| FallenSisko | Ich denke das diese Rede bedeutend für die Geschichte sein könnte. Etwas das nicht im Nebel so schnell wieder verschwinden sollte. Zitat spiegel.de: Mit einer spektakulären Aktion hat US-Gouverneur George Ryan seine Amtszeit beendet: Er schenkte den 167 Todeskandidaten, die im Bundesstaat Illinois teilweise seit Jahren auf ihre Hinrichtung gewartet hatten, das Leben. Das Risiko, einen Unschuldigen töten zu lassen, sei ihm zu hoch, sagte er. Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" ließ Ryans beeindruckende Abschiedsrede übersetzen und veröffentlichte sie am Mittwoch als Aufmacher in ihrem Feuilleton. "Ich bin in Kankakee aufgewachsen, einer Kleinstadt im Mittleren Westen, in der die Menschen einander kennen. Steve Small war ein Nachbar. Ich sah ihn aufwachsen. Er hütete später gelegentlich unsere Kinder, und das war keine leichte Aufgabe, denn meine Frau Lura Lynn und ich hatten sechs, davon damals fünf unter drei Jahren. Er war ein heller Kopf und half im Geschäft seines Vaters. Er heiratete und hatte drei eigene Kinder. Lura Lynn stand ihm und seiner Familie besonders nahe. Es war gut zu wissen, daß er für uns und wir für ihn da waren. Eines Nachts im September erhielt er einen Anruf. In einem nahe gelegenen Haus, das er gerade renovierte, sei eingebrochen worden. Als er hinausging, wurde er mit Waffengewalt gekidnappt. Seine Kidnapper begruben ihn lebendig in einer Grube. Er erstickte, bevor die Polizei ihn finden konnte. Sein Mörder führte die Polizei an die Stelle, an der Steves Leiche lag. Der Mörder, Danny Edward, stammte ebenfalls aus meiner Heimatstadt. Er wartet heute in der Todeszelle auf seine Hinrichtung. Auch seine Familie kenne ich. Ich erzähle Ihnen das, damit Sie wissen, daß ich nicht als Neubekehrter handle, der nichts von den bitteren Erfahrungen weiß, unter denen die Angehörigen von Mordopfern leiden. Meine Verantwortung und meine Pflichten gehen aber über den Kreis meiner Nachbarn und meiner Familie hinaus. Ich repräsentiere das Volk von Illinois - ob Sie das mögen oder nicht. Meine Entscheidung wird nicht nur hier, sondern in aller Welt Beachtung finden. Kürzlich erhielt ich einen Anruf von Nelson Mandela. Ich war gerade in einem Restaurant und aß ein Sandwich mit Corned Beef. Wir sprachen gut zwanzig Minuten miteinander. Die Botschaft, die er mir vermittelte, besagte im wesentlichen, daß die Vereinigten Staaten der übrigen Welt die Standards für Gerechtigkeit und Fairneß setzen. Aber wir spielen nicht in derselben Liga wie Europa, Kanada, Mexiko oder der größte Teil Süd- und Mittelamerikas. Dort hat man die Todesstrafe abgeschafft. Wir sind Partner im Tode mit diversen Ländern der Dritten Welt. Wußten Sie, daß selbst Rußland ein Moratorium ausgerufen hat? In zwölf amerikanischen Bundesstaaten ist die Todesstrafe abgeschafft worden, und in keinem dieser Staaten ist die Zahl der Morde gestiegen. Hier eine Zahl, die Ihnen zu denken geben sollte: Im vergangenen Jahr hatten wir in Illinois etwa 1000 Morde, und nur in zwei Prozent der Fälle ist die Todesstrafe verhängt worden. Ich wüßte gerne, was daran fair und gerecht sein soll. Die Todesstrafe wird deshalb nicht fair und gerecht verhängt, weil es für die 102 Counties des Staates keine einheitlichen Richtlinien gibt. Die Staatsanwälte entscheiden, ob sie die Todesstrafe beantragen. Darf die Geographie bestimmen, wer zum Tode verurteilt wird? Ich meine nein, aber in Illinois gibt es solche Unterschiede. In den ländlichen Regionen besteht eine fünffach höhere Wahrscheinlichkeit, daß man zum Tode verurteilt wird, als etwa hier in Cook County. Eine fünffach höhere Wahrscheinlichkeit. Wo ist da die Fairneß, wo das rechte Verhältnis? Ich brauche nicht zu betonen, daß ich nie die Absicht hatte, mich in dieser Frage als Aktivist