fühlte sie nur den Wind auf sich. Den Wind...
Es war Herbst. Wieder saß sie vor dem Fenster und beobachtete den Baum, träumte und träumte, verlor sich. Auf einmal sprang sie auf, holte ihren Mantel, ging eine Treppe herunter und fand sich im Garten wieder. Es war ihr Garten. Zumindest, wenn sie träumte. Ihr wilder, lebendiger Garten mit dem alten Baum, dessen alte Blätter sich braunrot im Wind wiegten.
Sie machte zwei Schritte. Dann fing sie an, sich im Kreis zu drehen. Sie war frei, war frei, es war ihr Garten. Ihr Baum. An diesem Nachmittag gehörte die Welt ihr, nur ihr allein. Ihre braunen Haare wehten im Wind. Sie schloß die Augen. Drehen, drehen...
Ganz plötzlich packte jemand ihre Hand. "Warum bist du hier? Es ist Medikamentenausgabe! Komm mit!" Jemand zerrte sie in die Realität zurück. Doch sie wollte nicht, wollte frei sein. Ganz frei. Mit dem Garten und dem Baum. Doch der Handgriff wurde fester. Sie versuchte, sich loszureißen, trat um sich. Doch schließlich wurde ihr Körper gepackt. Sie ergab sich, wurde hineingetragen. Tränen ließen sie nicht klar sehen...
Und ihr Baum, ihr lieber Baum schaute still zu. Er wußte, dass sie wiederkommen würde, solange sie da war. Um die Träume zu träumen, welche kein Valium zu stillen vermochte
Sternenstaub[COLOR=74676]Spieglein, Spieglein an der Wand.

An fünfzig Wänden, immer und immer wieder....Sie läuft. Läuft, versucht Gänge zu finden, einen Weg zu finden, einen Weg hinaus. Aus dem Kabinett will sie fliehen. Noch ein Gang, noch ein Versuch, Spiegel, Spiegel. Sie presst ihre Hände an silbrige Oberflächen. Und das Bild. Ihr Bild. Immer wieder tastet sie mit den Augen ihr Abbild. Spieglein, Spieglein. Der Spiegel zeigt traurige Augen, die salzig schimmern. Kleine Tränenkristalle im trüben Licht des Kabinetts. Auf einmal flüstert es überall. Das Flüstern verfolgt sie. 'Wer bist du, du bist gefangen, gefangen, du kommst nicht heraus, nie wieder heraus, nie wieder'. Dämonisches Lachen umfängt sie, schrille Töne.

Dann ertönt Musik. Leise Musik: "Vita, vita nostra, tellus nostra, vita nostra" Die Ironie der fröhlichen Chorstimme umfängt sie. Und sie rennt weiter, Haare zerzaust. Tränen in Sicht. Ihr Leben, ihr graues Leben. Silbrig wie die Spiegel, doch trübe. Trübes Licht erhellt den Raum, eine schmutzige Glühbirne spendet trübe Lichtschimmer. Rennen, rennen. Weiterrennen. An Spiegel stoßen, diese mit den Fingern abtasten. Vielleicht ist dahinter ein Geheimgang. Vielleicht, vielleicht...
Kein Gang, kein Ausgang, ein Kreis. Tastende Finger. Wieder Schreie. Hysterisches Lachen.

Spieglein, Spieglein. Die tastenden Finger werden zu einer Faust. Zusammengeballt. Sie holt aus. Hinaus, hinaus. Schlägt zu. Blut überall. Rot auf Silber, Silber auf rot. Düsternis.[/COLOR]
SternenstaubSchwarze Schlangen kriechen meine Haut entlang. Schlängeln sich um jede Pore. Kälte weht in mich. Um mich. Umfängt Herz und Seele. Mein Atem verwandelt sich in kleine Eispartikel, entweicht immer und immer langsamer, kristallisiert sich.
Ich liege nackt in einem grau - düsteren Raum. Es wird immer kälter. Die Schlangen kriechen langsamer, scheinen mit mir zu erkalten, kalte, glitschige Körper auf mir, Frost innen, überall. Sekunde für Sekunde entweicht das Leben, wird zu Funkelkristallen, entweicht, entweicht. Und die Seele tritt heraus, breitet ihre Schwingen aus und schwebt empor.
SternenstaubManuel

