German Gothic Board
 
Boardansicht: Klick HIER und betrachte das Thema mit allen Funktionen direkt im Board.

 
  Forum: Nebelpfade
    Thema: Rosamunde Pilcher In Schleswig-Holstein
ClytieIch sitze auf dem Bett und betrachte mein Spiegelbild in der gewölbten Scheibe des Fernsehers.
Leider ist das die einzige Möglichkeit, mich selbst umfassend zu betrachten, denn das kleine Pensionszimmer, das ich für dieses Wochenende günstig habe mieten können, besitzt keinen Spiegel.
Nachdem ich auf diese Weise festgestellt habe, dass ich vollständig und vorzeigbar angezogen bin und auch die letzten kosmetischen Feinarbeiten vor dem kleinen Spiegel im Flur-WC ausgeführt worden sind, greife ich meine kleine, neue Handtasche, die ich mir extra für diesen Anlass gekauft habe, und mache mich auf den Weg nach unten, denn mein Bruder wird gleich kommen und mich abholen.
Es bleibem jedoch noch einige Minuten Zeit, und so stehe ich in der Einfahrt in der Abendsonne und versuche mich abzulenken, indem ich die Ereignisse dieses Tages und auch den gestrigen Abend nochmals revue passieren lasse.
Ich befinde mich in einem kleinen Örtchen in Schleswig-Holstein. An diesem Wochenende findet ein großes Treffen unserer Familie statt, so wie eigentlich alle vier Jahre. Meine Eltern haben erst vor einiger Zeit ihr Interesse für diese Feiern entdeckt (Man kann auch sagen: Sie haben sich nicht wirklich hingetraut, was ich gut verstehen kann), und ich bin zum ersten Mal dabei. Außer meinen Eltern, meinem Bruder und dessen Frau sowie meiner kleinen Nichte kenne ich keinen der anderen Gäste – dabei sind wir alle in irgendeiner Weise, wenn auch meist nur entfernt, miteinander verwandt. Knapp sechzig Leute haben sich an diesem Wochenende hier versammelt – eine ganz schöne Zahl, wenn man bedenkt, dass man normalerweise zu vielleicht einem Zehntel davon Kontakt hat...
Da biegt mein Bruder um die Ecke.
Wir fahren langsam aus dem Dorf hinaus – eine schmale Straße entlang, die zwischen saftig-grünen Feldern, alten Eichen und Buschwindröschen einem sehr sichtbar aufgestellten Schild mit dem Zusatz „Privat“ zufolge in eine Sackgasse führt. Nach einiger Zeit schimmert es schon hell zwischen den Bäumen, und als wir schließlich um die Kurve biegen und eine lange Auffahrt entlang fahren, offenbart sich die ganze Schönheit des Grundstücks und des Hauses, in dem wir heute Abend zu Gast sind.

Es ist ein altes Gutshaus – aus hellem Sandstein gebaut mit weißen Fenstern, Schieferdach und einigen kleinen Erkern. Würdevoll und doch anheimelnd thront es in der milden Abendsonne am Ende der schmalen Straße, die wir entlangfahren, an ehemaligen Stallungen und Scheunen vorbei. Dann kommt eine kleine Brücke, und schon hört man den feinen Kies knirschen, als wir schließlich vorm Haus halten – wie in einem Rosamunde-Pilcher-Film, wenn es denn einen gäbe, der in Norddeutschland spielt.

Einige andere Gäste sind bereits da – samt und sonders festlich gekleidet. Zwei Mädchen, vielleicht zwölf oder dreizehn Jahre alt, knicksen und öffnen uns die Tür. In der Eingangshalle liegt das Gästebuch aus, in das wir uns erst einmal eintragen sollen, bevor wir ins Wohnzimmer geführt werden.
Nach einem herzlichen Hallo durch die Gastgeber, die knapp zehn Jahre älter sind als ich, stehen wir in einem Salon, der eine Bibliothek beinhaltet – auf der einen Seite die „gute“ Literatur, größtenteils sehr alt und in Leder gebunden, z.T. bereits sehr vergilbt und verlockend, darin herumzublättern, gegenüber sympathischerweise die Gebrauchsliteratur – über Gärtnerei und Landwirtschaft, einige Bestseller, Bildbände.
Ich stehe mit einem Glas Sekt etwas abseits und werfe einen Blick in die beiden angrenzenden Räume, auch sie antik möbliert und sehr gemütlich. Ganz schwach tauchen in meiner Erinnerung Bilder davon auf, dass ich schon mal hier gewesen sein muss – damals war ich zwei oder drei Jahre alt.