hervorzutun. Schon bald nach meiner Amtsübernahme erlebte ich aber mit Verwunderung und Bestürzung, wie der Todeskandidat Anthony Porter aus dem Gefängnis entlassen wurde. Als freier Mann trat er Professor Dave Protess von der Northwestern University gegenüber. Ist Dave im Saal? Ich werde nie vergessen, wie der kleine Anthony Porter dir als freier Mann um den Hals fiel, denn du hattest zusammen mit deinen Publizistikstudenten seine Unschuld bewiesen. Anthony Porter trennten nur 48 Stunden von der Hinrichtungszelle, wo der Staat ihn töten wollte. Alles wäre sehr aseptisch abgelaufen, und die meisten von uns hätten nicht einmal Notiz davon genommen. Nur daß Porter unschuldig war. Er hatte den Doppelmord, für den man ihn zum Tode verurteilte, nicht begangen. Es ist unvorstellbar: Bei der Hälfte der nahezu 300 Todesurteile in Illinois wurde ein neues Verfahren oder eine Revision des Urteils angeordnet. Wer von Ihnen kann in seinem Beruf mit einer Genauigkeit von fünfzig Prozent leben? Dreiunddreißig Insassen der Todeszellen wurden bei ihrem Prozeß von einem Anwalt vertreten, dem man später die Zulassung entzog oder dem schon einmal zeitweilig die Zulassung entzogen worden war. Unter den 160 Todeskandidaten befanden sich fünfunddreißig Afroamerikaner, die nicht von ihresgleichen, sondern von rein weißen Jurys verurteilt worden waren. Mehr als zwei Drittel aller Todeskandidaten waren Afroamerikaner. Ich erinnere mich, wie ich mir diese Fälle ansah und mich selbst wie auch meine Leute fragte: Wie kann so etwas in Amerika geschehen? Diese Frage stelle ich nun seit drei Jahren, und bisher hat noch niemand sie beantwortet. Wenn Sie wirklich wissen wollen, was schändlich und unerträglich ist, dann meine ich, daß siebzehn in Illinois zum Tode Verurteilte, die später freigesprochen werden mußten, nichts anderes als ein katastrophales Versagen darstellen. Unser Todesstrafensystem ist mit unerträglichen Fehlern behaftet, bei der Feststellung der Schuld wie auch des Strafmaßes. Je näher meine Entscheidung rückte, desto mehr fragte ich mich, ob ich auch Daniel Edwards begnadigen würde - der Mann, der Steve Small, den Freund meiner Familie, getötet hat. Als ich mit meiner Frau darüber diskutierte, war sie erzürnt und enttäuscht über meine Entscheidung, wie so viele Angehörige von Opfern es sein werden. Der Zorn der Familien von Mordopfern hat mich beeindruckt. Sie appellierten an mich, die Todesstrafe beizubehalten, damit sie Frieden finden. Aber ist das der Zweck der Todesstrafe? Ich kann mir nicht vorstellen, ein Familienmitglied durch Mord zu verlieren. Aber ebensowenig kann ich mir vorstellen, zwanzig Jahre lang in jeder wachen Stunde darauf zu warten, daß der Mörder hingerichtet wird. Das System der Todesstrafe in Illinois ist so unsicher, daß es gar nicht ungewöhnlich ist, wenn ein Fall zwanzig Jahre bis zu seinem Abschluß benötigt. Und wir können von Glück sagen, daß es so ist. Denn wenn ich auf Eile gedrungen hätte, wären Anthony Porter, Ronald Jones, Madison Hobley und andere unschuldig zum Tode Verurteilte möglicherweise längst tot und begraben. Aus all diesen Gründen wandle ich alle ausgesprochenen Todesstrafen in Freiheitsstrafen um. Diese Umwandlung erfolgt pauschal. Ich habe selbst nicht geglaubt, daß ich es tun würde. Es ist mir klar, daß ich mir damit den Zorn und die Verachtung vieler Menschen zuziehen werde. Aber die Menschen unseres Staates haben mich gewählt, damit ich für Gerechtigkeit sorge. Meine Mitarbeiter und ich haben viele Tage und schlaflose Nächte mit der Überprüfung des Systems verbracht. Heute nacht werde ich gut schlafen, weil ich weiß, daß ich die richtige Entscheidung getroffen habe." Michael Bischoff hat die Rede des Gouverneurs übersetzt. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.01.2003, Nr. 12, Seite 33 |