Der graue Morgen ergoß sich über die stumpfe Kleinstadt. Jalousiengeräusche tönten durch Wände, es roch nach Nebel, nach den Brötchen aus der Nachbarbäckerei, nach Busgeräuschen und Kindern, die zur Schule rannten.
Sie hüllte sich in ihren bunten Schal, schnürte ihre Stiefel und machte sich auf den Weg zur Bushaltestelle. Die Tristesse des Alltags machte sich breit. Doch gleich würde sie Manuel sehen. Er würde sie umarmen, gleich am Bus und ihr sagen, dass er Lächeln im Nebel sehen kann und Sterne, nur für sie, und dass er ihr diese gerne schenken würde.
Sie stampfte los und dort stand er. Ihr Manuel, ihr bester Freund. Mit strubbeligen braunen Haaren und einer zerschlissenen Jeans. Seinem Lächeln, dem Lächeln, das ihr den Tag versüßte.
'Hi, na, wie geht es Dir?' Sie schmiegte sich zur Begrüßung an ihn. Er lächelte. Sprach sehr wenig, wie immer, meistens redete sie. Davon, dass sie in der Schule allein sitzt, von den coolen Cliquen und den Lehrern. Vom Alltag. Er hörte zu, er hörte immer zu. Stand da, rauchte dabei. Immer, bis der Bus kam. Und nach der Schule holte er sie ab und brachte sie bis zur Haustür. Sagte, dass er Feuerfunken im Nebel sieht. Wärme, die ihr den Tag versüßen soll. Immer. 'Mein Manu, mein bester Freund', flüsterte sie immer und immer wieder, umarmte ihn.
Passanten schauten seltsam. Sie verstand nie, warum diese Freundschaft nicht akzeptiert wurde. Dabei kannten sie Manu nicht.


"Schau da, das Mädchen schlingt wieder die Arme um ihren Körper, sie umarmt sich und spricht dabei. Wie jeden Morgen", sagte eine Passantin und ging einkaufen. "Das arme Kind..."
SternenstaubVer - trauen.

Trauen. und Ver-
- gessen das Miß - trauen.
Ver - sinken in Dir ohne Ver-
zweifeln und nicht ver-
ängstigt ver - suchen zu ver-
drängen.

Ich habe es einmal ver-
lernt. Doch ich werde ver-
suchen.
SternenstaubTraum - los

Es war einmal ein Traum. Er wurde von zwei Menschen in den schönsten Farben angepinselt. Sie schmückten ihn mit bunten Farben, die im Licht schillerten, sich spiegelten und kleine Kristalle produzierten, kleine Glitzerschätze von undenkbarer Schönheit. An dieser Schönheit erfreuten sie sich, ließen sich von ihr leiten, monatelang wies sie ihnen den Weg. Sie wollten den Traum halten und für ihn kämpfen, weil er ihnen den Weg wies. So hofften sie, malten weiter, schritten. Schritt für Schritt. Unermüdlich.

Doch haben einige graue Buchstaben ihren Traum zerstört. Eine Nadel brachte die Seifenblase zum Platzen. Einfach so. Grau auf weiß. Buchstaben, Striche. Und doch genug. Genug.
SternenstaubRealität im Bild

Sie trug
ein zerschlissenes Hemd.
Kariert. Mit Grau.
Mit rauhen Händen
malte sie.

Öl auf Leinwand.
Schwarze Locken,
blaue Augen.
Feine Linien.

Pinselstrich
für Pinselstrich.
Das Bild von ihm.