Als ich jedoch auf die Liste mit der Tischordnung schaue, erschrecke ich, denn ich finde meinen Namen nicht: Es stellt sich heraus, dass ich aufgrund eine Missverständnisses gar nicht für das Essen angemeldet bin. Da ich weiß, wie wichtig den Organisatoren des Treffens diese Anmeldung war, rechne ich schon fast damit, nach Hause fahren zu müssen, doch netterweise lässt man mich bleiben; ein anderer Gast hat kurzfristig abgesagt.
So ziehe ich durch diesen Zufall sogar das große Los: Ich erhalte den Platz neben dem Patriarchen. Er ist knapp über 80; ein großer, stattlicher bis umfangreicher Mann, der über eine natürliche Autorität verfügt und dessen umfassende Liebenswürdigkeit in den richtigen Situationen seine Strenge mildert. Anlegen sollte man sich mit ihm nicht, doch er ist sehr bodenständig und besitzt keinerlei Allüren hinsichtlich der Tatsache, dass er ein „von“ in seinem Namen trägt, so wie die meisten anderen Gäste auch. Ganz im Gegenteil: Er spricht mit Achtung von den wenigen Angestellten, die auf dem Gut arbeiten, und spielt mit deren Kindern – so wie er überhaupt weich wird und pausenlos lächelt, wenn Kinder in der Nähe sind.

Als der Gong zum Essen ertönt, bietet er mir seinen Arm zum Geleit an, und wir gehen voran. Zwei weiß livrierte Jungen öffnen die dunklen, schweren Holztüren, und da ich die Dame von uns beiden bin, bin auch ich die erste, die diesen Raum betreten darf.
Dabei traue ich mich das zuerst gar nicht – ich stehe zunächst nur und schaue und schaue.
Der Raum ist groß und besitzt eine hohe Decke; dunkle Holzpaneelen passen gut zu den Gemälden an der Wand, die schon so alt sind, dass sie mit der Zeit nachgedunkelt sind. Durch die von üppigen Vorhängen elegant eingerahmten Fenster gegenüber kann ich nach draußen schauen, doch die schöne Aussicht wird überstrahlt von dem Kerzenschein, der von vier großen, fünfarmigen Silberleuchtern auf vier großen Tafeln ausgeht. Er füllt den Raum mit behaglichem Licht, das sich in blankem Silber, poliertem Glas und den Kristallen des großen Lüsters unter der Decke spiegelt und bricht. Ich komme mir vor wie im Märchen.

Den anderen geht es ähnlich, auch wenn viele von ihnen schon ein paar Mal hiergewesen sind. Als dann das Essen beginnt und sich ein Gespräch zu meiner Sitznachbarin entspinnt, hören auch meine Knie auf, weich zu sein.
Der Abend verläuft so angenehm, wie ich es noch nie in einer so großen Gruppe von Menschen, die sich kaum kennen, erlebt habe. Das Essen ist einfach unglaublich köstlich, und die jungen Angestellten, die in der Küche mitgearbeitet haben und uns nun auch bedienen, strahlen vor Stolz und vor Freude über das viele Lob für ihre Arbeit – wobei ich trotzdem immer noch das leicht unangenehme Gefühl habe, das sich immer einstellt, wenn mich jemand bedient. Da sich das Essen über den gesamten Abend hinzieht und von einigen recht amüsanten Reden unterbrochen wird, ist genug Zeit, sich zu unterhalten und ein wenig diese Leute zu beobachten, die alle mit mir verwandt sein sollen.

