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  Forum: Nebelpfade
    Thema: Ich wünschte...
PaleneUnd ich komme in einen Wald. Es ist warm, aber nicht zu heiß. Im Wald wechseln sich Licht und Schatten ab, der Boden unter meinen Füßen fühlt sich manchmal weich an, und manchmal fest. Und ich empfinde Freude – über mein Dasein und das des Waldes, und über meine Fähigkeit ihn wahrzunehmen. Alles will ich wahrnehmen; ich sauge die Luft ein, mit all’ ihren Gerüchen; ich höre, und nach allem gehörten sehe ich mich um, auf der Suche nach dem Ursprung; ich sehe, sehe die wunderschönen Formen der Bäume, wie das Licht der Sonne durch ihre Blätter fällt. Bei einem besonders schönen Baum bleibe ich stehen, berühre seine Rinde zunächst nur mit den Fingerspitzen und seine Wurzeln mit den Fußsohlen. Ich betaste seine Narben während ich in seine hohe Krone blicke und auf das Rascheln seiner Blätter horche. Dann komme ich näher, berühre ihn mit einem großen Teil meiner Körperoberfläche, mit der Wange, dann mit den Lippen. Ich blicke mich schnell einmal um, vergewissere mich das kein Mensch mich sieht, dann berühre ich die schöne, feste Rinde mit der Zunge, lecke zaghaft und vorsichtig darüber.
Während ich weitergehe, stets mit den Händen an Blättern entlangstreichend, fallen mir Details ins Auge, die ich näher untersuche; Pilze, Gräser, Insekten, trockene Blätter, aber auch Müll.
Ich komme an einer kleinen Hütte vorbei, mit einem Zaun darum. Ich sehe und höre viele, viele Insekten bei der Hütte; vielleicht herbergt sie Bienenstöcke.
Das Geschrei von Krähen lockt mich fort, aber ich kann den Grund für ihre ihre Aufregung nicht ausmachen.
Jetzt ist der Boden teilweise feucht und ein wenig matschig und der weiche, kühle Grund unter den Füßen ist ganz wunderbar.
Ich sehe eine Baum, groß, aber er sieht nicht stark aus. Seine Blätter sind zu großen Teilen von Raupen zerfressen, Teile seines Stammes sind nicht mehr mit der schützenden Rinde bedeckt. Ich frage mich, ob er wohl bereits einem Forstwirt aufgefallen ist und wie dieser wohl mit ihm verfahren mag. Dann frage ich mich, wie es wohl wäre, Forstwirt zu sein, ob es mir gefallen würde? Ich weiß nicht so recht, warum, aber der Gedanke fühlt sich schlecht an. Ich gehe ihm nicht weiter nach, denn meine Aufmerksamkeit ist jetzt bei einer großen Buche. Sie scheint mich mit ihrer glatten Rinde und den breiten Zwischenräumen ihrer Wurzeln zu einer Rast einzuladen. Ich gehe um sie herum, berühre sie wie den Baum zuvor und setze mich unter sie, mit angezogenen Beinen, unter ihre starken Äste, zwischen ihre Wurzeln.

Und während ich denke, glücklich zu sein, und während ich mit der Hand über einige ihrer Blätter streiche, die tief hängen, krampft sich ganz plötzlich etwas in mir, etwas nicht körperliches in mir zusammen, und ich ziehe schnell meine Hand zurück und ich merke, dass ich das Atmen eingestellt habe, und das Gesicht zum Baum hingewandt. (Was ist? Was soll denn dieses Theater? Atme weiter!) Und dann atme ich weiter, aber dadurch löst sich etwas und ich merke, dass ich beginne zu weinen, nicht schlimm, ohne einen Laut; und es wäre ganz einfach zu unterdrücken, aber ich will es nicht unterdrücken, denn es fühlt sich gut an, und richtig, und ich weiß, weshalb ich weine...
Weil ich nicht Forstwirt sein will, und es doch muss. Weil ich nicht Teil sein darf, Teil des Waldes, des Lebens um mich herum, sondern Verwalter, mit aller Verantwortung, der bewusst entscheidet, wer wann und wo leben darf.
Weil ich zwar Mitglied bei Greenpeace sein darf, und weil ich Ökologie studieren darf und ökologisch denken und handeln darf, aber nicht einfach nur dazugehören.
Ich wünschte, ich könne Teil sein des Lebens ohne mir dessen bewusst zu sein. Ich wünschte, ich dürfe töten, so selbstverständlich, wie die Raupen den Baum, den sie zerfressen, langsam töten. Ich wünschte, ich könne darauf vertrauen, dass alles im Gleichgewicht bleibt, auch wenn ich nehme, was ich will, dass andere Arten meiner Art Einhalt gebieten, oder Mangel an Futter... meine Gedanken werden unausgegoren, nicht mehr klar. (D u bist dreist und dumm! Du wünschst, es ginge deiner Spezies schlechter, ihr würdet euch nicht weitervermehren, weil ihr nicht zu essen habt! Frag’ doch die 10000, die morgen verhungern werden, ob jemand tauschen möchte! Du hast alles, sogar mehr noch, als du zum Leben brauchst. Wenn du noch mehr willst, verlangst du zuviel.)
Ich weiß nicht, wer es war, der uns zum Verwalter über das Leben auf diesem Planeten gemacht hat, wer zuerst von und verlangt hat, dass wir mehr sein sollen als Tiere, nicht Teil des Lebens, wie alle anderen auch, sondern Herrscher. Wer war es, der diesen grausamen Anspruch an uns stellte, den wir nicht erfüllen können, an dem wir so kläglich scheitern müssen, und dabei zusehen müssen, wie unser Scheitern Leiden verursacht, Leiden nicht zuletzt auch unter uns Menschen selbst.
Vielleicht war es tatsächlich Gott, der uns zu dem bestimmt hat, was wir jetzt sind. (Ach, und was, bitte schön, sind wir? So ein bisschen Metaphysik kommt doch immer gut. Aber wie wär’s an dieser Stelle mit noch etwas mehr Selbstmitleid? In etwa so: „..., was wir jetzt sind, traurige, verlorene Geschöpfe, die gleich Vampiren verdammt sind auf Kosten des Lebens zu leben, und doch schon nicht mehr Teil des Lebens, schon tot zu sein. Traurige Geschöpfe, un-eins mit allem, die den Wert des Lebens nicht mehr erkennen können, und die es deshalb, getrieben von der Suche nach etwas, das sie längst verloren haben und nicht mehr wiedererlangen können, die es, das Leben, deshalb mit Füßen treten müssen, wo immer sie es finden?“ Ich nehme an, das gefällt dir. Mädchen, wach auf! Wach auf, sag’ ich!)
Aber viel mehr glaube ich, dass wir selbst es waren, die unwissentlich und unwillentlich zu dieser verhängnisvollen Selbstauffassung gelangt sind, sie haben wahr werden lassen, - soweit möglich, und jetzt nicht mehr zurückkönnen, weil wir vergessen haben, dass es einmal anders war.

