German Gothic Board
 
Boardansicht: Klick HIER und betrachte das Thema mit allen Funktionen direkt im Board.

 
  Forum: Nebelpfade
    Thema: Routine
VargoLeere. Jeden Morgen. Unter einem beklemmendem Gefühl des Vakuums erhebe ich mich aus dem Bett. Jede Regung ist routiniert und ich denke nicht mal mehr darüber nach, was ich da tu. Erst mal aufs Klo, es ist nötig. Danach die Hände waschen und ein Blick meinerseits fällt in den Spiegel. Der selbe Anblick jeden Morgen. Ein trauriger Mensch der sich selbst angafft wie den Leibhaftigen selbst. Pickel, da sind schon wieder zwei dazu gekommen. Mit unter haben diese garstigen Dinger mitschuld daran, dass mein Selbstvertrauen bis zu den Kniekehlen herab geschlafft ist. Scheiß drauf. Morgen ist es wieder das selbe. Die Dusche wird erst mal angeschaltet, das Wasser wird mich schon wecken. Falsch gedacht. Genauso müde wie zuvor, nur sauberer geh ich in die Küche. Der Kühlschrank ist wiedermal leer. Wunderbar, wenigstens ein Möbelstück erklärt auf gar witzig ironische Weise mein Seelenleben.

Nach zwei Tassen Kaffee und langsam erwachendem Geist klemm ich mich hinter meine Tastatur. Warum? Weil ich nichts anderes zu tun habe. Nichts scheint mein Vakuum zu füllen. Ich habe sehnsucht nach einer Beziehung, wünsche mir sogar Kinder, aber habe keinerlei Antriebe im Bezug auf Arbeit. Es reizt mich nichts. Alles ist wieder der selbe Trott und würde mich noch mehr in Routine zwängen. Wenigsten wach ich zu unterschiedlichen Tageszeiten auf, auch eine Art der Freiheit. Mal um 8 Uhr, mal um 16 Uhr, alles nach gutdüngen.

Jetzt habe ich doch mal wieder den Antrieb gefunden raus zu gehen. Ich zwänge mich in gemütliche Klamotten, ein roter Rollkragenpulli, meine treue Lederjacke und die Lederhandschuhe, die kleine Kratze aufweisen und manchmal Zahnpastaflecken. Wie die da hinkommen weiß ich selbst nicht genau. Egal, Kleider sind eh nur unwichtiger Eigentum. Wie predigte es Edward Norton in Fight Club so schön? Finde den 0 Punkt, definiere Dich nicht über Deinen Besitz. Im Bezug auf Klamotten stimm ich ihm dazu, vielleicht auch nur weil ich nicht das Geld habe um mir welche zu kaufen. Jedenfalls nicht die, die ich mir wünschen würde. Mal wieder so richtig im Gothic Stil durch die Straßen tingeln, ein ferner Traum. Die alte Lederhose hat risse und mein gothisches Hemd kann man nur schwer waschen und ich habe keinen Bock drauf. Egal. Ich bin draußen, kalte Luft schlägt mir ins Gesicht. Immer noch besser als schwüle Sommerhitze. Die Sonne scheint stark, bringt aber keinen Funken Wärme herüber. Ich geh im Schatten, ich muss immer niesen wenn sie mich anstrahlt. An der Bahnhaltestelle bleib ich stehen. Ich bin orientierungslos, weiß nicht recht wo ich hingehe. Die Menschen die um mich herum stehen beobachte ich. Alle vollkommen Normal. Ich ja auch. Alle sind irgendwie genormt. Da wäre der eine, mit der gegelten Sturmfrisur, der seinen Discman bis zum anschlag aufgedreht hat und so jedem in der Umgebung seine Technomucke aufzwingt. Oder die alte Dame, die sich nur noch mit einem Vierbeinigen Stütztutensil aufrecht halten kann. Da frag ich mich, ob ich je so alt werden will. Lieber Madenfutter, als alt und allein. Ich schau auf die Uhr, die an der Apotheke hängt. 12 Uhr und 4 Grad. Nebenher lausch ich zwei Hip Hop Gören, die sich den Sommer zurück sehnen, damit sie wieder mehr Bauch zeigen können. Denen ihre Probleme möchte ich haben.