| winter | sehr gute Rede! ich bin auch schon immer gegen die Todesstrafe gewesen weil es einfach primitiv ist und kein Mensch das Recht hat jemand anders zu töten (egal was derjenige gemacht hat). |
| Kinky | ja, ich finde diese rede auch sehr gut! meiner meinung nach könnten (vielmehr sollten) sich auch die anderen amerikanischen bundesstaaten ein beispiel daran nehmen. ich schliesse mich der meinung von winter an. todesstrafe ist primitiv, man kann einen menschen nicht umbringen, weil er angeblich etwas falsches getan hat. damit macht man es sich ein wenig zu einfach, finde ich. todesstrafe ist auch mord und gegen die menschenrechte. |
| Stigma | Also ich bin eigentlich ein Befürworter der Todesstrafe, obwohl es in den Ländern in der es sie gibt nicht richtig praktiziert wird). Na ok so kann ich das auch nicht ausdrücken, aber ich mag keine dieser Wiederholungstäter die nach 15-20 Jahren frei gelassen werden als geheilt gelten und "es" dann wieder tun. |
| Meduza | Todesstrafen sind wirklich sehr primitiv. Und wie können Menschen von sich behaupten, dass sie so gerecht und allwissend sind, dass sie es wagen einfach anderen Menschen das Leben zu nehmen? Wer gibt ihnen das Recht dazu? Ich weiß, das ist ihr Amt; sie düren das vom Staat aus. Aber moralisch hat [b]kein[/b] Mensch auf der ganzen Welt das Recht dazu, weil alle mal Fehler machen. Klar, Mord und Vergewaltigung sind was anderes. Aber das Leben ist einfach etwas besonderes, das nicht einfach irgendwelche Menschen, die den Hochmut haben zu glauben sie könnten über Tod und Leben entscheiden, nach Belieben auslöschen können. |
| rubicon | Das ist so eine Sache mit der Todesstrafe, manchmal wünscht man Leuten den Tod - aber halt auch nicht wirklich. Scheint wohl ein allgemeines Leiden der Menschen zu sein: Auge um Auge, Zahn um Zahn. War an sich früher auch mehr ein "Hardliner" im Sinne von "Kopf ab", aber ich las mal einen Satz der einem zu denken geben sollte: "Viele die leben, hätten den Tod verdient. Und viele die starben, verdienen das Leben. Kannst du es ihnen wiedergeben ? Also sei nicht so vorschnell mit deinem Todesurteil" (J.R.R. Tolkien) |
| Solfark | die todesstrafe hat(te) mal den hintergrund den täter (mörder) durch den tod vor gott zu stellen, damit dieser "richten" kann. das war kein: der hat unrecht getan, deswegen müssen wir ihn töten sondern: der hat unrecht getan, gott soll entscheiden. |
| Meduza | [quote] der hat unrecht getan, deswegen müssen wir ihn töten sondern: der hat unrecht getan, gott soll entscheiden. [/quote] Das ist ja auch genial. Aber egal ob schuldig oder unschuldig: Er ist dann tot. Aber in dem Fall ist die Todesstrafe ja noch mehr fehl am Platz, weil Gott gibt es ja noch nicht einmal. |
| Solfark | ;) |
| justme23 | Eratmal zur Rede vom ehemaligen Gouverneur von Ilinnois; Ich glaube das was er da getan hat war mehr als nur mutig...er hat alles aufs Spiel gesetzt in einem konservativen Bundsstaat, bei einer konservativen Regierung 160 Todesurteile aufzuheben/umzuwandeln. Ich spreche aus tiefster Bewunderung für diesen Mann, und ich glaube es gibt wenige die so viel Courage gezeigt hätten; als ich von dieser aktion gehört hatte, war ich jedenfalls mehr als nur Beeindruckt! Ich glaube mein erster Gedanke war: Schön dass es doch noch Personen in Machtpositionen gibt die eine eigene Moral haben! so und um mich selbst an der Diskussion zum Thema todesstrafe(auch wenns hier nicht hingehört) zu beteiligen:was ist wenn jemand nicht an Gott glaubt?warum muss er sich dann vor Gott verantworten?und was geschieht mit ihm wenn Gott, sofern es ihn gibt, beschließt dass er unschuldig ist?Darf er dann Engel werden oder wie?sein leben auf Erden ist dann jedenfalls vorbei, und wenn es Menschen auf Erden gibt die den Betreffenden vermissen? |