Im Prozeß
begann das Bild
zu bröckeln.
Zerfall.
SternenstaubStrich- Liste (19.1.05)


[I]Nur noch 1095 Tage.
Ungefähr. Bis es ist. Bis Flügel
wachsen, Schwingen sich
formen, ich sie ausbreiten
kann. [/I]

Denkt sie. Malt.
Imaginäre Striche
an weiße Wände.
Schwarz auf rauh - weiß.
Jeden Tag eine Linie.
Dünn und klein.
Ein Stück Seele verliert
sich in Tapetenwänden.

Nur die Linien
sieht sie klar.
Die Frage ist,
wieviel bleibt,
wenn die Zeit
verstrichen ist.
SternenstaubSelbstverschuldeter Obsoletismus (Familienfeier) (23.4.05)

Gekommen aus Pflicht, sich dort zu zeigen,
die Hypokrisie ermüdet das Sein.
Ich will nicht mehr heucheln. Ich möchte nur schreien.
So falsch geliebt, und doch wahrend den Schein.

Lachende Fratzen flüstern fanatisch,
nichts ist angemessen und niemals genug,
Mit leer-kalten Augen seh’ ich apathisch,
auf gähnendes Grinsen in Lug und in Trug.
SternenstaubKubus.

Ich dachte, die Wolken draußen wären weiß und weiß, der Himmel blau, so blau, dachte ich, hellblau, sodass es um mich hell werden würde, hell und wärmer. Das Glas war kalt, nein, nicht ganz kalt, eher kühl und ein wenig eisig, wie leichter Frost. Es war glatt, dachte ich, das Glas. Wenn meine Hand darüber strich, fuhr die Kühle in die Fingerspitzen, das Herz war noch warm, wie lange noch, dachte ich, wie lange? Durchhalten, flüsterte ich, durchhalten, aushalten die Kälte, aushalten in den Glaswänden, es gibt kein Entrinnen aus dem Frost. Nicht schlagen, flüsterte ich, es würde bluten, bluten in roten Tropfen, Wunden. Der Himmel färbe sich rot, wie meine Hände. Die Realität lauerte außerhalb der Glasmauern, vielleicht war er nicht blau, der Himmel, vielleicht würde alles purpurrot, wenn ich es versuchte, dachte ich, purpurrot, gefärbt.
So saß ich in den Kältewänden, Tag um Tag. Saß und starrte, dachte mich im Kreis, im Kreis, im Kreis. War nicht doch irgendwo Hoffnung? Ich flüsterte, strich mit kühlen Fingern über kühle Wände, voll kühler Verlockung zu bleiben. Es musste nur ein Schlag sein, doch ich blieb. Träumte mir den Himmel. Träumte mich durch das Glas hindurch...

Irgendwann. Würde ich. Schlagen. Zum Himmel. Rot. Gefährlich. Frei.
SternenstaubFrüher Morgen

Ich starrte auf seine Glatze. Poliert war sie. Eine Blutspur war in der Mitte sichtbar. Lang und rot. Wellenartig. Blutwelle am frühen Morgen. Er schrieb. Konzentriert malte er kleine Buchstaben auf das Papier. Ob er auch mit Blut schrieb? Glatzenblut?
Vielleicht hätte er sich waschen sollen. Mit Wasser. Duschwasser. Plitschplatsch. Wahrscheinlich hatte er keine Zeit. Er stank lieber. Stank und malte Buchstaben. Schweiß. Beißend.
Ich stellte mir vor, wie grüne Fliegen auf seine Glatze krochen. Grün und glänzend. Mit filigranen Beinchen. Labten sich an dem Blut. Lecker Blut.
Sie krochen leise umher. Surrten ein wenig. Krabbelten um das Blut. Um die Welle.
Der Morgen floss dahin.

Ich kotzte auf den Tisch. Zu spät.
Sternenstaub[COLOR=orangered]Feuer: rot.[/COLOR]

Flammen lodernd perlt der Schweiß
tief in meine wunde Seele,
rasend Stürme, wilde wehend,
feuerrot und sengend heiß.

