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  Forum: Nebelpfade
    Thema: Blub
White_FangEs gibt zufällige Konstellationen im alltäglichen Leben, die ein Leben lang begleiten. Obwohl Augenblicke eigentlich nicht zufällig sind, sondern schon lange vorher durch Verhaltensweisen festgelegt werden. Ohne natürlich dass wir uns dessen bewusst wären. Winzige unbedeutende Entscheidungen können so, selbst Wochen, ja sogar Jahre, später einen Augenblick schaffen, der die Bahnen des eigenen Lebens, und der anderer Menschen, festigen oder umwerfen kann.
Alles, sofern man nicht eventuell an eine höhere Macht glaubt, folgt diesem geheimnisvollen unersichtlichen Automatismus, und seiner Unergründlichkeit wegen, gebrauchen wir Wörter wie Zufall oder gar Schicksal. Um uns eventuell aus unsere Verantwortung zu stehlen?
Sind wir verantwortlich für Konsequenzen die wir nicht einmal erahnen können?
Wie dem auch sei, die meisten lebensbestimmenden Entscheidungen und Augenblicken ziehen an uns unmerklich vorüber. Schließlich wissen wir nur was ist, und nicht was wäre wenn.
Nur selten erleben wir wirklich bewusst jene Dinge die uns formen. Und meistens treten sie, obwohl schon langer vorher induziert, für uns vollkommen unerwartet ein. Vielleicht müssen sie auch unerwartet sein. Unerwartet bedeutet auch unvorbereitet, und dass wiederum bedeutet, man ist ganz man selbst, und erkennt, was für ein Mensch man vielleicht tatsächlich ist.
Einen solchen Augenblick hatte ich als Schuljunge. Und ich habe ihn damals bewusst erlebt, und erlebe ihn noch heute. Vielleicht hätte es ihn nie geben, wenn die öffentliche Verkehrsmittel besser ausgebaut wären, wenn ich keine Abneigung gegen Kontakt hätte, und wenn ein mir bis heute vollkommen fremder Mensch keine Liebe zur Natur hätte. Vielleicht…das heißt, ganz bestimmt.

