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  Forum: Nebelpfade
    Thema: Nachtfahrt
DarkMoon68Die Nacht hat ihr dunkles Tuch über das Land geworfen, ähnlich dunkel fühlt sich meine Seele in diesem Moment. Die Wände des Raumes engen mich ein, ich muss einfach hinaus, irgendwo hin, ganz weit weg von den Erlebnissen der letzten Tage, Hoffnung, Trauer, Schmerz, Verzweifelung, Glück, wie dicht liegt das alles zusammen.

Ich steige ein, in das kleine Auto, das treu vor dem Haus parkt, darauf wartet, mich durch die Nacht zu tragen. Langsam rolle ich die Straße hinunter, die vor mir im Scheinwerferlicht liegt, alles um mich herum versinkt hinter mir in tiefer Dunkelheit, nirgendwo ist ein Licht zu sehen...

Das Dorf liegt hinter mir, die Landstraße vor mir. Ruhige Musik umfängt meinen Geist, Deine Lakaien, Wasted Years, wie passend, denke ich mir. Unzählige Leitpfähle ziehen vorrüber, tauchen auf im Lichtkegel, blinzeln mir zu, verschwinden wieder, meine Gedanken ruhen schon lange wieder auf den Ereignissen der letzten Stunden... warum baue ich nur immer wieder so viel Mist, warum rede ich soviel Unsinn. Die unzähligen Stunden des chattens der letzten Tage mit meinem Engel kommen mir in den Sinn, meinem Engel, den ich schon vor langer Zeit an einen anderen verlor, der mir immer wieder Hoffnung macht, Hoffnung auf ein bisschen Liebe. Ein Dorf, das auftaucht unterbricht meine Gedanken, verschlungene Pfade, die dort wohl als Straßen gedacht waren erfordern meine ganze Aufmerksamkeit.

Die freie Landstraße läßt mich das Tempo leicht erhöhen, Bäume ziehen an beiden Seiten des Weges an mir vorrüber, der Motor schnurrt leise vor sich hin, friedlich, gutmütig, der Mond steht hoch am Himmel, hat eine leicht kupferfarbene Tönung, leuchtet aber treu und hell auf mich herab. Wieder sind meine Gedanken bei den Ereignissen. Was kann ich nur tun. Warum habe ich sie überhaupt verloren? Verdiene ich nicht auch ein bisschen Glück? All die Gespräche fallen mir ein, was ist alles schief gelaufen. Ich bin nicht schuld. Aha. Warum bin ich dann jetzt allein?

Mitlerweile nehme ich die Ortschaften, die auf meinem Weg liegen nur noch am Rande wahr. Zu sehr bin ich gefangen von den dunklen Gedanken, die mir durch den Kopf gehen. Jedes Wort der letzten Woche, jeder Gedanke, all die Kraft, die ich für einen Neuanfang aufgewendet habe... sollten sie verschwendet sein? Die Hoffnung stirbt zuletzt, doch was, wenn alles andere schon lange Tod ist? Die Gedanken gleiten hinab zu den schönen Stunden der letzten Jahre, all die Erlebnisse, all das Schöne, all die wunderbaren Dinge, die nur zu zweit wirklich Sinn machen. Dann der brutale Schnitt, die plötzliche Leere, die Erkenntnis, dass das Leben an sich eigentlich nur eine Ansammlung sinnlos verbrachter Tage sein kann.

Wut überkommt mich, wut über mich selbst, dass alles enden mußte, Wut auf mich selbst, dass ich nicht in der Lage war, das alles zu verhindern, Wut darüber, dass ich eventuell nicht lieb genug war, nicht energisch genug, zu wenig kompromissbereit, zu egoistisch, mein Fuß tritt voller Zorn das Pedal, auf dem er ruht nach unten, erschrocken jault der Motor auf, der Wagen macht einen Sprung nach vorn, will all die Wut zurücklassen, die in mir zu spüren ist, Kupplung, nächster Gang, Gas, der Motor schreit voller Zorn, die Reifen singen ihr Lied durch die Kurven.... ich sehe zum Mond, die Kupferfärbung hat zugenommen und er wird nun teilweise von Wolken bedeckt, so dass es scheint, als ob er hinter einem Berg hervorschaut. Der Anblick beruhigt mich langsam, der Fuß lockert sich langsam über dem Pedal, der Motor fällt wieder zurück in das beruhigende Schnurren, das mich weiter besänftigt.