Du verschlingst mit Deinem Munde
meiner Schüchternheit Moment.
Haut an Haut, Stund an Stunde,
Erde schwindet, Seele brennt.
SternenstaubWird. (30.10.05)

Grau ergießt sich der Nachtnebel über
das Schlafgemach, fühlend liegt sie
dort, versinkend im Halbschlaf, der sie
warmhalten sollte. Warm. Halten.
Brücken brachen, rieselten in den Nebel.
Steine. Kalt. Irgendwo.

[I]Es ist kalt. Wind weht. Nebel weht Wind.
Warum ist es kalt geworden?[/I]

Eventuell war es die Wahrheit,
dachte sie, die Wahrheit. Keine Angenehme.
Glitschig grüne Wahrheit war es. Kalt.
Grün. kotzgrün. Sie kriecht über ihren
Körper, unerschütterlich kriecht sie weiter, hält
Einzug in die Seele. Kalt. Glitschig.

[I]Morgen. Früh. Sonne.
Wird besser. Besser wird. Vielleicht. Wind.[/I]
Sternenstaub[I]Angst essen Seele auf...

-Eins-[/I]

Hinunter.
dans l' abîme.
Siehst Du mich? Stehe da. Ich verliere.
Zähne fallen aus, klackern, Wind weht sie hinunter in das Nichts. Schritt für Schritt wird bewußter, dass ich sie nicht mehr wiederfinde. Wer sollte sie mir einsetzen. Zahnfleisch klaffend, rot. Kann ich ohne Zähne Worte spucken? Ich kann es weder noch.
Fehlgeleitete Versuche. Fehlgeleitetes Ich, glühende Augen, doch leere Gesten. Zähne fort. Abgrund öffnet, ich sehe hinein, schwarz. Zähne nicht wiederzufinden. Worte somit auch nicht. Wut, Einsamkeit. Doch Stille. Ohne Zähne bin ich häßlich, äußerlich. Vorher war nur die Intraperspektive nicht zu ertragen.
Find. Dich. Ab.

Ich drehe mich um, gehe irgendwohin um Babybrei zu kaufen, den man nicht kauen muß.
Sternenstaub[I]Angst essen Seele auf[/I]

-Zwei-

Jeder Tag gewinnt an Relevanz, mit dem Vergehen der Monate rückt der Tag X in unmittelbare Nähe, denke ich, essen Seele auf, Zeit frisst Seele, Seele mit Löchern bedeckt, schwarz-rot, faulig, blutig, alles, Tanz am Abgrund, ohne Zähne, ohne Hoffnung, faulige Gedanken, Zerstörung, Verfall, denke ich, Verfall.
Die Zähne sind weg. Was kommt nach der löchrigen Seele? Ich möchte Pflaster kleben, Pflaster mit Heilwirkung, mit Aloe Vera, keinen Plan, keine Heilung.
Anscheinend ist es zu spät, zu früh, zu alles, Verlorenheit in der allgemeinen Unsinnigkeit des Seins, Verschleiß des Herzens, Seele müde, zum Schlafen keine Zeit, kein Weg, kein Ziel, kein Nichts, die Leere, denke ich, die Leere ist, was bleibt, doch ist die Leere, ist sie? Leere existieren in Seele.
SternenstaubDer rote Knopf. (Sommer 05)

[I]Sexualität sorgt für Konkurrenz und Komplexe. Sie wurde abgeschafft für ein friedliches Miteinander ohne Nötigung, Vergewaltigung und Perversion. Sexuelle Handlungen werden mit lebenslangem Freiheitsentzug bestraft. Der rote Knopf sieht alles. [/I]