Endlich, die Bahn ist da. Das klapprige, alte Mistteil. Ich liebe die 15. Die einzige, noch benutzte Straßenbahn, sonst fahren nur noch U-bahnen. Wenn man in der 15 sitzt, läuft man Gefahr Sehkrank zu werden. Nur noch wenige nehmen diese alte Linie, meist nur die Faulen oder diejenigen die etwas Ruhe wollen. So jemand wie ich. Ich flank mich auf einen Viererplatz und breite mich aus. Die Bahn ist halbvoll, noch reihenweise Bänke sind unbesetzt. Aber wie es Murphys Gesetz so will, möchte sich die alte, gebehinderte Frau ausgerechnet zu mir setzen. Das sie durch den halben Wagon laufen musste, will ich gar nicht erst erwähnen. Was sucht sie? Vielleicht Konversation, damit ihre Einsamkeit nachlässt und sie sich für einen Moment wieder geliebt fühlen kann? Oder damit sie sich an ihre Kinder erinnern kann, die sich seit Monaten nicht mehr melden? Egal, ich straf sie mit schweigen.

Ratternd fährt die Bahn dahin. Ein Tunnel kommt und taucht den Wagon kurz in Dunkelheit. Flackernd springen die Lampen an und erhellen die Gesichter der Fahrgäste. Im Fenster betrachte ich mein Spiegelbild. Wieder dieses Gesicht. Dieses stupide Gesicht. Bar jeder Emotion. Ich zeig meine Gefühle nicht gerne. Warum das so ist? Keine Ahnung, vielleicht ein Trauma, vielleicht aber auch einfach mein Charakter. Selten ein Lächeln, nie ein Weinen. Damit fuhr ich immer gut und so soll es bleiben. Sollen sie mich doch eisig oder frostig nennen. Scheiß drauf und verscharr es.

Haltestelle Pragfriedhof. Warum eigentlich nicht? Kann ich mal wieder das Klischee erfüllen. Rasch steig ich aus und lass die einsame, alte Frau zurück. Unter meinen Stiefeln knarrt der Absatz der Ausstiegstreppe. Verdammter alter Bastard, diese elende Bahn, aber man kann sie nur lieben oder hassen. Ich ziehe ersteres vor. Vom Bahnsteig aus gehe ich auf das massive Messingtor zu, welches des Nachtens geschlossen wird. Ich durchschreite es. Vor mir liegt eine Allee. Bäume ragen verschnorkelt und alt zwischen den Gräbern empor. Durch die unbelaubten Bäume dringt ein helles Licht und taucht die Umgebung in skurile Schatten. Die Gräber schau ich mir nicht wirklich an, nur die Grabsteine. Manche finde ich sehr schön, z.B. der Kopf des Zeus, der auf einem Stein prangt. Oder der Engel, der mit trauriger Miene über eine kleine Ruhestätte wacht. Andere sind richtig hässlich. Ausstaffiert mit Riffelungen von Weintrauben oder so penetrant gepflegt, dass man davon essen könnte. Bei so einem Anblick frag ich mich immer, ob die Angehörigen nicht loslassen können und ob ich es könnte. Nein, ich könnte es nicht und ich kann es nicht. Aber es ist nicht meine Art der Trauer. Ich verziehe mich lieber ins süße Reich der Melancholie. Sie gefällt mir und sie ist nicht so hässlich wie eine ausgewachsene Depression. Genug Friedhofswalking betrieben, wie es wohl im aufgesetzt modernen Slang heißen könnte. Schnell verließ ich die alten, gothischen Ruhestätten.

