| Sura Shavana | Ein weißgestrichener Raum. Helles Parkett versucht ein wenig Freundlichkeit in die kühle Krankenhausatmosphäre zu bringen. Es war einmal ein Krankenhaus. Jetzt stehen unzählige blaue Möchtegern-moderne Stühle hinter unzähligen weißen Tischen mit verchromten Beinen. Die Platte kann man in was-weiß-ich-wie viele Stellungen bringen, nur weiß keienr wie. Braucht auch keiner zu wissen. Hauptsache, es sieht teuer und professionell aus. WIe die Beamer und Pulte, die Ledersessel auf dem Gang, die Schilder draußen vor der Tür. Ich sitze in dem weißen Raum, auf einem unbequemen blauen Stuhl, vor mir auf der weißen Tischfläche ein paar Blätter. Um mich herum etwa Hundert Gesichter, die Nasen fast aufs Papier gedrückt, die einzigen Geräusche das Kritzeln der Kulis, Rascheln der Blätter, Scharren von zweihundert Füßen. Atmen hört man kaum. Halten sie alle vor lauter Nervosität die Luft an? Sind sie schon tot? Sie bewegen sich noch, aber ein Huhn läuft ja auch noch eine Weile weiter, wenn man es geschlachtet hat. Ich weiß nicht. Ich lasse den Blick durch den Raum schweifen und sehe tote Menschen. Oder Menschen, die scheinbar nur für diese neunzig Minuten leben? Vor einem Teil des Fensters graue Lamellen. Lamellen, die einen Teil der weißen Winterlandschaft aussperren. Aber ein Teil lugt doch herein, sieht viele Menschen an Blättern kleben und wundert sich wahrscheinlich über sie. Über sie und darüber, wie wichtig so ein kurzer Moment für diese Wesen scheinbar ist. So wie sie sich Tage und Wochen vorher verrückt gemacht haben und sich heute morgen dann endlcih, vollkommen übernächtigt und gestresst, hierher geschleppt haben, um diese Blätter mit Symbolen zu füllen. Und das immer wieder und wieder. Und wenn es dann endlich zu Ende ist, fängt es irgendwann doch wieder an. Ein Teufelskreis? Was geht in ihren Köpfen vor? Es muss etwas ähnliches sein wie "Siegen um jeden Preis" oder "Schreiben um zu überleben". Wie viel kann so ein Blatt mit ein paar Zeichen drauf ausmachen? Kann es den ganzen Lebensweg bestimmen? Warum? Was sagt es aus? Über die Persönlichkeit, die Einstellung, den Charakter einer Person? Wie oft sagt man, dass heutzutage Teamfähigkeit, Flexibilität, Mobilität, logischerweise auch Fleiß und Ehrgeiz wichtig sind im Leben. Und dann sollen solche Blätter den gesamten Lebensweg prägen? Die Wissen abfragen? Pure, auswändig gelernte Theorie? Warum? Wissen schön und gut, eine Seite der Medaille. Doch was bringt einem dieses Wissen, wenn man es nicht anwenden kann? Und was ist mit denen, die zwar weniger wissen, aber doch durch intuitives Handeln, Menschenkenntnis und andere Eigenschaften diesen Mangel tausendfach wettmachen können? Tja, die meisten werden ihr Leben entsprechend ihrem Wissensstand fristen müssen. Nur mit Glück bekommen sie vielleicht doch noch eine Chance. Nun sitze ich hier vor meinem Blatt und frage mich, auf welche Seite ich denn gehöre. Weiß ich etwas, weil ich es gelernt habe oder weiß ich etwas, weil ich mich auf mein Gefühl verlasse? In solchen Situationen bringt Gefühl nichts. Nur Fachausdrücke und Formeln, Wörter die kein normaler Mensch versteht - und auch gar nicht verstehen muss. Nur ich. Und die Menschen um mich herum, die die Blätter fast zu fressen scheinen. Und ich sitze hier und... und was mache ich überhaupt? Philosophiere über Sachen, die ich eh nicht ändern kann. Und die nicht gerade hilfreich sind in diesem Augenblick. Und trotzdem schaue ich lieber nach draußen, in die ruhige verschneite Landschaft, die mich anzulächeln scheint und mich ermutigt, dass ich mich schon durchbeißen werde. Die Blätter sind vergessen. |
| Sura Shavana | 24.1.05 Ich sitze gemütlich in meinem blauen Ledersessel vorm Fernseher. Naja, ist eigentlich nicht mein Sessel. Auch nicht mein Fernseher. Bin bei meinem Zahnarzt. Der hat drei süße kleine Gören, die zwischendurch mal n Babysitter brauchen. Und deshalb bin ich hier. Die Kiddies sind glücklicherweise - endlich - im Bett. Ruhe. Wer wird Millionär ist zu Ende. Hinter Gittern. Lang nicht mehr gesehen. Mal laufen lassen, abschalten kann man immer noch. Viele neue Gesichter. Draußen schneit es bestimmt mal wieder. Eigentlich mag ich Schnee. Aber nicht mit drei Winter- und einem Reservereifen. Muss den noch wechseln. Dann macht der Schnee auch nix mehr. Hab Hunger. Abendessen ist heut ausgefallen. Und weiß nicht, wann ich hier wegkomme. N Toast mit Frischkäse wär jetz toll. Oder einfach nur irgendwas zum Knabbern. Schon wieder diese dämliche Karnevalswerbung. Früher mochte ich Karneval. Als Kind. Huete find ichs nervig. Trotzdem geh ich Karneval wieder Luftballons verkaufen. Was macht man nicht alles für Geld.... man lässt sich in ein dämliches blaues Kostüm mit goldenen Sternchen stecken. Egal. Hauptsache Kohle. Bis auf Babysitten und zwischendurch mal Luftballons siehts finanziell echt mies aus. Heute mal wieder n Vorstellungsgespräch - entpuppte sich wie immer als Scheiß Klinkenputzjob. Davon hab ich ja schon ein paar Angebote. Hatte ja sogar schon mal ein Angebot von einer Begleitservice-Agentur *lol* Aber seit Mai 04 nichts vernünftiges längerfristiges. Immerhin ist das Studium heut mal wieder um ein Semester kürzer geworden (daher auch der obige Text). Die letzten beiden Klausuren für dieses Semester. Der Druck - naja, eher das schlechte Gewissen - ist weg. Im Fernsehen wie immer das gleiche... Intrigen, Folter, Vergewaltigung. Und da sagt noch mal einer, TV sei nur Fiktion... Werbung für Sojamilch. Aber es wird nicht gesagt, dass das Zeug aus gentechnisch manipulierten Nahrungsmitteln hergestellt wird. Wozu auch? Die "Filets von zarter Hühnchenbrust" sehen gut aus. Schade nur, dass sie eigentlich für Katzen gedacht sind. Und wer will eigetlich sehen, wie Barbara Schöneberger mit weit aufgerissenen Augen einen Obstgarten-Becher ausleckt?! |