Sie starrt auf das Plakat. Es ist weiß. Mit roter Schrift. Rot, wie der Knopf an ihrem Handgelenk. Rot. Farbe der Gefahr. Der Liebe. Sie weiß, was ihr droht.
Er wartet auf sie. Im Hotel. In einer Stunde. Der rote Knopf sieht alles. Ihn. Sie. Der Knopf ist seit fünf Jahren da. Rot. Am Handgelenk. Die Farbe der Aggression .
Seit einem Jahr kennt sie ihn. Ist aggressiv, weil sie ihn nicht riechen. Nicht fühlen kann. Gefahr auf Lebenslang.
Doch nun will sie. Ihn. In ihrer Tasche: ein Messer. Falls die Männer kommen. Klinge rot. Sie läuft. Alles egal. Tierische Sehnsucht. Zu lange verdrängt.
Er wartet. Begrüßt sie. Kuss. Lippen rot. Streicheln. Haut. Nackt. Die Knöpfe blinken. Er in ihr. Ein Heulen zu hören. Aktiviert durch den Schweiß.
Sie ist trotzdem glücklich. Hört nicht hin.
Zwei Männer klopfen. Brechen dann die Tür auf, zerren sie außeinander. Schleppen fort. Sie wehrt sich. Trifft einen der Männer an der Kehle. Blut spritzt. Rot.
SternenstaubSüdenlich. (8.11.05)

Lavendel. Provence. Kleine Lädchen, Promenaden, die sich am Quai erstrecken, Geruch in der Nase, sanft, samtig, der Geruch, das Meer sehen, alles.
Flanieren mit Jean, Jean, der nach Meer riecht, Haare küssen, schwarze Haare, Samtgeruch, Salzgeruch, Salz und Sand, rieselig, hindurch, durch Nase und Finger, warm, so warm, lavendelwarm, sanft.
Jean. Meer.
Mehr Meer, mehr Meeresluft, in kleinen Geschäften Muscheln kaufen, atmen, einatmen das Salz. Süden, dachte sie, Wärme, südwarm.
Süd-warm. Das war es. Genau das Glück. Rieselig, fast diesig, warm und ein bisschen undefinierbar, wie das mit Jean. Sie seufzte, leise, sacht.

Es war nur der Schal. Er war lavendelfarben, er roch nach Lavendel, der Schal, sanft und samtig, seidensamtig, Seide, wie die Haut von Jean, der nur in ihrem Schal wohnte, mit dem Geruch, genau, wie das Meer
SternenstaubKotze, Pisse, Nachtwut (22.11.05)

brechen auf geduldiges papier,
es muß nicht die kotze aufwischen,
adern schwimmen lange nicht mehr hier,
was verfickt habt ihr euch einzumischen?

grüne kotze auf neutralem weiß
hilft den blauen wahnsinn zu besiegen,
nicht ersparte eklige details
sie ist weich und eingekreist von fliegen.
SternenstaubLieder in Blutrot (13.11.05)

Sing mir Lieder in Blutrot,
ziehe Krallen durch die Haut,
stürze mich in Nebelwände,
fernab von der Relevanz.

Sing mir Lieder in Blutrot,
solange die Zunge züngelt,
sie kann träumen, doch wie lange?
verdorrt von der Realität.

Der Himmel ist türkis,
halte ihn in Händen,
sing mir Lieder, hocherhitzt,
bald wird der Kühlschrank geliefert.
SternenstaubOhr (22.1.06)

Finde Samt in meiner Haut,
schwinge Dich im Nebel vor,
flüster leise, flüster laut
klebe fest mein totes Ohr.

Denn es ist schon längst zerfressen,
glitschig von dem Lügenmoor.
Grünlich lächel ich besessen,
rette, rette mir mein Ohr
SternenstaubSperm of thoughts/ Go swallowing


Liège (L.) (15.4.06)

Blaue Iris Deines Augs
webte hoffnungslos
ins Nichts, schwarzes
Glänzen eines Haares
brach in meinen
Fingerspitzen,
durchgesichtig
verblasst du
im Gedankengeäst.

V.o.i.d (1.5.06)

Plattenbau mit Wolkenriss,
Türme in Beton.
Wann kommt Wind?

Tanzend zu Französischblues
puste ich Espenlaub atmend
Blumeleben aus.


Amnesy (17.5.06)

Break my circle.
Could you be?