Zu Fuß ging ich in die Stadt herab. Vorbei an Schaufenstern, welche ich mit knappen Blicken bedachte. Lagerfeld Mode bei H&M, die neue Single von Usher bei WoM, ein neuer Kreditplan bei der Stuttgarter Bank. Ohh wie sehr mich dieser Dreck doch interessiert hat. Ich erreiche die Mitte der Königsstraße, die wahrlich nur noch wenig königliches an sich hat. Der einzige Lichtblick sind drei Gebäude und der Park. Da wäre zum einen das neue Schloss, das alte Schloss und die Börse. Schöne Gebäude, die das Bombardement im zweiten Weltkrieg überlebt hatten. Wenn man sie aber fast täglich sieht, sind sie nicht mehr als eine schöne Anordnung von Steinen.

Leaving. Ich will heim. Bin schon lang genug herum gelaufen. Es wird schon dunkel. Die Heimreise war wie die Herfahrt, belanglos. Also steig ich an der guten alten Kirchtalstraße aus und nehme die einsame Seitengasse, hin zum Haus, in dem ich wohnen darf. Ja, hier fühl ich mich heimisch. Der Vermieter verachtet mich, die Nachbaren hassen mich und meine Wohnung ist geschmacklos, dafür aber effektiv eingerichtet. Ich habe was ich brauche, fühle mich aber fremd im eigenem Heim. Egal, das Stichwort heißt vergessen. Ab ins Bett und einschlafen. Morgen ist auch noch ein öder Tag.
PursiSchöner Beitrag.
Lässt sich gut lesen.
fragmentTja. Dies ist zwar nicht der Ort für Diskussionen.
Aber das du deine Faulheit feierst und über das ach so öde Leben lamentierst ist der Widerspruch in sich.
Du könntest auch problemlos als richtiger Gothic durch die Straßen laufen, wie du das nennst. Alles was dir fehlt ist Arbeit. Dann hättest du Geld. Und die Klamotten, die du willst.
Wenn du so leben willst, wie du lebst mußt du die Konsequenzen tragen. Jeder muß das.
Du hast es in der Hand.
fayDein Eintrag hat mir total gut gefallen...Er ließ sich total gut lesen und irgendwie kann man sich damit identifizieren, vielleicht ist es bei mir nicht so extrem, aber diesen "alltagstrott" kenne ich auch....
Aber darf ich dich mal etwas fragen?!Warum arbeitest du nicht?
das würde doch auch schon wieder etwas abwechslung bringen...und du hättest eine aufgabe...
Liebe Grüße...
VargoAls faul würde ich mich eigentlich nicht bezeichnen und ich bin auch nicht unwillig arbeiten zu gehen. Nur gestaltet sich die Bewerbung im Moment recht schwierig. An die 50 Bewerbungen sind draußen und man wird sehen was darauß wird. Ich war auch schon 2 Jahre lang nebenher berufstätig. Ein Job auf halbtagsbasis, allerdings wurde ich da wegrationalisiert. Neben den Bewerbungen ist auch noch eine Anmeldung für eine weiterführende Schule abgeschickt, was mir persönlich gerade sehr am Herzen liegt, da ich mir mit meinem Abschluss nichts kaufen kann.

In dem Text wollte ich nur zeigen, wie sehr ich in dieser Wartezeit abstumpfe und wie sehr mich das zermürbt. Außerdem fühle ich auch wenn ich arbeite diesen Trott. Es ist ein Gefängnis aus dem ich nicht entkomme. Sogar wenn ich mit Freunden zusammen sitze, fühle ich nur routine. Wir sprechen eigentlich nur über das Selbe und das immer wieder. Nicht sonderlich prickelnd und ganz schön frustrierend.
PursiJa so in der art geht es mir auch. Bin Azubi und is irgendwie immer das gleiche. Die Wochen gehen rum wie nix und am ende weis ich nix mehr.

Mit deinen Freunden das kenne ich auch aber ich habe mir dann neue Freunde gesucht. Habe zwar noch Kontakt zu den anderen aber es bringt mir nichts wenn mir die Themen zu langweilig sind.
fragment@Vargo

Wenn das so ist, nehme ich alles zurück. Sorry.
Bei mir kams anders an.

German Gothic Board
 
Boardansicht: Klick HIER und betrachte das Thema mit allen Funktionen direkt im Board.

 

German Gothic Board

Startseite Chat Grüße SchwarzKultur