Eine Mücke reißt mich aus meinen Gedanken. Ich weine nicht mehr; ich beobachte die Mücke wie sie mich sticht. Und dann wird es mir bewusst: Dieser Tropfen meines Blutes wird Teil werden, wird Teil sein, wenigstens dieser eine Tropfen. (Oh, Mädchen, wenn’s weiter nichts ist! Den Rest deines Körpers in ähnlicher Weise „Teil werden zu lassen“ – wie du es nennst – kann ja wohl nicht das Problem sein, hmm?)
Aber das Körperliche ist nur ein Trost, nicht das eigentliche Ziel meines Sehnens.

Schließlich gehe ich weiter und zurück in Richtung See. Dort sind viele Menschen, sie liegen auf dem gemähten Rasen, Kinder spielen unbeschwert. Meine Gedanken wenden sich der unmittelbaren Zukunft zu; was beabsichtige ich zu tun, wenn ich meine Wohnung erreicht habe? Was muss noch vorbereitet werden?
Das intensive Gefühl, das mich hat weinen lassen, schwindet. Mehr noch, selbst die Erinnerung daran wird undeutlicher, unwirklicher. Es erscheint mir letztlich dumm, lächerlich. Mein Weinen scheint mir lächerlich. Tatsächlich, ich verlange einfach zu viel vom Leben, von meinem Leben, ich bin zu anspruchsvoll. Mein Weinen scheint mir unberechtigt. Mein Weinen scheint mir lächerlich. (Ok, gut, dass du’s jetzt einsiehst.)
Aber es bleibt ein Nachgeschmack.. als wenn es so lächerlich vielleicht nicht wär’.
Paleneheute fiel mir dieser Text wieder ein.... beziehungsweise war ein ähnliches Gefühl wieder da...
Kennt denn niemand von euch etwas ähnliches?
Latonanein, dein weinen war nicht lächerlich, aber genau das fühle ich auch manchmal...

selbst die gedanken schienen die selben zu sein, auch wenn ich es anders ausdrücken möchte, aber ich verstehe deine gedankengänge vollkommen...

es gibt ein schönes buch (vielleicht lieber morgen) da sind etliche stellen, die mir daraus einfallen um deine situation zu erfassen, mehr noch, ich weiß wirklich nicht, wie ich das beschreiben soll

grund dieses buch zu lesen war ein gedicht, wenn du willst, schreibe ich es dir ab, aber eigentlich hat das gedicht nur wenig hiermit zu tun
PaleneHallo.. danke für deine Reaktion... "Vielleicht lieber morgen".. laut amazon gibt es den Titel nur von einem Stephen Chbosky... also nehme ich an, dass du das meinst. Werde ich mir irgendwann mal besorgen...
Und das Gedicht, ja, wenn es dir keine Umstände macht, schick es mir ruhig.. Gedichte wenigstens mal "ansehen" schadet nie...
Ich würde dir (und allen) auch gerne ein Buch, das heißt zwei, empfehlen:
"Ismael" und "Ismael's Geheimnis" von Daniel Quinn. Darin habe ich sehr, sehr viel von mir und meinem "Lebensgefühl" wiedergefunden. Das eine ist übrigends die Fortseztung des anderen.
Gruß, Palene

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