Eine nahe Stadt taucht auf, die Straßen liegen im hellen Licht der Laternen verlassen da, keine Seele ist in meiner Nähe. Gut so. Ich geniesse die Einsamkeit, lenke den Wagen so schnell wie möglich wieder aus der Stadt, die Ampeln haben ein einsehen mit mir, schenken mir ihr schönstes Grün, damit ich nicht verweilen muß, denn auch sie wissen, wenn ich aufhöre mich zu bewegen, dann holt mich die Verzweifelung wieder ein. Ich finde die Umgehungsstraße und beschleunige wieder so gut ich kann, immer auf der Flucht vor meinen Gedanken, meinen Gefühlen, meiner Angst.

Die Straße liegt schnurrgerade vor mir, der Motor ist kaum zu hören, ich folge dem Weg, ohne ihn wahrzunehmen. Straßenschilder, Leitpfähle, Brücken, alles zieht vorbei, ohne dass es eine Bedeutung zu haben scheint. Meine Gedanken weilen schon wieder in der Vergangenheit, was hätte ich anders machen können, warum habe ich nicht mehr getan, warum habe ich nicht alles anders gemacht, ich bin doch auch nur ein Mensch, der hin und wieder einen Fehler machen darf, habe ich überhaupt Fehler gemacht? Ja, mit Sicherheit, ich fange an sie zu suchen und zu analysieren, finde immer neue, warum war ich nur so dumm, warum habe ich nicht früher gesehen, dass alles schief läuft.

Ein beherzter Tritt auf die Bremse, die Reifen schreien vor Schmerz, das Lenkrad herumgerissen, quitschen, war die Kurve da eigentlich letztes Mal auch schon? Und wenn, war sie dann auch schon so scharf? Naja, nicht passiert, das Auto ist noch ganz, ich auch, leider starb der Gedanke, der gerade noch in meinem Kopf war. Ich kann mich jetzt einfach nicht mehr daran erinnern. Aber wenigstens bin ich nun wieder ganz wach, lenke das Auto wieder über die verschlugenen Straßen zwischen einigen Dörfern hindurch. Der Mond ist nun mitlerweile blutrot und erinnert mich irgendwie an einen ärgerlichen Smilie, der mir böse zublinzelt. Recht so. Meine Gedanken sind nun wieder bei den Gesprächen der letzten Woche. Ich gehe jeden Wort durch, rechne mir immer wieder die Chancen aus, doch noch ein bisschen Glück zu erhaschen. 'Love me to the end' dringt aus dem CD-Player. Irgendwie fängt die Musik an mir angst zu machen.

Die Straße führt mich durch ein Dorf, das Haus einer sehr lieben Freundin liegt am Straßenrand, ein Mensch, der mir schon unendlich viel durch die Dunkelheit geholfen hat, wahrscheinlich viel mehr, als ich jemals verdiene, unendliche Dankbarkeit überkommt mich in dem Moment, das erste Gefühl der Wärme in dieser Nacht. Wie komme ich gerade hierher? Mein Ziel war es nicht, fuhr ich doch eigentlich ziellos durch die Nacht. Ich suche eine Seitenstraße, wende den Wagen, der Rückwärtsgang knarrt, als ich ihn versuche einzulegen, läßt sich dann aber doch gutmütig durchschalten. Ich fahre den Weg zurück, den ich eben gekommen bin. Langsam überkommt mich die Müdigkeit, die Gedanken quälen mich nun langsamer. Der Mond macht mir nun langsam doch ein bisschen Angst, immer dunkler wird der Smilie und irgendwie habe ich Angst, er könnte erlöschen.