Meine erste Eigenart die ich bewusst an mir feststellte, und bis heute meinen Alltag gestaltet, ist meine Abneigung gegen Menschen. Ich habe ein mir vollkommen unerklärliches Verlangen nach Ruhe und Einsamkeit. Mein Bedürfnis nach Einsamkeit geht zuweilen so tief, dass ich mich, sogar wenn nirgends ein Mensch zu sehen ist, bedrängt und eingeengt fühle. Allein die Gewissheit nicht alleine auf dem Planten zu sein, ist mir häufig schon zuviel an sozialem Kontakt. Immerhin weiß ich ständig, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis mir ein Kontakt aufgedrängt werden wird.
Ich kann mich erinnern, dass ich damals, wenn es der Zufall ergab und es plötzlich toten still wurde, anfing zu „beten“. Ich war damals leicht religiös, aber nur weil es bequem für mich war. Manchmal ergab es sich, dass ich in Gedanken versunken, eine Straße entlang schlenderte und während ich kurz aufblickt, feststelle, dass ich, obwohl mitten in einer Stadt, Seelen alleine war. Kein Auto war zu hören, kein Licht brannte in einem Haus, keine Fußgänger waren zu sehen, keine Stimme festzustellen. Es war, als wäre man in einem Gemälde gefangen, in dem der Künstler die Stadt zwar zeichnete, die Bewohner aber vollkommen vergessen hatte, oder vergessen wollte. Jedenfalls genoss ich solche Augenblicke. Ich hoffte wirklich, aller Rationalität zu wider, dass irgendein unerklärliches Phänomen, oder ein Gott mit mir erbarmen hätte, und alle Menschen einfach verschwinden ließ. Nicht töten. Nein, ich hoffte sie, und alle Anzeichen der Menschen wären einfach weg. Ohne eine Spur zu hinterlassen und mit der Zeit, wüsste ich nicht mehr, ob ich nicht schon immer alleine gewesen war.
Natürlich wurde diese Hoffnung, die ja eigentlich keine war, nie erfüllt. Jedes mal wurde ich enttäuscht, wenn sich mir nach diesen Augenblicken menschliches Leben aufdrängte.
Irgendwann fing ich an, mir Stunden der Einsamkeit immer konsequenter und bewusster zu suchen. Als kleiner Trost und Opium für den Alltag.
So ist es nicht verwunderlich dass ich mich beharrlich weigerte den Bus zur Schule zu nehmen. Zig Schulklassen, Kinder verschiedenen Alters und Entwicklungsgrades die lärmend und quengelnd in einem Bus zusammen gepfercht waren. Der Bus war so überfüllt, dass es unmöglich war sich Sitzplätze zu ergattern und selbst Stehplätze waren rar. Es kam, zugeben selten, aber es kam vor, dass einige Kinder nicht in den Bus einsteigen konnten, wegen seiner Überfüllung. Man muss nicht die Einsamkeit in der Intensität wie ich bevorzugen, um einen Wiederwillen dagegen zu entwickeln in diesem Karton seinen Körper grob an den anderer Kinder pressen zu müssen und bei jeder Biegung oder Bremsung des Busses von Dutzend kleinen Körper gestoßen zu werden, die ständig ohrenbetäubend lärmen.
So kam es dass ich jeden Tag, eine halbe Stunde zur Schule hin, und etwas über eine Stunde von der Schule weg, zu Fuß, lief.
Die unterschiedliche Zeit die ich benötigte erklärt sich daraus, dass ich einen anderen Rück- als Hinweg nahm. Auf dem Hinweg folgte ich zum größten Teil der Hauptstraße. Der Weg war zwar kurz und leicht begehbar, aber ich mochte ihn dennoch nicht. Er stank geradezu vor urbanen Geräuschen, Autoschlangen die an einem vorbeirauschten, auf dem grauen Asphaltboden waren hunderter zertretener Nacktschnecken, wenn es regnete und allgemein fand ich die Straße hässlich und abstoßend. Das schlimmste jedoch war, das Gefühl beobachtet zu werden, von den Insassen der Autos. Ich spürte tausend Augen auf mir haften die mich missbilligend anstarrten. Auch dabei war mir der Irrationalität dieser Gedanken bewusst, jedoch änderte dass nichts. Und ich empfand diesen Weg jeden Tag als kleines Martyrium.
Auf dem Rückweg jedoch, konnte ich mir Zeit lassen, und ich ging, einen weit auslaufenden Weg mitten durch ein bewaldetes Gebiet. Zur der Zeit in der ich diesen Weg belief, war er menschenleer. Niemals sah ich dort einen Menschen; die einzige Bewegungen dort kamen von Füchsen, Hirschen, Rehen, Eichhörnchen oder Vögel, dass Rascheln des Laub- oder Blattwerkes, und natürlich meinen eigenen Bewegungen. Ich ging diesen Weg Jahre lang und okkupierte ihn. Es war mein Weg. Ich konnte mich dort fallen lassen, schloss häufig die Augen, und ging nur nach Gefühl, und spürte den Wind und den Regen auf meinem Gesicht, hörte das Knistern des Laubes und der Zweige, oder das Rascheln, flüchtender Tiere. Hier konnte ich sein wie ich wollte. Schreien oder Weinen wenn mir jemals der Sinn danach stehen sollte, oder mich mitten auf den Weg legen, und den Himmel betrachten, ich konnte Tagträumen und tun wonach nach mir gerade war.
Ich schloss die Augen, und hörte dem Rauschen eines kleinen Baches zu. Ich stand am Abhang der zu seinem Ufer führe, noch ein paar Meter dem Weg folgend und es ging sehr steil hinab. Als ich die Augen öffnete war ich nicht mehr allein. Vor mir stand ein Mann.
Es ist schwer die Jahre zu schätzen, die man selbst noch nicht erlebt hat, und so konnte ich nicht sagen wie alt er war. Aber ein Greis war er, sechzig oder erheblich älter. Er ging den steilen Weg hinauf, schwer schnaufend und mit sichtlicher Anstrengung, aber ich glaube auch mit einem Gefühl des Triumphes das bei jedem Schritt stärker zu werden schien. In seiner Rechten hielt er einen alten Spazierstock auf den er sich stütze.
