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  Forum: Nebelpfade
    Thema: Der Wandspiegel
Haevion[b]Der Wandspiegel[/b]
[size=1][i]August 2003[/i][/size]

Vor dem verstaubten, hölzernen Palisander-Wandspiegel stehend, höre ich die leisen Rufe meiner Großmutter. Das Essen ist angerichtet.

Ich kann meine Blicke nicht von dem Spiegel abwenden.
Ich sehe mich gänzlich in dem fast deckenhohen Wandspiegel, wie ich dastehe, mein Gesicht.
Es wirkt blaß, kleine Falten bilden sich unter den Augen.

Meine Augen - Ihr blaugrüner Schimmer, wie Algen unter dem glasklaren Weltmeer, wirken glasig im dumpfen Lichteinfall der gelblich strahlenden, alten Deckenlampe, welche einzig an zwei Drähten herabhängt.

Auf diesem Speicher war lange Zeit niemand - nur meine Fußabdrücke in der sauber gestappelten Staubebene auf dem Boden verraten das Eindringen.

Wieder ruft meine Großmutter.
Doch dieses mal höre ich es nicht.

Wie gebannt starre ich auf den Spiegel.

Ich frage mich, wozu all dies.
Wozu leben - ich genieße die Stille an diesem Ort, den leicht modrigen Geruch, der von dem betagten Holz und den alten Lederbezügen der Couch, nunmehr grau vom Alter, ausgeht.

Ich bin müde geworden. Ich fühle mich wohl in diesem Raum, obschon er von der Zeit gezeichnet ist - Alt, verfallen, abgelebt.

Ich schließe die Augen, und stelle mir eine bronzene Taschenuhr vor, wie ihre feinen, schwarzen Zeiger dem Uhrwerk dienen, und ein leises Pochen von sich geben.

Das leise Pochen erfüllt meinen Körper, und beruhigt mich. -

Langsam öffne ich die Augen und fixiere den Spiegel.
Ich starre mein Ebenbild an. Sekunden. Minuten.

Der so wohlige Geruch verklingt langsam.

Dumpfe Schritte ertönen auf der angejahrten Holztreppe, die zum Speicher führt.

Die alte Hand der Frau berührt den zerkratzten, silbernen Türknauf. Ein dunkles Klacken.

Meine Großmutter tritt ein, und sieht mich bluten.
Haevion[i]"Der Wandspiegel" ist eines meiner früheren Werke. Diese Originalfassung ist stilistisch unkorrigiert, da ich das Gesamtstück in seiner Reinheit in dieser Form, für mich, bewahren wollte, und daher recht simpel geschrieben. Trotz allem ist es eines der wenigen Stücke geblieben, in dem ich mich, trotz seiner Einfachheit, noch immer wohlfühle.[/i]
TwilightSunes geht unheimlich unter die haut...
ergreifend, sehr schön geschrieben...
was bleibt, ist das dumpfe Gefühl des Sich-Wieder-erkennens...der geschmack ähnlicher situationen....

Danke, so etwas lesen zu dürfen...
Twi
Loup de nuit"Ohhh, wieder so ein...." sagte mein Hirn bei den ersten drei Worten, doch schon konnte ich die Augen nicht mehr von dem Text lassen. Sie lasen weiter und weiter und... plötzlich war es als sähe ich selbst in diesen Spiegel, als röche ich den leichten Moder und als kitzelte der Staub in meiner Nase.

Ein superschöner und zum dabeisein einladender Text.

Danke,

Loup

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