An meinem Tisch sitzen mehrere Ingenieure – einer ungefähr so alt wie ich, sehr akkurat gekleidet, so einer, bei dem man sich nicht vorstellen kann, dass er mal irgendetwas vergisst oder dass etwas nicht seinen festen Platz hat – ordentlich von Natur aus. Er ist sehr nett, und in unsere Unterhaltung schaltet sich bald auch der zweite ein. Er ist Mitte/Ende 50 und erzählt, dass er Herzschrittmacher herstellt und an der Entwicklung neuer künstlicher Organe bzw. –teile mitarbeitet. Es ist angenehm, mit ihm zu reden, wenn man seine eigenen Hemmungen überwindet, vor allem, weil er durchaus verstehen kann, dass nicht alle Menschen beim Anblick eines auseinandergenommenen Elektrogerätes in Wallung geraten.
Als ich zwischendurch meinen Blick durch den Raum schweifen lasse, versuche ich einige Gesprächsfetzen mitzubekommen: „In der Regieassistenz sind meine Kollegen eigentlich...“, „...in Cambridge einen Vortrag gehört...“, „Unser Tierpark rentiert sich ja erst nach...“ .
Für einen Moment fühle ich mich sehr fremd hier und sehne mich nach unserer zu kleinen Wohnung, in denen wir kaum all unsere Bücher und Zeitschriften unterkriegen, nach der Riesen-CD-Sammlung meines Freundes und dem großen, geerbten Sofa seiner Oma, dessen Sprungfedern man spürt und das so bequem und einladend im Wohnzimmer steht. Ich fühle mich klein, obwohl ich weiß, dass hier sogar einfache Handwerker verschiedener Richtungen anwesend sind, und auch meine Familie ist an sich nichts Besonderes.
Leider kommt in diesem Augenblick ein Verwandter an meinen Tisch, den ich bereits gestern Abend kennen gelernt habe. Er ist mir unsympathisch, weil er anscheinend mit keiner Frau unter 45 so reden kann, dass man nicht das Gefühl hat angegraben zu werden. Pflichtschuldigst unterhalte ich mich ein wenig mit ihm, doch da ich auf keinen seiner Flirtversuche eingehe und all seine Versuche scheitern, mich zur Handy-Befürworterin zu bekehren, zieht auch er sich nach einiger Zeit wieder zurück – ich bin sehr froh darüber, weil er mir die ganze Zeit in den Ausschnitt geschielt hat. Das ist leider der Nachteil davon, ein Outfit zu tragen, das mein Bruder als „Miss Gothic Empire“ betitelt hat.
Wie im Flug vergeht die Zeit – als ich auf die Uhr schaue, ist es schon halb eins vorbei, und noch ist kaum jemand gegangen.

Als ich am nächsten Morgen in meinem Auto sitze und heimfahre, denke ich, wie merkwürdig Verwandtschaft doch ist. Dieses Wochenende war nett, aber ich kann nicht sagen, dass ich mich diesen Leuten mehr verbunden fühle als anderen, die ich auf einer anderen Veranstaltung kennen gelernt hätte. Meine nächsten Verwandten waren auch da, doch auch hier merke ich, wie die Verbindungen mit der zeit immer schwächer werden – zu meinen Eltern ist das Verhältnis zur zeitohnehin schwierig. Und dann gibt es natürlich auch noch die Wahlverwandtschaften – Leute, die man sich selber gesucht hat und die eine Art „Ersatzfamilie“ bilden uznd für mich immer mehr an Bedeutung gewinnen..
A propos – die dänische Grenze ist nicht weit. Mein männlicher „Ersatzverwandter“ ist in Dänemark vernarrt, und um Verwandte muss man sich kümmern – also nix wie hin und Gajol Halspastiller und Squash Appelsin an der Tanke gekauft: unadelig, aber von Herzen kommend.
DBTLiebe Clytie...

...eine wundervolle Geschichte und eine sehr lebendige Schreibweise (liegt wohl an deinem Job *g*)! Man glaubt teilweise echt mittendrin zu sein, so detailiert und doch Freiraum für die eigene Fantasie...
Wir haben an dich gedacht am Wochenende...

Liebe Grüße

DBT & Jester
ClytieDanke... ich auch an euch - war doch schon ein recht "gruftiges" Ambiente...;) Nur einen eigenen Friedhof haben die nicht, soweit ich weiß...;)
six darknessschliese mich dem geschriebenen von dbt an.
da ich nie eine familie im klassischem sinne noch eine so grosse familie wie du es beschreibst hatte fæhlt es mir immer sehr schwer mich in sowas "reinzufuehlen" dank deiner schreibweise war es mir møglich vielleicht mal ansatzweise nachzuvollziehen was eigentlich dahinter steckt.

und danmark ist ein schønes land und feiern kønnen die dænen.
-gg-

liebe gruesse aus oslo
six

German Gothic Board
 
Boardansicht: Klick HIER und betrachte das Thema mit allen Funktionen direkt im Board.

 

German Gothic Board

Startseite Chat Grüße SchwarzKultur