Ich glaube, auch wenn ich mich kaum noch an sein Gesicht erinnern kann, wäre er mir sympathisch gewesen, wenn die Umstände anderes gewesen wären, und ich ihn in der sicheren Distanz einer Photographie betrachten könnte. Aber leibhaftig vor mir stehend, als Eindringling in mein Heiligtum, als Vergewaltiger meiner tiefsten Privatsphäre, als Fremdkörper in meiner Seele, da verachtete ich ihn und fürchtete mich zugleich. Ich war zutiefst erschrocken, wollte mir das aber nicht anmerken lassen und ging mit starrer Miene und festen gleichmäßigen Schritte ihm entgegen. Ich wollte an ihm vorüber gehen, ihn aus den Augen haben, ihn vergessen.
Als er auf dem Zenit des Weges stand, mit mir auf gleicher Höhe und als sich unsere Blicke trafen, änderte sich sein Gesichtsausdruck. Sein angestrengtes, triumphierendes Lächeln, wich in aberwitzig langen Sekunden, purer Qual und Schmerz. Seine Stirn runzelte sich, seine Falten wurden tiefer, und sein Glanz in den Augen verschwamm. Er sagte kein Wort, ich konnte ihn nicht einmal Atmen hören, jedoch stand ein solches Flehen in seinem Blick auf mich gerichtet das eine Welle von Hilflosigkeit über mich hereinbrechen ließ. Jedoch wurde in dem Moment, alles von meiner puren Aversion und Nervosität überwuchert und alles was ich wollte war, Entfernung zwischen ihm und mir zu bringen. Wir blickten einander stumm an, aber meine Schritte verlangsamten sich nicht. Er stütze sich gegen einen Baum, sein Spazierstock fiel ihm aus der Hand, rollte zu dem kleinen Bach hinab und verfing sich in einem Gebüsch. Ich ging weiter und ließ den Mann hinter mir.
Ich weiß nicht mehr ob es Einbildung war oder nicht, aber ich glaubte, kurz bevor er restlos aus meinem Blickfeld verschwand, ihn auf den Boden stürzen zu sehen.
Nach ungefähr einer viertel Stunde blieb ich stehen. Ich konnte weder weiter gehen noch zurück. Und so blieb ich dort wo ich war, eine mir unbekannt lange Zeit, und vermied das Denken.
Wochen später noch, mied ich diese Stelle, aus Furcht etwas zu entdecken, dass das Werk meiner Unterlassung wäre. Als ich irgendwann jedoch wieder dort vorbei lief, in fast unerträglicher Spannung, kam ich zu der Stelle, und fand nichts vor. Es gab kein Zeichen unserer Zusammenkunft. Alles war wie ich es gewohnt war. Auf dem Boden lag unberührtes Laubwerk, der Wind war kalt und klar. Ich atmete frei aus und hielt inne. Vielleicht bildete ich es mir nur ein, und alles was er brauchte war eine kurze Pause von der Anstrengung.
Ich weiß nicht mehr was ich dachte, als ich dann den Spazierstock aus dem Gebüsch zog.
Vermutlich gar nichts. Nur kann ich mir daran erinnern, dass ich mir einbildete, dass der Stock vor Blut triefte und dass sich meine Hände damit vollzogen. Bis heute, konnte ich meine Hände nicht davon befreien.
White_FangIch stelle mir häufig die Frage wie ein Philanthrop wie ich, der die Menschheit schätzt und achtet, nur eine solche Aversion gegen die Menschen selbst entwickeln kann. In sehe in den Menschen keine Freunde, Eltern, Nachbarn, Kollegen, Familie oder Lebenspartner. Ich sehe die Menschen als sozialdynamischer Faktor, als empirische Statistiken, eine Summe anatomischer Prämissen und psychologischer Prozesse.
Ich kann gedanklich nicht erfassen warum mir das Ableben eines alten, mir vollkommen fremden Menschen keine Ruhe lässt. Statistisch sterben fünf Menschen in jeder Sekunde. Mehrere Zehntausende während des Schreibens dieses Textes und die wenigstens haben das Glück so alt zu werden und das Leben so zu genießen, wie dieser Mann es vermutlich getan hatte.
Es ist nicht das erste und nicht das letzte Blut gewesen womit ich meine Hände beschmutzte.
Im Grunde genommen und nach allem was ich von mir weiß, sollte es mir egal sein.
In meiner Kindheit wollte ich Pathologe werden. Das Aufschneiden toter Menschen war für mich der Idealzustand der Zwischenmenschlichkeit. Eine verfette Leber, ein verkalktes Herz; Würde ich das Gehirn nur intensiv genug auslöffeln, könnte ich vielleicht die Seele entdecken. Ich hätte ihr einen Namen gegeben, und sie konserviert und in einem Glas neben anderen Exponaten, wie verwachsenen Föten, ausgestellt, oder sie irgendwo verstauben lassen.
Einzelschicksale? Menschliche Dramen? Was bedeutet das schon?
Geschlecht: weiblich. Alter: circa 18. Todesursache: Enthauptung. Körpergröße prämortem: 170 cm, postmortem: einen Kopf kürzer. Empfehlung: Irgendeinen anderen Kopf aus der Asser’vatenkammer annähen um Identifizierung zu erleichtern. Kaffeepause um eine halbe Stunde verlängern.
Vielleicht stört mich dieser, und ähnliche Augenblicke aufgeladener Schuld, nur deshalb, weil sie mir meine Unfähigkeit vor Augen führen. Aber was bedeuten diese Gedanken schon?
Dieser Augenblick, ebenso wie die unzähligen anderen die mir nicht mehr im Gedächtnis sind, war nur ein Konglomerat von Entscheidungen und Prämissen. Und möglicherweise, habe ich gestern, oder vorgestern oder vor fünf Minuten etwas getan, das in unabsehbarer Zukunft die Bahnen meines Lebens oder die anderer für immer verändern wird. Im Grund genommen, ist mir das aber auch egal.
LaChatteauf [url]www.menedemos.de[/url] gibts die Kurzgeschichte "Konkursmasse", die ein solches Lebensgefühl beschreibt und die mir ganz spontan beim Lesen deines Textes in den Sinn gekommen ist.