Wished amnesy refused.
error swapping
into me

system down
some agony


Spontan (16.5.06)

leeres blatt papier
weiß wie langeweile
stumm gekotzte
angstgedanken

will worte wiedergeben.
willen will warten.
SternenstaubZoya

Er kommt zurück.
Plattenbau. Kindheit, dunkle Flure, alles. Am Rande der Stadt. Trübe Lampen vor dem Eingang tauchen die Umgebung in ein nebeltrübes Licht, gelblich trüb, schleierig.
Er betritt das Gebäude, dunkler Boden, trüber Staub. Weißes Hemd. Geruch einatmen, Staub und Moder, Geruch der alten Zeit von damals, als Oma noch gelebt hat, Oma Zoya mit dem bunten Kopftuch, den faltigen Händen, die immer nach russischer Handcreme rochen. Früher ist sie mit ihm Fahrstuhl gefahren. Der Fahrstuhl war braun mit Kratzern und eingeritzten Buchstaben, Mascha liebt Sascha.
Oma Zoya drückte auf den obersten Knopf, immer wieder fuhr mit ihm herauf und herunter, und sagte, es wäre eine Reise, Reise zu den Wolken und wieder zurück. Er war sechs. Handcremehände auf den Wangen, zu den Wolken. Weich.

Er drückt auf den Knopf, fährt bis nach oben, steigt kurz aus, verweilt.
Oma Zoya hat immer gesagt, er soll doch Arzt werden, ihr Junge, schlanker Arzt im weißen Kittel, wolkenweiß und klug. Sie selber, sagte Oma immer, habe nichts gelernt, schnell geheiratet, Kinder großgezogen, drei Kinder, alle fein. Aber der Junge solle Arzt werden, unbedingt, dann würde sie immer zu ihm kommen, wenn ihr etwas wehtut. Er wollte nie Arzt werden, lieber Maler, irgendetwas Kreatives, doch Oma war dafür nicht zu begeistern, sagte, er sei meschugge und pfiff durch die Zähne. Dabei schaukelte ihr geflochtenes graues Haar energisch. Nach den Fahrstuhlausflügen wärmte sie Pelmeni auf, Teigtaschen in Butter. Der Dampf stieg zur Decke der kleinen Wohnung mit cremefarbener Blumentapete, stieg und wärmte die Luft, Buttergeruch breitete sich in der Nase aus, heimisch, „Iss, mein Junge“, sagte Oma sanft und er biss in den Teigmantel, immer wieder. Danach erzählte Oma Phantasiegeschichten, über hässliche Zwerge mit Schwertern und schöne Zarentöcher am Hof. Mit offenem Mund hörte er zu. Hörte und staunte, versank in St. Petersburg oder im Zauberwald, während Zoyas Cremehände über seine Wangen strichen.
Manchmal musste er ihr alltägliche Dinge erklären, als er älter war. Sie vergaß, dass eine Zwei in Deutschland eine gute Note war und schimpfte ihn versehentlich, weil es in Russland ein umgekehrtes Notensystem gab. Dann sprach er sanft mit ihr, sie fluchte schelmisch und schüttelte mit den Zöpfen, die sich im Takt der Kopfbewegungen wiegten. „Aber Du wirst doch Arzt, mein Junge..“, fragte sie immer wieder hoffnungsvoll. „Ich weiß nicht“, antwortete er zaghaft. Er wollte Zoya nicht enttäuschen. Nie.

Er fährt in den dritten Stock.
Brauner Fahrstuhl. Und doch eine Fantasiekutsche. Nicht auf dem Rückweg. Jede Woche musste er doch wieder nach Hause. Zoya brachte ihn zum Bus, nahm sein Gesicht in ihre faltigen Hände und drückte ihm Küsse auf beide Wangen. Er wollte nicht. Zu Hause ergoss sich die Realität in Schreien über ihn, Mutter schlug Vater, Vater schlug Mutter. In der Spüle stapelte sich schmutziges Geschirr. Er saß in seinem Zimmer, malte Bilder, wartete auf einen Tag bei Zoya und träumte sich umher. Das Geschrei war nebensächlich. Irgendwann.