Diesmal habe ich die Kurve noch rechtzeitig bemerkt, kein Quitschen, ja, die Kurve war da vorhin auch schon, aber irgendwie kommt sie mir diesmal noch schärfer vor. Wieder ist mir der Gedanke verlorengegangen, aber diesmal stört es mich nicht. Resignation, geboren aus der Dunkelheit macht sich langsam breit. Dieses verdammte schwarz-weiß-denken. Kann ich nicht einfach die Ereignisse einmal auf mich zukommen lassen? Kann ich nicht einfach mal abwarten, vielleicht entwickelt sich ja mal etwas Gutes. Und seit wann ist die Musik eigentlich schon aus?

Ich wähle den kürzesten Weg nach hause, über die bekannte Umgehungsstraße. Mir drohen mitlerweile die Augen zuzufallen. Der Mond ist irgendwo verschwunden, aber ich habe sowieso nur noch Augen für das winzige stück Straße, das immer eintöniger zu werden scheint. Die Augenlieder scheinen Tonnen zu wiegen. Unsinnige Gedanken schiessen mir durch den Kopf: 'Sekundenschlaf - Fluch oder Segen'. Wie eine Schlagzeile hängen diese Worte in meinem Gehirn, das damit so gar nichts anfangen kann. Ich folge tapfer dem Weg, der durch die Leitpfähle markiert wird, die irgendwie immer enger zusammenzurücken scheinen, aber vielleicht ist es auch nur das Auto, das permanent breiter wird, so genau läßt sich das nicht feststellen. Schliesslich eine Abzweigung, endlich etwas zu tun. Blinken, Bremsen, Runterschalten, Lenken, ja, mein Körper gehorcht noch erstaunlich vielen Anweisungen.

Einbiegen auf einen asphaltierten Feldweg, die rechte Fahrspur. Moment. Feldwege haben keine zwei Fahrspuren, schon gar nicht mit einem Grasstück in der Mitte. Dieser Gedanke macht sich in meinem fast schon schlafenden Gehirn breit, in letzter Sekunde lenke ich das Auto auf die Straße zurück. Die rechte Fahrspur stellte sich schliesslich als Garageneinfahrt heraus, der grasbewachsene Mittelstreifen war ein schmaler Vorgarten. Ich bin einfach zu müde, versuche meine Augen verzweifelt offen zu halten. Der Motor brummt unregelmäßig, was aber auch gut an meinen verkrampften Gliedmaßen liegen kann, angespannt um bloß nicht einzuschlafen.

Schließlich kommt das Dorf wieder in sicht, das Haus, mit dem kleinen Parkplatz davor ist schnell erreicht. Der Motor brummt zufrieden, als ich den Wagen auf sein Nachtquartier lenke, dem Motor nun seine wohlverdiente Ruhe gönne. Das Denken hat ganz aufgehört, die Müdigkeit hat es verdrängt, doch die Angst bleibt, dass es wiederkommt, morgen Nacht, wenn ich wieder durch die Alleen der Umgebung fahre, immer auf der Flucht vor meiner Einsamkeit, die mich quält, mir den Verstand raubt, mich fliehen läßt, in die Dunkelheit der Nacht...
MorriDie Nacht ist ein zwiespältiges Wesen.

Alle anderen schlafen, die Gedanken haben eine unendlich Weite, um sich auszubreiten und man stößt vor in Regionen des eigenen Ichs, die man in Zwiesprache, gestört durch Telefone, Lärm und helles Licht nie erreicht hätte.

Und in diesen Regionen Deiner selbst offenbart die Nacht ihre Janusköpfigkeit... sie kann in Dir Erkenntnisse reifen lassen, Dich weiterbringen, Dir neue Perspektiven eröffnen.
Oder sie treibt Dich gnadenlos in Gedankenspiralen, Deine drängenden Fragen verhallen ungehört in der Weite.

Wenn die Wände wieder zu eng werden, wenn Du Dich in den Gedanken verlierst und Dein Weg wieder an dem Haus Deiner Bekannten vorbeiführt... dann wundere Dich nicht, warum Du "ziellos" gerade dort hingefahren bist.
Denn Du weißt, egal wie schlecht es Dir gerade geht: dort wirst Du nicht abgewiesen, egal was los ist, egal wie spät es ist!

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