[QUOTE]Wie dem auch sei, die meisten lebensbestimmenden Entscheidungen und Augenblicken ziehen an uns unmerklich vorüber. [/QUOTE]

Ich denke nicht "unmerklich" - die wichtigen Dinge kriegen wir doch immer ganz gut mit, wenn wir denn wollen - und die wichtigen Dinge sind auch die, die noch Jahre später wie eingebrannt sind.
Sanna I.S.P."was wäre wenn" gedankenspiele ... sind ein nettes hobby.

ich frage mich des öfteren, was gewesen wäre, und anders gekommen, hätte ich diese oder jene person nicht getroffen, hätte eine entscheidung vertagt etc..

viele dieser kreuzungen sind recht unscheinbar, und ich gebe dir recht darin, dass man unmöglich alle wichtigen wegpunkte erkennen, geschweige denn begreifen kann;
manche vielleicht ja, aber zu viele gehen einfach "unter".

[QUOTE][I]Original geschrieben von LaChatte[/I]
die wichtigen Dinge kriegen wir doch immer ganz gut mit, wenn wir denn wollen[/QUOTE]

aber wichtige dinge können durch winzig kleine unwichtigkeiten ausgelöst werden, die wir nicht bemerkt haben, und vielleicht auch gar nicht damit in verbindung bringen.



aber all das aussen vor ...

egal, welche entscheidungen jeder für sich selbst trifft, und welche auswirkungen diese möglicherweise auf ihn und seine umwelt haben, es ist nichts im vergleich zu den zahllosen faktoren, die um uns herum geschehen, einfluß auf unser leben nehmen, viel mehr, als wir ahnen können.

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