Er steigt aus dem Fahrstuhl.
Die Wohnung steht schon so lange leer. Die holzbraune Tür verschlossen. Vor zehn Jahren ist Zoya gestorben, an Altersschwäche, das Herz hat aufgehört. Manchmal wünscht er sich, er wäre doch Arzt geworden. Dann hätte er ihr Tabletten verschrieben und sie wäre noch da. Der Gedanke schleicht sich manchmal ein.
„Ich habe ein Kinderbuch herausgebracht,“ flüstert er. „Mit Bildern von Zwergen, Schwertern und natürlich einer Zarentochter, die gerettet werden muss.
Es hätte Dir bestimmt gefallen. Bestimmt.“
Er fährt herunter, verlässt das Haus, die Plattenbauten, alles. Bis zum nächsten Mal. Dann mit seinem Sohn. Es wird Zeit, dass er ihm dem Wolkenweg zeigt.
Wird Zeit.
SternenstaubQuotidien (ungenauer Haiku) (5.4.06)

Draußen herrscht Katzenmord,
Schreie schrill vor Fenstersimsen.
Aufzug in blau kaputt.


(suivant amour de terpentin) (24.4.06)

Schienen gleiten nirgendwo,
Küsse in den Bahnhof
asphaltiere ich.
Sternenstaub[I]Angst essen Seele auf

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Wir wollen das Leben nicht/Es muß gelebt werden.
Thomas Bernhard - "Die Macht der Gewohnheit"

Es zerbricht langsam, das Leben, die Zuversicht, gleitet davon in Momenten am Ende des ausgeglichenen Zustands, es schleicht sich vorbei und ich kann es nicht halten, immer noch nicht. Ich will es doch. Und nicht. Ich bin ein Opfer meiner eigenen Inkonsequenz. Infantile Angst.
Die Zukunft ist verschwommen, die Gegenwart schwächend, die Finger werden langsam eiskalt, Fingernägel splittern, ich kralle sie in die Tischkante und hoffe auf eine Lösung jenseits des Wahnsinns.
Alte Zeiten. Eigentlich entfernt. Und doch im Traum präsent, flüsternd. Gedanken, Geräusche, Worte, alles mischt sich zu einer Kakophonie aus Chaos, verändert die erschöpfte Perzeption.
Ein Tag. Was ist ein Tag? Vielleicht wird es morgen einfach besser. Die Hoffnung bleibt.
SternenstaubKino

Das Café hatte salatgrüne Wände. An den Wänden hingen bunte Bilder, Farbkleckse in rot und gelb, mit schwarzen Streifen dazwischen. Schwarze Streifen. Ja.
Sie wartete auf ihn. Zündete sich eine Zigarette an, blies kleine Kringel in die Luft. Es wurde Frühling, die Luft war sonnentrunken, pollentrunken, aufgewärmt.
Aufgewärmt.
Heute nicht mehr.

Sie kannte ihn zwei Monate. Aus dem Zug. Es war der ICE gewesen. Er hatte sie angesprochen, sie hat gelächelt und schüchtern an rotlackierten Nägeln gekaut, gelächelt und ihn angesehen. Er hieß Malte. Malte malte Bilder, Bilder in Farben mit expressionistischem Ansatz. Irgendwann wollte er berühmt werden. Bis dahin war jedoch noch Zeit. Sie sagte ihm, sie verstehe nichts von Kunst. Er sagte, es wäre ihm egal. Ihre Augen wären wie grüner Samt, sagte er. Er würde gerne den Samt küssen. So begann es. Es begann wegen der Augen.
Wegen des Films.
Der Film war einfach chic. Zwei Stiefgeschwister wetteten und intrigierten. Alles spielte in New York. Endete tragisch. Es war ein exzellenter Soundtrack und einfach hip. Man musste eine Gemeinsamkeit haben. Sie nahmen den Film. Jedes Wochenende zitierten sie, wunderten sich, dass sie die Dialoge nachsprechen konnten. Dann schliefen sie miteinander und schliefen danach ein.
Er küsste ihre Augen. Sie küsste seine Haare, die sich in Locken um ihre Fingerkuppen bogen. Samt und Locken. Und der Film. Er versuchte von Kunst zu sprechen. Die Worte verloren sich in ihrem Schweigen. Noch ein Wochenende. Film. Malte malte leere Worte. Sie hörte nicht hin. Bemühte sich, ihm etwas zu erzählen, sprach gegen Mauern. Irgendwann über den Film.
Heute nicht. Sie holte einen Stift und kritzelte etwas auf die Serviette.
„Our passion’s spent.“

Malte schritt graziös durch die Tür. Sie drückte ihre Zigarette aus und stand auf. Das Café war grün. Sie ging an ihm vorbei. Vorbei.
SternenstaubBlinde Kuh

Als Peter aufstand, blinzelte er mitten in ein helles Gelb hinein. Die Sonne schien. Peter freute sich, denn gleich würde er mit Fabian und Tobi draußen spielen gehen. Fabian war toll. Er hat ihn im Kindergarten zum Spielen eingeladen.
„Endlich spielen gehen!“, dachte Peter. Er war oft allein.
Es war wegen dem Bein, das Bein war böse, es lief nicht so. Selten wollte jemand mit Peter spielen, denn Peter konnte nicht so schnell laufen.. Doch heute würde es klappen. Heute, heute, heute.
Peter zog sich an, schnappte sich ein Brötchen und sagte seiner Mama, dass er mit Fabian spielen geht. Mama schaute besorgt. „Pass auf dich auf...“, sagte sie.
Am Spielplatz warteten Fabian und Tobi. „Hallo Peter!“ riefen sie, „Wir haben schon auf dich gewartet!“ Fabian wollte sofort anfangen zu spielen:
„Wir spielen heute Blinde Kuh“, erklärte er.
„Na dann los!“
„Du bist die Kuh“, sagte Tobi.
Peter wurde mulmig zumute, doch er wollte trotzdem mitmachen. Immerhin hatten die Jungs ihn eingeladen. „Na dann los“, murmelte er.
Fabian verband ihm die Augen und drehte ihn zweimal.
„Such nach uns!“, riefen die Jungs im Chor.
Peter hörte, wie sie wegrannten. Er machte einen Schritt. Wie immer zog sich das Bein.
„Wo seid ihr?“ rief er, „Ich finde euch!“
Er versuchte, nach links zu laufen.
Nach einem Schlag von hinten verlor er das Bewusstsein. Ein Lachen war zu hören.
Sternenstaubmetallic romance

Auf der anderen Straßenseite war eine purpurrote Landschaft. Rot mir Silberstreifen am Horizont. Vielleicht auch ein wenig orange. Eine Ebene erstreckte sich vor mir. Mit Bäumen aus Metall. Ihre Blätter waren filigran und silbern. Ich konnte sie fast im Wind hören. Metallisch. Klingklang. Das rote Gras bewegte sich sanft. Ich fühlte mich gut. Frei wie der Wind.
Ich sah mit großen Augen. Einen Punkt auf der anderen Seite. Er wurde größer. Klarer, silbern. Ich machte ein paar Schritte über die Straße. Sie kam auf mich zu. Ich sah mit großen Augen. Sie war wunderschön. Ich konnte mich in den Wölbungen ihrer Brüste spiegeln. Ihre Augen waren lebendig. Von einem Himmelblau. Himmelblau und Metall. Sie schlang ihre rohrartigen Arme um mich und küsste. Der Kuss war kühl. Und doch ein wenig menschlich. Ich stellte mir vor wie es sei, in die Metallfrau einzudringen. Stück für Stück. Metall um meine Haut. Ein Hauch von Gänsehaut durchfuhr den Körper. Bald würde ich sie besitzen...JETZT...!

„Guck mal, Peter umarmt eine Straßenlaterne. Wieder Pilze gefressen, der Alte..“
„So will ich niemals enden.“
Sternenstaubétoile. (Juni 06)

Spalte meine Zunge
mit der Deinigen.
Sie wartet. Streue
blauen Mohn
über meinen Körper,
bis wir uns lösen
im Glanze
des glühenden Sterns.

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